Deutsche Bahn

Das Fräulein aus dem Zug

Bundeskanzler, Schlagersänger und europabegeisterte Amerikaner reisten im Luxuszug TEE durch die alte Bundesrepublik. Elisabeth Urbanus umsorgte sie 13 Jahre lang als Zugsekretärin

Das erste Wiedersehen nach 25 Jahren war wie ein Nachhausekommen, sagt Elisabeth Urbanus. Da war dieser vertraute Geruch, ein bisschen nach Rauch und nach Menschen, als wären die letzten Reisenden gerade erst ausgestiegen. Die dunkelroten Polster, das Zugfenster, hinter dem unzählige Male die schönsten Landschaften Deutschlands vorübergezogen waren, während sie drinnen im Abteil an der Schreibmaschine oder am Telefon saß. Jetzt sieht man hinter dem Fenster nur eine Wand. Das Abteil der Zugsekretärin im TEE steht heute im DB-Museum in Nürnberg.

Elisabeth Urbanus war 13 Jahre lang Zugsekretärin im TEE. Ein Beruf, den es schon lange nicht mehr gibt, ebenso wie die luxuriösen Erster-Klasse-Züge, in denen Geschäftsreisende, Prominente und europabegeisterte Amerikaner 50 Jahre lang durch Westeuropa reisten. 1987 wurde der TEE eingestellt – und schnell vergessen. Doch Elisabeth Urbanus hat die Erinnerung aus dieser Zeit aufbewahrt. Eine ganze Mappe mit Prominentenbildern mit Widmung und Polaroids aus dem Zug, sie selbst mittendrin.

Eine schlanke, gut aussehende junge Frau mit langen Beinen in einem royalblauen Kostüm: Die Farbfotos wirken wie Szenen aus einem James-Bond-Film der 70er-Jahre. Der TEE war das Aushängeschild der Deutschen Bundesbahn und die Zugsekretärinnen seine Repräsentantinnen. Sie wurden nicht nur im Zug selbst eingesetzt, sondern auf Messen oder bei Anlässen, auf denen sich die Bundesbahn präsentierte.

Man braucht einen Moment, um in der gelockten Schönheit auf den Fotos die elegante Dame mit dunklem Pagenkopf und modischer Hornbrille zu erkennen, die Elisabeth Urbanus heute ist. Auch wenn ihr damaliger Arbeitsplatz längst im DB-Museum in Nürnberg steht, sie selbst ist mit der Zeit gegangen. Sie arbeitet heute als Assistentin im Büro der Deutsche Bahn Stiftung am Potsdamer Platz in Berlin. Dass sie neuerdings wieder nach ihrer Vergangenheit gefragt wird, liegt am wiedererwachten Interesse an historischen Zügen und am Leben in der alten Bundesrepublik.

Das Zug-Kürzel TEE, seit den 50er-Jahren Symbol für Luxusreisen auf der Schiene, dürfte heute nur noch älteren Zugreisenden etwas sagen. Es stand für den „Trans-Europ-Express“, der seit 1957 die Metropolen des westlichen Europa miteinander verband. Modern, ohne Halt an den Grenzen fuhr der TEE von Holland und den Beneluxländern nach Frankreich, Italien, in die Schweiz oder nach Österreich. Und Deutschland lag mittendrin. Wenn der Zug auf dem Weg von Hoek van Holland nach Basel in Köln stoppte, stieg um Punkt 10.47 Uhr oft auch Elisabeth Urbanus zu. Samt einem schweren Blechkoffer, der ihr Arbeitsmaterial enthielt. „An die Uhrzeit erinnere ich mich noch genau“, sagt sie, ebenso wie an den Inhalt des Koffers, der heute ebenfalls im Museum steht.

Es braucht etwas, um den Beruf zu erklären, denn er ist heute mitsamt einer ganzen Lebenswelt verschwunden. Begriffe wie Effizienz und Produktivität spielten beim TEE keine Rolle. Elisabeth Urbanus muss selbst lachen, als sie aufzählt, was damals in dem Materialkoffer war: Tipp-Ex und Quittungsblöcke, Postleitzahlenbuch, Kursbuch, Hotelverzeichnis – „es wurde ja alles per Hand nachgeschlagen und aufgeschrieben“. Daneben hatten die Sekretärinnen auch ein Erste-Hilfe-Set und Pflaster dabei, was beides oft nachgefragt wurde.

Das wichtigste Utensil war – neben der Schreibmaschine – das Telefon, über das die Sekretärinnen auf Wunsch Telefongespräche vermittelten. „Es gab ja kein Handy. Als ich 1970 begann, gab es nicht einmal ein Telefon-Funknetz.“ Stattdessen rief sie über eine spezielle Leitung im Zug zunächst das sogenannte „Fräulein vom Amt“ an, das dann per Hand die Verbindung herstellte. Aber die Zugreisenden telefonierten selten, im Vergleich zu heute. „Es war eine ruhigere Zeit, es gab ja keine ständige Kommunikation über Computer und Handys.“

1950 als Service für Erster-Klasse-Reisende eingeführt, wurde das Zugsekretariat zunächst in den F-Zügen angeboten. „F“ stand für Fernzüge, die ausschließlich Erster-Klasse-Wagen hatten, später dann auch im TEE. Die Zugsekretärinnen sollten jedoch viel mehr vermitteln als nur Telefongespräche. Sie waren nicht nur Dienstleister, sondern vor allem Teil einer Welt des Luxus der Erster-Klasse-Züge, sagt Elisabeth Urbanus. „Man wollte den Reisenden alles bieten, um den Aufenthalt im Zug angenehm zu machen.“ Im TEE lagen die Sitzreihen hintereinander wie im Flugzeug. Zusätzlich ließen sich die Sitze aber auch umdrehen, wenn man sich doch einmal mit den Mitreisenden unterhalten oder in Fahrtrichtung sitzen wollte.

Köche bereiteten während der Fahrt komplette DreiGänge-Menüs zu, die von Stewardessen im Restaurantwagen serviert wurden. Die Menüs waren so beliebt, dass es oft in drei Durchgängen stattfand. Es gab einen eigenen Barwagen und im TEE Rheingold, der den Rhein entlang fuhr, den berühmten, rundum verglasten Panoramawagen. „Darin saß man erhöht und konnte den Ausblick besonders genießen“, erinnert sich Elisabeth Urbanus.

Die TEE-Züge, die in verschiedenen europäischen Ländern jeweils etwas unterschiedlich gestaltet wurden, sollten modern sein wie Flugzeuge und gleichzeitig den Luxus eines Kreuzfahrtschiffes bieten: eine in sich geschlossene Welt des Wohlseins. An den Bahnhöfen bestaunten Normalreisende die stromlinienförmigen Lokomotiven und die Waggons dahinter, deren Fenster sich nicht öffnen ließen, weil die Züge schon in den 50er-Jahren Klimaanlagen hatten.

Zu den Kunden des TEE gehörten anfangs Franzosen und viele Amerikaner, erinnert Elisabeth Urbanus. Zielgruppe waren daneben Geschäftsreisende, die den Zug sowohl zum Entspannen als auch für die Arbeit nutzten. „Man traf Geschäftspartner im TEE, führte Telefonate oder ließ Schreibarbeiten erledigen.“ 1972 begleitete Elisabeth Urbanus den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt auf dessen Wahlkampftour drei Wochen durch Deutschland. Und als die britische Queen kam, gehörten die Zugsekretärinnen samt TEE zum natürlich auch Begleitprogramm.

Regierungen griffen überhaupt gern auf den Zug zurück. Der „Kanzlerwagen“ der 70er-Jahre wurde fast ausschließlich von Helmut Schmidt genutzt, erinnert sich Elisabeth Urbanus, oft auch für Heimfahrten nach Hamburg. „Der Waggon hatte einen großen Tisch wie ein Konferenzraum, und weil Helmut Schmidt ja gern raucht, gab es selbst auf der Toilette einen Ascher.“

Auch andere Prominente fuhren regelmäßig TEE. Etwa der Physikprofessor Heinz Haber, der für seine populärwissenschaftlichen Sendungen und Bücher bekannt war. Er ließ die Moderationen für seine Fernsehsendungen im Zug schreiben – auch von Elisabeth Urbanus. „Er diktierte, wir tippten, kuvertierten es ein und warfen es in den Briefkasten. Und irgendwann konnte man das, was man getippt hatte, im Fernsehen sehen.“

Haber reservierte den Schreibdienst vorher. „Dann bat er, im Speisewagen Orangensaft zu bestellen. Bevor wir losfuhren, packte er aus seiner Aktentasche, in Zeitungspapier eingewickelt, eine Flasche mit Hochprozentigem aus.“ Der wurde dann mit dem Orangensaft gemischt. „Wenn er mich einlud und ich ablehnte, lachte er und sagte: ‚Das lockert die letzten Schräubchen, Frau Urbanus!’“ Zum Abschied schenkte er ihr bei der letzten gemeinsamen Fahrt ein Bild von sich mit einer Widmung. Auch dieses Foto hat sie bis heute in der Sammlung.

Unter den TEE-Gästen der 70er-Jahre waren Berühmtheiten wie die Sänger Howard Carpendale und Drafi Deutscher. „Der Schauspieler Klaus Maria Brandauer hat einmal lange bei mir im Abteil gesessen, wir haben uns sehr nett unterhalten.“ Die Zugsekretärinnen, sagt Elisabeth Urbanus, hatten die Aufgabe, für die Gäste da zu sein, egal, ob sie nur ein Pflaster brauchten, einen Text getippt haben wollten oder einfach Gesellschaft suchten. „Wir waren die guten Geister des TEE.“

Auch ausgefallene Aufträge wurde diskret erledigt. Eine Schauspielerin, erinnert sich Elisabeth Urbanus, kam einmal ganz aufgeregt an: Sie brauche für einen Auftritt in Köln dringend einen BH. Also rief die Sekretärin in Köln an, gab die Bestellung samt Größe durch, „und die Bahnsteigaufsicht überreichte in Köln tatsächlich ein diskretes Päckchen“. Ein anderes Mal fand sie wertvolle Trauringe auf der Zugtoilette. Sie macht eine Durchsage, die Besitzerin bekam ihre Ringe wieder –und Elisabeth Urbanus drei Wochen später ein Päckchen. „Mein Finderlohn war mein erstes Hermés-Tuch.“ Das, findet sie, zeige die Klasse der Reisenden.

Manchmal passierten auch überraschende Dinge. Einmal wird sie im Rheingold angerufen: Sie möge bitte dem Politiker Jürgen Todenhöfer ausrichten lassen, er sei gerade Vater geworden. „Ich ließ ihn ausrufen und er war natürlich total glücklich.“ Notbremsungen gab es auch, erinnert sich Elisabeth Urbanus. „Eine Dame, die auf einer Fahrt um frische Luft gebeten hatte und sagte, sie fühle sich schlecht, zog die Notbremse, bevor ich noch nach einem Arzt suchen konnte.“ Als der Zug hielt, verschwand die Frau über die Gleise im Nichts.

Das Leben im Zug, so erzählen die Fotos der Crew aus dem TEE, muss viele schöne Seiten gehabt haben, auch wenn manche Angestellte einen harten Job hatten. Die Zugköche zum Beispiel kochten in winzigen Küchen im oberen Stock, erinnert sich Elisabeth Urbanus. „Darin war es im Sommer unglaublich heiß.“ Zum 50. Jahrestag der ersten TEE-Fahrt 2007 trafen sich das TEE-Team noch einmal wieder. Nicht alle sind bei der Bahn geblieben. Der Koch Raimond Ziegler etwa betreibt heute sein eigenes Restaurant im Elsass. Elisabeth Urbanus dagegen blieb bei ihrem Arbeitgeber, auch als die Bahn 1982 das Zugsekretariat einstellte. Die Bahn sei immer ihr Wunscharbeitgeber gewesen, sagt sie. „Wer dort beschäftigt ist, kann frei Bahn fahren.“

Zug fahren als Weg, die Welt zu entdecken: Als Tochter einer Belgierin und eines Deutschen ist Elisabeth Urbanus in einem kleinen Dorf in der Eifel aufgewachsen. Zweisprachig, aber ohne Möglichkeit, eine höhere Schule zu besuchen. Stattdessen zog sie mit 14 Jahren in ein Schwesternwohnheim nach Krefeld und wurde in einem Krankenhaus Bürokauffrau. Vielleicht war es diese Enge, die ihr den Wunsch nach Freiheit mitgab, jedenfalls fand sie nach einigen Jahren tatsächlich eine Anstellung bei der Bahn. Und wurde bald gefragt, ob sie mit ihren Fremdsprachenkenntnissen, guten Umgangsformen und ebensolchem Aussehen nicht Zugsekretärin werden wolle.

Anfangs war sie nicht sicher. „Bei der ersten Durchsage im Zug versagte mir vor Aufregung die Stimme.“ Nach einer Woche aber entschied sie, weiter TEE zu fahren. Als Mitreisende in einer wunderbaren Welt, von der sie aber irgendwann selbst geahnt haben muss, dass sie zuende ging. „Bald gab es die ersten Funktelefone, das Flugzeug setzte sich als Verkehrsmittel immer mehr durch.“

Und die Bahn setzte auf Familien als neue Zielgruppe, gab dem TEE eine zweite Klasse, ließ Volksmusiker live an der Bordbar auftreten. Von dem „nostalgischen Luxus“, mit dem die Bahn zwar selbst noch für den TEE warb, war bald nicht mehr viel übrig.

Elisabeth Urbanus, so klingt es, sah im Ende des Berufes „Zugsekretärin“ den Anfang für Neues. 1982 gab sie dafür auch das Symbol ihres Berufsstandes auf – die Schreibmaschine. Als ihr neuer Chef, der Bahnvorstand Hans Wiedemann, die Computer in die Bürokommunikation einführte, schloss sich seine Sekretärin begeistert an. Mit demselben Gefühl, mit dem sie mit 19 den ersten TEE bestiegen hatte: Bereit für ein Abenteuer.

Was nimmt man mit aus den beruflichen Stationen seines eigenen Lebens? Elisabeth Urbanus legt die Polaroids aus dem TEE zurück in die Mappe. 64 Jahre ist sie jetzt alt, seit Anfang der 2000er-Jahre lebt sie in Berlin. Sie hat die Stadt in ihrem Wandel erlebt und fühlt sich heute zu Hause hier, jedenfalls so sehr, wie man sich als Reisende heimisch fühlen kann. Im Sommer wird sie in Rente gehen. Auch diese Lebensstation wird mit einem neuen Abenteuer beginnen. „Ich habe mich als ‚Granny au pair’ im Ausland beworben“, sagt sie. Sie klingt ein bisschen aufgeregt, als könne sie es kaum noch erwarten: „Ich möchte nach Marokko oder Mexiko“. Die Idee des Projekts ist die Betreuung von Kindern, doch nicht ausschließlich. Es gibt auch Anfragen, um erwachsene Menschen zu begleiten. Eine Art Gesellschafterin in besseren Kreisen, das könne sie sich gut vorstellen, sagt sie. Es wäre fast ein bisschen wie früher wie im TEE.