Porträt

Sie nahmen ihm den Titel

Im Juni 1933 wird Johann Trollmann in Berlin Deutscher Meister im Halbschwergewicht. Doch er ist Sinto. Der Titel wird ihm aberkannt. Eine Spurensuche mit der Romanschriftstellerin Stephanie Bart

Da steht also diese kleine, zierliche Frau Ende vierzig vor dem Gebäude Neue Welt an der Hasenheide und will einem was vom Boxen erzählen. Ein Araber daneben meinte noch „Willst du guten Stoff haben?“ und hat pantomimisch das Rauchen eines Joints nachgeahmt. Irgendwas stimmt hier nicht an diesem Nachmittag unter der Woche in Neukölln. Gras nennt man nicht Stoff und im Boxen, so die landläufige Meinung, kennen sich zierliche Frauen auch nicht aus.

Von wegen. Stephanie Bart ist Boxexpertin. Sie hat ein Buch über den Boxer Johann „Rukeli“ Trollmann geschrieben. Es heißt: „Deutscher Meister“ (Hoffmann und Campe, 22 Euro). Wenn Stephanie Bart über das Boxen spricht, schwingt da eine Begeisterung mit, von der man zunächst – weil man so saublöd ist, und Menschen erst mal äußerlich bewertet – wahnsinnig überrascht ist.

„Die Schönheit des Boxens hängt auch sehr von der Paarung ab. Das ist wie beim Sex. Die einen können was miteinander anfangen, und andere können es einfach nicht.“ Das ist ein Satz, der sitzt wie ein überraschender Uppercut, der das Kinn des Gegners trifft, seinen Kopf nach hinten wirft, und den Getroffenen so gen Himmel blicken lässt. Stephanie Bart sagt lauter solche richtig guten Sätze. Und vor allen Dingen schreibt sie sie auch auf.

Auf 382 Seiten erzählt sie also die Geschichte von diesem Trollmann. Nicht seine Ganze, sondern nur die seiner Boxkarriere. Trollmann war ein 1907 in Niedersachsen geborener Sinto. Erst boxt er in Hannover, kommt schließlich nach Berlin. Am 9. Juni 1933 wird Trollmann, nach seinem letzten großen Kampf, Deutscher Meister im Halbschwergewicht. Zunächst. Ihm wird sein Titel wegen „armseligen Verhaltens“ aberkannt. Die Nazis, die den Boxverband genauso wie die Gesellschaft, wie überhaupt jede verdammte Organisation wie ein Schimmelpilz mit ihren Sporen über- und durchziehen, machen Druck. Ein „Zigeuner“ kann kein deutscher Meister werden, urteilt die Nazi-Gesellschaft damals und setzt sich durch. Und geht noch viel weiter. Trollmann stirbt 1944 im KZ-Außenlager Wittenberge. Er wird ermordet. Von einem Kapo. Mit einem Knüppel wie ein Tier erschlagen.

Trollmanns Kämpfe sind vor allen Dingen auch Kämpfe für eine Sache. Wenn er da also gegen Adolf Witt Deutscher Meister wird, dann ist das ein Sieg des „Zigeuners“ Trollmann über den strammen Deutschen mit dem gleichen Vornamen, wie der des Führers. Jeder von Trollmanns Kämpfen ist, ob er es wollte oder nicht, ein politischer Kampf. „Trollmann sah sich als Boxer“, sagt Frau Bart jetzt. Aber selbst, wenn für Trollmann die Sinto-Identität nicht so wichtig war wie seine Identität als Boxer, beim Kämpfen wird er von den Nazis darauf reduziert. Das Publikum liebt ihn aber für seine eigensinnige Art zu boxen.

Stephanie Bart beschreibt die Kämpfe wie eine Wahnsinnige im Rausch. „Witts Schädel wurde in Schlagrichtung gerissen, Trollmann sprang rückwärts weg. Witt hechtete sofort hinterher mit einer Geraden, die Trollmann nicht erreichte. Trollmann schwang im Sprung die Beine weit nach hinten, stieß sich nach vorne ab und schlug dabei eine gerade Rechte an Witts Stirn, Witt wich zurück, und Trollmann schlug noch einmal genau die gleiche hinterher, und noch eine, und alle drei trafen, und nach der dritten wusste Witt nicht, wo er war.“ Barts Sprache ist dabei einfach, uneitel, so wie sie in ihrem Auftreten, aber eben nicht schüchtern. Sie haut sprachlich drauf und lässt so ihren Boxer, den Trollmann, draufhauen. Wie Maschinengewehrfeuer prasseln seine Schläge auf den Gegner nieder, und am Ende fühlt man sich wie der Gegner Witt, man weiß nicht mehr, wo man ist. Zwischen den Runden taucht ein Berlin zwischen Weimarer Zeit und der furchtbaren Nazi-Diktatur auf. Ein Berlin zwischen Himmel und Hölle, zwischen Wunsch- und Albtraum.

Die Neue Welt war jedenfalls ein Ort zum Boxen. Trollmann selber hat hier gekämpft. Deswegen starten wir hier den Rundgang von Neukölln nach Kreuzberg. An den Wirkungs- und Erinnerungsorten für den Boxer Trollmann vorbeiziehend.

Wir sprechen über die Pseudoprominenz (Uschi Glas) an den heutigen Ringen, über die Klitschkos („uninteressant für mich vom Stil“) und über Barts Boxunterricht. Drei Stunden hat sie mal geboxt als Recherche. „Ich habe nie richtig gekämpft“, sagt sie, ihr Fahrrad neben sich herschiebend, die Hasenheide hinunter gehend in Richtung Marheinekeplatz, da wo heute ein Denkmal für Trollmann steht. Die ehemalige Turnhalle der Rosegger-Grundschule wurde in Johann Trollmann Boxcamp unbenannt. Eine Tafel steht davor. Es zeigt den jungen Trollmann mit seinen 71 Kilogramm. Ein wahnsinnig schöner Mann. Mit geballten Fäusten in Boxhandschuhen. Tiefen Augen. Blumen sind mit Klebeband an der Tafel befestigt.

„Trollmann hat hier nie geboxt. Aber früher war das mal eine Boxhalle. Der Parkettfußboden ist immer noch erhalten. Das ist kein Trollmannort, sondern ein Trollmannerinnerungsort.“ Eine Frau aus der Nachbarschaft kommt vorbei. „Sind Sie von der Familie?“, fragt sie. „Hätte ja sein können“, sagt sie, nachdem klar ist, das ist die Autorin eines Romans, das der Reporter und das der Fotograf. Es werde ja viel zu wenig für Trollmann getan, sagt die Frau auch noch. Sie erkundigt sich nach Lesung und Buch von Stephanie Bart. „Danke“, sagt sie beim Gehen und „ich bin ja eigentlich in Eile“. Für die Eile aber hat sie sich lange Zeit genommen. Bestimmt zehn Minuten standen wir mit der Nachbarin aus Kreuzberg da. Trollmann lebt auch heute noch weiter. Auch wenn viel zu wenige von ihm wissen.

Vor vier Jahren wurde ein Stolperstein für Trollmann in der Fidicinstraße eingelassen. „Hier boxte/ Johann „Rukeli“/ Trollmann/ JG. 1907/ 1933 Deutscher Meister/ Halbschwergewicht/ 1942 KZ Neuengamme/ Erschlagen 1944/ KZ Wittenberge“, steht darauf. Ein Leben und Sterben in wenigen Zeilen in Messing eingraviert auf dem Fußboden. Es ist eine stille Ehrerweisung. Im Stolpern darüber, im Innehalten, im Reflektieren, kommt man Trollmann näher. Noch näher kommt man ihm nur durch Stephanie Barts Roman. Jedenfalls erfuhr Stephanie Bart durch diesen Stolperstein erst von Trollmann und begann mit der Recherche. Im Rummel an der Fidicinstraße, der steht damals neben der Bockbrauerei. Ein echter Rummel, mit Buden, mit Fahrgeschäften und eben mit einem Ring. Da wird Trollmann erst Deutscher Meister, und dann verliert er seinen Titel acht Tage später. Heute steht dort, wo Trollmann einst boxte, ein Altersheim.

Einiges wissen wir jetzt schon über Trollmann. Über die Gegend hier. Aber über Bart wissen wir noch gar nichts. Sie wird 1965 in Esslingen am Neckar geboren. Studiert Ethnologie und Politik in Hamburg. 2001 zieht sie nach Berlin-Friedrichshain. „In Hamburg, da haben einen die Leute so gemustert, und dann entschieden, was sie von dir halten. Als ich nach Berlin gekommen bin, war das anders. Hier wurde man unabhängig vom Kleidungsstil akzeptiert.“ Nebenjobs hat sie gehabt. In Hamburg arbeitete sie zum Beispiel an der Garderobe vom Thalia-Theater. In Berlin fängt Bart mit dem Rikscha-Fahren an. Zehn Jahre lang hat sie das gemacht. Touristen hat sie gefahren. Aber auch Berliner, die sich mal „was Gutes gönnen wollten“.

In Berlin fängt sie auch richtig mit dem Schreiben an. Vorher hat sie nur, das nennt sie wirklich so, rumgeschrieben. Seit sie in Berlin ist aber eben richtig. Das kann mit dem sanfteren Druck, der Leben heißt, zu tun haben. Im Gegensatz zu Hamburg bezahlt sie in Berlin nur die Hälfte der Miete – und hat trotzdem viel mehr Raum.

Eine Freundin hat sie noch gewarnt vor Berlin. „Die sind dort alle unfreundlich“, hat sie gesagt. „Besonders die Busfahrer. Rede niemals mit einem Busfahrer.“ Tolle Freundin! Sie lag zum Glück falsch. Bei ihrer ersten Berliner Busfahrt, nachts ist das, Stephanie Bart will heim, weiß aber nicht mehr wie und wo, sie fragt also den Busfahrer. Und er, er ist der freundlichste Busfahrer der Welt. Er erklärt ihr den Weg. „Er hätte fast seine Stammstrecke verlassen und mich vor der Wohnungstür abgesetzt, so hilfsbereit und nett war der“, erinnert sich Bart. Ein Hoch also auf den Berliner Busfahrer, der jeden Tag durch die Straßen zirkelt, vorbei an den Transportern in der Oranienstraße und an den Hupern, die schlimmen Fahrgäste ignorierend.

Jedenfalls veröffentlicht Bart in Literaturmagazinen. 2009 ihren ersten Roman „Goodbye Bismarck“. Bart lebt immer auf kleinem Fuß. Hier ein Literaturstipendium, da ein anderes. Dann eben noch Rikscha-Fahren, bis Barth das Stipendium des Deutschen Literaturfonds bekommt und sich ganz auf das Schreiben konzentrieren kann. Verhungert ist sie nicht, aber eine Hungerkünstlerin, das war sie wohl.

Trollmanns Stil gilt damals als undeutsch. Weil Trollmann nicht den schweren, trägen Arier gibt, der nur aus Muskelmasse und Ausdauer besteht. Trollmann ist primär ein Künstler und erst dann Boxer. „Er hätte alles werden können mit seinem Charisma, Sänger, Schauspieler, alles. Aber er wurde Boxer und unterhielt so die Leute.“ Bart schwärmt von seinen tänzelnden Bewegungen, von seinem Charme, von seinem Witz. Trollmann schneidet Grimassen im Ring, er überzeugt nicht nur durch harte Schläge, sondern vor allen Dingen durch Antizipation. Durch das Vorhersagen der gegnerischen Schläge, durch das Wegducken davon, und durch das flinke Kontern. Bei seinem letzten Kampf, es ist ein Schaukampf, er muss ihn verlieren, pudert sich der dunkle Trollmann weiß, seine Haare sind blond und nicht mehr schwarz, er erhebt den rechten Arm zum Hitlergruß. Er spielt den Arier. Den Arier, der wegen seiner Trägheit zusammengehauen wird. In seinem letzten Kampf erhebt sich Trollmann über das Regime und geht trotzdem zu Boden. Die anderen Trollmann-Kämpfe, die echten, müssen wie ein Ballett gewesen sein. Anmutig, feingliedrig, erhaben. Als Kind geht Stephanie Bart auch zum Ballett, vielleicht kommt daher die Begeisterung, das Verständnis vom Eros dieses männlichen Sportes.

Wir sind am Ende der Tour. Wir stehen immer noch am Stolperstein. Enkelkinder besuchen ihre Großeltern und schmiegen sich an sie auf dem grünen Gras der weiten Wiese vor dem Altersheim. Der derzeit bestbezahlte Sportler der Welt ist ein Boxer. Floyd Mayweather bekommt nach Angaben des Forbes Magazine jährlich 78 Millionen Euro. Für seine nächsten Kämpfe verlangt er eine Viertel Milliarde. Ohne von der Mainstreamgesellschaft wahrgenommen geworden zu sein, hat sich ein schwarzer Junge aus ärmlichen, aus prekären und gewaltvollen Verhältnissen an die Spitze hochgeboxt.

Das gibt Hoffnung diese Tage, in denen die Welt in Ferguson zu explodieren droht. In denen schwarz und weiß auf einmal wieder über Tod und Leben entscheiden, wie schon lange nicht mehr.

Der deutsche Meister 1933 heißt Johann Wilhelm Trollmann. Er wurde im KZ ermordet. Sie haben ihm sein Leben und seine Karriere genommen. Aber er ist für immer deutscher Meister. Und dank Stephanie Bart werden wir noch lange davon reden.

Die Buchpremiere ist am 10.9.2014 um 19.00 Uhr in der Galerie Kai Dikhas, Prinzenstraße 85d. Der Eintritt ist frei. Anmeldung bis 3. September unter presseassistenz@hoca.de