Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

es ist gar nicht so leicht, sich ihm zu nähern, dem Herrn Tucholsky. Schon allein, weil er sich so viele andere Namen gab: Kaspar Hauser, Theobald Tiger, Peter Panter, Ignaz Wrobel.

Pseudonyme, die unter oder über seinen Artikeln standen. War Ignaz Wrobel eigenständig? Schrieb er anders als Theobald Tiger? Und unterschied der sich in irgendeiner Weise von Kaspar Hauser? Wieviel Kurt Tucholsky steckt wohl beispielsweise in Peter Panter? Fragen über Fragen. Vielleicht grinst er ja gerade irgendwo im Himmel über so viel Verwirrung, die er da mit den Namen angerichtet hat.

Er war der größte Publizist seiner Zeit. Sein Erzählung „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“ war ein Bestseller vor dem Ersten Weltkrieg. Die Sprache war ironisch und frech, sie wirkt noch heute modern. Später wurde „Rheinsberg“ wie auch seine andere Erzählung „Schloß Gripsholm“ verfilmt. Und noch mehr ist von ihm geblieben: Seine kritischen Texte und Gedichte sind auf Kabarettbühnen zu hören. Bis heute berufen sich Journalisten und Schriftsteller auf Tucholsky, nennen ihn Vorbild, zitieren ihn. Biografien sind über ihn erschienen. Und doch fällt auf, wenn man über ihn liest, dass der Mensch Tucholsky, auch für die, die sich lange mit ihm befasst haben, schwer zu fassen ist.

Er war ein Weltbürger. Immer unterwegs, als ob ihn eine seltsame Unruhe trieb, als ob er ahnte, dass er nicht alt werden würde und möglichst viel in sich aufsaugen müsste. Berlin war seine Geburtsstadt, am 9. Januar 1890 kam er hier zur Welt. Der Vater starb früh, da war der Sohn gerade einmal 15 Jahre alt. Fortan lag die Erziehung allein in den Händen der Mutter. Sie überlebte auch ihn. Doch war beider Tod tragisch und furchtbar: Acht Jahre nach seinem Tod 1935 in Schweden – er nahm eine Überdosis an Tabletten – wurde die Mutter ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert.

Obwohl Tucholsky so schön und frech von der Liebe schreiben konnte, war er nicht besonders beständig in seinen eigenen Beziehungen. Und doch dienten die Frauen als Vorbilder für seine Erzählungen. Etwa seine Geliebte Lisa Matthias, die Züge der Lydia in „Schloß Gripsholm“ haben soll. Oder Else Weil, die seine erste Ehefrau war. Sie kommt der Figur der Claire ins „Rheinsberg“ nahe. „Es gibt keinen Erfolg ohne Frauen“, schrieb Tucholsky einmal.

Nun jährt sich sein Geburtstag zum 125. Mal und die BIZ hat sich auf die Spuren von Kurt Tucholsky begeben. In Berlin hatte seine unermüdliche publizistische Arbeit begonnen. Hier schrieb er für die Berliner Illustrirte Zeitung, die SPD-Parteizeitung „Vorwärts“ und später für die Wochenzeitschrift „Weltbühne“. Gerade dort lösten seine Artikel kritische Debatten aus, als er beispielsweise 1931 den Satz schrieb: „Soldaten sind Mörder“. Es gab aber auch in Berlin den anderen Tucholsky, den erfinderischen und lebenslustigen. Etwa als er auf dem Kurfürstendamm eine Bücherbar eröffnete, eine Geschäftsidee, die vielleicht heute noch was für sich hat: Wer ein Buch kaufte, bekam einen Schnaps als Prämie dazu.

Unser Autor Jörg Niendorf hat sich mit dem Tucholsky-Biografen Rolf Hosfeld auf eine Reise durch das Berlin des Autors begeben. Wie sieht es heute dort aus, wo Tucholsky einst gewirkt hat?

Sein Name ist immer noch überall in der Stadt präsent: Es gibt eine Schule, die nach ihm benannt ist, ein Restaurant, eine Straße und natürlich eine Buchhandlung und eine Bibliothek. Amin Akhtar hat diese Orte fotografiert.

Den Schriftsteller Thorsten Becker haben wir nach Rheinsberg geschickt. Dort war er vor zehn Jahren schon einmal, als Stadtschreiber. An dem Schauplatz von Tucholskys berühmter Erzählung hat er sich umgeschaut und die Menschen gefragt, was sie heute noch mit dem Autor verbinden.

Wir wünschen einen schönen Sonntag! Ihre BIZ-Redaktion

Sie erreichen uns unter biz@morgenpost.de