Wölfe in Deutschland

Zum Heulen schön

| Lesedauer: 9 Minuten

Wölfe in Deutschland vermehren sich rasant. Mehr als 23 Rudel streunen durch die Republik. Besonders fruchtbar ist ein Paar in Sachsen-Anhalt. Eckhard Fuhr hat es besucht

Als ich das leise Klicken der Fotofalle hörte, wusste ich, warum mir mein Begleiter gerade ein „Bitte lächeln“ zugeflüstert hatte. Die tarnfarbene Kamera mit Bewegungsmelder ist etwa in Meterhöhe an einem Baum befestigt, das Objektiv auf einen Waldweg gerichtet. Tief haben sich dort die Räder schwerer Militärfahrzeuge in den Boden gegraben. In den Fahrspuren stehen große Lachen, die sich an manchen Stellen zu Tümpeln ausweiten, über denen Libellen im Jagdflug sirren. Wildschweine suhlen hier, ihre Fährten im Schlick sind ebenso leicht zu erkennen wie die Mahlbäume am Waldrand, an denen sie sich den Modder samt Zecken und anderem Getier aus der Schwarte scheuern.

Den Gedanken an die 15 Kilogramm Schweinerücken, die ich für ein großes Familienfest versprochen und noch lange nicht in der Kühltruhe habe, wische ich schnell weg, denn wir sind nicht wegen der Wildschweine hier. Zahlreicher noch als die Wildschweinfährten sind nämlich Pfotenabdrücke, die aussehen, als stammten sie von mittelgroßen Hunden. Deutlich sind die vier Zehenballen und die Krallen zu erkennen. Vielleicht haben die Welpen des Altengrabower Wolfsrudels an diesem „Rendezvousplatz“ vor wenigen Minuten noch gespielt. Größere, handgroße Trittsiegel zeigen, dass auch die Elterntiere hier gewesen sind. Revierförster Klaus Puffer zeigt mir einen kleinen Hochsitz in der Nähe.

Der Wind steht günstig. Vielleicht habe ich Glück und bekomme die Wölfe zu sehen.

Puffer ist Wolfsbeauftragter des Bundesforstbetriebs Sachsen-Anhalt Nord, der für die Wälder auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow zuständig ist. Hier im Fläming, an der heutigen Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Brandenburg, wird seit 120 Jahren der Krieg geübt. Fängt man an zu graben, findet man Munitionsreste der Preußischen Armee, der Reichswehr, der Wehrmacht, der Roten Armee und der Bundeswehr. Es wäre eine Herkulesaufgabe, dieses Gebiet zu sanieren und zu sichern. Weiter zu schießen scheint das Vernünftigste zu sein. Die Soldaten bleiben weitgehend auf den Schießbahnen. In das weite Gelände dazwischen setzt selten ein Mensch seinen Fuß. Damwild, Rotwild und Schwarzwild haben ihre Ruhe und die Wölfe einen gedeckten Tisch.

Klaus Puffer kennt jeden Winkel, viele Stunden verbringt er auf dem Ansitz. Ein Dutzend Kameraaugen beobachtet für ihn mit. Keiner weiß über die Altengrabower Wölfe so gut Bescheid wie er. Das „Wolfsmonitoring“ macht einen guten Teil seiner Arbeit aus. Er wertet die Fotofallen aus, sammelt Kotproben, begutachtet Risse.

Die meisten Deutschen, das jedenfalls sagen Umfragen, freuen sich darüber, dass die wilden Wölfe wieder zurückkehren in unser hochzivilisiertes Land. Aber man will doch sehr genau wissen, was sie so treiben, auch, um gegebenenfalls einschreiten zu können, wenn sie es allzu wild tun. Wo es Wölfe gibt, da gibt es auch Monitoring-Programme und Managementpläne. Wenn Hundebesitzer die Hinterlassenschaften ihrer Lieblinge so sorgfältig einsammelten wie Förster Puffer die der Wölfe, gäbe es deutlich weniger Ärger. Den Kot schickt er an die Senckenberg-Institute in Gelnhausen und Görlitz, wo er genetisch und auf die Nahrungszusammensetzung hin untersucht wird. Mit der so entstehenden Wolfsdatenbank lässt sich theoretisch ermitteln, welcher Wolf was gefressen hat.

Es begann mit einem gerissenen Schaf in der Nähe von Altengrabow. 2008 war das. DNA-Analysen erwiesen, dass ein Wolf der Täter war. Im Januar 2009 entdeckte Puffer auf dem Übungsplatz zwei parallel laufende Wolfsfährten. Die Vermutung, dass sich ein Paar zusammengefunden habe, bestätigte sich im Sommer desselben Jahres, als eine Fotofalle Welpenbilder lieferte. Die Fähe, auch das ergaben DNA-Analysen zweifelsfrei, stammt aus dem Neustädter Rudel in der Lausitz, wo auf dem Truppenübungsplatz Muskauer Heide zur Jahrtausendwende zum ersten Mal seit 150 Jahren wilde Wölfe in Deutschland geboren wurden und damit die wölfische Wiederbesiedlung Deutschlands ihren Anfang nahm. Der Rüde ist wahrscheinlich direkt aus Westpolen zugewandert. Das Wolfspaar erwies sich als überaus fruchtbar. Fünf Welpen kamen 2009 zur Welt, acht 2010, je sieben 2011 und 2012. Und in diesem Jahr sind es wieder acht. 35 Welpen also in vier Jahren, das ist eine beträchtliche Reproduktionsleistung. Und das Altengrabower Paar ist nicht allein. Im östlichen Sachsen-Anhalt und südwestlichen Brandenburg haben sich inzwischen fünf Wolfsrudel etabliert. Es sind fünf von insgesamt mehr als 23 Rudeln, die inzwischen in Deutschland leben. Das hat eine jüngste Wolfszählung ergeben, die Zahlen haben in dieser Woche die Experten des wildbiologischen „Büro Lupus“ bekannt gegeben, hier läuft das bundesweite Wolfsmonitoring zusammen. Die Region südwestlich von Berlin ist neben der Lausitz zum zweiten Quellgebiet der Wiederausbreitung des Wolfes geworden. Der scheint einen ausgeprägten Drang in Richtung Nordwesten zu haben. Abwanderer aus Altengrabow sind bis nach Cuxhaven vorgestoßen. Auch an der Begründung von Wolfsrudeln auf den niedersächsischen Truppenübungsplätzen Bergen und Munster waren Nachkommen des Altengrabower Paares beteiligt.

Zwei Jungwölfe wurden im vorletzten Jahr gefangen und mit Sendern versehen. Die letzten Telemetriedaten des einen stammen aus der Lüneburger Heide. Der andere kam bis Roßlau.

Die Spur der meisten Jungwölfe allerdings verliert sich. Immer wieder werden Tiere als Verkehrsopfer am Straßenrand gefunden, manche sicher auch illegal abgeschossen. Oder sie schaffen es einfach nicht zu überleben und verhungern.

Der Herbst ist eine Zeit, in der es für junge Wölfe schwierig wird. Im April sind die Jungen zur Welt gekommen, im Herbst sind sie dann körperlich fast ausgewachsen und haben einen besonders hohen Energiebedarf. Die Beutetiere allerdings sind auch größer geworden. Hirschkälber und Frischlinge lassen sich nicht mehr so leicht fangen wie im Frühjahr. Da kann es eng werden im Wolfsland, vor allem für die Jährlinge, also die Welpen des Vorjahres, die es sich gern im Hotel Mama bequem machen. Sie müssen auf Wanderschaft gehen, ohne viel Erfahrung gesammelt zu haben. Klaus Puffer ist übrigens skeptisch, ob sie sich wirklich an der Aufzucht ihrer jüngeren Geschwister beteiligen, wie vielfach behauptet wird. Es könnte auch sein, dass sie einfach nur schmarotzen wollen und immer dann zur Stelle sind, wenn die Eltern den Welpen Beute zutragen.

Wo Wölfe sind, da wird gemunkelt. Die Russen hätten sich Wölfe gehalten und sie bei ihrem Abzug 1994 freigelassen, erzählt man sich in der Gegend. Auch die Ökofreaks, die illegal Wölfe auswildern, geistern durch die Gerüchteküche. Dank der behördlichen Wolfskot-Sammelwut lässt sich jedoch nachweisen, dass die Altengrabower Wölfe aus freien Stücken zugewandert sind und dass alle hier geborenen Welpen von der Lausitzer Fähe abstammen. Wenn sie sich auf die Suche nach eigenen Territorien machen, treffen sie oft nahe verwandte Partner.

Ob auf fremdem Territorium bei einem Geschwisterpaar die Inzestschranke wirkt, ist noch nicht erforscht. Womit der dunkelste Schatten benannt ist, der über der Zukunft der deutschen Wölfe liegt. Er heißt Inzucht. Es wäre ideal, wenn sich in der Mitte Deutschlands Tiere der westpolnisch-ostdeutschen und solche der italienisch-französischen Population begegneten, aus der der im vorigen Jahr im Westerwald erschossene Wolf stammte. Auch aus dem Südwesten also kommen sie, doch bisher nur vereinzelt.

Nach vielen Stunden auf dem Hochsitz wäre ich auch mit einem Wolf aus der Inneren Mongolei zufrieden gewesen. Reges Vogelleben an der Wasserstelle hatte mir die Zeit vertrieben, nichts, was einen echten Birdwatcher in Wallung versetzt. Ringeltauben, Amseln und Goldammern sieht man überall. Immerhin ließ sich auch ein Kernbeißer blicken. Sie alle suchten in der Sommerhitze ein kühles Bad. Mir wurden die Lider schwer.

Ich begann gerade, von Wölfen zu träumen, als mich der Ton traf, ins Rückenmark. Ein sonorer Heulton, der sich in die Höhe schraubte, eine zweite Stimme fiel ein, zweistimmig schwoll das Geheul an und ab, und dann fielen mit schrillem Winseln die Welpen ein. Das wiederholte sich vier-, fünfmal – ganz in meiner Nähe. Das Rudel absolvierte sein Gemeinschaftsritual. Doch alles Spekulieren mit dem Fernglas nutzte nichts. Die Wölfe blieben unsichtbar. Meine Anwesenheit hatten sie sicher längst bemerkt. Sie sind wild, sie sind scheu, Deutschlands Wölfe.