Armut

Reden wir über Obdachlose

Hilft spenden? Oder soll man den Wachdienst holen? Warum wir Umgang mit Menschen auf der Straße oft hilflos sind

Vor einiger Zeit starb ein junger Obdachloser in Prenzlauer Berg auf offener Straße. Der Mann starb da, wo er gelebt hatte: auf dem Bürgersteig vor dem Biergarten Prater. Täglich laufen hier tausende Menschen vorbei. Im Kiez-Portal „Prenzlauer Berg Nachrichten“ machte sich daraufhin ein Autor Gedanken. Er fragte sich, ob es etwas geändert hätte, wenn er den Obdachlosen je angesprochen hätte, statt nur an ihm vorbeizulaufen. Andererseits seien in Berlin heutzutage so viele Verwirrte unterwegs, „dass man eigentlich ständig den Rettungsdienst rufen könnte“. Der Autor bekannte schlechten Gewissens: „Ich hatte keine Lust, zu helfen.“

Der Artikel sprach aus, was offenbar viele denken. Mehr als 2000 Leser gaben dem Artikel auf Facebook ein „Like“. Weitere Zeitungen berichteten. Es ist eine Art Reflex: Der Tod auf der Straße erschüttert. Das Leben davor eher nicht. Warum eigentlich?

Was geht uns Obdachlosigkeit an? Es ist ein schwieriges Thema, über das man nicht gern spricht – und wenn, dann eher im Winter. Insofern war der Artikel aus Prenzlauer Berg eine Ausnahme. Erst wenn die Temperaturen unter Null fallen, bieten Spendenaufrufe Gelegenheit, auf das Elend aufmerksam zu machen, das es natürlich auch im Sommer gibt. Im Winter leuchtet jedem ein, dass eine Gesellschaft ihre schwächsten Mitglieder nicht einfach dem Kältetod aussetzen darf. Gerade die Berliner spenden dann großzügig Geld, Kleider oder Schlafsäcke. Immer mehr engagieren sich außerdem auch persönlich als ehrenamtliche Helfer Suppenküchen, Notunterkünften und Bahnhofsmissionen.

Im Sommer dagegen ist von Obdachlosen in einem anderen Ton der Rede – und in diesem Jahr fiel dies besonders auf. Nicht nur in Berlin, wo sich im Juli Gewerbetreibende am Bahnhof Zoo ankündigten, einen Wachdienst zu engagieren wegen der Obdachlosen vor ihren Geschäften. Immer wieder hatte es auf den Bürgersteigen Trinkgelage gegeben, Pöbeleien, Diebstähle und Gewalt. An der Hardenbergstraße türmte sich Müll und es stank zum Himmel, weil immer mehr Menschen über Nacht blieben.

Die Stadt Hamburg ließ im Mai in der Innenstadt 160 Hightech-Mülleimer aufstellen, die Flaschen mit einer eigenen Presse sofort zerstören. Den Einwand, dass die Luxusmülleimer zum Stückpreis von 5000 Euro die Existenz von Flaschensammlern bedrohten, wehrte der Hamburger Senat ab. Das Überleben von Bedürftigen sei über Transferleistungen abgesichert. Aufgabe der Müllabfuhr sei nicht, soziale Probleme zu lösen.

Ähnliche Methoden der „Problemlösung“ gibt es in viele Städten. Die französische Stadt Bregenz ordnete vor einigen Jahren den Einsatz von übel riechendem Gas an, um Obdachlose loszuwerden. In London brachten Hausbesitzer im Frühjahr Metallstachel in ihren Hauseingängen an. Sie wollten verhindern, dass sich dort Obdachlose zum Schlafen hinlegten. Eine Krankenschwester startete eine Online-Petition, 130.000 Menschen unterschrieben. Schließlich kritisierte auch Londons Bürgermeister die Aktion als „hässlich und dumm“ und die Metallstachel wurden entfernt.

Geht es nicht anders? Im Münchner Glockenbachviertel, das als bunt und offen für alle Lebensformen gilt, sollen rund 100 wohnungslose Familien in einem Gebäude mitten im Viertel unterkommen. Was nach einer integrativen Idee klingt, löste wütenden Protest bei Anwohnern und Gewerbetreibenden aus. Das Haus liegt nur wenige Gehminuten entfernt vom Luxus-Komplex „The Seven“ mit den angeblich teuersten Wohnungen Münchens. Die Nachbarn fürchten sich vor dem Lärm der Kinder aus den Sozialwohnungen – und vor „Pennern“. Das zumindest sagte ein Kellner dem Bayerischen Rundfunk.

Wie lässt sich mit Wohnungslosen so umgehen, dass allen geholfen ist? Die dänische Stadt Odense hat jetzt dazu eine Studie gestartet. 20 freiwillige Teilnehmer aus der Obdachlosenszene wurden für eine Woche mit Peilsendern ausgestattet, die ihre Wege durch die Stadt aufzeichnen sollen. Die Stadtplaner wollen mithilfe der Daten soziale Hilfsangebote entwickeln. Doch auch das stieß auf Kritik. Die Daten, so beteuert die Stadt, würden nicht verwendet, um Menschen aus der Innenstadt zu vertreiben. Im Gegenteil sieht man sich als Vorreiter in der Erforschung, wie Städte mit Obdachlosigkeit besser umgehen könnten. „So weit ich weiß, wurde das weltweit noch nie zuvor getestet“, sagte der Projektbeauftragte der dänischen Zeitung „Metroexpress“.

Auch wenn bei der Studie von Odense viele Fragen offen bleiben – etwa, warum man die Probanden nicht einfach selbst nach guten Standorten für Bänke und Toiletten gefragt hat –, wird über Obdachlosigkeit generell wenig geforscht. Vielleicht, weil man lange glaubte, das Problem werde sich mit zunehmendem Wohlstand von allein lösen. Oder weil die Klientel schlicht unbekannt ist. In Deutschland gibt es nicht einmal Zahlen, wie viele Menschen überhaupt auf der Straße leben.

Gezählt werden die Menschen, die sich als „wohnungslos“ melden. Die meisten von ihnen haben jedoch - noch - ein Dach über dem Kopf, wenn auch meist ein provisorisches. Sie leben in Übergangswohnungen der Sozialämter, in Heimen oder Notunterkünften. Wohnungslos sind in ganz Deutschland rund 300.000 Menschen, in Berlin sind es etwa 11.000.Die meisten Betroffenen verlieren ihren Wohnung durch Mietschulden, steigende Mieten, Verarmung, und auch und durch Fehlentscheidungen in den Jobcentern. Dies sagt die die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW), der Dachverband aller Hilfe-Einrichtungen für Wohnungslose. Bis 2016 könnte die Zahl noch ansteigen auf bis zu 380.000, warnt die Arbeitsgemeinschaft.

Wie viele Menschen tatsächlich auf der Straße leben, lässt sich deshalb nur schätzen. Zum einen ist das per Gesetz so gewollt. Nie wieder sollen in Deutschland Menschen wegen mentaler, physischer oder sozialer Defizite stigmatisiert oder verfolgt werden. Rund 25.000 Betroffene könnten es deutschlandweit sein, die auf der Straße leben, schätzt die BAGW. Rund elf Prozent sind minderjährig, der größte Teil sind Männer.

Allein in Berlin leben 4000 Menschen auf der Straße, schätzen Sozialarbeiter wie Dieter Puhl, der die Bahnhofsmission am Zoo leitet. Und die Zahl wird noch steigen, unter anderem auch deshalb, weil immer mehr Wohnungslose aus EU-Ländern kommen, der Großteil aus Osteuropa, wo es kaum soziale Unterstützung gibt. Ein großer Teil der Obdachlosen ist psychisch krank, immer mehr sind alt und dement.

Wie schwierig der Umgang mit ihnen sein kann, zeigt das Beispiel des „Barfußmanns“, der seit einiger Zeit am Berliner Hauptbahnhof Passanten und Angestellte erschreckt. Der Mann ist etwa 30, trägt zerrissene Kleidern, er ist ungewaschen, verwahrlost und offensichtlich krank. Doch Passanten, die ihn ansprechen, werden angerempelt oder angegriffen. Ähnlich geht es Helfern und Ärzten der Bahnhofsmission vor Ort. Jegliche Hilfe lehnt der Mann ab – und das offenbar schon lange. Denn die Polizei darf nur einschreiten, wenn jemand eine unmittelbare Gefahr für sich oder andere darstellt.

Meist bleibt es deshalb Ordnungskräften und Helfern überlassen, einen Umgang mit solch schwierigen Menschen zu finden. Konkret heißt das: die Ruhe wieder herzustellen. Und das immer wieder, wie etwa beim „Barfußmann“ am Hauptbahnhof, der zuvor schon in Magdeburg Menschen erschreckt hat. Oder auch am Bahnhof Zoo, wo die Helfer der Bahnhofsmission rund um die Uhr Schlichter und Vermittler sind. Sie sehen es als Teil ihrer Aufgabe: zu helfen, wo sonst keiner weiß, was zu tun ist. Aber viele macht dieser teil ihrer Arbeit nicht glücklich.

Wenn es um langfristige Hilfe geht, ist die Ratlosigkeit groß. Lange galt: Wer als Kind Gewalt oder Missbrauch erlebt hat, wer in Heimen oder bei Eltern mit Suchtproblemen aufwuchs, läuft besonders große Gefahr, ins soziale Abseits zu geraten. Mit anderen Worten: Die Gesellschaft trägt eine Mitschuld. Den Weg wieder heraus, so lehren es die klassischen Sozialwissenschaften, muss aber der Betroffene selbst aktiv beschreiten. Nur, wenn er selbst Willen zeigt, greifen die vielfältigen „Hilfen“ unseres Sozialsystems in Form von finanzieller Unterstützung, Beratung, Betreuung oder Therapie.

Doch so gut gemeint diese Hürde ist – immer mehr Menschen scheitern offenbar daran. Sie scheitern an den Regeln und Anträgen von Behörden, Kassen und Banken. Sie scheitern an den zahlreichen Helfern, die immer nur eins der komplexen Probleme lösen können, die in der Summe zu Obdachlosigkeit führen. Erst neuerdings beginnen Wissenschaftler, die Fragen nach den Ursachen anders zu stellen.

So fanden kanadische Ärzte in diesem Jahr einen Zusammenhang zwischen Schädel-Hirn-Verletzungen und Obdachlosigkeit. 45 Prozent der von ihnen untersuchten Obdachlosen hatten ein- oder auch mehrmals Hirnverletzungen erlitten. Zu fast 90 Prozent waren diese Verletzungen in der Zeit entstanden, bevor die Patienten obdachlos wurden. Die Ursachen waren in den meisten Fällen Gewalt, oft in der Kindheit, und Unfälle.

Auch seelische Traumata können offenbar dazu führen, dass Menschen ihre sozialen Fähigkeiten und Bindungen verlieren. In den USA werden seit dem Irakkrieg immer mehr Kriegsveteranen depressiv, drogensüchtig und obdachlos. Man weiß: sie können das Grauen nicht verarbeiten, das sie erlebt haben. Fast jeder fünfte Irak-Veteran leidet an solchen Traumaschäden. Wie diesen Menschen geholfen werden kann, weiß man dagegen bisher nicht.

Und auch in Deutschland steigt die Zahl der psychisch Kranken, die auf der Straße leben. An der TU München zeigte gerade eine Studie, dass viele Obdachlose schon vor dem Verlust ihrer Wohnung psychisch labil waren. Überdurchschnittlich viele leiden an Depressionen, Sucht oder schizophrenen Erkrankungen. Drei Viertel müssten eigentlich psychiatrisch behandelt werden, so die Autoren der sogenannten „Seewolf“-Studie. Viele erhielten diese Hilfe jedoch nicht, schreiben die Autoren, denn: „Der erforderliche Betreuungsaufwand geht inzwischen über die soziale Grundversorgung weit hinaus.“

Was also muss passieren? Passiert überhaupt etwas? Ja. Vor genau 20 Jahren begann eine Ärztin in Berlin, Obdachlose kostenlos dort zu behandeln, wo sie leben – im Untergeschoss des Ostbahnhof, wo es damals vor einem Supermarkt ein regelrechtes Massenlager des Elends gab. Man überließ Jenny de la Torre im Untergeschoss einen winzigen Raum für ihre ehrenamtliche Arbeit, von der viele glaubten, sie sei ebenso idealistisch wie überflüssig. Als die ersten Journalisten die Ärztin besuchten, warnte sie diese davor, was sie zu sehen bekämen: schwärende Wunden und schwierige Patienten. Es war eine Klientel, an der lange alle vorbeigeschaut hatten.

Es kostete die engagierte Ärztin Jahre, bis sie Politik und Öffentlichkeit davon überzeugt hatte, dass auch obdachlose Menschen Würde haben und das Anrecht, dass man für sie sorgt. Heute trägt sie das Bundesverdienstkreuz, führt ihre eigene Stiftung und das Modell der ärztlichen Ambulanz für Nichtversicherte hat Schule gemacht. Dass es dennoch nicht ausreicht, zeigte jetzt eine Studie der Caritas in Hamburg. Danach wurden Obdachlose dort im Durchschnitt nicht einmal 47 Jahre alt. Nicht nur, weil sie meist schwer krank waren, sondern weil die ärztliche Versorgung nicht ausreicht.

Vielleicht ist es ein Anfang, wenn überhaupt Fragen gestellt werden. So hatte im vergangenen Winter der Kältebus der Berliner Stadtmission einen besonderen Gast. Außenminister Frank-Walter Steinmeier begleitete die Helfer zu Obdachlosen auf der Straße. Näher als bei einer solchen Fahrt kann man dem Elend kaum kommen. Doch Steinmeier ist das Thema wichtig. 1991 promovierte er über die „Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit“. Und hatte damit sicherlich weder Metallstachel noch Wachdienste gemeint.

Zu jenen, die einen konkreten Lösungen suchen, nicht nur im Umgang Obdachlosigkeit, sondern auch für die Betroffenen selbst, gehört auch Rüdiger Grube. Als Chef der Deutschen Bahn hat er das Problem gewissermaßen vor der eigenen Haustür. Aber er sieht darin keine Bürde, sondern einen Auftrag. So muss man auch den Besuch verstehen, den er im Juli den Obdachlosen am Bahnhof Zoo abstattete. Eigentlich ging es um die Bahnhofsmission, die die Bahn in vielerlei Hinsicht fördert. Doch Grube wollte nicht nur die sanierten Räume besuchen, das behindertengerechte Bad, er wollte nicht nur die neuen Sozialarbeiter treffen, die mit Unterstützung der Deutsche Bahn Stiftung eingestellt wurden.

Rüdiger Grube, Chef von weltweit rund 300.000 Mitarbeitern, wollte wissen, wie Lothar, Matthias, Ronny und das schwangere Mädchen Rutha an den Bahnhof Zoo gekommen waren, wo er sie traf – im Dreck am Bahndamm. Der Zeitplan war eng, also fackelte Grube nicht lange. Er hockte sich hin und fragte nach. Nach Berufen, Familien und Lebensläufen. Nach gescheiterten Therapien und verlorenem Vertrauen. Und erzählte davon, wie er selbst einst gekämpft hatte, als Sohn von geschiedenen Eltern, der in einfachen Verhältnissen aufwuchs. Am Ende des Treffens gab es keine milden Gaben und auch keine Versprechen. Das wäre zu einfach gewesen. Der Bahnchef war gekommen, um Fragen zu stellen.