Liebe in Berlin

Kann es der Osten besser als der Westen?

Kurz nach dem Fall der Mauer war in der größten Boulevardzeitung Berlins eine unwiderstehliche Schlagzeile zu lesen. „Frauen in der DDR orgasmusfreudiger!... Experten fürchten um die Entfremdung des DDR-Sex.“

Die Meldung war das Resultat einer neuen Forschungsrichtung. Sexualwissenschaftler stürzten sich auf das noch unbekannte Objekt namens DDR-Sex und suchten es nach den Regeln ihrer Kunst zu vermessen. Hunderte von Fragebögen wurden verschickt und ausgewertet, Interviews mit bisher nie befragten Sexualpartnern durchgeführt, neue Themenfelder mit eigenartigen Namen abgesteckt. „The Sexual Unification of Germany“ hieß ein Titel, ein anderer: „Soziokulturell bedingte Unterschiede im Sexualverhalten“. Forscher aus Ost und West beugten sich über die Betten der Bürger des verschwundenen Staates und verstörten vor allem westdeutsche Leser mit ihren Befunden. „Die Zahl der Frauen, die nie zum Orgasmus kamen, war in der BRD dreimal so hoch wie in der DDR. Entsprechend gaben wesentlich mehr Frauen in der DDR als in der BRD an, immer zum Orgasmus zu kommen. Zudem beschrieben sie sexuelle Aktivitäten häufiger als lustvoll und befriedigend.“ (Judith Fritz: „An der Schnittstelle von Konsum und Sexualität“, als Magisterarbeit im Fach Geschichte eingereicht an der Universität Wien im Jahre 2011.)

Ein großes Rätselraten setzte ein: Worauf waren diese Unterschiede zurückzuführen? Warum hatte es auf den Einheits-Matratzen der ehemaligen DDR offenbar besser geklappt als auf den rückenschonenden Kautschukliegen der westdeutschen Bettkultur? Waren die durch Emanzipationsdebatten praktisch unbehelligten DDR-Männer am Ende die besseren Liebhaber? Waren die Frauen aus dem anderen Deutschland spontaner und leidenschaftlicher oder ganz einfach anspruchsloser als ihre westdeutschen Geschlechtsgenossinnen?

Wie immer, wenn es um letzte Fragen geht, blieben die Antworten der Wissenschaftler dürftig und schufen keine Klarheit. Wer sich in dieser Sache weiterbilden wollte, war etwa auf die Auskünfte des Autors Thomas Brussig angewiesen, der im Selbstversuch herausgefunden hatte: „Im Bett, beim Sex allein, könnte ich keine Ost-West-Unterschiede feststellen. Da ist, so meine Erfahrung, jede anders. Auch bei Vorlieben und Abneigungen für bestimmte Stellungen oder Praktiken spielt es keine Rolle, ob die Frau nun von diesseits oder jenseits der Elbe stammt.“

Nach diesen erschöpfenden Erkenntnissen des Zeugen Brussig erlahmte das Medieninteresse an der DDR-Frau schlagartig.

Die DDR-Frau war trennungsfreudig

Ich erinnere mich eines Streits in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, der in der Wohnung einer Ostberliner Freundin stattfand. Eine Besucherin aus dem Westen regte sich darüber auf, dass ihre Gesprächspartnerin aus dem Osten die Frage nach ihrem Beruf mit dem Satz beschied: „Ich bin Richter.“ – „Du meinst Richterin?!“ – „Ich weiß nicht, was mir die Nachsilbe bringen soll. Immerhin habe ich einen Job; du offenbar nicht.“

Wer es wissen wollte, konnte schon damals erfahren: Die DDR-Frau war berufstätig, ökonomisch unabhängig und trennungsfreudig – 90 Prozent der Frauen in der DDR waren bereits berufstätig zu einer Zeit, als in der BRD nur 50 Prozent der Frauen ihr eigenes Geld verdienten. Meist hatte sie in jungen Jahren Kinder geboren, die bereits erwachsen waren, wenn sie ihrem Mann den Rücken kehrte und sich auf ein zweites Leben vorbereitete. Das Recht auf Abtreibung und einen – allerdings autoritären – Kindergartenplatz, das ihre westdeutschen Geschlechtsgenossinnen erst erstreiten mussten, war ihnen garantiert.

Aus diesen Gründen sah die DDR-Frau ihren Mann nicht als einen Feind, sondern als einen Partner, der ihr ökonomisch wenig oder nichts voraushatte. Tatsächlich konnte der durchschnittliche DDR-Mann, wenn er nicht in den oberen Etagen der Diktatur Fuß gefasst hatte – aber wer wollte denn so einen? – nicht auf Privilegien verweisen, die ihm ein Macho-Gehabe gestatteten. Mit Geld, schnellen Autos, einem Haus auf Ibiza oder einer Erbschaft konnte er nicht protzen. Er war auf seine eventuellen Begabungen als Liebhaber und auf seine Qualitäten als Vater und Partner angewiesen. Deswegen war er gehalten, ein eher weiches Männerimage auszubilden. Zwar rauchte er unmäßig, trank allzu oft über den Durst, erwartete abends eine warme Mahlzeit auf dem Tisch, aber half – wenn er nachdrücklich ermahnt wurde – beim Wickeln der Kinder, beim Einkauf und Abwasch und trug ab und zu den Müll nach unten. Scheidungen, das wusste er, waren im scheidungsfreudigsten Land Europas kein Problem, und meistens gingen die Scheidungen von den Frauen aus.

Hinzu kam etwas Anderes: Die Unterdrückung aller spontanen Regungen im öffentlichen Raum hatte in der DDR bei beiden Geschlechtern zu einem vergleichsweise lockeren Umgang mit der Sexualität geführt. Der einzige Zeitvertreib, der nicht gegängelt werden konnte, war der im Schlafzimmer. Die DDR-Frau suchte nicht den zukünftigen Versorger, wenn sie einen fremden Mann „zu einem Kaffee“ mit nachhause nahm. Sie war auf einen guten Liebhaber aus, und brach das Abenteuer alsbald wieder ab, wenn sie enttäuscht wurde.

Der Schriftsteller Thomas Brasch verblüffte mich nach seiner Übersiedlung nach Westberlin mit einem Film-Projekt, das in der DDR der achtziger Jahre angesiedelt war. Der Held des Films sollte ein Textil-Vertreter sein, der sich bei seinen täglichen Hausbesuchen als „Mann für gewisse Stunden“ anbot. Die Einzelheiten der Geschichte ließ Brasch im Dunklen, aber der Titel stand bereits fest: „Im Reich der Sinne“ sollte der Film heißen. Leider fand sich niemand bereit, das kühne Werk zu produzieren.

Nach dem Fall der Mauer kam es – mit einer Verzögerung von rund zehn Jahren – zum Zusammenstoß der deutsch-deutschen Liebes-Kulturen. Anfangs wurde die DDR-Frau auf der Bühne der vereinten Stadt noch übersehen. In den Fantasien westlicher Männer kam sie lange Zeit nicht vor. Während die Tumberen von ihnen die Angebote einschlägiger Agenturen durchblätterten – „40 000 Single-Frauen aus der Ukraine“ –, verpassten sie den Auftritt des unbekannten Wesens aus der unmittelbaren Nachbarschaft.

Inzwischen zitieren immer mehr Westmänner das Goethewort vom „Guten“, das „so nahe liegt“. Allerdings ist die „Mischehe“ zwischen Ost- und Westdeutschen immer noch so unwahrscheinlich wie die zwischen Deutschen und Muslimen. Sie liegt heute zwischen vier und fünf Prozent. Aber im Unterschied zu den deutsch-türkischen Verbindungen heiratet die Mehrzahl der Ost-West-Paare nicht, sie zieht die wilde Ehe vor. Dabei ist die Paarung Ostfrau-Westmann siebenmal häufiger anzutreffen als die umgekehrte Konstellation.

Da es seit Brussig wenig neue Erkenntnisse gibt, bin ich – wie alle anderen – auf Spekulationen über dieses Rätsel angewiesen. Die DDR-Frau besteht auch nach der Wende darauf, ihren Mann im Beruf zu stehen, aber ist nicht bereit, die Vorrechte des schönen Geschlechts deswegen aufzugeben. Die Ablehnung erotischer Accessoires wie Parfum, Lippenstift, Pfennigabsätze – die unter den emanzipierten Schwestern im Westen in den siebziger Jahren um sich griff – konnte sie sich nie zu eigen machen, da diese Dinge ohnehin kaum zu haben waren. Gegen die Theorie, dass so gut wie alle Unterschiede zwischen Mann und Frau soziale Konstrukte seien, ist sie immun – sie gähnt, wenn das Wort „Genderstudies“ fällt. Wie die West-Frau verlangt sie Gleichberechtigung, aber sie liebt die Abrechnung nicht, wer wie oft den Abwasch macht, für den anderen kocht, und den Müll herunterträgt. Sie besteht auf ihrer Weiblichkeit und der Verschiedenheit der Geschlechter und gesteht – zum Ärger ihrer militanten Schwestern aus dem Westen – dass sie immer noch Lust auf Männer hat.

Ost-West-Liebe - ein spätes Erfolgsmodell

In meinem unmittelbaren Freundes- und Verwandtenkreis beobachte ich in halbes Dutzend Paare, die sich in den letzten Jahren der Konfiguration Ost-Frau/West-Mann anvertraut haben. Es scheint ein Erfolgsmodell zu sein. Allerdings kenne ich kaum Paare, auf die die umgekehrte Polung zutrifft.

In den Augen der West-Frau schien der Ostmann zunächst ein auslaufendes Modell zu sein, eine Art Rübezahl der Gattung. Er legte zu wenig Wert auf sein Äußeres, trank zu viel und duschte nicht, bevor er mit seiner Partnerin intim wurde. Als Fünfzig- oder Sechzigjähriger lebte er womöglich von Hartz IV, beanspruchte aber trotzdem, wie er es aus der DDR gewohnt war, gewisse Vorrechte – ein warmes Abendessen und Zuhörbereitschaft bei seinen Monologen über die Vorzüge der verschwundenen DDR und den korrupten Westen. Vor allem aber – er trug Bart, und was für einen!

Die Rauschebärte der Rebellen aus der DDR wurden zum Thema tief schürfender Debatten. In den westdeutschen Feuilletons fragte man sich, ob die befremdliche Barttracht der Dissidenten das Relikt eines altdeutschen Mannesstolzes war, der in der alten Bundesrepublik der Verwestlichung zum Opfer gefallen war und Artenschutz verdiente. Ethnologen aus dem Westen behaupteten, der ostdeutsche Vollbart sei in Wahrheit durch westdeutsche Vorbilder wie Fritz Teufel und Dieter Kunzelmann inspiriert gewesen. Wie es auch damit sei: das Schicksal des ostdeutschen Vollbarts wurde vom weiblichen Geschlecht entschieden. Es stellte sich heraus, dass Männer mit Rauschebärten in der Gunst der Frauen aus beiden deutschen Staaten empfindliche Nachteile hatten. Dieser geräuschlosen Selektion sind die meisten Vollbärte zum Opfer gefallen und haben einer stark reduzierten Variante Platz gemacht. Eine breite Palette von raffiniert gestutzten Kinn-und Oberlippenbärtchen ist an die Stelle des ursprünglichen Vollmodells getreten. Dieser neu entdeckte Artenreichtum hat übrigens auch bei westdeutschen Vertretern des männlichen Geschlechts zu einer Wiederentdeckung der Gesichtsbehaarung geführt.

Nach den überwundenen Bartjahren nimmt auch der DDR-Mann verstärkt seine Chancen im Westen wahr. Als Partner bietet sich ihm etwa die alleinstehende und von der Männerwelt enttäuschte Mutter von zwei Kindern an, die sich nach endlosem und schließlich unheilbarem Streit vom Erzeuger ihrer Kinder getrennt hat. Der Ostmann fällt ihr als guter Zuhörer auf, er tröstet sie. Er nimmt sich Zeit für sie – und hat sie. Trennungen und Scheidungen sind ihm aus dem Alltag der DDR vertraut, er nimmt sie nicht so tragisch. Seit seinem zwanzigsten Lebensjahr hat er immer mit eigenen oder fremden Kindern zu tun gehabt. Es macht ihm nichts aus, die Kinder seiner immer noch „traumatisierten“ Freundin morgens in die Schule zu bringen oder sie im Kinderwagen durch den Park zu schieben. Solidaritätsgewohnt schließt er diese, in aller Regel krass verwöhnten Kinder in seine Zuneigung ein, macht mit ihnen Hausaufgaben und erweist sich als geduldiger Spielkamerad. Vorsichtig – und nur in Abwesenheit der Mutter – versucht er ihnen ein Minimum an Erziehung beizubringen. Nach langer und bestandener Probezeit öffnet ihm die westliche Geliebte endlich die Tür zu ihrem Schlafzimmer.

Zur Person: Schriftsteller Peter Schneider wurde weltberühmt durch sein Buch „Der Mauerspringer“, das 1982 auf den Markt kam. Doch auch andere Werke von ihm sind sehr bekannt wie „Messer im Kopf“ (1979) oder „Paarungen“ (1992). Vor wenigen Jahren schrieb der heute 74-Jährige über seine zentrale Rolle in der Berliner Studentenbewegung: „Rebellion und Wahn. Mein '68.“ Am 4. März erscheint nun sein neuestes Buch: „An der Schönheit kann’s nicht liegen ... Berlin – Porträt einer ewig unfertigen Stadt“ (Kiepenheuer & Witsch, 336 Seiten, 17,99 Euro).