Kantstraße

Weltreise auf 2,3 Kilometern

| Lesedauer: 17 Minuten
Jörg Niendorf

Einmal rund um den Globus? Sie müssen dafür nicht mal ins Flugzeug steigen. Es ist gar nicht weit. Mitten in der Stadt, in der Kantstraße, haben neben vielen anderen Russen, Vietnamesen, Amerikaner, Ägypter ihre Geschäfte geöffnet. Und nicht zu vergessen: die vielen Chinesen. Sie dachten sogar schon einmal darüber nach, hier ein Berliner Chinatown zu errichten

Manche Dinge muss man nur laufen lassen, dann erledigt sich alles wie von selbst. So wie diese Sache hier: Vor mehr als 25 Jahren fragten einmal chinesische Restaurantbesitzer den damaligen West-Berliner Senat, ob nicht auch hier eine Chinatown möglich wäre. Eine Straße zum Beispiel, nur mit ihren Shops und Lokalen. Es war nur so ein Gedankenspiel. Doch es hieß: keine Chance. Also gut. Keiner dachte mehr daran. Und dann? Dann kam das Chinadorf eben doch. Erst ein, zwei Restaurants und Läden, bald Dutzende. Zunächst zog es die Hongkongchinesen und Taiwanesen wie magisch an die Kantstraße in Charlottenburg, danach die Einwanderer aus der Volksrepublik China, darauf die Vietnamesen. Andere, zum Beispiel Russen, Türken und Araber, waren sowieso schon da. Und schon hat Berlin einen waschechten Asia-Kiez, aber mehr noch: die ganze Welt reiht sich jetzt auf der Kantstraße wie auf einer Perlenschnur. Ein wenig Latino hier, etwas Afrika dort, alles mischt sich. Am unteren Ende, nahe dem Savignyplatz, ist die Kantstraße eher gediegen, es gibt internationale Designerläden, große, gestylte Schaufenster. Weiter hinauf wird sie indes immer bunter, kreischend bunt. Es wird voller, das Publikum jünger, die Sprachen auf dem Bürgersteig immer unterschiedlicher. Die Straße ist wie ein Globus, so international ist Berlin sonst nirgends.

Eine chinesische Massage oder Akupunktur? Gibt’s an jeder Ecke. Ein kantonesisches Menü mit allem Aufwand, mit Quallensalat und Schweineohr, oder einfache Dim Sum? Massenweise Restaurants bieten das an, genauso gibt es überall Läden mit lackierten Chinamöbeln, China-Wohnaccessoires, China-Schnickschnack. Auf der mittleren Kantstraße, etwa vom Savignyplatz bis hinauf zur Kaiser-Friedrich-Straße, liegt mittlerweile ein riesiges Reich der Mitte. Kurzerhand hat China seine asiatischen Nachbarn dabei scheinbar vereinnahmt, unter Chinatown läuft schlicht alles, was fernöstlich ist. Neue japanische Restaurants eröffnen, es gibt außerdem Läden für Mangas, also Comics aus Japan, und Blumenhändlerinnen aus Vietnam, und überall vietnamesische und Thai-Küchen, fernöstliche Lebensmittelgeschäfte.

Nicht zu vergessen: die dem Gefühl nach ungefähr 1000 Nagelstudios. Wo „Hollywood-Style“ vorn dran steht, steckt Hongkong dahinter. In Handarbeit machen das junge Frauen aus China, Vietnam, Thailand und Korea, sie verbergen sich hinter den in den Läden üblichen Mundmasken und polieren fremde Fingernägel. Etwas frei interpretierbar sind offenbar auch die diversen Sushibars. Sie sind in Wahrheit gar keine Japaner sondern Vietnamesen. Aber wen schert das schon auf dieser großen Panasia-Fusion-Meile. Selbst wenn im Stadtplanungsamt von Charlottenburg-Wilmersdorf immer mal wieder gejammert wird, die Kantstraße sei ein schwieriges Pflaster als Geschäftsstraße, das Image nur mäßig, weil sie halt immer im Schatten vermeintlich schickerer Adressen in ihrer Umgebung steht: In Wahrheit hat sich das Ding längst selbst geschaukelt. Kein Laden steht nach einer Geschäftsaufgabe länger als vielleicht zwei, drei Monate leer. Sofort kommt wieder einer mit einer Idee. Und eigentlich sind die, die kommen, immer Einwanderer. Typische Aufbruchberliner.

Mitten im Gewirr sitzt Hsien Kuo Ting. Er, ein quirliger Endfünfziger, besitzt ein kleines, sehr schmales Lokal, das, fast könnte man sagen: wie eingeklemmt wirkt. Denn nur ein paar Häuser weiter liegen die Hongkong-Style-Platzhirsche, das „Good Friends“-Restaurant auf der einen, das „Aroma“ auf der anderen Seite. Ting, der schon seit 1968 in Berlin lebt, und seine Frau Show-Lian Ting fühlen sich allerdings in der Zange, in der sie da stecken, sehr sehr wohl. Ihre kleine Suppenküche öffnen sie um zwölf Uhr, auf einen Schlag ist es dann rappelvoll. Die Rinderbrühe und die selbst gemachten Nudeln nach Taiwan-Art, im Stil ihrer Heimat, sind ein Renner. Übrigens war es genau dieser Herr Ting, der damals die Frage in Berlin nach Chinatown stellte, die zunächst keiner ernst nahm. Vor 1989 war Ting eine Zeit lang Vorsitzender der Chinesischen Gemeinde in Berlin, er kümmerte sich um die Belange seiner Landsleute. Viele konnten kaum Deutsch, ein Zusammenrücken sollte ihre Situation verbessern. Das war die Hoffnung. Genau das funktioniert heute offenbar gut an der Kantstraße, es ist ein später Triumph für den Taiwanesen Ting. Zwar sprechen längst nicht alle eine Sprache, aber vieles verbindet sie trotzdem. Dass es vor seiner Tür nur so wimmelt von Konkurrenz für sein kleines Restaurant, stört den Koch Ting überhaupt nicht. Gerade im Moment scheint es da draußen kein Halten mehr zu geben, was die Dichte der Lokale angeht. „Das Flair stimmt“, sagt Ting.

Schon sein Vater kochte in Berlin, der gründete ein Restaurant ganz in der Nähe. „Lon Men“ heißt es, Drachentor. Das betreut heute ein Verwandter. Ting und seine Frau machen dagegen nur noch in Suppen, seit zehn Jahren gibt es das „Lon Men´s Noodlehouse“. Ihre drei Kinder studieren mittlerweile alle, aber sie helfen genauso im Restaurant, wenn mal wieder die Luft brennt. Immer dann, wenn es besonders voll wird, bekommen die Besitzer auch ihre scheinbar beste Laune, während sie an den Töpfen am Gasherd ackern und die Schüsseln herumreichen.

Das schmale Handtuch von Lokal sei vor langer Zeit schon einmal ein China-Imbiss gewesen, weiß die Familie Ting, und zwar bis in die 1980er-Jahre. Die chinesischen Traditionen an der Kantstraße reichen allerdings noch viel weiter zurück. Schon zu Beginn der Zwanziger Jahre eröffnete hier das erste chinesische Lokal, das „Nanking“ in der Hausnummer 130. Damals kamen viele chinesische Studenten an die Technische Universität, mitunter auch angezogen von kommunistischen Idealen. Sie wollten, so hieß es vor einiger Zeit einmal in einer Charlottenburger Ausstellung über „Chinesen in Berlin“, „im Land von Marx und Engels studieren“. Dann landeten sie nicht selten in den Wohnungen preußischer Offizierswitwen, dort gab es offenbar Platz zum Logieren. Viele Frauen, die ihre Männer im Weltkrieg verloren hatten, brauchten das Geld der Untermieter. Ganz fürstlich wohnten selbst die überzeugtesten Trotzkisten hinter bürgerlichen Charlottenburger Gardinen.

Etwas davon hat sich sogar erhalten: Viele junge Chinesen kommen zum Studium her, und wenn, dann oft an die TU in Charlottenburg. Nach ihrer Ausbildung bleiben einige, oder sie pendeln zwischen den Kontinenten und nutzen es aus, dass sie beide Kulturen kennen. Sie sind die Wegbereiter – und allgegenwärtig auf dem Chinesisch-Charlottenburger Pflaster. Ein Ladenbesitzer, der mittlerweile allein vier Geschäfte für Möbel und Kunsthandwerk auf der Kantstraße betreibt, sagt stolz, dass er erst Informatik studierte. Wie war es wohl beim Chef des größten Asia-Supermarktes am Platz? Natürlich genauso. Man nehme also Verstand und suche sein Glück. Das sei im Übrigen frei nach dem Philosophen Immanuel Kant, dem Namensgeber dieser Straße. So in etwa meinte es ein anderer Inhaber eines China-Importshops, die Straße ein Stück hinauf. Ein paar Semester BWL studierte auch er nebenan.

Oder die pure Liebe zieht. Sie rief den US-Amerikaner Todd Grand nach Berlin, er folgte einer Frau, das war vor bald 20 Jahren. Kurz darauf traf er seine nächste große Liebe, eine fernöstliche, und sie begann genau genommen an einem Schaufenster an der Kantstraße. Kleine Bonsai sah Grand, der Mann aus Ohio, dort. Er mochte diese Miniaturausgaben von Kiefern, Buchen oder Feigenbäumen auf Anhieb, vertiefte sich in die Bonsai-Wissenschaft und die kontemplative Kunst, Pflanzen dabei zuzuschauen, dass sie möglichst wenig wachsen. Heute gehört der Laden für Bonsai dem Amerikaner. Natürlich passt solch ein Exot nur zu gut her. Bonsai – klar, bei all dem Asia-Gewusel. Dennoch ist etwas grundverschieden. Kleine Brunnen plätschern unentwegt im Laden und Bob Dylans Stimme krächzt aus dem Off, das wirkt wie aus einem Fernost-Lifestyle-Magazin, garniert mit einer Prise Hippie.

Es ist das ganze Gegenteil dessen, was sich da draußen auf der Straße an Leben abspielt. Grand nimmt sich alle Zeit der Welt für seine Kunden. Wer sich begeistern will für die kleinen Bäume, die manchmal schon mehrere Jahrzehnte alt sind und dann auch einen stattlichen Preis haben können, dem erklärt der Amerikaner jedes Detail. Stundenlang, wenn nötig. Zu schnell jedenfalls kommt keiner wieder heraus. Allerdings erlebt Todd Grand genauso, dass es Liebe auf den ersten Blick gibt, dann muss man wenig reden. Es gibt offenbar Menschen, die betreten das Geschäft, sehen einen kleinen Baum und wissen, dass es nur der sein soll. „Als hätten die aufeinander gewartet“, sagt Grand. Willkommen auf der Straße der Glückssucher, da ist also diese Bestimmung wieder. Im Prinzip war die Kantstraße immer voll von Leuten, die auf der Ausschau nach etwas sind oder auf dem Sprung. Der Straße scheint das irgendwie in die Bordsteine geschrieben zu sein. Grand jedenfalls mag das Pflaster, so eigenwillig, wie es ist.

Lange Jahre, bevor die Asialäden kamen, gab es viele Händler mit Haushaltswaren an diesem Ort, mit Elektronik, Stoffen. Die Händler kamen auch schon aus aller Herren Länder, eine Anlaufstelle für Immigranten war das hier immer, heißt es. Ein paar Afrikaner sind von diesen „Alteingesessenen“, auch türkische und arabischstämmige, polnische und russische. Nur: Wenn sie früher zum Beispiel Elektrogeräte verkauft haben und dafür Service anboten, dann haben sie mittlerweile längst ihr Geschäftsmodell ändern müssen. Wer kauft denn noch einen Fernseher beim kleinen Höker? Großhändler nennen sie sich, machen Import-Export-Geschäfte oder bieten kurzerhand etwas ganz anderes an. Koffer oder Münzen. Oder sie versuchen es mit günstiger Mode.

Nichts, wirklich nichts, ist glatt gebügelt, und das nehmen die, die es rau mögen, gleich als ganz großes Kompliment. So nimmt es sich fast schon wieder cool aus, dass mittendrin in der Geschäftsstraße sogar noch mit gebrauchten Autos gehandelt wird. Das ist wieder einmal die ganz alte Schule der Straße, ein Ort krasser Gegensätze. Zwei Werkstätten kümmern sich um Motoren, Bremsen und die „Car-Kosmetik“, ein paar ausgewählte, fein aufpolierte Wagen aus zweiter Hand stehen auf einem eingezäunten Platz. Schön ausgestellt auf einer Kieselsteinfläche, die sieht aus wie frisch geharkt. Alles piccobello.

Auf der anderen Seite des Zauns bietet sich ein jammervolles Bild. Die Glas- und Steinfassade der „Kantgaragen“ ist düster und mit Dreck verkrustet. Das sechsstöckige Parkhaus ist ein verwahrloster Klotz. Dabei gilt es als Juwel. Es war eines der ersten seiner Art in ganz Europa, erbaut 1930. Die heutigen Besitzer wollen den Bau am liebsten abreißen lassen. Doch das wird so einfach nicht gehen, der Bezirk ist dagegen, und auch viele Anlieger sehen mittlerweile in dem maroden Kasten, der vorher verflucht wurde, nun doch mehr: Er sei eine wichtige Marke für die Straße. Wer habe schon so etwas, so eine radikal modernistische Garage, fragt auch der Gebrauchtwagenhändler von nebenan. „Sonst hat das nur New York“, sagt er. Er ist gepflegt gekleidet, ein freundlicher, besonnener Mann. Wie zum Trotz, um dem verlodderten Baudenkmal etwas entgegenzusetzen, ist seine Krawatte astrein gebunden. Seit zwei Jahrzehnten ist er am Platz, und zwar mit Stolz. „Auto Elegance“ ist sein Business, er ist in seinem kleinen Büro für jeden immer ansprechbar, sechs Tage die Woche, von morgen bis abends.

Solche Läden bietet die Kantstraße immer wieder. Als wären sie Botschafter für ihre Adresse, ihren Beruf, ihre Nachbarschaft erzählen die Inhaber drauflos. Man muss nur anklopfen. Je weiter man ins obere Ende der Straße gelangt, desto orientalischer wird die Gegend, dann osteuropäischer. Der iranische Teppichhändler Valiollah Taleblou erzählt über das Geschäft mit seidenen und wollenen Bodenbelägen aus seiner Heimat. Es lief mal besser, da beschönigt der Mann nichts. Einst wurde er als hoch verdienter Fachmann nach Deutschland geholt. Sein Können gab er an drei Söhne weiter, außerdem studierten sie, nun hat die Familie unter anderem eine große Teppichwäscherei. Mit arabischen und auch iranischen Geschäftsleuten in der Nachbarschaft hat er guten Kontakt, erzählt Taleblou. „Alle sind fleißig.“ Einen speziellen Klangteppich hat er auch in seinem Laden. Radio Farda, ein persischsprachiger Auslandssender, läuft immer leise im Hintergrund.

Nahe dem Stuttgarter Platz bekommt die Straße dann einen eindeutig anderen Soundtrack, der Grundton auf dem Bürgersteig, in Geschäften und in Ladenbüros ist russisch. „Charlottengrad“ sagte man schon vor bald 100 Jahren, als es von Russen hier nur so wimmelte. Nach 1990 kamen wieder ganz viele russischstämmige Familien nach Berlin, viele kleine Händler, die nicht am großen Rad drehen, sondern etwas bescheidener vorgehen, haben bis heute hier ihre Geschäfte. Aber, wie üblich an dieser Adresse, im wilden Gemisch. Bohème und Kunst, Läden für Alltägliches und Spezialgeschäfte für ganz besondere Haarteile oder sehr individuelle Fitnessutensilien wechseln sich schnell ab. Ein arabischstämmiger Schmuckhändler arbeitet mit einem weissrussischen Kollegen zusammen, sie kaufen im Moment vor allem Gold an, das ist einträglich derzeit. Solch ein Multikulti-Duo ist auch der ukrainische Kunsthändler, der mit einem Freund aus Kamerun zusammenarbeitet. Aufwendige Figuren aus Afrika verkaufen sie, sie sind aus Bronze oder Holz und oft mit bunten Glasperlen und Muscheln verziert. Die Kunstwerke gehen aus ihrem Laden und Lager an der Kantstraße in alle Welt.

Im gleichen Haus, nur ein Laden weiter, verschickt dagegen eine russische Buchhandlung massenweise Literatur an Kunden in ganz Europa. Denis Svetikov betreibt das Geschäft mit seiner Mutter Svetlana Svetikov, viele Berliner Russen kaufen hier Bücher für sich und ihre Kinder, aber genauso auch wissenschaftliche Institute. Russische Reisende versorgen sich mit Literatur, manche zum Beispiel dann, wenn sie auf dem Weg nach Tegel oder zum Fernbusbahnhof am Messegelände sind. Das ist für Osteuropäer seit langem ein typischer Start- und Zielpunkt einer Berlin-Reise. Wie automatisch führen ihre Wege dann über die Kantstraße ins Zentrum.

Eine uralte Einwanderergeschichte, wie sie typischer nicht sein könnte, verbindet sich allerdings mit einem kleinen Italiener, der dort oben an der Kantstraße liegt. Portofino heißt das Lokal, es war die erste Pizzeria, die ein italienischer Gastarbeiter im Jahr 1964 für sich und seine Landsleute eröffnete. Der Steinofen aus den frühen Jahren arbeitet bis heute. Längst hat hier eine der nachfolgenden Einwanderergenerationen das Ruder übernommen. Die Besitzerin ist armenischer Abstammung, sie kam vor 15 Jahren nach Berlin. Aber natürlich belässt sie den nostalgischen Laden, der aussieht wie eine Fischerpinte am Mittelmeer, im Urzustand. Etwas anderes komme nicht in Frage, sagt Gohar Weber. Die Köche sind Italiener, nichts wird an der Karte verändert. Tagein tagaus arbeitet Gohar Weber im Lokal, ihre zwei erwachsenen Töchter arbeiten mit, wenn sie es schaffen neben ihrem Studium. Dieser Laden sei ihr Traum gewesen, sagt die Besitzerin. Und er ist genau das, was einen Kilometer weiter unten auch der Taiwaner Ting beteuert: ein Familien-Gemeinschaftswerk. Das, sagt Ting, sei genauso eine echte Spezialität der Kantstraße.