Fußball

Genosse Schiedsrichter

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Jan Draeger

Vor 100 Jahren kickten in Berlin auch Arbeiterfußballer. Ihr Anspruch: Es sollte keine Klassen, keine Preise, keine Anfeuerungsrufe von den Zuschauern geben. Das klappte aber nicht immer

Die Berliner Meisterschaft ist für die Fans schon vor dem letzten Spiel entschieden. Mit 2:0 hat der Pankower SC Adler 08 Sparta Lichtenberg geschlagen. Als die Anhänger nun dem Kapitän einen Kranz überreichen wollen, schüttelt der den Kopf. Nicht etwa, weil noch ein Spiel aussteht – nein, weil sich das einfach nicht gehört. Preise. Auszeichnungen. Das ist nichts für einen wahren Arbeiterfußballer.

Es ist dass Jahr 1928. In Berlin und überhaupt in Deutschland wird schon sehr viel Fußball gespielt. Allerdings in unterschiedlichen Meisterschaften. Da kämpfen im DFB organisierte Vereine – von manchen werden sie spöttisch „bürgerlich“ genannt – um den Ball.

Auch die Deutsche Turnerschaft und die Katholische Deutsche Jugendkraft ermitteln zeitweise ihren eigenen Deutschen Meister. Und dann gibt es noch die Arbeiterfußballer, die dem sozialdemokratisch geprägten Arbeiter-Turn- und Sportbund angehören. Selbst er wird sich in den letzten Jahren der Weimarer Republik noch einmal teilen, wenn sich Kommunisten und Sozialdemokraten unversöhnlich gegenüberstehen.

In seiner Hochzeit gehören in Berlin und Brandenburg rund 300 Vereine dem Arbeiterfußball an. Sie sind heute weitgehend vergessen. Dabei zog der auf dem Exerzierplatz Einsame Pappel (heute Jahn-Sportpark) beheimatete BFC Nordiska 13 ins Finale der Bundesmeisterschaft 1921 ein. Das er allerdings mit 0:3 gegen Leipzig-Stötteritz verlor. Ins Endspiel kam vier Jahre später auch der SV Stralau 1910, auch er verlor gegen einen sächsischen Verein, den Dresdner SV, und das ziemlich klar mit 0:7. Das Meisterstück gelang aus Berliner Sicht erst dem Pankower SC Adler 08 im Jahr 1928 (5:4 gegen den ASV Frankfurt-Westend).

Mit dem heutigen Fußballgebaren hatte der Arbeiterfußballer wenig gemein. Dass Spieler Geld bekommen, dass Fans ihre Mannschaft mit Fähnchen und Schreien anfeuern, war unter den ideologischen Ballsportlern damals verpönt. Der Fußball sollte keine Klassen haben, alle sollten gleich sein, jeder sollte gegen jeden spielen, alle waren Genossen, die Spieler, die Zuschauer, selbst die Schiedsrichter. Das klappte allerdings nicht immer so.

Der 42-jährige Christian Wolter, geboren in Teterow in Mecklenburg, ist Sporthistoriker. Er hat schon ein Buch über die Geschichte Berliner Stadien geschrieben, mit dem schönen Titel „Rasen der Leidenschaft“. In den vergangenen vier Jahren hat er über Arbeiterfußball in Berlin und Brandenburg recherchiert. Auch für Fußball-Laien ist ein wunderbares, spannendes Buch herausgekommen. Vieles erscheint heute skurril. Es war aber auch eine Welt mit starken moralischen Ansprüchen.

Wolter führt uns zu einem kleinen Park an der Lichtenberger Herzbergstraße. Hinter einem Zaun grasen Galloway-Rinder, weiter hinten stehen vereinzelte Birken. Es ist still, idyllisch, nur ein inzwischen bewaldeter Zuschauerwall deutet noch darauf hin, dass dort einmal das Stadion Lichtenberg stand, eine Hochburg des Arbeiterfußballs. An diesem Ort kam es zum ersten offiziellen deutsch-sowjetischen Fußballspiel. Eine Berliner Proletarier-Auswahl trat am 9. September 1923 gegen die russische Auswahl an. Während die deutschen Arbeiter in der Inflationszeit ausgemergelt waren, wirkten die russischen Genossen spritziger und wohlgenährter. Sie sollten ja auf ihrer Europatournee Werbung für das Sowjetregime machen. Die Berliner Mannschaft hatte keine Chance, mit 6:0 überrollten die Russen sie. Übel nahm ihnen das niemand, man war ja Genosse.

Das Stadion war drei Jahre zuvor eröffnet worden. Es gab nicht wie heute einen festen Verein, der ein kommunales Stadion bespielte, sondern verschiedene Vereine mieteten es zu Großereignissen von der Stadt. Für Feste, politische Veranstaltungen, Konzerte und eben Fußballspiele. Im weitgehend proletarischen Lichtenberg war der Arbeiter- dem bürgerlichen Fußball überlegen.

Die ersten Kicker tauchten in Berlin bereits um 1885 auf. Rund 500 Aktive zählte man 1890. Zum Leidwesen der Turner. Denn die sahen,wie ihre Sportart zugunsten des Fußballs immer mehr an Attraktivität einbüßte. In ihrer Ablehnung waren sich sogar kaiserliche und sozialistische Turner einig. „Die geistigen Vorturner, egal welcher Seite, widersprachen dem gesundheitsförderlichen Charakter des Fußballspiels, reduzierten es auf seine angebliche Rohheit und beargwöhnten es der fremden Herkunft wegen. Unausgesprochen schwang die Ahnung mit, dass sich die Jugend bald mehr für Fußball als für das starre Turnen interessieren würde“, schreibt Wolter.

Wie es dann auch kam. Viele Turnvereine wurden mehr oder weniger zu Fußballvereinen. Aus Sorge vor Überanstrengung spielte man anfangs noch zwei mal 35 Minuten. Baulücken, Müllkippen und Kartoffelacker wurden zu Fußballfeldern umgewandelt. Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg ging die Entwicklung des Fußballs unabwendbar voran. Doch dann fingen auch die Probleme bei der für Brandenburg und Berlin zuständigen Märkischen Spielvereinigung (MSV) an. Neben einer Vielzahl an Strafen für rohes Spiel sorgten sich die Verantwortlichen um den Lebenswandel ihrer Nachwuchsspieler: Sie rauchen und trinken zu viel, hieß es. „Weil sich die Berufstätigen meist nur am Sonnabend ordentlich besaufen konnten, liefen am nächsten Tag aber auch viele Erwachsene verkatert über den Platz, manchmal in Mannschaftsstärke – oder traten gar nicht erst an.“

Ein Problem waren für die Arbeiterfußballer auch die Kosten bei Auswärtsspielen. 1921 beschloss der Verband, in der Meisterschaftsendrunde erstmals eine Fahrkostenentschädigung zu zahlen, auch der Schiedsrichter erhielt 20 Mark für seinen Einsatz. Ansonsten mussten die Vereine meist selbst zusehen, wie sie klar kamen. Deshalb haben sich während der Inflationszeit auch einige Provinzvereine abgemeldet, wenn sie das Reisegeld nicht mehr übrig hatten.

Unnachgiebig war der Verband allerdings bei Preisen oder anderen Belohnungen. Der SV Stralau beispielsweise bekam eine vierwöchige Platzsperre aufgebrummt, weil er in einem Turnier einen Satz Trikots und einige Fußbälle ausgelobt hatte. Selbst als ein Jugendtrainer die Torschützen mit Eis und Himbeeren belohnen wollte, sorgte man sich, dass das Ansätze von Profitum sein könnten.

Von echtem Profifußball (Ansätze gab es schon, waren aber noch illegal und wurden bei Bekanntwerdung auch geahndet) war auch der DFB damals noch weit entfernt. Trotzdem lehnten die Arbeiterfußball-Ideologen die Aktivitäten des bürgerlichen Verbandes ab. Allerdings konnten sie ihre Spieler nicht immer halten, die wechselten nämlich öfter zu den „Bürgerlichen“ als umgekehrt. Auch das Verhalten der eigenen Zuschauer wurde unter dem Blickwinkel des gegnerischen Lagers gesehen. „Das Publikum sollte nicht wie im bürgerlichen Fußball eine Mannschaft anfeuern, sondern in proletarischer Solidarität für beide Arbeiterfußballmannschaften sein. Bei guten Aktionen sollten sie klatschen, egal für welche Seite. Sie sollten aber nicht ins Spiel hineinrufen“, erzählt Christian Wolter.

Trotzdem fanden sich bei den Spielen tausende, manchmal zehntausende Zuschauer ein. In den Pausen spielten Vereinskapellen, und im Stadion Lichtenberg rezitierte der Schriftsteller und Lyriker Erich Weinert 1930 in der Halbzeit des Berliner Endspiels (Minerva Borsigwalde - Sparta Lichtenberg 3:1) seine Gedichte. Man stelle sich nur einmal vor, Günter Grass würde heute im Berliner Olympiastadion in der Spielpause bei Hertha BSC aus seinem neuen Buch vorlesen.

Die Nazis beendeten das Kapitel Arbeiterfußball. Die linken Vereine wurden meist verboten oder lösten sich selber auf, einige ließen sich auch gleichschalten. Die DDR, der Arbeiter- und Bauernstaat, ließ sie nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr aufleben. Dort wurde die Sportbewegung nach russischem Vorbild aufgebaut. Die Sportorganisationen hießen dementsprechend z. B. Dynamo oder Lokomotive und waren an Ministerien oder Betriebe angedockt.

Und doch: Ohne den Arbeitersport hätte es vielleicht später manche Fußballgröße nicht gegeben Uwe Seeler hat sich am Ball bestimmt einiges bei seinem Vater abgeguckt, und dieser Erwin Seeler spielte jahrelang bei dem Hamburger Arbeiterverein Lorbeer 06. Und auch Franz Beckenbauer. Der nämlich, erzählt Christian Wolter, „schreibt, dass er von seinem Onkel an den Fußball herangeführt wurde“. Alfons Beckenbauer spielte für die Sportfreunde 1912 Giesing und bestritt sogar Länderspiele für die Nationalelf der Arbeitersportler.

Schon eigenartig, der Gedanke: Ohne Arbeiterfußball würde es vielleicht keinen Kaiser geben .

Christian Wolter: „Arbeiterfußball in Berlin und Brandenburg. 1910-1933.“ Arete Verlag, 228 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 19,95 Euro