Berliner Merkwürdigkeit

Und wonach suchen Sie?

Über das Suchen und Finden der Liebe ist an dieser Stelle schon geschrieben worden, deshalb geht jetzt einmal um das Suchen und Finden als solches, und zwar in "Berlin". So heißt ein sehr schöner, sehr melancholischer Song der deutschen Band Jupiter Jones, der sich einem für dieses Land typischen Phänomen widmet: "Und wo sind all die Mädchen? / Wo sind all die Freunde hin? / Die das eingegrabene Städtchen / bepinselt haben mit Sinn. / Sie suchen nach dem Glück / in Berlin..."

Gemeint ist die innerdeutsche Landflucht von sehr bis mitteljungen Menschen, die ihre Sachen packen und in die Hauptstadt ziehen, um dort auf Sinnsuche zu gehen - aus irgendwelchen Gründen hält sich das Gerücht, dass Berlin ein besonders guter Ort dafür sein soll. Was aber machen eigentlich Menschen, die bereits dort wohnen? Manuel Däbritz ist so jemand, und er dachte sich wohl: Wenn man selbst keine Antworten auf die großen Fragen des Lebens hat, dann kann man ja einfach mal andere fragen - und dabei filmen.

Der 26-Jährige steht selbst von Beruf aus entweder vor oder hinter der Kamera: Er ist Schauspieler und Producer, hat gerade den Masterabschluss seines Filmstudiums in Berlin und St. Gallen absolviert. Im Frühling entschloss sich Däbritz, seine mittlerweile in ganz Deutschland versprengten Freunde endlich wieder einmal zu besuchen. Im Rucksack: Eine geliehene Spiegelreflexkamera mit Mikrofon. Und drei wichtige Fragen nach dem Suchen und Finden, die er für sich zu klären suchte. Daraus entstanden ist seine Trilogie "100 Menschen - 10 Städte - 1 Frage", für die er Fremde um ein Kurzinterview bat: Was suchen Sie? Was haben Sie gefunden? Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was wäre das?

Nur elf Tage lang war er unterwegs, in Baden-Baden, Frankfurt am Main, Freiburg, Göttingen, Hamburg, Heidelberg, Karlsruhe, Kassel, Mannheim und eben Berlin. Einmal, erzählt Däbritz gut gelaunt, habe er gleich drei Städte an einem Tag bereist. Da noch die Zeit für Dreharbeiten zu finden - keine leichte Aufgabe. Doch der Filmproduzent hatte so seine Strategien. Eine davon lautete: Fußgängerzonen besser meiden. "In Parks waren die Leute grundsätzlich besser drauf und eher dazu bereit, mitzumachen", sagt er. "Genauso auf Bergen oder hohen Gebäuden." Für das Casting sprach der Berliner wahllos Passanten an, Kinder und Senioren, eine Kutscherin, einen Fahrradkurier, eine Nonne. Nur zwei Darsteller kannte Däbritz vorher: Eine Bekannte, die die Gebärdensprache beherrscht, und einen Freund, der sich für das Video in ein Astronautenkostüm zwängte.

Die restlichen 98 Menschen waren Fremde, ihre Reaktionen aber immer spontan - etwa auf die Frage, wonach sie suchten. Ihre Antworten? Klassisch: Glück, Zufriedenheit, Liebe. Philosophisch: Gegenwart, den leichten Weg zum Überleben, mich selbst. Oder originell: einen Beamer, seltene Erden, Eis. Die beiden Fortsetzungen werden in ein bis zwei Wochen folgen. "Das Schöne an diesen Fragen ist, dass sie so offen sind. Man kann sehr persönlich darauf antworten. Oder einfach sagen: Ich suche gerade den Bus", sagt Däbritz.

Definitive Erkenntnisse hat der Berliner übrigens immer noch nicht gewonnen. Aber dafür ist er jetzt noch viel offener im Umgang mit Unbekannten, sagt er. Und überhaupt: "Die Filme sollen Antworten geben, aber auch weitere Fragen stellen." Vielleicht haben sich deshalb schon mehr als dreitausend Zuschauer den ersten Teil angesehen: weil sie sich in diesen Grübeleien ein Stück weit wiederfinden. Denn eines wird bei der ungewöhnlichen Deutschlandreise deutlich: Die Fragen nach dem großen Ganzen lassen sich in Berlin ebenso leicht oder schwer beantworten wie in allen anderen Städten auch. Wie singt doch gleich Jupiter Jones? "Und der Unterschied bleibt winzig / Ihr sucht da, sie suchen hier."

Und Manuel Däbritz? Der sucht eine Wohnung in Sydney, denn er ist jetzt erst einmal unterwegs. Auf Weltreise.

Den ersten Teil von "100 Menschen - 10 Städte - 1 Frage" finden Sie unter www.kurl.de/uzob