Zeitgeschichte

Guten Tag, schöne Frau!

Er plauderte über Butterstullen und lustige Witwen: Der amerikanische Journalist Henry F. Urban erzählte im Jahr 1911 aus dem Berlin der Kaiserzeit. Jetzt erscheinen seine Beobachtungen als Buch. Wir drucken Auszüge

Über die Schönheit der Berlinerinnen

Es ist oft erörtert worden, ob die Berlinerin eine Erscheinung für sich sei, die ihre bestimmten Merkmale habe. Sie ist das ohne alle Zweifel, genau wie der Berliner. Vor der Verheiratung ist sie ein schlankes und doch angenehm gerundetes Mädchen von frischer, gesunder Gesichtsfarbe, mit lustigen, hellen oder braunen Augen, feiner, etwas stumpfer Nase, einem kleinen, roten Mund mit merkwürdig geschürzter Oberlippe, wie man sie bei Kindern findet, mit hellem oder dunklem Haar, das ihr meist lose und strähnig um den Kopf weht. Darauf achtet sie nicht sonderlich, obgleich nichts so wichtig für den günstigen Eindruck gerade eines hübschen Mädchengesichts ist wie die Frisur. Sie ist darin natürlicher – oder soll ich sagen sorgloser? – als die New Yorkerin. Überdies – Brillantine, die Büchse zu 1,50 M., ist für unbemittelte Mädchen etwas teuer. So mancher genügt es schon, wenn sie mit einem künstlichen Zopf prunkt, der für 2 M. das Meter zu haben ist. Auch in ihrer Kleidung ist sie unendlich bescheidener als die New Yorkerin, vor allem, weil sie nicht über so viel Mittel verfügt wie diese oder über einen so freigebigen Vater. Der amerikanische Vater betrachtet es als eine seiner größten Vaterfreuden, das Töchterchen so kokett wie möglich herauszuputzen, selbst dann, wenn er nicht begütert ist. Wie ganz anders geartet ist der Berliner Vater! Er hat eine gesunde Abneigung gegen den teuren Putz, und Mama und das Töchterchen selber teilen nicht selten diese Abneigung. Die altpreußische Einfachheit lebt auch in Berlin noch, wie ich schon bemerkte. Und diese kleine Berlinerin ist immer vergnügt, immer bereit, das Leben auch mit wenigem zu genießen. Auch darin trennt sie wieder ein Abgrund von der New Yorkerin mit ihren oft maßlosen Ansprüchen. Zur Sommerszeit kann man sie überall beobachten, wie sie bei einem Glase Bier, einer Tasse Kaffee, einem belegten Butterbrot oder einem Stück Kuchen unter grünen Bäumen sitzt, mit Vater und Mutter, oder noch lieber mit ihrem Justav oder Karl, und glücklich ist, vollkommen glücklich, im „besseren Kleid“ ebenso wie im billigen „Fähnchen“, als Tochter aus bemittelter Familie ebenso wie als Verkäuferin oder Schreibmaschinistin oder Arbeiterin.

Der Berliner und das Essen

Dem Berliner merkt man auf hundert Schritt an, was für ein Gourmand er ist. Das Essen und das Trinken spielt in seinem täglichen Leben eine ganz bedeutende Rolle. Er fürchtet, wie es scheint, einen leeren Magen und sonst nichts auf der Welt. Hin und wieder begegne ich Leuten (keineswegs einfachen Leuten), die vormittags im Straßenbahnwagen mit feierlichem Ernst ein belegtes Butterbrot aus der Tasche holen, es mit feierlichem Ernst aus der Hülle lösen und mit ebenso feierlichem Ernst verzehren, während die Krümel neckisch an der Brust oder am Busen herunterrieseln. Die andern sehen dem Esser andächtig zu und preisen ihn innerlich glücklich. Wenn eine vormittags nach Potsdam fährt, so holt er hinter Steglitz sein Frühstück heraus. Irgendwo in seinem Anzug scheint der Berliner eine Tasche zu haben, in der immer eine belegte „Stulle“ sitzt, zum Schutz vor dem Hungertode. Dergleichen wird man in New York nie sehen. Ein im Straßenbahnwagen frühstückender Mensch würde ein Panoptikum-Angebot erhalten. Und überall, selbst auf einem Stadtbahnhof oder Vorortbahnhof, steht ein schäumendes Glas Bier bereit, um den Berliner vor dem gleich grässlichen Tode des Verdurstens zu schützen. Bis ins Theater hinein verfolgt ihn diese Angst vor dem leeren Magen. Er genießt im Opernhaus sein Butterbrot, teils mit „Mignon“ belegt, teils mit Schlackwurst, und spült beides mit Bier hinunter.

Die Kost des Berliners ist schwer und die allergeeignetste, um beleibt zu machen. Er liebt dicke Suppen und Kartoffeln und Sahnesaucen und fette Gemüse und Wurst und alle die hundert Delikatessen, die die Kurverwaltung von Marienbad segnet, und dazu Bier und nochmals Bier. Nicht zu vergessen die hundert Kuchen und die Schokolade und die Schlagsahne. Hinzu tritt dann die angeborene Gemächlichkeit, und die Folge ist, dass der schönste Berliner Ende der Dreißiger oder Anfang der Vierziger verfettet oder mindestens verbaucht. (...) Und nicht viel später hängt hinten am Hals über dem Kragen eine Speckfalte. Daher sind die schönsten Berliner die Soldaten und die Offiziere – weil sie mäßig essen und das Gegessene durch reichliche Bewegung verdauen. Man beachte die Wache, wenn sie die Straße Unter den Linden heraufmarschiert, und vergleiche mit ihnen die Zivilisten auf dem Bürgersteig. Welch ein Unterschied!

Berliner Witwen und ihre Bälle

Jede Weltstadt ist voll von Witwen. (...) Da waren ferner große Witwen mit großen Händen und Füßen, kleine Witwen mit kleinen Händen und Füßen, eckige Witwen und runde Witwen, Witwen mit breiten „Talljen“ und mit schmalen, blonde, brünette, schwarze. Eine hatte ihre Bluse nicht zugeknöpft, weil ach! der Gute nicht mehr war, der fluchend vergeblich mit dem Haken die dazugehörige Öse zu erwischen versucht hatte. Oder war es eine Art höchst raffinierter Anzeige, die den anwesenden Herren verkünden sollte: „Gesucht per sofort ein besserer Ehemann mit etwas Vermögen, der nachweislich firmer Blusenzumacher ist“? Eine Witwe mit traurigen Augen, noch feucht von den letzten Tränen um den Verblichenen, saß etwas abseits ganz allein vor einem „Glase Helles“, an dem sie sparsam nippte. Keiner kam. So öffnete sie ihre Handtasche und entnahm aus den dunklen Tiefen irgendetwas, das sie verstohlen in den Mund steckte und kaute. Das musste einem rauen Mann das Herz gerührt haben: Er trat tiefernst auf sie zu, ließ den dicken, großen Kopf mit einem Ruck auf das harte Oberhemd fallen und riss ihn wieder nach oben. Sie klappte mit glücklichem Lächeln die Tasche zu, schluckte das letzte Häppchen auf einmal hin- unter und segelte in die Tanzenden hinein.

Die Berliner Kaffeehauskultur

Und die Cafés! Ich halte das Café schlankweg für einen Kulturbeweis. (...) Für mich hat ein europäisches Café sogar etwas von einem Theater, und wer Sinn für Humor hat, wird dort ganze Possen oder Schwänke erleben oder wie in einem Kinematographen-Theater die drolligsten Figuren an sich vorüberziehen sehen. Ich setze mich in eine Sofaecke, bestelle mir meinen Kaffee, zünde mir eine Zigarette an, und die Vorstellung beginnt. Da erscheinen die beiden alten Damen, die den Besuch des Cafés als das Ereignis des Tages behandeln. Nachdem ihnen der „Ober“ aus den Mänteln geholfen hat, setzen sie sich behutsam immer an denselben Tisch. Dann ziehen sie ihre Handschuhe aus, die sie feierlich in die Handtasche tun, dann nehmen sie dicke Wattepfropfen aus den Ohren, die sie ebenfalls feierlich in die Handtasche tun, dann entnehmen sie der Handtasche ihre Brillen, die sie bedächtig putzen und aufsetzen, und nun vertiefen sie sich in „Gartenlaube“ und „Fliegende Blätter“. Oder die Börsenleute kommen und geraten sich über ihre jüngsten Spekulationen in die wenigen noch vorhandenen Haare. Oder Schauspieler erzählen von ihren beispiellosen Triumphen und der erschrecklich überhandnehmenden Dummheit der Theater-Kritiker. Oder getreue Freundinnen haben heftige Auseinandersetzungen darüber, welche von ihnen den besten Mann habe. Die zuerst nach Hause geht – deren Mann ergeht es bitter schlecht. „Na, was die sich einbildet – neulich komme ich zu Siechen. Wer sitzt da mit einer hübschen Blondine in einer Ecke? – Ihr Hugo. Mit dem kann sie och keene Torte verzieren!“ Und einmal bin ich sogar von einer entrüsteten Frau, die von den andern als „fett“ bezeichnet worden war, zum Sachverständigen ernannt worden, ob sie die Bezeichnung wirklich verdiene. Welch herzerquickende Gemütlichkeit herrscht in so einem Café!

Der Luna-Park

Am Kurfürstendamm bestiegen wir eine Elektrische, und ich versprach ihm als Krone seiner amerikanischen Erlebnisse einen echt amerikanischen Abend. An den Terrassen am Halensee stiegen wir aus. Als Billy das Wort „Luna-Park“ las, war er völlig verdutzt. Dass er etwas Ähnliches wie das berühmte Vergnügungslokal gleichen Namens in Coney Island, dem Riesen-Jahrmarkt an der See dicht bei New York, in Berlin finden sollte, wollte ihm nicht in den Kopf. Etwas misstrauisch durchschritt er die Bogengänge, mangels sonstiger Schönheiten verziert mit schreienden Anzeigen von Likören und Eiskümmel (was Billy sehr anheimelte), und schwenkte sofort rechts ab nach „Luna-Park“. Es war alles bereits in schönstem Gange. Musik schmetterte, Räder sausten und surrten, es knallte, polterte, klatschte, klirrte, pfiff ringsum, dazwischen jauchzten und kreischten helle weibliche und lachten tiefe Männerstimmen. „Echt amerikanisch! Echt amerikanisch! Das reine Coney Island – is it possible?“ Er stand wie einer, der beten wollte, voll Andacht über diesen Inbegriff raffinierter amerikanischer Vergnügungskunst – in Berlin ausgerechnet! Dann war kein Halten mehr. Er stürzte sich zuerst in das Lachhaus, wo ihm der Mann mit der drehbaren Windpuste vor allen Dingen das Hütchen vom Kopfe pustete, als er die Wackeltreppe hinaufwackelte. (...) Dann genoss Billy den „Wackeltopp“. Hierauf folgte die Gebirgsbahn. Wenn beim jähen Sturz in die Tiefe Herz, Magen, Leber, Lunge, Milz und Eingeweide miteinander Cancan tanzten, rief er begeistert: „O meine Eingedärme! Genau wie in Coney Island! Just lovely!“

Wo steckt der Grunewald?

Gewisse Annehmlichkeiten Berlins scheinen dem Fremden besonders leicht zugänglich; aber wenn er sie genießen will, findet er zu seinem Erstaunen, dass das seine Schwierigkeiten hat. Sollte man ’s glauben, dass zum Beispiel der Grunewald keineswegs so ohne weiteres zu entdecken ist? Vor langer Zeit, als mein Großvater in Berlin noch Pianos machte, weil die Leierkasten allein das musikalische Bedürfnis nicht deckten, fing der Grunewald gleich hinter den Elefanten im Zoologischen Garten an und bestand zunächst vorwiegend aus Sand. Dann kamen verschiedene Kiefern, die einen berauschenden Kaffeeduft ausströmten, denn zwischen ihnen kochten Familien in einem schlichten Gebäude ununterbrochen Kaffee von nachmittags um 2 bis spät abends. Dann kamen noch mehr Sand und noch mehr Kiefern, und ein Weg mit einem Pfahl und einer Inschrift, die sagte: „Das Betreten dieses Weges ist bei Strafe verboten!“ Dann kamen sorgfältig ausgekratzte Eierschalen und ebenso sorgfältig ausgenagte Wursthäute und fettige Butterbrotpapiere, und man war im Grunewald.

Die Kunst, Sonntags Kuchen zu kaufen

Ich kam an einem Sonntag um 3 Uhr in eine Konditorei und verlangte Pfannkuchen. „Wir haben keine!“, erwiderte lächelnd die Verkäuferin. – Ich, erstaunt: „Aber da liegen ja ganze Berge!“ – Sie, lächelnd: „Ja, die sind für Gäste; verkaufen dürfen wir nach 2 Uhr nicht mehr.“ – Der Geschäftsführer, milde: „Wie viel Pfannkuchen wünscht denn der Herr?“ – Ich: „Acht Stück!“ – Der Geschäftsführer, ganz milde: „Das lässt sich machen. Setzen Sie sich hin, bestellen Sie neun Pfannkuchen, essen Sie einen davon, und lassen Sie sich die anderen einpacken. Oder – gehen Sie wieder zu dem Fräulein und ersuchen sie um die acht Pfannkuchen, die Sie gestern bestellt haben.“ – Ich, nachdem mir ein Licht aufgegangen ist: „Ausgezeichnet! Danke verbindlichst! Fräulein – ich meine die acht Pfannkuchen, die ich gestern bestellt habe.“ – Sie, durchtrieben lachend: „Ach so – das ist etwas anderes!“ Und ich zog mit meinen Pfannkuchen ab.