Gaslaternen

Lichter der Großstadt

| Lesedauer: 15 Minuten
Jörg Niendorf

Die Berliner lieben ihre Gaslaternen und ihr warmes Licht. Doch die Leuchten werden langsam auf stromsparende Technik umgerüstet. Verliert die Stadt ein Stück ihrer Seele? Eine Inspektion

Grau ist das neue Grün. Diese Farbregel gilt jetzt rund um die Neuköllner Schillerpromenade, und zwar auf allen Bürgersteigen. Statt der bisherigen dunkelgrünen Laternenmasten stehen dort mittelgraue. Sie werden nach und nach ausgetauscht. Sonst aber bleibt alles, wie es war, auch mit einer neuen öffentlichen Beleuchtung. Bei Dunkelheit schimmern die neuen Laternen goldgelb, sie stehen immer abwechselnd auf der rechten und der linken Straßenseite, ganz wie immer. Auf der Leinestraße sieht man das, da ist alles fertig. Die Leuchten sind nicht grell. Irgendwie brennen sie einfach so vor sich hin, wie die elektrischen Kerzen einer Lichterkette. Überhaupt elektrisch: So arbeiten sie jetzt. Vorher waren es Gaslaternen, nun sind es Bis-ins-kleinste-Detail-auf-Gas-getrimmte-Elektroleuchten. Läuft doch, solch eine Umstellung. Könnte man denken.

Christian Pilz steht gerade sehr oft in Neukölln auf der Leiter. Er ist Gasbeleuchtungsmonteur. Ein junger, hilfsbereiter Mann in der gelben Weste, der normalerweise kommt, wenn etwas nicht funktioniert. Hierhin jedoch, in die Straßen zwischen dem früheren Flughafen Tempelhof und der Hermannstraße, kommt er und schraubt ständig Leuchten ab. Ganze Masten lässt er ausbuddeln. Dann kommen die neuen. Vorher aber muss Pilz auf seiner Leiter ganz schön diskutieren. Diese einfachen, alten, manchmal auch arg mitgenommenen Masten und Leuchten wecken Instinkte bei Anwohnern. Die darf keiner einfach so mitnehmen. „Die kommt doch wieder“, beruhigt Pilz die raunenden Leute. „Das rate ich Ihnen auch“, bekommt er schon mal zur Antwort. Andere Anwohner haben nette Worte übrig. Pilz verspricht ihnen, dass die neuen Leuchten seltener kaputt sein werden als die alten. Sie werden nicht mit einer Fehlzündung klackern und dann dunkel bleiben, sondern einfach nur leuchten. Sie glauben ihm.

Außerdem hat Pilz gute Nachrichten für strickende Straßenkünstler, und zwar für die, die gern Laternenmasten am Bürgersteig mit bunten Schals verschönern. In Kreuzberg und Neukölln kommt das oft vor. Bisher muss Pilz sämtliche wollenen Kunstwerke abschneiden – etwas Brennbares an der mit Gas betriebenen Straßenbeleuchtung, das geht nicht. Vorschrift ist Vorschrift. Doch künftig, an Elektromasten, ist die Wolle nichts Böses mehr. Sie darf bleiben. Also: Ist doch eine schöne Sache, solch eine Umstellung.

Soll das ein Witz sein?

Jahrelang tobte in Berlin ein erbitterter Streit um Gaslaternen oder Nicht-mehr-Gaslaternen, und hier geht es um einen Wollschal? Nein, es ist kein Scherz. Das Beispiel zeigt doch: Masten und Leuchten auf dem Bürgersteig sind Alltagsbegleiter. Jeder hängt ihnen auf seine Art an. Es geht ums Licht, na klar, aber es geht eben auch um mehr. Sie sollen einfach da sein. Diese typischen Wohnstraßenleuchten haben einen uralten robusten Mast, obendrauf steht die Leuchte, halb aus Glas, halb aus Blech. Fertig. Es ist ein trauter Ausschnitt der Großstadt, gehüllt in ihr warmes, weißes Licht. Solch eine Nebenstraßen-Szene hat jeder sofort vor Augen, der die Stadt kennt. Die Laternen-Kerzen sind halt Berlin – nie ganz makellos, gern etwas rau. Jeder nutzt sie für seine Zwecke. Verkehrsschilder hängen an ihnen, Mülleimer, haufenweise private Botschaften auf Zetteln. Fahrräder lehnen dran, Betrunkene stützen sich ab, Hunde heben das Bein. Und jetzt, im Neuköllner Schillerkiez, gibt es wirklich den Beweis: Diese Allerweltsleuchten bleiben äußerlich alt, wie man sie liebt, und können gleichzeitig auf einen modernen Betrieb umgestellt werden. Auch die originalen Masten werden wieder aufgestellt. Für etwas muss der Gaslaternenstreit ja gut gewesen sein.

Hier ist der eindeutige Gewinner: die „Aufsatzleuchte“. Ihren offiziellen Namen hat sie daher, weil der Leuchtkörper auf dem Mast thront, aufgehängt in einer Art Geweih. Sie war immer eine Art Volksleuchte. Es gibt 31.000 dieser Art, im Einsatz ist sie seit 60 Jahren. Bei insgesamt mehr als 160.000 Straßenlaternen ist der Anteil eigentlich nicht hoch. Aber sie prägt viele Stadtteile und Wohnstraßen, in Nikolassee oder Frohnau genauso wie am Schlesischen Tor in Kreuzberg, Schöneberg und in Charlottenburg sowieso. Ein Kuriosum ist, dass es überhaupt noch so viele Gaslaternen in der Stadt gibt. In den westlichen Bezirken setzte man nach dem Krieg auf sie, um unabhängig von Stromtrassen zu sein. Das Gas produzierte die West-Berliner Gasag dazu einfach selbst in ihren Kraftwerken. Den Entwurf einer passenden Massenleuchte für die Straße gab es bereits aus der Vorkriegszeit. Ende der Zwanziger Jahre hatte die Berlin Anhaltinische Maschinenbau AG, Bamag, eine wetterfest-schnittige Haubenleuchte entwickelt, die mit modernem Aluminium gefertigt wurde. Das war Hightech. Im zerbombten Berlin nach 1945 waren die gusseisernen Masten der früheren Gasbeleuchtung stehen geblieben – auf diese Pfähle setzte man die innovative Volksleuchte von einst. Es wurde wieder Licht. Bis heute ist die eigenwillige, aber typische Kombination der etwas schnörkeligen, kaiserzeitlichen Bündelpfeiler mit der Haubenleuchte der Neuen Sachlichkeit am Bordstein zu finden. Auch daher, weil das einzigartig ist, gingen wohl so viele „Glimmbürger“ für das Gaslicht auf die Barrikade und entrüsteten sich, als vor zehn Jahren die Pläne zur Umrüstung auf Elektrobetrieb bekannt wurden.

Ganz nüchtern sieht es heute dagegen Christian Pilz, der Monteur. Er lehnt seine ausklappbare Leiter an eine Laterne in der Schillerpromenade. Der Mast hat eigens dafür ein spezielles Leitereisen, das ist eine horizontale Stange in etwa drei Meter Höhe. Nun klettert Pilz hinauf, hebelt an der Haube der Lampe einen Verschluss auf und klappt das Oberteil ab. Innen steckt eine Schalttechnik aus den Siebziger Jahren, die Leuchte wird noch mit Gas betrieben. Nebenan stehen neue, doch diese ist alt. Christian Pilz präsentiert eine Rechnung, das einfache Grundprinzip der Umrüstung im Kiez. „Die Gasleuchte verbraucht umgerechnet 1050 Watt in der Stunde, die neue LED-Leuchte dagegen 25 Watt.“ So erklärt er es allen Neugierigen – oder, wie gesagt, den manchmal auch etwas Gereizten –, die ihn nach seinem Tun fragen. Dementsprechend besser ist auch die Ökobilanz. Und das neue Licht? Es ist lange nicht so kalt und technisch, wie man es noch vor gar nicht so langer Zeit vom Licht aus Leuchtdioden kannte. Es hat die gleiche Lichtfarbe und Helligkeit und scheint exakt im gleichen Radius wie die früheren Gasleuchten. In den alten sieht man, wenn man ganz nah herantritt, vier Gasglühstrümpfe. An der gleichen Stelle hinter dem Glas sitzen bei den neuen Modellen vier Zapfen, in denen die speziell programmierten LED stecken. Schon ab vier Uhr oder halb fünf Uhr am Nachmittag erlebt man derzeit die Erleuchtung. Alte und neue Laternen zwischen Oder- und Leinestraße gehen nebeneinander an, wer spazieren geht, erkennt nicht, welche elektrisch und welche noch gasbefeuert ist. Drei Firmen aus Berlin haben die neue Leuchte entwickelt, eine davon ist das Unternehmen Braun, für das Christian Pilz arbeitet. Alles in allem stehen bald 700 neue-alte Leuchten im Schillerkiez, als nächstes kommen 600 weitere in Spandau. Die Richtung, die die für die Straßenbeleuchtung zuständige Senatsverwaltung für Stadtentwicklung einschlägt, ist damit klar. Ein reines Ausknipsen und Austauschen gegen einen schnöden Peitschenmast geht nicht mehr. Stattdessen gibt es einen denkmalpflegerischen Plan, der vorsieht, etwas mehr als 3.000 Gaslaternen in bestimmten Gebieten zu belassen und die anderen behutsam umzurüsten. Nur schade, dass ausgerechnet von den zuvor so lautstarken Vereinen für die Gasbeleuchtung dazu nichts zu hören ist. Von ihnen kommt auch keiner in den Schillerkiez. Bettina Grimm aus dem Vorstand des Vereins „Pro Gaslicht“ wirft dem Senat einen plumpen Etikettenschwindel vor. „Mag ja sein, dass die neuen Leuchten ganz nett aussehen. Aber sie bleiben gefälscht“, sagt die Verwaltungswirtin. Man vergreife hier an einer gut funktionierenden Technik.

Ortswechsel: Eine Industriehalle in Marienfelde, ganz im Süden der Stadt, kurz vor Brandenburgs Äckern. Auf den blanken Betonböden der Halle reiht sich ein Teil dieser „gut funktionierenden Technik“ ans nächste. Leuchtenhauben stehen da in Batterien, zerbeulte darunter und viele, bei denen Aluminium nach Jahrzehnten unter freiem Himmel oxidiert ist. Sie sehen matt und müde aus. Sicher, die Technik funktioniere noch, sagt André Braun, der Chef hier. Aber sie sei halt sehr alt. Seine Firma heißt Braun Lighting Solutions, und die verwaltet die musealen Stücke. Braun ist zuständig für den technischen Dienst an allen 37.000 Gaslaternen in Berlin, die es derzeit noch gibt. Etwa die Hälfte seiner 40 Leute starken Truppe fährt permanent durch die Stadt, um zu reparieren und Teile zu tauschen. So wie der Monteur Pilz. Andere fertigen aus alten Teilen funktionierende Leuchten, denn die Gas-Technik wird ja weiter gebraucht, wenn auch in kleinerem Umfang. Wieder andere Konstrukteure in Brauns Firma bauen mit alten Maschinen historisch anmutende Leuchten, in die LED als Leuchtquelle eingebaut werden. Das ist ein Schlager. In viele Städte verkauft er die. Zudem fertigt Braun gleißend grelle Scheinwerferanlagen für Industriezwecke.

Genau solche technokratischen Ungetüme hätten doch auch Berlin als Ersatz für die Wohnstraßenleuchten blühen können, sagt Braun. Kahle Masten mit kühlen Lichtern. Er freut sich, dass es nicht so kam. „Das ist doch ein riesiger Erfolg“, sagt Braun. Er selbst stammt noch aus der Gasag-Zeit, er kennt das Metier genau und mag den alten Charme. Gleichzeitig ist der Elektrotechnikmeister erfindungsreich. Nachdem die Gasag aus dem Straßenbeleuchtungsgeschäft ausstieg, gründete er 2001 sein eigenes Unternehmen und tüftelte sogleich an den aufkommenden Leuchtmitteln, die man aus Platinen herstellt, den LED. So kam er auf Lösungen für alte Laternengehäuse, er lässt sie historisch-richtig leuchten. Eine Zauberformel war für ihn lange Zeit die Zahl 2700, diesen Wert brauchte die Lichtfarbe, die er suchte. Sie wird gemessen in Kelvin. 2700 Kelvin ist das typische Lampen-Goldgelb der Berliner Nebenstraße, ein Wohlfühllicht, wenn man so will. Gemeinsam mit seinen Berliner Nachbarfirmen Hahn Licht und Semperlux fand Braun es. Es steckt unter der Haube der neu aufgelegten Bamag-Lampe, in genau diesen vier Glüh-Zapfen, die sie sich ausgedacht haben. An einer Wand von Brauns Halle lagern indes deren filigranen Vorbilder, die Glühstrümpfe der alten Gastechnik. In Hunderter-Paketen stapeln sie sich dort, turmhoch. Pro Tag brauchen Brauns Leute mehrere davon, zur Wartung aller Leuchten der Stadt. Die Pakete mit den speziellen, sehr empfindlichen Leuchtmittel, die in solcher Zahl nur Berlin benötigt, kommen längst aus Indien. Eine Firma hat sich darauf verlegt. Sie nennt sich Auer-Licht, nach dem österreichischen Erfinder des Glühstrumpfs Carl Auer von Welsbach, der unter anderem auch die Firma Osram gründete. „Auer-India“ kam zustande, als die vorherige Berliner Produktion im Zuge aller Gasag-Umstrukturierungen aufgeben musste – solche Geschichten, die sich in dem Betrieb im Schatten des Schöneberger Gasometers ereigneten, kennt André Braun noch aus erster Hand. Gut, mag er sich denken, dass er da anders herauskam und nun mit Altem und Neuem arbeiten kann.

Die ganz alten Eisen liegen dem Mann trotzdem ganz besonders am Herzen: Und das sind die schweren, bulligen eisernen Masten aus Grauguss, die täglich an ein Tor seiner Halle gekarrt werden. Die ausgebauten Laternenmasten aus Neukölln. Sie kommen vom Sandstrahler, jetzt muss Brauns Firma einen Elektromast daraus machen. Braun kennt diese Masten noch aus den Werkstätten von einst, er weiß, wie sie bei der Gasag geflickt wurden, mit flüssigem Blei zum Beispiel. Der raue Charme vergeht nicht. Mit einer Spezialfräse wird nun ein Sicherungskasten in das untere Drittel hinein geschnitten. Ohne den geht es nicht, wenn elektrische Kabel da durch führen sollen. Bisher hatten sie ja nur ein Stahlrohr als Gaszufuhr im Inneren. Künftig also gibt es sie nicht nur in Grau, sondern auch mit Klappe. Und doch bleiben sie das ganze Gegenteil zu den Hightech-Platinen, die später oben in den Leuchten stecken. Es ist ein witziges Trio, diese neue Volkslampe, die da kommt: Die Technik des 21. Jahrhundert steckt in der Leuchtenform des mittleren 20. Jahrhunderts auf dem Mast aus dem 19. Jahrhundert. Dazu haben die Pfeiler nicht selten Einschusslöcher aus dem Krieg, haben vielleicht noch derbe Abschürfungen von Unfällen mit Autos, die einmal dagegen gefahren sind. „Aber sie halten noch mal 100 Jahre“, sagt Braun. Wenigstens. Schon 1826 kamen die ersten dieser Pfeiler in die Stadt, damals mit der englischen I.C.G.A., der Imperial Continental Gas Association. Sie stellte Unter den Linden eine Gasbeleuchtung auf. Deren Firmen-Abkürzung findet man heute noch auf den Sockeln mancher Bündelpfeilermasten. Genauso wie die Namen umliegender Gießereien wie Tangerhütte, Eisenwerke Lauchhammer oder G.B.G. Berlin. Neue Masten in der Form der alten werden mittlerweile auch gegossen, und zwar aus Aluminium. Die Firma Behr in Hohenschönhausen tut es. Die werden da eingesetzt, wo kein original, wirklich alter mehr da ist. Das Ziel ist, die einfachen Stahlmasten, die es auch gibt, langfristig zu ersetzen oder gar die ganz billigen der Siebziger und Achtziger, die aus harten Kunststoffen waren. Dann kommen graue Alumasten. Grau ist eben das neue Grün.