Berlinale

Film ab!

Eigentlich wollen Herr Krause und Frau Schmidt nur mal ausgiebig zur Berlinale gehen: Erst ins Kino, danach schön feiern. Doch dann laufen sie sich über den Weg - und sehen ihr Programm mit ganz anderen Augen. Ob es ein Happy End gibt? Folgen Sie Ihnen auf dem Weg durchs Festival.

01. The Grandmaster

Friedrichstadt-Palast Gleich der Auftakt verspricht ein Kracher zu werden. Der Eröffnungsfilm von Jurypräsident Wong Kar-wai setzt Maßstäbe: Spektakuläre Kung Fu-Kampfszenen gegen jede Regel der Schwerkraft, opulent ausgestattete Bilder vom China der 30er-Jahre und eine der schönsten Frauen Asiens als Star: Zhang Ziyi. Kein Wunder, dass sich der Titelheld, Kung Fu-Großmeister Ip Man (Tony Leung), in sie verliebt. Ein chinesisches Martial-Arts-Epos, das alles hat: Ehre, Verrat, Liebe, Action und große Gefühle.

Danach ist Herr Krause so aufgekratzt, dass er erst einmal im Dudu, Torstraße 134, was richtig Scharfes zu essen braucht

02. Don Jon's Addiction

CinemaxX 7 Joseph Gordon-Levitt scheint eine coole Socke zu sein. Nach Auftritten in Blockbustern wie „Inception“ und „The Dark Knight Rises“ und aktuell in Spielbergs „Lincoln“, haut er jetzt sein Regiedebüt raus. Und spielt darin einen Aufreißer, der außer Frauen und Fitnessstudio nur eins im Kopf hat: im Internet nach Pornos surfen. Permanent. Erst als er seine Traumfrau kennenlernt – und für wen ist Scarlett Johansson das nicht? – versucht er seine Sucht zu zügeln und spießig zu werden. Gelingt ihm aber nicht. Herr Krause kann das gar nicht nachvollziehen.

03. Before Midnight

Berlinale-Palast Bereits zum dritten Mal begegnen sich Julie Delpy und Ethan Hawke, nach „Before Sunrise“ (1995) und „Before Sunset“ (2004), die ebenfalls auf der Berlinale liefen. Diesmal verbringen sie einen Urlaub in Griechenland. Und wieder drehen sich ihre Gespräche um die großen Themen: die Liebe und das Leben und wie man beides vor dem Alltagstrott bewahren kann. Am Ausgang begegnen sich Herr Krause und Frau Schmidt, sie lächelt ihn gar nicht einmal so kurz an. Doch bevor er reagieren kann, ist die unbekannte Schöne verschwunden.

Frau Schmidt braucht noch ’nen Drink und bestellt gleich nebenan einen White Russian im Billy Wilder’s, Potsdamer Straße 2

Sie ist danach trotzdem in Partylaune und hat sich mit einer Freundin noch zum Schwoof in Clärchens Ballhaus, Auguststraße 24, verabredet

04. Side Effects

Friedrichstadt-Palast US-Regisseur Steven Soderbergh versteht es, politische Skandale in spannende Unterhaltung zu verwandeln: ob Drogenhandel in „Traffic“, Virenepidemie in „Contagion“ oder jetzt die Umtriebe der Pharmaindustrie. Eine junge Frau (Rooney Mara) leidet unter Angstzuständen, die Medikamente führen dazu, dass sie sich an vieles nicht erinnern kann. Eines Tages liegt ihr Ehemann (Channing Tatum) erstochen in der Wohnung. Und Jude Law versucht als Psychiater, die Tat aufzuklären. Gutes Genrekino, ganz nach Herrn Krauses Geschmack.

Herr Krause genehmigt sich einen doppelten Espresso und einen Bagel im Balzac Coffee, Friedrichstraße 125. Er freut sich auf den nächsten Film

05. La Piscina

International Es hatte eigentlich ganz interessant geklungen. Ein kubanischer Film über eine Gruppe Jugendlicher, die den Tag im Freibad verbringen. Sie dösen in der Sonne, ziehen ihre Bahnen. Ein einbeiniges Mädchen mit Zahnspange macht sich über einen Stummen lustig. Der Bademeister schaut zu. Um Machtkämpfe geht es, um Außenseiterdasein und Rivalitäten, vor allem aber ums Zeittotschlagen. Wahrscheinlich soll es eine Metapher auf die Situation auf Kuba sein. Oder so. Herrn Krause ist das alles zu halb angedeutet und schlicht zu langweilig.

06. Dark Blood

Berlinale-Palast Anfang der Neunziger war River Phoenix mal einer der coolsten Jungs in Hollywood, bevor er mit gerade mal 23 Jahren an Drogen krepierte. Seinen letzten Film konnte er nicht mehr zu Ende drehen, fast zwei Jahrzehnte verschwand der im Giftschrank der Versicherung. Nun läuft der exzentrische Spätwestern „Dark Blood“ im Wettbewerb, mit Phoenix als jungem Witwer, der in einer atomtestverseuchten Wüste lebt, umgeben von Voodoopuppen. Die fehlenden Szenen liest der Regisseur im Off aus dem Drehbuch.

07. Kulinarisches Kino: Jadoo

Martin Gropius Bau Die Tickets fürs Kulinarische Kino sind immer sofort ausverkauft. doch Herr Krause hat eins ergattert! Zunächst läuft "Jadoo", eine britische Komödie über zwei konkurrierende Kochbrüder. Und danach gibt es ein von der indischen Küche inspiriertes Aromadinner von Zwei-Sterne-Koch Tim Raue. Ein wunderbarer Abend, vor allem weil am selben Tisch just die Frau sitzt, die ihm vor drei Tagen im Berlinale-Palast zugelächelt hat. Sie unterhalten sich so angeregt, dass sie noch gemeinsam weiterziehen zur King-Size-Bar, Friedrichstraße 112b. Sie kommen sogar rein.

Sie bestellt im Kuchenrausch, Simon-Dach-Straße 1, eine Madeleine und schwelgt in ihren eigenen Erinnerungen

Herr Krause erinnert sich beim Anblick des verstorbenen Jugendhelden an die 80er und 90er und flieht, bevor er flennt, ins Café M, Goltzstraße 33

08. Sing Me The Songs That Say I Love You

CineStar 7 Noch immer berauscht von der gestrigen Begegnung, geht er nachmittags in den Konzertfilm von Rufus Wainwright und seiner Schwester Martha, die zu Ehren ihrer 2010 an Krebs verstorbenen Mutter Kate McGarrigle deren selbstgeschriebene Folk-Lieder singen. Ein melancholisch-schöner Abschied, mit tollen Gastauftritten von Norah Jones, Emmylou Harris und anderen. Herr Krause ist so berührt von den Songs über Liebe, Sehnsucht und Abschiednehmen, dass er die ganze Zeit nur an Frau Schmidt denkt...

Spontan kauft er sich eine Karte für die Teddy Gala am Abend in der Station Berlin, Luckenwalder Straße 4-6, um sich den Live-Auftritt von Rufus anzuschauen

09. Gold Du kannst mehr als du denkst

Cubix 8 Für den vorletzten Berlinaletag hat Herr Krause noch eine Karte für einen Dokumentarfilm ergattert. Um drei körperbehinderte Sportler geht es – und ihren Weg zu den Londoner Paralympics im Sommer 2012; darunter der blinde Langstreckenläufer Henry Wanyoike aus Kenia und die querschnittsgelähmte deutsche Schwimmerin Kirsten Bruhns. Ein mitreißendes Porträt über drei willensstarke Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen. Voller Bewunderung geht Herr Krause nach Hause. Wann hat er eigentlich zuletzt Sport gemacht?

Herr Krause holt topmotiviert er seinen alten Laufschuhe aus dem Schrank und joggt noch eine Runde durch den Park. Er schafft dreieinhalb Kilometer. Immerhin

10. Casablanca

CinemaxX 6 „Ich seh dir in die Augen, Kleines" - gibt es einen besseren Datefilm al "Casablanca"? Es lässt sich so herrlich schmachten bei der tragischen Liebe zwischen dem Barbesitzer Rick (Humphrey Bogart) und der jungen Ilsa Lund (Ingrid Bergmann), die mit ihrem Ehemann vor den Nazis geflohen ist. Es war Frau Schmidts Idee gewesen, sich den Liebesklassiker anzusehen. Aber Herr Krause hat sich nicht zweimal bitten lassen. Und bietet ihr im Kino bereitwillig eine Schulter zum Anlehnen.

Danach flanieren sie durch den winterlichen Tiergarten und kehren im Café am Neuen See ein

Sie beenden den Tag mit einem romantisch-hippen Dinner im Bandol sur Mer, Torstraße 167. Noch schöner als im Film

01. Promised Land

Berlinale-Palast Frau Schmidt schaut sich den neuen Film von Gus van Sant vor allem wegen Hauptdarsteller Matt Damon an. Der spielt den Angestellten einer Energiefirma, der die Farmer einer Kleinstadt dazu bringen soll, die Förderechte für das Erdgas unter ihrem Land zu verkaufen. Er verspricht ihnen märchenhafte Summen und verschweigt die mit dem Abbau verbundenen Umweltrisiken durch Chemikalien. Ein Ökothriller ganz auf politisch korrekter Berlinalelinie, der aber leider nie richtig in Fahrt kommt. Frau Schmidt überzeugt das nicht so.

02. Les Misérables

Friedrichstadt-Palast Das Musical hatte Frau Schmidt vor ein paar Jahren schon mal im Theater des Westens gesehen und sie ist sehr gespannt, wie es als Film umgesetzt wurde. Vor allem, weil alle Schauspieler wie Anne Hathaway, Hugh Jackman und Russel Crowe selbst live singen. Und sie wird nicht enttäuscht: Oscarpreisträger Tom Hooper verwandelt die schicksalhafte Geschichte um den Ex-Häftling Jean Valjean und die Waise Cosette in ein opulentes, fesselndes Kino-Epos. Frau Schmidt kann nicht anders: Sie verdrückt ein paar Tränen.

Frau Schmidt ist jetzt nicht nach öko. Sie will noch ein Steak im Grill Royal, wo nichts frei ist – und landet im Blockhouse, Friedrichstraße 100

04. Lose Your Head

Colosseum 1 Es wirkt ja oft eher peinlich und aufgesetzt, wenn ein Spielfilm versucht, das Berliner Nachtleben zu zeigen. „Lose Your Head“ dagegen macht alles richtig, weil die Macher selbst fleißige Berghain- und Bar25-Gänger sind. Ein junger Spanier, gerade in Berlin angekommen, stürzt sich ins die Clubszene, knutscht mit einem Mädchen, verknallt sich in einen mysteriösen Typen, und geht bald zwischen Partys und Drogen verloren. Der erste gute Berliner Szenefilm seit „Berlin Calling“ und Frau Krause kriegt richtig Lust auf Clubben.

Im Technoclub Tresor, Köpenickerstraße 70, ist heute Electric Monday. Bleed und Ricardo Rodriguez legen auf. Es wird eine lange Nacht, auch ohne Drogen

05. Meine Schwestern

Cubix 7&8 Der Frankfurter „Tatort“ mit Nina Kunzendorf war Frau Schmidt einer der liebsten, deswegen hat sie auch keine Sekunde gezögert, als sie von dem Film las, in dem die Berliner Schauspielerin neben Jördis Triebel und Lisa Hagmeister eine von drei Schwestern spielt, die gemeinsam alle Widrigkeiten des Lebens meistern. Das ist nicht ganz einfach, Linda hat einen angeborenen schweren Herzfehler, die gemeinsame Reise ist vielleicht die letzte. Ein toll gespieltes Drama über schwesterliche Liebe und Solidarität. Frau Schmidt ist tief bewegt.

06. Nachtzug nach Lissabon

CinemaxX 7 Es dürfte der Film mit einer der prominentesten Besetzungslisten dieser Berlinale sein: In Bille Augusts Adaption des gleichnamigem Bestsellers von Pascal Mercier treten neben den internationalen Stars Jeremy Irons, Charlotte Rampling, Christopher Lee, Lena Olin und Mélanie Laurent auch Martina Gedeck, August Diehl und Bruno Ganz auf. Letzterer spielt den Berner Lehrer Gregorius, der sich angeregt durch die Lektüre eines Buchs auf den Weg nach Lissabon macht, letztlich eine philosophische Reise zu sich selbst. Frau Schmidt ist bezaubert.

08. Gold

Friedrichstadt-Palast Nina Hoss ist Dauergast der Berlinale, kaum ein Jahr, in dem sie nicht in einem Wettbewerbsfilm mitspielt, meist einem von Christian Petzold („Barbara“). Diesmal spielt sie in einem Western über deutsche Auswanderer, die im Sommer 1898 in Kanada nach Gold suchen. Und wie die anderen sechs Glücksritter hat auch diese Emily keine Vorstellung davon, welche Strapazen auf dem gefährlichen Weg in den Hohen Norden da auf sie zukommen. Frau Schmidt ist wieder mal beeindruckt von der unglaublichen Präsenz des Berliner Film- und Theaterstars.

09. Mammas

Arsenal 1 Frau Schmidt hat sich mit ihrer besten Freundin Elke verabredet. Zusammen wollen sie sich den neuen Film von Isabella Rossellini anschauen, der Tochter von Ingrid Bergman, die Frau Schmidt dann morgen in „Casablanca“ sehen wird. Viel wussten sie nicht über Rossellinis neues Werk, nur dass die Schauspielerin diesmal auch selbst Regie führt. Und dann das! Die Sechzigjährige schlüpft in kuriose Tierkostüme und zeigt, mal als Spinnenmutti, mal als Hamstermama, ironisch-verspielt wie die Tierwelt mit ihrem Nachwuchs umgeht.

Frau Schmidt und ihre Freundin sind amüsiert und verwirrt zugleich. Noch immer kichernd gehen die beiden einfach an der Security vorbei auf die Abschlussfeier im Berlinale-Palast