Interview

Wie Schule Spaß machen könnte

Wie soll der Unterricht aussehen? Drei Berliner Schülerinnen haben ein Buch geschrieben und diskutieren ihre Thesen mit dem Chef des Philologen-Verbandes

Die Evangelische Schule Berlin Zentrum in Mitte ist eine Gemeinschaftsschule mit den Jahrgangsstufen 7 bis 13, zu ihr gehört auch eine Grundschule. Engagierte Eltern haben sie 2007 gegründet, in diesem Jahr machen die ersten Schüler Abitur. Die Schule geht einen radikal anderen Weg: Jeder Schüler hat einen Tutor, mit dem er wöchentlich das Lernpensum, Konflikte, Erfolge und Schwierigkeiten bespricht. Für die Fächer Deutsch, Englisch, Mathe und Gesellschaftskunde gibt es Lernbüros mit Fachlehrern. Dort erarbeiten sich die Schüler mit Hilfe von Lernbausteinen den Unterrichtsstoff. Fragen sind erwünscht – aber erst an einen Mitschüler, dann an den Lehrer. Die Schüler lernen jahrgangsübergreifend von der 7. bis zur 9. Klasse, danach in Jahrgangsklassen. Verantwortung zu übernehmen fördere die Persönlichkeitsentwicklung, sagt die Schulleiterin, Margret Rasfeld. Frontalunterricht gibt es kaum. Ihren Lernprozess halten die Schüler in einem Logbuch fest. Im Rahmen des Fachs „Verantwortung“ gehen sie in Altenheime, Kindergärten oder helfen Kindern mit Lernblockaden an anderen Schulen. Die Schülerinnen Alma, 14, Jamila, 15, und Lara-Luna, 16, haben über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben („Wie wir Schule machen“, Knaus-Verlag, 189 Seiten). Ihr Fazit: Was uns von vielen anderen Kindern unterscheidet: Wir gehen gern in die Schule! Mag sein, sagt Heinz-Peter Meidinger, Jahrgang 1954, Chef des Philologen-Verbandes und Leiter des Robert-Koch-Gymnasiums im bayerischen Deggendorf. Dennoch wünscht er sich mehr Struktur in der Schule, auch um auf die Zeit danach vorzubereiten.

Heinz-Peter Meidinger:

Wer euer Buch liest, bekommt das Gefühl, das Liebste, was ihr im Leben macht, ist zur Schule gehen. Ist das wirklich so?

Jamila:

Meist schon. Unsere Schule passt sich eben an uns an und nicht umgekehrt.

Lara-Luna:

Aber natürlich gibt es auch bei uns Kinder, die mal nicht gern zur Schule gehen. Nur unser Vorteil ist, dass wir vieles selbst entscheiden können. Zum Beispiel, ob wir morgens lieber in das Lernbüro für Mathe oder für Deutsch oder ein anderes Fach gehen wollen. Der Stoff ist dort in Form von Bausteinkarten aufbereitet und jeder erarbeitet sich das selbstständig und mit Hilfe von Mitschülern oder Lehrern.

Berliner Illustrirte Zeitung:

Und wer keine Lust hat zu lernen, geht einfach in keines der Büros?

Lara-Luna:

Natürlich nicht. Dafür gibt’s auch unsere Tutoren, mit denen wir jede Woche im Einzelgespräch über unsere Arbeit reden, ob wir die Wochenziele geschafft haben, aber auch, wie es uns persönlich so geht.

Herr Meidinger, wären Sie gerne auf eine solche Schule gegangen?

Heinz-Peter Meidinger:

Eine gewisse Struktur sollte Unterricht schon haben. Flexibilität ist immer gut, hat auch an anderen Schulen zugenommen, aber es gibt Grenzen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Schüler wirklich immer das tun, was sie tun sollten. Es gibt doch auch die verständliche Neigung, mal faul zu sein.

Lara-Luna:

Klar, deswegen gibt’s ja auch bei uns so etwas wie das Silentium. Da müssen wir samstags in die Schule, wenn wir oft zu spät gekommen oder nur im Lernbüro rumgehockt sind und nichts gemacht haben.

Etwa 200.000 Kinder schwänzen in Deutschland täglich die Schule. Was glaubt Ihr, warum?

Jamila:

Aus Angst vor bestimmten Fächern und Lehrern. Stress oder Probleme mit der Familie spielen bestimmt auch eine Rolle.

Meidinger:

Das Problem sind vor allem die notorischen Schwänzer und die konzentrieren sich an den früheren Hauptschulen. An eurer Schule machen sich wohl alle Eltern um die Bildung ihrer Kinder große Gedanken. Insofern seid ihr selbst privilegiert und selektiert, auch wenn ihr euch im Buch gegen Selektion aussprecht. Die Schulschwänzer sind aber oft Kinder, die diesen Wert von Bildung nicht vermittelt bekommen.

Lara-Luna:

Aber es hat auch viel mit der Art zu tun, wie mit Schülern umgegangen wird. Ich bin zum Beispiel eine Zeit lang immer zu spät in die Schule gekommen. Da hat mein Tutor mit mir einen Plan gemacht, wann ich aufstehe, wann ich frühstücke, wann ich losgehe. Seitdem schaffe ich es meist pünktlich.

Alma:

Wir waren für unser Buch an vielen normalen Schulen und da denkt man oft, die sind an irgendeinem Punkt stehen geblieben. Immer dieses Auswendiglernen, das macht doch keinem Spaß. Ist es nicht wichtiger, zu wissen, wofür man was lernt und wie man es anwendet? Und dieser ganze Druck wegen der Noten.

Lara-Luna:

Stimmt, das macht viele fertig. Ich hatte an meiner Grundschule große Probleme, ich war dort in einer sehr leistungsstarken Klasse und wollte nicht mehr in die Schule gehen. Mein Bruder ist ganz anders, der braucht diesen Druck. Ich nicht! Ich brauche mehr Freiräume.

Meidinger:

Das hört sich ja alles gut an, aber ich bezweifle, ob euer Konzept übertragbar ist auf eine große Schule. Ihr habt nur 500 Schüler, seid eine Ganztagsschule und habt damit mehr Möglichkeiten, Freiräume für Wahlmöglichkeiten zu schaffen. In Deutschland gibt es die G8-Gymnasien, das sind meist Halbtagsschulen und an zwei Nachmittagen ist noch Unterricht rangepappt, weil der Staat keine Ganztagsschule finanzieren will. Wenn ich an meiner Schule Freiräume schaffen will, dann habe ich sofort Löcher im Stundenplan.

Alma:

Wenn alle Schulen Ganztagsschulen wären, hätte man Zeit für Fächer wie Verantwortung oder unser Herausforderungsprojekt. Dann wäre unser Konzept überall anwendbar!

Auch in einer Problemschule mit Schülern aus sozial schwachen Familien, mit Kindern, die keine Regeln, oft nicht mal genug die deutsche Sprache kennen?

Alma:

Klar. Zum Beispiel unser Fach Verantwortung. Ein Kind, das mit Schule nichts am Hut hat und im Rahmen des Fachs in der siebten Klasse in einen Kindergarten geht oder in ein Altenheim einmal die Woche, da bin ich mir sicher, dass das bei ihm was verändert, wenn es merkt, die begrüßen dich irgendwann mit Namen, die freuen sich, dass du kommst und hilfst. Da bekommt man das Gefühl, dass das, was man tut, wertgeschätzt wird. Selbst wenn ein Schüler danach noch immer nicht gern lernt, hilft ihm das, mehr an sich zu glauben.

Lara-Luna:

Oder unsere dreiwöchige Herausforderung. Die suchen wir uns allein oder mit mehreren zusammen ab der siebten Klasse einmal im Jahr. Zum Beispiel eine Radtour von Berlin nach Münster. Wir bekommen das Geld mit, was woanders für die Klassenfahrt ausgegeben wird, also 150 Euro, und müssen damit zurecht kommen: alles allein planen, organisieren, die Unterkünfte finden – man kann da nicht jeden Abend in ’ne Jugendherberge gehen, dann reicht das Geld nicht. Ich hatte erst Angst und dachte, hoffentlich schaffe ich das.

Und das alles ganz ohne Aufsicht?

Lara Luna:

Es gibt einen erwachsenen Begleiter, oft sind das Studenten. Nur die helfen nicht, die lassen dich glatt in die falsche Richtung fahren. Denn du sollst ja aus Fehlern lernen. Und das hilft total, selbstbewusster zu werden. Man muss sich trauen, Leute anzusprechen, wir haben zum Beispiel in den Gemeinden gefragt, ob sie uns eine Schlafmöglichkeit geben können.

Jamila:

Allein das Planen ist schon eine Herausforderung, sich zu überlegen, wie teile ich mir am besten das Geld ein, damit es reicht. Was mache ich im Notfall.

Meidinger:

Mir würden viele Eltern meiner Schüler da aufs Dach steigen, vor allem, wenn sie, wie ihr im Buch schreibt, in Supermärkten um Essen bettelt, dessen Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist.

Lara-Luna:

Klar gibt es auch ängstliche Eltern. Aber es gibt eine Notrufnummer, da können sie sich erst mal bei den anderen, die damit schon Erfahrung haben, Rat holen.

Meidinger:

Viele Dinge, die ihr beschreibt, gibt es an anderen Schulen auch. Projekttage oder –wochen, auch Tutorensysteme, usw. Da ist schon viel passiert in den letzten Jahren.

Trotzdem sind auch viele Eltern unglücklich mit dem Schulsystem. In einer Studie fürs Bundesbildungsministerium kam vor einem Jahr heraus, wie stark sie sich vom Schulsystem ihrer Kinder gestresst fühlen. Der Druck, der auf Schülern und Eltern lastet, scheint enorm.

Alma:

Meine Mutter erzählt oft von Freundinnen, deren Kinder ganz verzweifelt sind, weil sie mit ihren Hausaufgaben nicht weiterkommen, die müssen andauernd helfen, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen. Bei uns passiert das innerhalb der Schule, wir haben keine Hausaufgaben. Und Tests schreiben wir erst dann, wenn wir den Stoff wirklich verstanden haben.

Meidinger:

Mit dem Druck ist das so eine Sache. Oft ist er selbst gemacht – gerade auch von Eltern. Hängt vielleicht damit zusammen, dass man weniger Kinder heute hat. Da werden Wünsche, Hoffnungen auf das eine Kind projiziert. Wenn Eltern auch mal gelassener bei ’ner verpatzten Klassenarbeit reagierten, könnten das ihre Kinder auch. Da spielt auch der Anspruch, das Kind muss mal studieren, eine Rolle, und dass auf vielen Fächern ein Numerus Clausus liegt. Bei euch ist die Einzelbetreuung scheinbar optimal, eure Tutoren motivieren euch. Aber dann kommt ihr irgendwann vielleicht an die Uni und stellt fest: Es kümmert sich niemand mehr um euch, ihr müsst euch allein neben 200 anderen in den Vorlesungen durchbeißen. Glaubt ihr, das schaffen die meisten von euch?

Jamila:

Wir haben kein Problem damit, selbstständig zu arbeiten. Das lernen wir ja gerade bei uns. Aber ich weiß nicht, ob ich das wollen würde, weil ich es so, wie wir jetzt lernen, sinnvoller finde.

Bei euch gibt es Noten erst ab Klasse 9. Herr Meidinger, Sie halten Noten für wichtiger, oder?

Meidinger:

Noten sind für mich eine individuelle Rückmeldung, wo man in Bezug auf den Klassendurchschnitt steht. Die Abiturdurchschnittsnote ist dagegen anders zu sehen, sie ist ja auch komplexer. Und Studien zeigen, dass sie recht aussagekräftig für die Studierfähigkeit der Schüler ist. Darum: So willkürlich, wie es Noten häufig unterstellt wird, sind sie nicht. Wie wollt ihr sonst eine Vergleichbarkeit hinbekommen?

Alma:

Uns ist noch wichtiger, zu wissen, was wir beim nächsten Mal besser machen sollten.

Lara-Luna:

Neben einer Note schreibt der Lehrer immer auch einen Kommentar, in dem er erklärt, wie der Schüler die Note zu verstehen hat und sich verbessern kann. Wir bekommen einen Lernbericht, in dem steht, was der Schüler schon gut kann, wie er sich verbessern kann aber auch, wie er sich als Person entwickelt hat.

Meidinger:

Unter jedem Test, jeder Klassenarbeit sollte ein Hinweis stehen, wie man sich verbessern kann, das sehe ich auch so.

Lara-Luna:

Jetzt in der zehnten Klasse geht es bei uns ja um den Mittleren Schulabschluss (MSA) und da wurde auch bei uns ein Riesen-Hype drum gemacht. Wir fanden es total überbewertet. Man hatte manchmal das Gefühl, nur noch für den MSA zu arbeiten.

Meidinger:

Aha. Also gibt es bei euch doch auch Druck?

Lara-Luna:

Ja. Aber wir haben darüber diskutiert und diesmal waren wir Schüler es, die gesagt haben: „Hallo, das ist uns zu viel Druck, das geht uns zu schnell.“ Zum Glück sind wir auf einer Schule, in der wir mitbestimmen dürfen.

Meidinger:

Und wie waren dann die Ergebnisse?

Lara-Luna:

Bestanden haben alle. Im Vergleich zu einer anderen Gemeinschaftsschule in Hamburg lagen wir da sogar besser.

Weder Hamburg noch Berlin sind für ihren hohen Bildungsstand berühmt. Gibt es Erfahrungswerte von Schülern, die in andere Bundesländer gezogen sind?

Lara-Luna:

Ich kenne nur ein Mädchen, das auf eine Ballettschule gewechselt ist. Aber die kam nach einem halben Jahr wieder zurück, weil sie es dort so furchtbar fand. Ich glaube, wer einmal auf unserer Schule war, der ist schon sehr verwöhnt.

Alma:

Das Problem ist aber doch auch in einer ganz normalen Frontalunterricht-Klasse, wenn da ein Schüler etwas nicht verstanden hat, kann der Lehrer nicht immer Rücksicht drauf nehmen, weil er ja seinen Stoff durchkriegen muss. Und dabei bleiben dann einfach Schüler auf der Strecke.

Meidinger:

Na ja, in den meisten Bundesländern gibt es auch Förderstunden und die Sitzenbleiberquoten sind zurückgegangen, es gibt Gruppenarbeit. So starr ist Schule ja heute nicht mehr. Wobei der Lehrer-zentrierte Unterricht weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird. Der Mix macht’s. Gute Lehrer sind aber noch wichtiger als das Schulsystem.

Laut einer Studie fühlt sich jeder dritte überfordert. Wie bekommt man mehr gute Lehrer?

Meidinger:

Wir haben 760.000 in Deutschland, unter denen sind sicherlich auch einige, die nicht für diesen Beruf geeignet sind. Die haben etwa Angst vor Kindern. Es gibt so einen Typ, der war 13 Jahre in der Schule, den Bereich kennt er, da will er nicht raus. Das ist nicht das, was Schüler brauchen. Mein Vorschlag wäre eine Art Assessment Center am Anfang des Lehramtsstudium, in dem die Anwärter zeigen müssen, dass sie mit Kindern arbeiten können.

Alma:

Unsere Lehrer sind eher Lernbegleiter, wir versuchen ja in den Lernbüros erst einmal selbst die Aufgaben zu lösen, erst danach fragen wir Mitschüler und zuletzt den Lehrer. Darin sind unsere Lehrer relativ fit. Die könnten vielleicht Frontalunterricht nicht so gut.

Bei den Lernformen, haben Schulen da genug Spielraum, Neues auszuprobieren?

Meidinger:

Wenn eine Schule das will, kann sie es auch. Und es ist ja auch nicht so, dass das klassische Schulsystem so starr wäre, auch nicht in Bayern. Auch dort gibt es neben Haupt- und Realschulen und Gymnasien Mittelschulen, Wirtschaftsschulen, Privatschulen. Ich glaube, dass es sehr verschiedene Schüler gibt, für die jeweils unterschiedliche Schulen gut sind. Eine von euch war ja früher auch erst auf einem Gymnasium mit Schnellläuferklasse, das kann für manche hochbegabte Kinder auch genau das Richtige sein. Ich bin ein Anhänger von einem Schulsystem mit vielen verschiedenen Wahlmöglichkeiten.

Jamila:

Grundsätzlich sehen wir das auch so. Aber es sollten eben auch mehr individuelle Lernformen gesucht werden, sodass weniger Schüler auf der Strecke bleiben.

Lara-Luna:

Es muss ja nicht gleich alles umgekrempelt werden. Erst mal einzelne neue Fächer, wie zum Beispiel Verantwortung, wäre ja ein Anfang. Was mich an meiner früheren Schule gestört hat, war dieses ständige Nur-im-Raum-sitzen. Nie mal rauskommen, erleben, mal kreativ sein.

Jamila:

Wenn alle an einer Schule das möchten, dann kann man eine Art Umsturz machen, also keine Revolution, sondern eine Umwandlung, eben eine Anpassung an uns Schüler.