Kinos

Wenn der Heizer mal wieder durch das Dunkel rauscht

Es kann passieren, dass mittendrin der Heizer kommt. Ist der Film lang, muss er eben ran mit den neuen Holzscheiten und den Ofen im Kinosaal nachfüllen.

Auf der Leinwand läuft eine lakonische Geschichte – traurige Typen, übliche Hinterhofkinohelden, Filme mit allen Schattierungen von Grau –, und dann huscht da ganz real eine Gestalt durchs Dunkel, werkelt vorne am Ofen und tappst wieder raus. Bin gar nicht da...

Willkommen zurück im Berlin der frühen Neunziger Jahre, im alternativen Kulturzentrum. Dieses Kino heißt Filmrauschpalast und ist eine in Eigenregie umgebaute Fabriketage in Moabit. In den letzten 25 Jahren fand sich immer eine Handvoll Cineasten, die mitwerkelte. Leute vom Kino, die als Projektionisten mit Vorführapparaten hantieren, können meistens auch mit Hammer, Bauholz und Spaxschrauben umgehen.

Die Kulturfabrik Lehrter Straße war ganz früher einmal eine Großschlachterei, sagt Torsten Dorow, seit 1989 beim Filmrausch dabei. Alles ist gekachelt hier. Darin hat sich die Filmrunde, mehrheitlich Männer, eingerichtet. Im Foyer knistert und flackert in der Ecke ein Bollerofen, genau wie im Saal. Die ganze Fabrik soll saniert werden, aber wann es wirklich losgeht, ist unsicher. Solange bleibt man einzigartig: Ein Kino mit Ofen. Der Mann im Foyer kassiert, feuert nach, klettert die Gerüstleiter hinauf in den Vorführraum. Alles Eigenbau.

Alles geht ehrenamtlich-abwechselnd hier. Irgendwo war immer etwas abzuholen, sagt Dorow, etwas, was andere Kinos ausmusterten. So kamen sie an immer neue Projektoren und an äußerst bequeme Sessel. Auch wenn’s mal fußkalt ist, hart sitzt man garantiert nie. Jubeln können die wahren, gesottenen Filmfans außerdem über die Leinwand. Sie ist gekrümmt, das ist selten – und für manche das Größte. Darauf fetzt ein „Weißer Hai“ erst richtig, dort glüht die Wüste in „Lawrence von Arabien“ besonders. Es geht auch episch im kargen Hinterhof. Die wahre Revolution findet allerdings gerade hinter den Kulissen statt. Der Digitalprojektor ist da, man hat das kleine Vorführkabuff gerade wieder einmal etwas umgebaut. Diese Woche kommt das über 40.000 Euro teure Teil. Programmkinos erhalten dafür staatliche Kulturfördermittel, weil künftig die neuen Filme nur noch so zu haben sind. Nun stellen endlich auch die Moabiter Idealisten ihre Technik um. Im Foyer, unter den Jungs, scherzt man, „wir sind ja immer die Letzten“. Aber sie halten etwas darauf. Natürlich bleiben die 35mm-Projektoren da. Ihre echten Filmrollen lassen sie sich nicht nehmen. Das saubere „Überblenden“ während der Vorführung ist ihre Kunst, in ihrem Selbstverständnis so wichtig wie die ambitionierte Auswahl von Filmen. Dafür hat der kleine Verein ein hohes Renommee, er hat Programmkinopreise gewonnen. Und auch die Solidarität sei noch da, rühmt Dorow. Einen Teil des neuen Geräts finanzieren die Mitglieder.