Kultur

Das große Berlinale ABC

| Lesedauer: 12 Minuten
Thomas Abeltshauser

A wie Aronofsky, Darren

Der amerikanische Regisseur ist in diesem Jahr Präsident der internationalen Jury (siehe J), die über die Goldenen Bären (siehe G) entscheidet. Er steht für ein US-Amerikanisches Autorenkino mit sehr eigener Handschrift, ob bei seinem Debüt „Pi“ oder seinem Thriller „Black Swan“. Mit Festivalpreisen kennt er sich aus: Für „The Wrestler“ hat er 2008 bei der Mostra in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen, drei Jahre später war er dort schon einmal Juryleiter.

B wie Berlinale Palast

Ab Donnerstag ist er zehn Tage lang der Mittelpunkt der Filmwelt. Im sonst als Musicaltheater genutzten Haus am Marlene-Dietrich-Platz laufen alle Premieren des Wettbewerbs, hier herrscht allabendlich Blitzlichtgewitter (siehe R). Und als Novum: hier wird das Berlinale-Publikum mit der brandneuen Dolby Atmo-Anlage beschallt.

C wie Celebrities

Wie jedes Jahr einer der wichtigsten Fragen: Wer kommt? Also los: Cate Blanchett, Christian Bale, Nicole Kidman, Robert Pattinson, Juliette Binoche, James Franco, Helen Mirren, Ian McKellen, Natalie Portman, Charlotte Gainsbourg, Brian Wilson und und und. Zweitwichtigste Frage: Wo trifft man all die Promis? Antworten dazu unter I wie In-Treffs, P wie Partys und R wie Roter Teppich.

D wie Deutsches Kino

Gleich fünf deutsche Regisseure haben es dieses Jahr in den Wettbewerb geschafft. Andreas Dresen stellt „Als wir träumten“ vor, eine Adaption des Romans von Clemens Meyer über die Wendegeneration in Leipzig. Sebastian Schipper präsentiert seinen Berliner Liebesthriller „Victoria“ und Oliver Hirschbiegel das Biopic „Elser“ über den gescheiterten Hitler-Attentäter. Die beiden Altmeister Werner Herzog („Queen of the Desert“) und Wim Wenders („Everything Will Be Fine“, siehe W) haben in Amerika gedreht. Auch in den anderen Sektionen finden sich zahlreiche deutsche Filmemacher, der Nachwuchs lässt sich in der Perspektive Deutsches Kino entdecken.

E wie Eröffnungsfilm

In den hohen Norden geht es am kommenden Donnerstag, bei der Eröffnung der 65. Internationalen Filmfestspiele. „Nobody Wants the Night“ erzählt von der Frau des Nordpolfoschers Robert Peary, die ihrem Mann ins ewige Eis nach Grönland folgt. Die spanische Regisseurin Isabel Coixet ist nach Margarete von Trotta erst die zweite Filmemacherin in der Geschichte der Berlinale, die das Festival eröffnet (siehe auch Q wie Frauen-Quote).

F wie Foodtrucks

Seit dem Umzug an den Potsdamer Platz war die gastronomische Versorgung ein Grundproblem der Festivalgäste. Wer sich nicht tagtäglich mit den immer gleichen Schrippen und anders genannten belegten Brötchen abgeben will, hat seit letztem Jahr eine exzellente, wenn auch heiß begehrte Alternative: Die Foodtrucks in der Joseph-von-Eichendorff-Gasse am Potsdamer Platz! Mit Spezialitäten vom Bunsmobile, vom Heißen Hobel, von The Sunken Ship, von Maria Maria Arepas...

G wie Goldener Bär

23 Filme laufen dieses Jahr im Wettbewerb, davon vier außer Konkurrenz. Bleiben 19 Filme, die für die begehrten Bären in Frage kommen. Darunter neue Werke von Aleksey German („Under Electric Clouds“) und Benoit Jacquots Neu-Interpretation der „Tagebuch einer Kammerzofe“. Die Preise werden am Sonnabend, den 14.2. um 19 Uhr im Berlinale Palast vergeben.

H wie Höhepunkte

„50 Shades of Grey“ ist nicht im Wettbewerb, aber sicher eines der Highlights (11.2.), ebenso zwei Tage später Kenneth Branaghs Version von „Cinderella“ mit Cate Blanchett in der Hauptrolle. Nicole Kidman wird zur Premiere von Werner Herzogs „Queen of the Desert“ am 6. erwartet, der Oscar-Favorit „Selma“ läuft am 10. Februar.

I wie In-Treffs

Sichere Anlaufpunkte zum VIP-Sichten sind Promilokale wie das Borchardt, das Grill Royal, das Stue und das Katz Orange. Auch Bars wie Le Croco Bleue, Buck & Brecks, Bon Bon Bar, Pauly und Tausend sind gute Tipps.

J wie Jury

Neben dem Präsidenten (siehe A) entscheiden dieses Jahr der deutsche und auch international erfolgreiche Schauspieler Daniel Brühl („Inglorious Basterds“, „Rush“), der französische Filmstar Audrey Tatou („Amélie“), die Goldene Bär-Gewinnerin Claudia Llosa aus Peru („Eine Träne Ewigkeit“), der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho, US-Produzentin Martha De Laurentiis und der Serien-Guru Matthew Weiner („Mad Men“).

K wie K

ist auch zugleich der kürzeste Filmtitel dieses Festivals. Das mongolische Dorfdrama um einen Fremden mit Grundstücksansprüchen läuft im Forum.

L wie Längster Film

Auch auf der Suche nach dem zeitintensivsten Werk wird man im Forum fündig: Jean-Pierre Bekolos „Les choses et les mots de Mudime“ schlägt mit 243 Minuten im Festivalkalender zu Buche. Für Berlinale-Verhältnisse fast ein Kurzfilm – in früheren Jahren dauerten Vorführungen gerne auch mal die ganze Nacht, wie bei Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“. Die Wettbewerbsbeiträge 2015 zumindest verweigern sich dem Trend der Überlänge: kaum einer der Filme dauert mehr als zwei Stunden.

M wie Merchandise

Der Berlinale-Bär ist geduldig, er lässt sich im Grunde überall aufdrucken: ob klassisch auf Festivaltasche, T-Shirt und Schal oder auch als Frühstücksbrettchen, Kulturbeutel und Babylätzchen. Neu in diesem Jahr: der Berlinale-Badeschwamm. Ein kleiner Wink vielleicht an so manchen Festivalprofi?

N wie Nordkorea

Für ein wenig Aufregung hatte in der vergangenen Woche der Protest Nordkoreas gesorgt, dass die US-Komödie „The Interview“ über das fiktive Attentat auf Diktator Kim Jong Un auf der Berlinale laufe. Dabei startet der Film nur ganz regulär am gleichen Tag in den Kinos. Das Missverständnis wurde inzwischen diplomatisch geklärt. Der Film läuft nun trotzdem, wenn auch in der nicht mit der Berlinale verbundenen Veranstaltung „Cinema for Peace“. Für Meinungsfreiheit steht das Festival trotzdem, das sich seit jeher auch politisch versteht. Der Wettbewerb zeigt unter anderem „Taxi“, den neuen Film des iranischen Regisseurs Jafar Panahi, der in seiner Heimat Berufsverbot hat und nicht ausreisen darf.

O wie Ooooh

Der 2015er Jahrgang könnte zu einem der anrüchigsten der Festivalgeschichte werden. Das liegt vor allem an der Weltpremiere von „Fifty Shades of Grey“, der Adaption von E. L. James’ Bestseller. Aber auch andere Filme versprechen rote Ohren: In „Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ spielt Lars Eidinger einen Mann, der eine sexuelle Affäre mit einer jungen Frau mit Downsyndrom hat. Und im US-Independentfilm „I Am Michael“ hat Berlinale-Dauerstar James Franco (er ist in drei Filmen vertreten) eine Dreierbeziehung mit zwei Männern. Die Sexszenen mit den dreien dürften alles in „50 Shades“ in den Schatten stellen...

P wie Partys

Die meisten Partys wie im Ritz Carlton und dem 40 Seconds sind zwar nur mit Einladung, aber der Einlass ist nicht rigide so wie in Cannes oder Los Angeles. Auch der Dresscode ist im Vergleich eher casual.

Q wie Quote

Auf der Leinwand werden Frauen oft angebetet, hinter der Kamera sind sie nach wie vor unterrepräsentiert. In Deutschland entstehen 22 Prozent der Spielfilme unter weiblicher Regie, die Berlinale-Quote von 115 von Frauen zu 441 insgesamt ist also leicht darüber. Im Wettbewerb finden sich allerdings nur drei von Regisseurinnen inszenierte Filme. Die Forderung von „Pro Quote Regie“ für mehr Gleichberechtigung ist also durchaus berechtigt.

R wie Roter Teppich

Nirgendwo ist die Promidichte pro Quadratmeter höher als auf den wenigen Metern vor dem Berlinale-Palast, zumindest wenn man keine Einladung zu einer der exklusiven Partys (siehe P) ergattert hat. Hier zeigen sich alle Promis in ihrem besten Licht. Nur auf einen werden alle wahrscheinlich vergeblich warten: Terrence Malick, Regisseur des Wettbewerbsfilms „Knight of Cups“. Er scheut sich vor jedem Auftritt und gilt seit Jahren nur als: das Phantom.

S wie Serien

Diesem Trend kann sich auch die Berlinale nicht mehr entziehen: die besten Geschichten werden derzeit oft nicht im Kino, sondern im Fernsehen erzählt. Das Festival bringt deshalb eine Reihe neuer Produktionen noch vor ihrer Ausstrahlung auf die große Leinwand, darunter den „Breaking Bad“-Ableger „Better Call Saul“, der italienische Politkrimi „1992“ oder skandinavische Formate wie „Follow the Money“. Und auch das deutsche TV-Event des Jahres lässt sich hier schon entdecken: die RTL-Serie „Deutschland 83“.

T wie Teddy-Gala

Die Komische Oper bietet den adäquat plüschigen Rahmen für die Verleihung der LGBT-Preise. Darunter verstehen die Teddy-Verantwortlichen Filme mit schwulen, lesbischen und Transthemen, die traditioneller Schwerpunkt des von Wieland Speck geleiteten Panorama sind, aber auch längst in anderen Sektionen zu finden sind. Der Ehren-Teddy geht dieses Jahr an Udo Kier, Ingrid Caven ehrt den Regisseur Rainer Werner Fassbinder

U wie Utensilien

Die globale Erwärmung könnte uns wie im vergangenen Jahr eine milde Winter-Berlinale bescheren. Vorbei die Zeiten, als sich Festivalgäste auf den Eisplatten am Potsdamer Platz Knochenbrüche zuzogen. Eine gewisse Vorsorge ist trotzdem angeraten: neben Schal und Mütze kann es nicht schaden, sich mit Regenschirm und Gummistiefeln auszurüsten.

V wie Vorverkauf

Die Berlinale gilt als das größte Publikumsfestival der Welt, anders als etwa der ewige Rivale Cannes. Für jede Vorstellung gibt es ein Kontingent an Kaufkarten. Der Vorverkauf beginnt am Montag online sowie an den zentralen Stellen: Potsdamer Platz Arkaden, Kino International, Haus der Berliner Festspiele und Audi City Berlin am Kudamm 195. Ab morgen kann man sich also jeweils von 10 bis 20 Uhr Tickets sichern. Jeweils drei Tage im Voraus, für Wettbewerbswiederholungen vier Tage vorher. Für den Publikumstag am Sonntag, den 15. Februar, gibt es bereits ab morgen Karten für alle Vorstellungen.

W wie Wim Wenders

Wim Wenders ist nicht zu unrecht einer der international am meisten gefeierten Filmemacher Deutschlands. Mit den Spielfilmen „Der Himmel über Berlin“ und „Der Amerikanische Freund“ und den Dokumentarfilmen „Buena Vista Social Club“ und „Pina 3D“ hat er Filmgeschichte geschrieben. Die Berlinale feiert ihn dieses Jahr mit einer Hommage, in der viele seiner Werke digital restauriert gezeigt werden, darunter auch der seit Jahrzehnten aus rechtlichen Gründen nicht aufführbare „Die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter“. Wenders neuer Spielfilm „Every Thing Will Be Fine“ hat seine Premiere außer Konkurrenz.

X wie XL

Für viele war die Berlinale schon längst unübersichtlich. Neben den etablierten Sektionen gibt es dieses Jahr einen weiteren Neuzugang. Wie bereits auf den anderen großen Festivals in Cannes, Venedig und Locarno wurde nun auch in Berlin eine Woche der Kritik ins Leben gerufen. Die von Filmkritikern kuratierte Reihe im Kino in den Hackeschen Höfen agiert dabei explizit unabhängig vom Hauptfestival.

Y wie Yoga

Wie steht man zehn Festivaltage durch – vor allem die Nächte? Festivalleiter Dieter Kosslick schwört auf fernöstliche Entspannungsmethoden, andere wie Starfotograf Mario Testino auf Zink. Wir sagen: Weniger ist mehr. Also: „Yo, ich geh mal nachhause!“

Z wie Zoo

Einige Jahre war es ruhig um den Zoo-Palast und den Westteil der Stadt. Seit der Wiedereröffnung des Traditionskinos und der Bikini Haus-Renovierung nebenan ist die Gegend um den Breitscheidplatz in Charlottenburg wieder ein Zentrum der Berlinale. Die Perspektive ist in jedem Fall spektakulär, ob beim Kinobesuch oder in der angesagten Monkey Bar mit dem Panoramafenster auf das Affengehege im obersten Stock des 25 Hours Hotels.