Literatur

Weggehen um anzukommen

Die Berliner Künstlerin Cornelia Schleime hat ein neues Buch mit Kurzgeschichten geschrieben. Es geht um Reisen, Sex und Tod. Und es ist angereichert mit ihren eigenen Aquarellen und Bildern – denn als Malerin kennt man sie

Diese Stimme. Man klingelt, und kurz danach dringt sie aus der Gegensprechanlage. „Ganz oben“, sagt sie knapp. Eine Frauenstimme, aber tief und rau. Sie klingt nach prallem Leben, nach Rauch, nach dem ein oder anderen Kurzen. Seeräuber Jenny ein Jahr zu lang in der miesen Brechtschen Hafenabsteige. So eine Stimme gehört nicht mehr auf den neuen Prenzlauer Berg. Hier, direkt am Wasserturm, ist alles nett und handgemalt. „Bei uns schmeckt’s lecker“, solche Sätze stehen mit Kreide in Schönschrift auf Schiefertafeln in Cafés. Ein Riesen-Bullerbü ist der neue Prenzlauer Berg. Stimmen aus einer Hafenabsteige passen hier nicht mehr rein.

Sie beobachtet ein kleines Kind. Es wird von den Eltern an der Käsetheke hochgehalten.

Babette, was möchtest du denn für einen Käse?

Aber die kleine Babette kann noch nicht sprechen. Trägt noch Windeln. Die Eltern warten ab, bis ihr Fingerchen irgendwo draufzeigt. Es zeigt auf den Edamer.

Cornelia Schleime hat in ihrem neuen Buch „Das Paradies kann warten“ auch eine Kurzgeschichte über den Prenzlauer Berg geschrieben, das Zitat ist daraus. Ein präziser und wütender Blick auf ihr Viertel, das sich derzeit so unübersehbar der Fortpflanzung hingibt. Dort bahnt sich die alternde Hannelore samt Hündin ihren Weg zwischen den auch nicht gerade taufrischen Spätgebärenden und den männlichen Erzeugern, die die Welt nun schon mit ihrer zweiten oder gar dritten Familie beglücken. Mit ganz frischer väterlicher Begeisterung, das Kind als Jungbrunnen.

„Neues Glück schert sich nicht um die Erinnerung an das alte. Wer könnte hier was bezeugen?“

Solche starken Sätze finden sich immer wieder im Buch. Eigentlich kennt man Cornelia Schleime weniger als Literatin, sondern als Malerin. Ihre Bilder haben sie bekannt gemacht. Sie bewohnt eine Dachgeschosswohnung. Auf der Treppe kommt einem auf dem Weg nach oben Susi entgegen. Susi kläfft freudig. Sie sieht ein bisschen aus wie der Hund aus den „Kleinen Strolchen“, ihr eines Ohr ist abgenickt, was ihr den Weg vom Züchter direkt ins Tierheim einbrachte, wo Cornelia Schleime sie entdeckte. Susi sieht im ersten Moment aus wie der ideale Hund für den Prenzlauer Berg, eine große Kinderfreude. „Guck mal Wauwau.“ Aber da unterschätzt man Susi, denn die meiste Zeit lebt sie nicht in der Großstadt, sondern mit ihrer Besitzerin auf dem Lande bei Neuruppin, wo Cornelia Schleime ihr Atelier eingerichtet hat. Und da geht Susi schon mal auf Jagd und erlegt das ein oder andere Tier. Oder wird selbst gejagt. Vor einiger Zeit hat ein genervtes Pferd sie in den Bauch getreten. Das Landleben blutet und tut weh.

Kiesel und Flug, Feder und Stein. Leben ist Reise. Das Sein, das Werden und das Gehen. Jetzt tat er Letzteres.

Das Sterben spielt eine große Rolle im neuen Buch von Cornelia Schleime. Das Reisen. Und der Sex. Cornelia Schleime steht jetzt oben an der Tür und empfängt. Welche Haarfarbe hat eine Frau mit einer so tiefen Stimme? Man würde denken, dunkel. Sie ist blond. Dass sie gerade ihren 61. Geburtstag gefeiert hat, sieht man ihr nicht an. Dieses Spiel mit Erwartung und – im wörtlichen Sinne – Enttäuschung, mit schönen, scheinbar glatten Oberflächen und den feinen Haarrissen darin, macht ihre Arbeit aus. Porträts von Frauen, Typ Model, die mit klarem, manchmal herrischem Blick den Betrachter direkt anblicken. Frauen, die sich hingeben, an irgendeinen Typen, manchmal auch unter Wert, ein One-Night-Stand, eine kurze Affäre, mehr aus Neugier, aus Verzweiflung oder weil es sich einfach so ergibt. Ein Kater danach, aber die Würde leidet kaum. In ihrem Kern sind diese Frauen unantastbar.

„Mir fehlen heute oft die Ecken und Kanten, die kauzigen Typen, die innere Wahrhaftigkeit, die Brüche.“ Cornelia Schleime hadert mit dem Hier und Jetzt. Die Kurzgeschichten ihres Buches sind belebt von Menschen, die sich ins Leben ins stürzen. Auch auf die Gefahr hin, verletzt zu werden. Eine Weile einsam zu sein. Peinlich aufzutreten. Wer lebt, macht Fehler. „Ich erlebe eine satte Gesellschaft, ohne Selbstzweifel.“ Das sehe sie auch in den Gesichtern vieler Menschen. Etwas Nichtgelebtes. Als Künstlerin liest sie Gesichter. Das ist ihr Beruf.

Was ist das mit dem Reisen? Sie selbst reist auch sehr viel – Afrika, Asien, USA. Griechenland. Italien. „Ich habe auf den Reisen zu mir selbst gefunden“, sagt sie, während wir am langen Tisch unter den Oberlichtern sitzen. Cornelia Schleime raucht viel, auch darin geht sie nicht mit dem Zeitgeist. Es gibt Leitungswasser aus einer exotischen Karaffe, darin schwimmen Blätter der Zitronenmelisse und Zitronenscheiben. 1984 reiste sie für immer aus der DDR aus, ein Land, das zu eng für sie war und in dem sie doch in ungeheurer Radikalität ihre Kunst ausleben konnte. Enge und Freiheit, wer die DDR wirklich kannte, weiß, wie dicht das manchmal sein konnte. Nicht der Sonderkosmos West-Berlin lässt sie in der Welt ankommen, sondern das Reisen ins Weite und Ferne. „Beim Reisen bin ich unschuldig wie ein Kind“, sagt sie. Das sollte man nicht mit naiv gleichsetzen. Nicht die Welt ist unschuldig. Sie hat Bürgerkrieg in Afrika erlebt, üble Ghettos in den USA. Aber ihre Art, auf die Welt zuzugehen, hat eine gewisse Unschuld.

Die Frau im weißen Kleid ist von der Anreise hungrig, kauft sich ein Sandwich, wartet auf das Fährschiff. Um zwanzig Uhr trifft es ein, und sie breitet ihren Schlafsack auf dem Deck aus. Für einen Kabinenplatz reichte das Geld nicht. Es reicht für vieles nicht mehr, aber immerhin konnte sie diese Reise antreten.

Etwas von ihr steckt in vielen ihrer Kurzgeschichten-Figuren, ein erlebter Moment, eine Erinnerung. „Wirklichkeitsfragmente“, nennt sie es selbst. Ein bisschen Wahrheit, ein bisschen Übertreibung, ein bisschen literarische Fantasie. Vor einigen Jahren hat sie schon einmal einen Roman geschrieben, „Weit fort“ hieß der und auch dort steckte manches ihrer Biografie drin. Beim Schreiben macht man sich sichtbarer als beim Malen, obwohl auch manches ihrer sonstigen Kunst biografisch geprägt ist. „Ich bin nicht Hannelore“, sagt sie deshalb auch ganz am Anfang unseres Gespräches. Hannelore, das ist die Frau, die auf dem Prenzlauer Berg mit ihrer Hündin lebt. Nein, sie ist nicht Hannelore. Und ist doch Hannelore.

Träume und Tagträume mischen sich in den Texten mit Realität, die Figuren wissen es manchmal selbst nicht so genau. Mancher muss im Buch Abschied nehmen, Tod und Sterben spielen eine große Rolle. Der Mensch von heute, der glaubt, alles im Griff zu haben, wird das eine Mysterium nie in den Griff bekommen: den eigenen Tod.

Während Cornelia Schleime sich auf der Lehne ihres Sofas drapiert, damit ein Foto für diesen Artikel entstehen kann, knurrt Susi ungehalten unseren Fotografen Reto Klar an, wenn der die Kamera mit dem langen Objektiv hebt. Und wenn es blitzt, dann bellt sie los und will ihn anspringen. „Susi sitz!“ Und dann lockend: „Die Leckerli gibt es nur bei Connie.“ Aber Susi, dieser unbeherrschte Landhund, den es plötzlich in die Großstadt verschlagen hat, ist kaum zu bändigen. Er zerrt und springt, Cornelia Schleime kann ihn kaum halten. „Susi, runter mit dem Arsch!“ Diese Stimme. Ein Bauarbeiter hätte es kaum schöner formuliert.

Cornelia Schleime ist nicht grob. Aber eben auch nicht ätherisch. Oder wie viele West-Künstler verkopft, versponnen in Diskursen, schwadronierend von Ebenen, Zeichen, Fragmenten, Simulation. So viel Theorie, so wenig Leben. Vielen Künstlern, die von der DDR geprägt waren, die sich oft genug an ihr abgearbeitet haben, ist das fremd. Wenn man so will, ist das Proletarische in Form einer Direktheit, Unumwundenheit auf sie und ihre Kunst übergegangen. Einer Künstlerin wie Cornelia Schleime war vieles im Westen fremd, auch das ganze Theater um die Frauenbewegung.

Früher kostete die Liebe nichts. Heute kostet sie mehr. Nach dem Samenerguss wurde geflüchtet. Die Mutter zogen Würmer allein auf. Sie auch.

Und wann schreibt sie? Im Sommer, im Garten. Wenn sie draußen in ihrem Atelier im Ruppiner Land ist, zwischen Himbeersträuchern und Apfelbäumen. Sie braucht den Abstand zu Berlin, um zu arbeiten. Gemalt und geschrieben wird draußen in Brandenburg. Jetzt, wenn der Herbst kommt, fängt sie wieder an zu malen und zu zeichnen. Malen fällt ihr im Sommer schwerer, da lockt die Natur zu stark. Aber beim Schreiben ist Sonne kein Problem, das kann sie im Sommer gut. Im Liegestuhl schreibt sie per Hand in Notizbücher. Abends setzt sie sich dann an den Schreibtisch und überträgt das Geschriebene in den Computer. Dabei machen sich manche Sätze selbstständig, ziehen neue Sätze nach sich.

Cornelia Schleime hat eine Menge gemacht in ihrem Leben – gemalt, gezeichnet, Reisekladden geführt, geschrieben, gefilmt, in einer Punkband gesungen. Für letztes war ihre Stimme ideal.

Das Atelier auf dem Land, die Wohnung in der Stadt. „Ich brauche beides, wie Yin und Yang“, sagt sie.

Warum kommt eigentlich noch so häufig die DDR vor in ihrem Buch, zumindest im Rückspiegel als ferner Bezug? Dieses kleine, enge und oft engherzige Land, lässt es sie nicht los? Alle ihre Bilder musste sie damals zurücklassen als sie nach West-Berlin rübermachte. Die DDR erlaubte ihr kaum etwas mitzunehmen. Cornelia Schleime schaut irritiert, greift sich ihr Exemplar vom Buch. Nein, so häufig komme die DDR doch gar nicht vor. Blätternd geht sie durch die einzelnen Kapitel „Die Pralinenfrau“, die Geschichte eines Autors mit Schreibhemmung, der auf eine sehr erotische übergewichtige Frau trifft und sich in eine üppige Liebesnacht mit ihr stürzt, sei doch total zeitlos. „Daheim“, ein Mann, der seine eigene Wohnung nicht mehr findet, liest sich wie ein surrealer Traum. Könnte überall und nirgends sein.

Aber dann sprechen wir über „Das weiße Kleid“. Eine Frau auf einer Reise in Griechenland. Sie hat sich extra ein weißes Kleid für den Urlaub gekauft, in einem Edel-Secondhand am Ku´damm. Dabei ist das Geld knapp, aber so viel Luxus muss sein. Ein leichter Text, von leichter Hand. Ja, die DDR kommt vor, mit hingeworfenen Pinselstrichen. Im Vorübergehen.

In Petras ist das Meer eine smaragdgrüne Fläche von unendlicher Weite. Sie erinnert sich an jeden Urlaube an der Ostsee, wo das Meer nichts weiter als ein Wasserstreifen war, der sie von der Freiheit trennte.

Am Ende dieser Kurzgeschichte wird die Frau im weißen Kleid auf das Mittelmeer schauen, ohne an so etwas wie eine DDR zu denken. Nur Meer, wunderbares Meer. Sie ist in der Welt angekommen. Cornelia Schleime sieht schon lange das Meer.

Cornelia Schleime: Das Paradies kann warten, 188 Seiten, Fuchs & Fuchs, 15,99 Euro