Tiere

Parkplatz der Kraniche

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Ulli Kulke

Sie sind spektakulär schöne Reisende: Bei Stralsund machen die Zugvögel auf ihrem Weg nach Süden Station. Unser Autor hat sie beobachtet

Günter Nowald ahnt, dass es Ärger geben könnte. "Die stehen hier auf der Neusaat, das sollen sie nicht." Und da knallt es schon, von hinten, aus dem Buchenwäldchen, hinter dem Acker. Sekunden später dringt ein Rauschen über die Flur, unterlegt mit zartem, rhythmischem Pfeifen von gepresster Luft. 300, vielleicht auch 500 gewaltige Schwingenpaare, jedes mit einer Spannweite von zwei oder zweieinhalb Metern, ziehen aschgraue Riesenvögel in den lichten Hochnebel. Nicht hektisch, eher gemächlich, es sind die größten flugfähigen Tiere überhaupt in Europa, die Jumbos unter den Vögeln. In nur scheinbar chaotischer Choreografie sortieren sie sich. Verschiedene Flughöhen, verschiedene Kurse und Geschwindigkeiten.

Die Kraniche sind da. 60.000 oder 70.000 haben sich an ihrem Luftkreuz an der Boddenküste bei Stralsund eingefunden. Eingeflogen wie jedes Jahr aus Schweden und Norwegen, einige auch aus dem Baltikum. Alle warten sie hier, bis das Okay kommt für den Weiterflug, bis ihnen der Rückenwind das Signal gibt: Jetzt schafft ihr es, viel schneller als die Störche, nonstop in ein, zwei Tagen, mit 60 bis 80 Stundenkilometern bis nach Südfrankreich, dem Winterquartier, einige etwas weiter, bis in die spanische Extremadura. Bis dahin kann es Wochen dauern, Monate, in denen die Kraniche in dieser etwas trüben Gegend die Leute faszinieren mit ihren Himmelsschauspielen, wie es anderswo Nordlichter schaffen. Vielleicht aber sind sie heute aber auch schon alle weg.

Die Bauern an der Küste sind nicht froh über dieses herbstliche Intermezzo, verjagen bisweilen durch Böllerschüsse die Vögel, die sich an ihrem Saatgut schadlos halten. Günter Nowald, Leiter des Kranichzentrums in Mohrdorf, inmitten dieses "Luftkreuzes", sieht den Frevel nicht gern. "Die Bauern kriegen schließlich Kompensationsgelder". Aber er bleibt gelassen. Die aufgescheuchten Vögel wissen: Nur ein paar Schwingenschläge weiter laden zum zweiten Frühstück weitläufige Liegenschaften, Stoppelfelder, Brachen. Dort, wo sie sowieso hingehören, die Besucher auf der Durchreise, und wo die anderen von ihnen schon sind. Denn den Ansturm solcher Massen auf Durchreise, die an Kopfzahl fast schon an die Größenordnung einer Großstadt heranreichen, überlässt man hierzulande in freier Wildbahn nicht sich selbst. Man muss es wohl als Kranichmanagement bezeichnen, was die Naturschützer in dieser Gegend leisten.

Der Worldwide Fund for Nature (WWF) und der Naturschutzbund (Nabu), die beide die Station in Mohrdorf unterhalten, sorgen für "Ablenkfütterungen" auf anderen Flächen, um die Vögel von den Neusaaten fernzuhalten. 300 Gramm pro Kopf und Tag - macht 10 bis 15 Tonnen Körnerfutter. Das zieht nicht nur Kraniche an, gleich morgens, kurz nach der Dämmerung, wenn sie zu Tausenden herüberkommen von ihren Übernachtungsplätzen nebenan in den offenen Boddengewässern, wo sie stehend schlafen, vor Feinden sicher und im Zweifel durch den leisesten Wellenschlag gewarnt. Eine halbe Stunde vor dieser Invasion aus der Luft sind sie schon bis auf den letzten Platz gefüllt, die Parkplätze gleich nebenan - Wohnmobile, von der Luxusklasse über SUVs bis zur Rostlaube, Kennzeichen aus der ganzen Republik, auffallend viele Bayern.

Durchweg ältere Herrschaften, "Ü65", entsteigen den Autos, allesamt Hobbyornithologen und Hobbyfotografen in einem. Thermoskanne, Stulle, Jägermantel. Viele darunter Typ pensionierter Studienrat, die jetzt, da die Vögel noch nicht eingeflogen sind und die Stative ausgezogen werden, den Ton angeben beim Fachsimpeln über das beste Teleobjektiv zwischen 2500 und 3000 Brennweite, über die anstehende Reise nach Südfrankreich, über diese dummen Laienbesucher, die Fischreiher nicht von Kranichen unterscheiden können. Die Ehefrau wärmt sich derweil im Auto auf. Dann, gegen sieben Uhr, kommen sie, ein Schwarm nach dem anderen, ein unendlicher Landungsstrom, ohne Lotsen, mit langsamen Flugbewegungen. Zehn Meter über dem Boden wird das filigrane Landegestell nach unten geklappt, Touchdown, zwei gemessene Schritte, und schon geht das Picken los, mit langen Schnäbeln ins "Ablenkungsfutter".

Die Fachsimpeleien sind unterbrochen, die Motoren der Fotoapparate surren, ein paar tausend Fotos pro Minute am laufenden Band dürften nun geschossen werden aus der Batterie der großkalibrigen Objektive im Anschlag. Drüben, in den kleinen Fotografenbunkern, mitten auf dem Feld, ist heute niemand. Das Zentrum bietet sie zum Mieten für den "Schuss" aus Nahdistanz an, für einen ganzen Tag. Nachttopf inklusive, weil man dann auch drinnen bleiben muss von früh bis spät, um die Tiere nicht zu stören. Bald sind nur noch die Kraniche zu hören, mit ihren trompetenartigen Rufen, die sie aus ihrem in der Ornithologie beispiellos gewundenen und verschraubten Luftröhrenapparat herauslocken; um die Familie zusammenhalten, um unliebsame Nachbarn auf Distanz zuhalten, auch um Streitigkeiten zu schlichten. Die Enkelkinder aus dem einen Wohnmobil wollen sich näher heranpirschen, an der Straße entlang. Sie werden zurückgepfiffen von Nowalds Rangern, etwa zehn hat er während der Hochsaison beschäftigt, auf Honorarbasis und ehrenamtlich. Die Sorge gilt nicht den Halbwüchsigen im Verkehr auf der Straße: "Stören Sie bitte nicht die Vögel, die haben eine Fluchtdistanz von 300 Metern." Vorbeifahren dürfe man im Auto. Zwischenhalte aber werden nicht gern gesehen, lauten die Regeln der Kranichsafari. Der Herbst hat seine ganz besonderen Gesetze in diesem Landschaftsschutzgebiet.

Massenzusammenkünfte wie die allherbstlichen der Kraniche an den Ostseebodden erfordern ein höheres Sozialverhalten. Was uns nun dort drüben, aus der Distanz von vielleicht sechzig Metern, als zusammenhangloses Gekreische vorkommt, ist, wie die Vogelkundler wissen, differenzierte Kommunikation. "Scheltendes Geschrei, empfindliche Schnabelhiebe", aber auch belohnendes, freundliches Gebaren hat Alfred Brehm beim Kranich beobachtet, sowie Verneigungen und sogar Tanz. Er lasse sich aber auch vom Menschen nichts gefallen, "trägt ungebührliche Beleidigungen Monate-, ja jahrelang nach, kurz, zeigt sich als wahrer Mensch im Federkleide."

Brehm ist bekannt für seine Übertreibungen, für seine Vermenschlichungen. Doch auch Nowald, der 1994 aus Nordrhein-Westfalen hierher kam und seither nicht nur mit seiner Familie, sondern auch mit den Kranichen hier zusammenlebt (3800 Brutpaare leben den ganzen Sommer über hier, ziehen im Frühjahr nicht nach Norden), beobachtet bei seinen Vögeln ein Verständigungssystem, das "fast so komplex ist wie beim Menschen". Bei Konfliktlösungen, bei der Arroganz der besonders erfolgreichen Brüter, der Stigmatisierung der Erfolglosen. In seiner Monogamie hat der Kranich den Menschen wohl überholt. Auch ganze Familien bleiben eine gewisse Zeit zusammen. Ihre Kinder, mit denen die Eltern jetzt in den Süden ziehen, fliegen mit ihnen im Frühjahr wieder zurück, trennen sich erst danach.

Nowald ist zufrieden, dass er über seine Schützlinge keine Hiobsbotschaften vermitteln muss: "Seit 20 Jahren ist der Bestand stabil." Er hat es geschafft, die Region - ganz im Gegensatz zur weiteren Umgebung - frei zu halten von gefahrvollen Windrädern, "es ist ein anhaltender Kampf". Feinde hätten die Kraniche so gut wie keine, im Tageslicht habe der Fuchs keine Chance, und nachts habe er nicht einmal etwas davon, wenn er sich ins Boddengewässer wagte, weil der feine Wellenschlag an den sensiblen Beinen der Vögel sofort Alarm schlüge. Allein der Seeadler versucht bisweilen, einen Jungvogel zu schlagen, bekommt es dann aber gleich mit einem ganzen Kranich-Geschwader zu tun.

Auch haben sich die Zugbedingungen für die Vögel deutlich verbessert. Früher flogen sie bis nach Afrika "Das macht heute keiner mehr", sagt Nowald. Mit dem Klimawandel habe das nichts zu tun, "die Kälte hat ihnen noch nie etwas ausgemacht, sie könnten ohne weiteres auch hier übernachten", allein das Futter fehle bei Frost und Schnee. "Die Futtersituation ist denn auch in Südeuropa besser geworden, die vielen Stauseen haben über die Jahrzehnte attraktive Winterquartiere geschaffen". Den Kranichen geht es gut, auch dank der Arbeit von WWF und Nabu.

Nächsten Herbst sind sie wieder da.