Nahverkehr

Fahr mal wieder, U-Bahn!

Während sich Bärlinde durch den Untergrund fräst, wird in Mitte mit dem U-Bahnhof Unter den Linden ein Mammutprojekt realisiert. Was kommt da auf uns zu? Eine Inspektion

Eine Preußische Uniform, weißgraue Locken einer Perücke unter einem Dreispitz, ein Mann hat es sich auf einer Bank im S-Bahnhof Brandenburger Tor bequem gemacht. Vorbeiziehende Touristen starren ihn an, tuscheln. Und als könne er die Verwunderung nicht verstehen, grinst er zurück. Wo sonst sollte er sitzen, wenn nicht auf dem Bahnhof des Brandenburger Tors, jenem Wahrzeichen, das schon Napoleon durchquerte. Welten treffen an diesem Ort aufeinander. Rein optisch lässt sich das vor allem seit dem Jahr 2009, mit der Eröffnung des neuen U-Bahnhofs, nicht mehr verleugnen. Nostalgie trifft nun auf Moderne. Ein ansehnlicher Kontrast, der nicht zuletzt dem federführenden Architekten Axel Oestreich zu verdanken ist.

Der gebürtige Münchner hat neben dem U-Bahnhof Brandenburger Tor bereits den Bahnhof Gesundbrunnen gestaltet und mehrere Berliner Bahnhöfe saniert. Seit zwanzig Jahren beschäftigt ihn ein Mammutprojekt: der neue Bahnhof Unter den Linden. Ab dem Jahr 2019 soll er an der Kreuzung Friedrichstraße und Unter den Linden den alten U-Bahnhof Französische Straße als Kreuzungsbahnhof ersetzen. Unter den Linden? Für Altberliner könnte das zu Verwirrungen führen, denn vor fünf Jahren war die Station Brandenburger Tor noch unter diesem Namen bekannt.

Bis 2019 bleibt genügend Zeit zur Gewöhnung. Detailliert ausgeplante 3D-Grafiken lassen den Bahnhof heute schon real erscheinen. Und spätestens seit der monatelangen Sperrung des U-Bahnhofs Französische Straße ist es für jeden Passanten offensichtlich: Da entsteht was Großes. Doch nicht nur der Bau selbst stellt eine Herausforderung dar, sondern auch seine Gestaltung.

Architekten müssen vor allem ihren Bauherren zufriedenstellen. Doch sollten sie öffentlichen Raum nicht in erster Linie für die breite Masse gestalten? Der Berliner ist es gewohnt, viel Zeit auf den städtischen Bahnhöfen zu verbringen. Schneechaos, Unfälle und lange Wege in der größten Stadt Deutschlands machen aus den Reisenden allzu häufig Wartende. Zusätzlich strapaziert wird die Geduld, wenn gewisse Bahnhöfe einen regelrechten in die Flucht treiben: unüberblickbare, verschachtelte Wege, mit Graffiti beschmierte Wände und eine insgesamt ungemütliche Atmosphäre.

Dem Architekten Oestreich ist es wichtig, dass die vielen Pendler, Touristen und Flaneure den zukünftigen Bahnhof gern passieren. Ihn als angenehmen Hinweis wahrnehmen, ein Stück ihrer täglichen Route bereits hinter sich gebracht zu haben. Doch keine Zielgruppenanalyse oder Milieustudie gibt Auskunft darüber, in welchem Umfeld der normale Mensch Wartezeiten in bester Laune übersteht. Und wie schafft man es, im Zeitalter der schnellen Trends, langfristig etwas ästhetisch Bleibendes zu schaffen?

Mehr oder minder nützliche Orientierung bieten die Arbeiten der Vorgänger Oestreichs. In der Vergangenheit prägten vornehmlich zwei Architekten die Berliner Bahnhofsarchitektur, mit unterschiedlichen Herangehensweisen. Rainer G. Rümmler sah jeden Bahnhof als ein Einzelstück. Er schliff aus ihnen eine Sammlung eigenwilliger Edelsteine, deren Funkeln gleichermaßen fasziniert und blendet. Bunte Mosaikwelten wie die U-Bahnhöfe Lindauer Allee oder der Franz-Neumann-Platz auf der Linie U8 entsprachen ebenso seinem Stil wie der mit Norwegischen Flaggen getäfelte Bahnhof Osloer Straße. Letzterer hüllt sich heute in einen dauerhaften Schmutzschleier, den auch eine Sanierung nur kurzfristig beseitigte. Die ersten Verkehrsbauprojekte von Axel Oestreich für das Land Berlin liefen unter der Oberleitung des damaligen Chefarchitekten Rainer G. Rümmler, der gerne an den Entwürfen in seinem Sinne herumkorrigierte.

Einen Wiedererkennungswert schaffen die extrovertierten Kreationen allemal, wie der U-Bahnhof Zoologischer Garten der U9 zeigt. Unproportionierte Nilpferde zieren hier neben Walen und Antilopen die Wände. Es besteht kein Zweifel, wer hier oberhalb des Erdreichs haust. In den 80er-Jahren wurde Kritik an der pompösen Gestaltung laut. Sie überlagere die eigentlichen Funktionen eines Bahnhofs, Reisende unkompliziert von A nach B zu bringen. Pragmatisch urteilte der damalige Bausenator Wolfgang Nagel, die bunte Welt Rümmlers als „nicht jedermanns Sache“ ab.

Experimente mit Farben und Formen, wie sie aktuell in Dubai in Form von „Sheth Tower“ und Co. stattfinden, kommen für Axel Oestreich und Unter den Linden nicht Frage: „Über einen Witz lacht man einmal, aber nicht zweimal oder dreimal. Und wenn Architektur zum Witz wird, dann wird es irgendwann peinlich und aufdringlich.“Der Bahnhof Zoo müsse aber dennoch unangetastet bleiben. Ein Stück Zeitgeist gehöre auch in der Architektur unter Denkmalschutz, sagt Oestreich. Aktuelle Sanierungspläne der Bahn sehen unter anderem eine Modernisierung von Teilen des Empfangsgebäudes vor.

Das Gegenstück zu Rainer G. Rümmler war Alfred Grenander. Der Schwede gestaltete ab dem Jahr 1900 einige Bahnhöfe in Berlin. Als zusammenhängende Arbeiten sollten sie ein Gesamtkunstwerk bilden. Um optisch auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, war eine reduziertere Gestaltung als die von Rainer G. Rümmler notwendig. Alfred Grenander verband Stahlkonstruktionen mit Jugendstilelementen, ohne sich in verspielten Details zu verlieren.

Sachlich und kühl wirken heute einige seiner Arbeiten. Etwa der Bahnhof Alexanderplatz mit seinen lindgrünen Wandfliesen, die an das grüne Patina alter Denkmäler erinnern. Der Architekt dachte jedem seiner Bahnhöfe eine eigene „Kennfarbe“ zu. Opulenz erzeugte Alfred Grenander anders als sein Kollege nicht durch laute Farbkonzepte, sondern architektonisches Geschick. So erzeugen hohe, gewölbte Decken in den Bahnhöfen Märkisches Museum und Klosterstraße ein Gefühl von Raum unter der Erde.

Axel Oestreich tritt mit seinem Entwurf für Unter den Linden in die Fußstapfen des Altmeisters. Sein Rezept gegen kurzlebige Trends und Stilblüten: ein zeitloses Design. „Wir versuchen, handwerklich materiell hochwertig zu arbeiten und gleichzeitig so zeitlos wie möglich. Zeitlos, das bedeutet, es einfach halten.“ Einen Vorgeschmack auf Axel Oestreichs Vision von Unter den Linden gibt bereits heute ein paar Meter von der Großbaustelle entfernt. Der U-Bahnhof Brandenburger Tor der Linie U55 ist auf Grund der vielen gestalterischen Parallelen der Schwesterbahnhof von Unter den Linden. Geplant war das so nicht.

Im Jahr 2007 übernahm das Büro Ingrid Hentschel-Axel Oestreich das Projekt kurzfristig von der Bauabteilung der BVG. Der Arbeitsauftrag für das erfahrene Architekten-Duo lautete: eine schnelle Neugestaltung des bereits fertiggestellten Rohbaus bei laufender Baustelle. Die sogenannte Kanzler-U-Bahn, die Linie U55, sollte nach einer Reihe finanzieller und baulicher Probleme endlich ins Rollen kommen. Dem Zeitdruck geschuldet, konnte das Team den U-Bahnhof nicht von Grund auf neu entwerfen. Also griff man auf einen bereits fertigen Entwurf von Unter den Linden aus dem Jahr 2002 zurück und baute Brandenburger Tor als eine kleinere Version.

Zwei Jahre später fand die Eröffnung statt. Heute, im Jahr 2014, tummeln sich dort Berliner, Touristen und Diplomaten. Ein paar Meter entfernt von den abgetretenen, schmalen Treppen, die vom Pariser Platz hinabführen, wird es plötzlich sehr makellos. Als wäre der Neubau mit Teflon beschichtet, scheinen Schmutz, Müll und Eckenpinkler an ihm abzuperlen. Zeitlosigkeit, die niemals ein Alter verraten soll, zeichnet Axel Oestreichs Arbeit aus. Für seine Entwürfe greift er explizit auf Materialien zurück, denen nicht nur die Zeit, sondern vor allem der Mensch nichts anhaben kann. „Ich muss mir überlegen, wie ich Putzspuren in ein Gestaltungskonzept integrieren kann, damit nach einer Graffitiattacke nicht das ganze Objekt hin ist.“ Seltsam offiziell wirkt der neue U-Bahnhof, als würde die Kanzlerin ein Stockwerk tiefer persönlich zum Einsteigen bitten.

Für einen Bahnhofscharakter sorgt Axel Oestreich auf seine Weise. Menschen gehen zur Rolltreppe, biegen um die Ecke, hinunter zu den Gleisen und touchieren dabei mit Händen und Mänteln eines der liebsten Details des Bahnhofsarchitekten. Die abgerundeten Ecken aus Muschelkalk an den Pfeilern und Wanddecken wirken auf den ersten Blick unscheinbar und verfehlen doch nicht ihre Wirkung: „Durch ihre abgerundete Form haben sie jetzt schon eine Weichheit, die sich normalerweise erst nach 80 Jahren Abrieb ergeben hätte. Keiner nimmt das so bewusst wahr, aber jeder fasst es eigentlich ganz gern an, wenn er um die Ecke geht.“ Für Axel Oestreich gilt als gelungen, was nicht sofort ins Auge springt. So ist es keine Überraschung, dass sogar der Kiosk hinter einer Glaswand wie ein bewusst platziertes Designelement wirkt – wider seine Natur, diskret und aufgeräumt.

Die lange Rolltreppe führt hinunter zum Bahnsteig. Geschichtsträchtige Zitate von Willy Brandt und Walter Ulbricht stehen auf den von der Decke hängenden Kästen. Die Geschichte lebt im Neugeschaffenen fort. Ebenso an den Wänden des Gleisbetts, wo sonst Werbung die Wand ziert. Beleuchtete Glastafeln zeigen die Berliner Geschichte von 1791 bis 1989 in Texten und Bildern. Touristen lassen ein paar U-Bahnen ziehen, um sich alle Tafeln ansehen zu können. Am neuen Bahnhof Unter den Linden werden bewegte Bilder auf großen Flachbildschirmen Reisende bei Laune halten – das Thema lautet: Bahnhof der Wissenschaften.Die anliegende Humboldt-Universität zu Berlin wird die Informationsausstellung fachlich betreuen und als Aushängeschild für ihre Arbeit nutzen.

In der Luft liegt der typische U-Bahn-Duft, eine Mischung aus Stein und Undefinierbarem. Er wohnt in den Tunneln und wird mit der Bahn von einem zum nächsten Bahnhof getragen. Doch etwas fehlt. Als ständige Begleiter und rustikale Spezialität der Berliner U-Bahn-Kultur gelten die Ausdünstungen von Döner- und Currywurstbuden. In Axel Oestreichs Entwürfen haben die jedoch keinen Platz. Zu penetrant sei der Geruch von Zwiebeln und altem Frittierfett, der mittlerweile jeden Verkehrsbau für sich eingenommen habe. Nur, weil das Geld bringe. Stattdessen wird es auf dem Bahnsteig der U6 „Non-Food-Shops“ geben. Auf einen Kaffee zum Mitnehmen muss aber niemand verzichten. Den wird es auf der Ebene der U5 geben. In einem gläsernen Würfel, der sich zurückhaltend in das Gesamtbild einfügt. Eine Lichtdecke aus Leuchtfliesen erweckt den Eindruck, Tageslicht dringe durch die milchigen Quadrate. Während sie hier die niedrige Decke kaschieren, werden sie am Bahnhof Unter den Linden aus den etwa zehn Metern Höhe den opulenten Bau ausleuchten. Bisher führt der Blick in den Tunnel, der eines Tages die Schwesternbahnhöfe verbinden wird, in die dunkle Leere.

Der preußische Offizier vom Brandenburger Tor muss sich bis zur Weiterfahrt wohl noch etwas gedulden. Aber Axel Oestreich ist ambitioniert, den Eröffnungstermin will er einhalten.