Porträt

Der Mann, der dem Tod entkam

Wenn man mit Christian L. durch das sonnige Reinickendorf läuft, kann man erstaunlich offen reden mit ihm, über Sex ohne Kondom, über Prostitution in Thailand, über das Leben mit dem HI-Virus, das er jetzt seit fast zehn Jahren in sich trägt. Das alles hat er so oft erzählt, dass er dabei auch lachen kann. Sogar über den Moment der Ansteckung, er weiß inzwischen ziemlich genau, von welcher Frau er sich die Krankheit geholt hat. Aber wenn er darüber lacht, dann ist das irgendwie seltsam, weil doch gerade diese Ansteckung der Anlass für soviel Ärger in seinem Leben war. Was heißt Ärger, er wäre beinahe gestorben daran. Der Ärger kam eher, weil er weitergelebt hat. Aber wenn er dann davon erzählt, welch große Angst er hatte um seine Frau, Angst, dass auch sie sterben könnte an „seiner Krankheit“, nachdem er sie möglicherweise angesteckt hatte, da fängt er doch an zu weinen. Mit gepresster Stimme sagt er dann: „Das war so furchtbar, dieses Wissen, da dachte ich damals, das schaffe ich nicht, lieber mach’ ich Schluss.“

Die Geschichte von Christian L. ist eine extreme Geschichte, weil er dem Tod mehrfach entkommen ist, weil er sich eingestehen musste, warum er diesen Moment überstanden hat und noch viele mehr. Seit einer Woche lächelt sein Gesicht von Plakaten, von Broschüren und vor allem lächelt sein Gesicht im Internet, jenem Ort, an dem sich Information schnell auch auf eine Art verbreitet, die man nicht umsonst „viral“ nennt: Einmal draußen, lässt sich etwas nur schwer zurücknehmen. Von der ganzen Welt aus kann jeder auf die Internetseite www.aidshilfe.de klicken und als Startfoto wahrscheinlich Christian L. sehen, den 42 Jahre alten Reinickendorfer, der fließend Thai spricht und der seit rund zehn Jahren auch HIV-positiv ist. Christian L. ist einer von zehn Leuten, die ihr Gesicht für die neue Kampagne der Deutschen Aidshilfe (DAH) hergeben. Aber weil es eben um Aids geht, sind es keine bezahlten Models, die auf den Bildern sind, sondern echte Menschen.

Die Zahl der infizierten Heteros steigt

Diese Menschen erzählen alle Geschichten, die das Thema HIV mitten in die Gesellschaft tragen. Auch wenn heute von den etwa 78.000 Menschen, die aktuell in Deutschland mit HIV oder AIDS leben, homosexuelle Männer mit 51.000 die größte Gruppe darstellen, sind es immerhin auch 17.000 Personen, die sich über heterosexuelle Kontakte infiziert haben. Ausgerechnet diese Zahl ist steigend, wenn auch die Zahl der Menschen, die an HIV in Deutschland sterben, weiter zurückgeht. Wegen so vieler neuer Fakten sind auch die Geschichten, die in DAH-Broschüren erzählt werden, ganz andere: Da ist Sven, der als Flugbegleiter seine Infektion geheim halten muss, da ist Jan, dem im Gefängnis die Medikamente verweigert wurden, da ist Michèles, die seit Jahren ohne Kondom mit ihrem Mann schläft und auch ihr Kind ganz normal mit viel Blut gebären konnte. Und auf dem Titelbild des DAH-Jahresberichts lächelt das Gesicht der Berliners Christian L. neben dem Satz: „Aids ist auch nicht mehr das, was es mal war.“

Das ist der Satz, der zu seiner Geschichte passt: Christian L. reist seit seinem 19. Lebensjahr regelmäßig nach Thailand. Er hatte Sex mit Prostituierten, auch ungeschützt. Er dachte damals: Wenn es passiert, dann passiert es. „Ich wusste nicht viel über HIV und dachte, dass ich es als aktiver Mann nicht so leicht bekommen könne.“ Das deckt sich mit dem Wissen vieler Heteros über HIV. Er arbeitet seit Jahren für eine Fluggesellschaft und kam so günstig an Tickets nach Südostasien heran. „Das wurde schnell wie meine zweite Heimat.“ Im Jahr 2003 dann besucht er seine Freundin in Thailand, merkt aber, dass ihre Beziehung zu Ende ist. Es braucht jemandem zum Reden, und spricht sich bei der Cousine seiner Ex-Freundin aus. „Es wurde ein langer Abend“, sagt er, „es gab viel Chang-Bier, das mit dem Elefanten drauf.“ „Chang“, das bedeute Elefant auf Thai. Noch in der Nacht schläft er mit ihr. Kein Kondom.

Das ist der Moment, an dem er beim Erzählen lachen muss. Er sagt, er weiß gar nicht warum, vielleicht, weil die Herbstsonne in Reinickendorf gerade scheint und Sonnenstrahlen auf der Haut gute Gefühle machen. Christian L. versucht, seit er von seiner Infektion weiß, viel in der Natur zu sein. Das tue gut, sagt er. Er genieße das seitdem viel mehr. Den Schäfersee in Reinickendorf zum Beispiel, den umrundet er gern zu Fuß, das ist nicht weit von ihm und die Flugzeuge aus Tegel hört er gar nicht mehr. Jedenfalls: Christian lacht laut auf bei der Erzählung über seine Infektion, sicher auch, weil es so absurd ist, dass so ein kleiner Moment des Glücks, in dem zwei Menschen nackt etwas sehr Intimes teilen, stöhnen, ihre Schleimhäute aneinanderreiben, Körperflüssigkeit in die des anderen übergeht, dass genau dann so ein fieses Virus übertragen wird.

Dieses Virus führt bei vielen der rund 33 Millionen infizierten Menschen weltweit zunächst zu Symptomen, die sie als starke Erkältung abtun können. Dann vermehrt sich das Virus über Monate im Körper, nistet sich überall ein, greift die T-Helferzellen an, die für das Immunsystem so wichtig sind, und langfristig schadet das Virus dem Immunsystem des Menschen so sehr, dass es die einfachsten Krankheiten nicht mehr bewältigen kann. Der Körper bricht zusammen. Dann, so sagt man, ist Aids ausgebrochen.

Immer, wenn Christian L. von einem Spaziergang nach Hause kommt und in seinem Treppenhaus nach oben läuft, fällt ihm ein, wie das bei ihm war, damals, als Aids bei ihm ausbrach. „Hier auf dem Absatz musste ich warten“, sagt er nach einigen Stufen, „weil ich schon so außer Puste war.“ Gerade dann fällt noch einmal auf, wie gesund dieser Mann aussieht, 105 Kilo bei 1,80 Metern. Soviel hat er damals auch gewogen. Er hatte nicht die eingefallenen Wangen, die dünnen Arme oder die dunklen Flecken auf der Haut, wie Tom Hanks im Filmdrama „Philadelphia“. Er hatte einfach eine Lungenentzündung, aber eine von der Sorte, die nur HIV-Positive bekommen. Das war zumindest der Satz, der ihn zum ersten Mal stutzig machte: „Einer der Ärzte schaute auf meine Werte, sagt Christian L., „und ein Kollege sagte so laut, dass ich es hören konnte: ‚Siehst du nicht, dass der Mann Aids hat?‘“

Zu dem Zeitpunkt war Christian L. seit sechs Jahren positiv. Er hatte seit fünf Jahren eine thailändische Freundin, der er treu war, mit der er regelmäßig schlief, kein Kondom. Er konnte kaum atmen, sein Gehirn bekam zu wenig Sauerstoff für klare Gedanken und es war auch noch der gleiche Tag, an dem seine Freundin mit ihm nach Thailand aufbrechen wollte. Sie hatte schon gepackt und Peter, ein guter Bekannter, wartete unten beim Arzt mit Auto zum Flughafen. Christian wusste nicht, ob er es seiner Freundin sagen sollte oder Peter, während er versuchte, Luft zu bekommen. Er rang mit sich und mit dem Tod gleichzeitig. Schließlich sagte er ihr nur, sie müsse alleine fahren. Zu Peter sagte er: Fahr mich ins Krankenhaus.

Die Behandlung macht Fortschritte

Die HIV-Therapien haben in den vergangenen Jahren Riesenfortschritte gemacht. Fast monatlich berichten Medien von einem neuen Durchbruch. Im Jahr 2007 machte der sogenannte „Berliner Patient“ weltweit von sich reden, der Brite Timothy Brown, der nach einer Stammzellentherapie in Berlin als „vollständig von HIV geheilt“ gilt. Eine Zeit lang gab es sogar Hoffnung auf einen wirksame Impfung. Und erst in dieser Woche wurde bekannt, dass ein Team von Dresdner Wissenschaftlern eine Methode entwickelt hat, die dazu führt, dass Enzyme die Erbinformation der Viren aus der menschlichen DNA „herausschneiden“ könnten. Zumindest haben sie bei Mäusen erste Erfolgserlebnisse gehabt.

Christians Frau allerdings, das ist noch heute das größte Wunder für ihn, hat sich nicht bei ihm angesteckt. „Die Ärzte konnten uns auch nur sagen, dass es entweder Zufall war“, sagt er, „oder sie ist eine von jenen Menschen mit einem bestimmten Gendefekt, die immun gegen das Virus sind.“ Auch das ist etwas, was er dazugelernt hat. Christian L. geht auf Symposien, auf Podiumsdiskussionen und liest regelmäßig im Internet über die neuesten Fortschritte der Forschung. „Fast alle Positive, die ich kenne“, sagt er, „werden zu Experten für Ihre Krankheit.“ Das habe damit zu tun, dass so viel zu beachten sei und zu erklären. Auch im Umgang mit seiner Frau, die er direkt nach ihrer Rückkehr aus Thailand geheiratet hat. „Ich wollte sie einfach absichern“, sagt er, „falls ich es nicht überlebe.“ Auf ihrem Wohnzimmerschrank steht jetzt ein großes Foto ihrer Hochzeit, Größe A3, hinter Glas. Christian steht in der Mitte und lächelt wie von der Aidshilfe-Broschüre, rechts von ihm seine Braut, links seine Mutter. Sie wusste damals nichts vom todkranken Zustand ihres Sohnes.

Das wiederum war der Schritt, der ihn in den vergangenen sechs Jahren immer wieder beschäftigt hatte und wohl noch sehr lange beschäftigen wird: Das Outing. Immer wieder muss er sich fragen, ob er es jetzt erwähnen soll. Auf der Arbeit, wenn er jeden Morgen um 7 Uhr die Pillen einwirft? Oder wenn Nachbarn ihn vielleicht in den kommenden Wochen seltsam anschauen? Schwierig war es für ihn damals, die Familie einzuweihen. Die waren geschockt, aber haben ihn weiter unterstützt. Natürlich darf er seine Nichte weiter treffen, das stand nie zur Debatte, auch die Elfjährige ist informiert.

Aber das ist es, das von jetzt ab immer wieder diesen einen Unterschied machen wird: Sag ich es oder nicht? Ähnlich ist es seit Jahren schon für Schwule oder Lesben, weil auch sie mit dem Outing die Gesprächspartner immer gleich mit ins Bett nehmen, ihnen etwas erzählen, das mit einer Situation zu tun hat, in der man nackt ist und vielleicht sogar stöhnt.

Das außergewöhnlichste Outing für Christian hatte mit Peter zu tun, jenem Peter, der ihn und seine Frau zum Flughafen gefahren hatte, damals, als Christian noch nicht wusste, ob seine Frau auch positiv ist. Der schlimmste Moment. Christian kannte Peter war eigentlich gar nicht so gut. Doch drei Jahre später bat er ihn, doch vielleicht das Poster seiner Hetero-Positiv-Gruppe zu drucken. Peter ist Drucker. Auf dem Bild stehen sie alle, die er so mag, die anderen Heteros: Hildegard, Karin, Angelika, Kai, Sarah und ein bisschen blass dazwischen: er selbst. Peter habe damals irritiert geschaut, gesagt habe er nichts. Zwei Tage später der Anruf: „Hey, ich bin ganz schön sauer auf dich, ich dachte, wir seien so dicke, du sagst es mir früher.“ Heute sind sie „sehr dicke“ und Christian sagt, dass es bisher nicht einen einzigen gab, der negativ reagiert habe.

Zuletzt hatte er dieses Outing in der voll besetzten U-Bahn U8. Er war auf dem Weg zurück von der Pressekonferenz der Aidshilfe, als sie die Broschüre mit ihm auf dem Titelbild herausgebracht haben. „Ausgerechnet auf dem Rückweg sehe ich meinen Arbeitskollegen in der U-Bahn“, sagt er, „und der fragt natürlich, wo ich war.“ Erst habe er herumgedruckst und dann dachte er: Ach, was soll’s, und zeigte die Broschüre. „Nee, nicht du jetzt, oder?“, war die Reaktion. Dann haben wir uns kurz darüber unterhalten. „Das war auch deshalb doof“, sagt er, „weil die Bahn so voll war.“ Aber zu dem Kollegen hat er wieder den Satz gesagt, den er schon zu seiner Schwester sagte, die ihn damals sehr ernst nahm: „Ihr könnt mich alles fragen, wirklich alles!“

Für die, die das tun, ein Tipp: Christians rechtes Ohr hört besser als das linke, das hat mit einem schweren Motorradunfall zu tun. Das muss er selbst erzählen. Nur soviel: Er hat überlebt.