Berliner Merkwürdigkeit

Die Palmen der Agenten

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Jennifer Hinz

Berlin liebt seine dunklen Ecken, seine mit Botschaften beschmierten Brandmauern, seine Geheimnisse.

Der Kalte Krieg war die Hochzeit der Geheimniskrämer und Schnüffler und Berlin ihr Sammelbecken. Heute stellen sich die Berliner Geheimnisse offener zur Schau. Ein Foto auf Facebook von der Baustelle des Bundesnachrichtendienstes an der Chausseestraße löste kürzlich eine Kommentar-Diskussion aus. Im Hof des steingrauen Gebäudekomplexes recken sich hinter der rostbraunen Sichtschutzmauer zwei Palmen haushoch in den Himmel.

Deplatziert wirken sie; und mit ihrer Oberfläche aus grünem Kunststoff seltsam künstlich. 22 Meter sind die überdimensionalen Gewächse hoch – Urlaubsstimmung will nicht aufkommen. Ob wenigstens die Blätter in der Krone echt sind, lässt sich von unten kaum sagen, aber auch sie wirken seltsam statisch. Worum handelt es sich? Ein ausgeklügeltes Raketenabwehrsystem im Palmenkostüm? Eine alternative Nutzung für Dekopalmen, die ursprünglich Reisende am Flughafen BER auf ihren Urlaub einstimmen sollte?

Wie so häufig, wenn es um Unerklärliches geht, handele es sich bei dem Palmen-Paar um Kunst. So steht es jedenfalls auf der Website des BND. Artikel im Internet streuen das Gerücht, der BND hätte sich als Palmen getarnte Funkmasten in den Vorgarten gesetzt. Ratlosigkeit herrscht auf Nachfrage auch bei der Pressestelle des BND, schließlich sei man bei der Informationsübermittlung doch schon längst auf Satelliten umgestiegen. Gesehen habe der BND-Pressesprecher die seltsamen Kunststoffpflanzen aber durchaus und das Ganze als Kunst am Bau ausgemacht.

Tatsächlich war es der Nürnberger Künstler Ulrich Brüschke, der die Palmen als Gruppenausstellung unter dem Namen „0° Breite“ entwarf. An gut getarnte Spionagegerätschaft sollen sie erinnern, selbstverständlich mit einem Augenzwinkern. 2009 setzte sich der Entwurf als Kunst-am-Bau-Projekt für die Terrasse zum Pankepark, dem Hof des BND, durch. Die Begründung des Preisgerichts kommt ähnlich kryptisch daher, wie das Kunstwerk selbst: „Die Palmen geben dem Gebäude eine seltsame Ortlosigkeit, die irgendwo im Niemandsland zwischen Wüste und Shopping Mall Momente der Verschiebung und Dislozierung schafft.“ Dechiffriert heißt das: Übergroße Plastikpflanzen sind immer ein Hingucker, egal wo. Auch nachts kommen die Palmen ihrem Auftrag nach und machen leuchtend auf sich aufmerksam.

Zweimal war das Projekt zur kunstvollen Verschönerung der Terrasse zum Pankepark ausgeschrieben. Am ersten Durchgang nahmen etwa 400 Künstler teil und doch konnte keiner von ihnen die fachkundigen Männer und Frauen aus Kunstszene und Bauwesen überzeugen. Zu geheim wurde das Projekt gehandelt. Zu wenige Informationen ließen die Künstler mit ihren Vorschlägen im Trüben fischen. Erst genauere Angaben zu den schwierigen Baubedingungen des Standorts konnten im zweiten und diesmal offenen Wettbewerb die Suche zum Ziel führen. Leicht sollte das gesuchte Kunstobjekt sein, um die Statik des im Untergrund versteckten Geflechts aus Fluren und Räumen nicht zu gefährden. Alternativ zu den Palmen könnten heute auch bewegliche Stahlgitterkonstruktionen mit Parabolantennen vor dem Gebäude umher eiern. Die zweitplatzierte Arbeit von Alexander Laner trug den passenden Titel „Agenten“.

Um eventuelle Irritationen ausschließen, entschied sich die Jury jedoch dagegen. Wäre es nach dem drittplatzierten Künstler, Holger Beisitzer, gegangen, stünde auf den Terrassen zum Pankepark heute eine steingewordene Lektion zum Thema Schwerkraft in Form eines fünf Grad geneigten Turms. Das ausgewogenste Ergebnis versprach man sich jedoch von Brüschkes Palmen: „Die räumliche Fernwirkung, Leichtigkeit und Höhe der Palmen setzen einen starken Kontrapunkt zur Strenge und Monumentalität der Fassade.“

So wird aus dem Bundesnachrichtendienst das Haus mit den zwei Palmen. Eine gute Tarnung!