Reportage

Letzter Halt Rauchfangswerder

Im Süden von Berlin gibt es einen einzigartigen Friedhof: Er ist in Privatbesitz. Sein Eigentümer ist Ralf Weber, Busfahrer und Totengräber

So sieht wohl eine Insel der Seligen aus: Nur Wasser, Wald und Wohngrundstücke gibt es, das war's. An die 500 Berliner leben auf Rauchfangswerder, im alleräußersten Süden der Stadt. Es ist nur ein Zipfel im Zeuthener See. Ferner kann man sich der Großstadt nicht fühlen, und trotzdem gehört man dazu. Doch was ist, wenn einer dieses Idyll verlassen muss, auf immer, wenn er also stirbt? Sogar dann bleibt er da: auf dem privaten Friedhof dieser eingeschworenen Gemeinschaft. Genau darum kümmert sich Ralf Weber, ein Mann von Rauchfangswerder in fünfter Generation. Weber sucht mit Angehörigen den Platz für die Urne aus, gräbt das Loch, vielleicht unter einer alten Eibe. Er schmückt das offene Grab für die Feier, führt auch die Kassenbücher des Friedhofs. Seines Friedhofs. Denn der freundliche Totengräber ist sogar Besitzer des Totenackers. Weber, 49 Jahre alt und kein lauter Mann, spielt das aber herunter: "Ich bin der Verwalter. Er gehört allen im Ort."

Sicher. Einen Privatfriedhof wie diesen gibt es ja offiziell auch gar nicht in Deutschland. Wohl existieren private Gräberfelder großer Adelsgeschlechter, sogar noch genutzte, wie das der von Humboldts im Schlosspark von Tegel. Aber dass ein Privatmann einen Friedhof betreibt? Fehlanzeige. Oder dass ein Wohngebiet für seine Bewohner eigene Grabstellen einrichtet, als private Dienstleistung und ganz ohne Zutun der Kommune, ohne Kirchgemeinde, einfach so? Niemals. Hier aber kauften sechs Männer vor 140 Jahren ein Stück Wald, um einen Friedhof für ihre Familien einzurichten. Zu fern von allem lag ihre Fischersiedlung, als dass sich je einer daran störte. Man begrub die Leute selbst. Bis heute geht das.

Fünf Kilometer fährt man von Schmöckwitz aus noch einmal schnurgerade durch den Wald, erst dann taucht diese eigene Welt von Rauchfangswerder auf. Rechts liegt eine Kneipe mit Vorgarten, links eine Busschleife und ein Haus mit rotem Tor. Die Freiwillige Feuerwehr, wie auf dem Dorf. Stichstraßen führen zum See, viele Grundstücke haben einen eigenen Badesteg. Eine feine Gegend, aber immer noch mit dem Charme von Datschenland. Neben den alteingesessenen Familien wohnten jahrzehntelang auch immer Sommergäste in Lauben. Heute haben viele von ihnen feste Häuser auf die Grundstücke gebaut. Ein paar protzige gibt es. In DDR-Zeiten war dieses hinterste Ende von Ost-Berlin ein Refugium für Künstler, Regisseure, auch für staatliche Protegés. Heute mischt sich auf dem Flecken alles. Es ist eine Sackgasse, aber eine illustre.

Kurz vor einer scharfen Kurve liegt der Friedhof. Fährt man per Fahrrad oder im Auto vorbei, bemerkt man die Lichtung hinter dem Zaun kaum. Man muss schon genau hinsehen. Nirgends sind opulente Grabmale, nur einfache Steine und Stelen - und Ruhe. Allenfalls ein Grab sticht hervor, mit schwarzen Marmorplatten: Familie Ebeling. Denen, so erzählt es der Friedhofschef Ralf Weber, gehörte das "Waldhaus Rauchfangswerder", früher war das eine große Nummer im Ort. Ein Ausflugsrestaurant, mit Dampferanlegestelle, bis in die Achtziger Jahre hinein. Dann machte es zu. Rauchfangswerder geriet den meisten Berlinern aus dem Blick. Heute steht nichts mehr vom Waldhaus, nach der Wende wurden Einfamilienhäuser ans Seeufer gesetzt. Der Anleger ist weg. Aber das Ebeling-Grabmal zeugt von alter Größe. Ralf Weber pflegt dieses Stück Ortsgeschichte. Genauso wie das Grab der Schulzes, das gleich daneben liegt. Genau genommen waren das die "Fähr-Schulzes". Sie hatten eine Werft an der früheren Fähre nach Zeuthen. Und einer von denen gehörte damals zu den Friedhofskäufern, das war im Sommer des Jahres 1881. Er war ein Urahn von Ralf Weber.

Daher also hat Weber seinen Job als Friedhofsbesitzer und -verwalter. Schon seit 1990 macht er ihn, da war er noch ganz jung. Ein anderer Nachfahre der Friedhofsgründer fand sich aber seinerzeit nicht. "Einer musste es ja machen", sagt Weber. Er ist so ein Typ, einer, der sich kümmert. Der Rest ist Gewohnheitsrecht. Leute, die im Ortsteil wohnten, dürfen hier beerdigt werden. Allerdings nur in Urnen. Erdbestattungen sind nicht erlaubt, aus hygienischen Gründen, weil die Gegend Trinkwasserschutzgebiet ist. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, für Friedhöfe zuständig, hat am Unikum nichts auszusetzen. Der Wald ist doch tief.

Nur manchmal schwappt ein Interesse von außerhalb auf. Neugierige Besucher fragen dann nach dem Friedhof im Ort, sie suchen einen bestimmten Namen: Den "Roten Elvis". Das war Dean Reed, einer von den Künstler-Einwohnern der Halbinsel. Der Amerikaner war Schlagerstar in der DDR, lebte am See. Im See brachte er sich 1986 um. Allerdings ist Reeds Urne seit mehr als zwanzig Jahren weg, das Grab am Zaun zur Straße verwildert. Die Mutter des Sängers hat ihn in die USA überführen lassen. So zuckt Ralf Weber immer mit den Achseln, wenn ihn wieder ein Fremder darauf anspricht. Die Legende, dass noch etwas zu sehen ist, hält sich hartnäckig. So kurios war doch auch die Geschichte des Mannes: Er siedelte aus den USA n die kleine DDR über. Jetzt ist selbst aus dem Granitblock die Inschrift herausgekratzt. Der Trumm ist eine Nummer zu groß für Ralf Weber, er kriegt ihn nicht weg. Bald muss er versuchen, die Grabstelle an eine andere Familie aus dem Ort abzugeben.

Exakt 107 Mal hat Weber tote Nachbarn unter die Erde gebracht, seit 1990. Er wüsste zu jedem etwas zu sagen, er kennt alle Familien. Ein namenloses Grab hat Weber für einen alten Trinker, der keine Verwandten hatte, eingerichtet, irgendwo mitten im Efeu. Jemand anders hat dort dann eine Bierflasche als Schmuck abgelegt, das ist Sozialarbeit im Dorf. Vor Weber hatte jahrzehntelang der alte Böhm diese Friedhofsaufgabe auf der Halbinsel inne, davor Geitner, und davor Schulze - immer einer aus ihren Reihen, erzählt Weber. Einer behält den Überblick. So ist das Platz-Prinzip. Alle anderen, die herkommen und die Gräber ihrer Verstorbenen besuchen, pflegen den Ort mit, machen immer etwas mehr als nötig. An vielen Stellen ist er sorgfältig geharkt, das Gesetz funktioniert. "Die Gießkannen am Wasserbrunnen vermehren sich auch immer", sagt Weber. Jeder stellt mal wieder eine ab, genauso ist es mit den Harken, die am Baum lehnen. So gehört der Platz halt allen, die Wert auf ihn legen. "Wir helfen uns gegenseitig", sagt eine ältere Frau, die gerade die Blumen am Grab ihres Vaters gießt. Weber kommt zudem regelmäßig mit der Heckenschere oder mit dem Rasenmäher vorbei.

Sonst, in seinem Hauptberuf, fährt Ralf Weber Bus. Im Liniendienst in ganz anderen Stadtteilen, eher weit weg von Rauchfangswerder. Ganz früher war er einmal Fahrzeugschlosser, dazwischen acht Jahre lang Altenpfleger, und zwar mit Examen. In diesen Jahren habe er natürlich am meisten von dem gelernt, was ihm im Nebenberuf als Mann auf dem Friedhof hilft. Er kann Menschen helfen, sie vertrauen ihm offenbar sehr. "Ich kann mit dem Tod umgehen", sagt er. Und zupackend und sensibel sein, heißt es genauso. Wenn eine Beisetzung ansteht, etwa drei, vier Mal im Jahr, und Ralf Weber am Abend zuvor das Loch gegraben hat, breitet er drumherum nicht etwa einen grünen Kunstrasenteppich aus, so einen aus dem Baumarkt. "Ich pflücke Zweige von den Bäumen und lege sie hin." Davor stehen ein Blumenständer und eine Schale mit Sand, die holt er aus dem Schuppen. Manchmal kommt eine evangelische Pfarrerin aus einem Nachbarort dazu und gibt den Verstorbenen den letzten Segen, oft sind es allerdings Trauerfeiern ohne Gott und Gebete. In Rauchfangswerder gibt es bis heute viele Familien, die gleich mit mehreren Generationen hier wohnen. Alle diese Alteingesessenen sind dann auf dem Friedhof, wenn einer beerdigt wird. Das sind Trauerfeiern ganz unter freiem Himmel, denn eine Halle gibt es nicht. Dafür gab es schon Trauerredner, die von außerhalb hergebeten wurden, und die überwältigt waren von dem rührenden, bescheidenen Friedhof im Wald. Diese Profis saßen dann noch lange auf einer Bank, wenn alles vorbei war.

In diesen Momenten, nach der Zeremonie, muss der Friedhofschef Weber bereits alles abrechnen, die Bücher wollen geordnet sein. 132 Euro kostet die Grabgebühr für 20 Jahre, vorn am Eingang hängt die Preisliste. 30 Euro kommen als Umlage dazu. So überschaubar ist wohl keine Vereinskasse zu führen, nirgends. Auf einen ganz simplen Nenner lässt sich dieses örtliche Kollektiv bringen: "Der Friedhof hat etwa 500 Euro Einnahmen im Jahr und 500 Euro Ausgaben", sagt Weber. Das Weitere wird im Subbotnik erledigt, alle fassen an. Einem anderen Mann aus dem Ort gibt Weber die Kassenbücher zur Prüfung, fertig.

"Diese kleine Wiese stiftet Gemeinschaft", sagt auch Manfred Mäder, er ist ein zweiter Kümmerer auf der Halbinsel. Mäder hat die Geschichte des Ortsteils von Treptow-Köpenick aufgeschrieben, außerdem mischt er stark bei der Feuerwehr mit. Dort spiele das Leben, es gibt Feste, sagt er. Die Jugendgruppe ist stark. Das ist auch so ein Beispiel dafür, dass man autark ist, hier unten im Wald. Man muss sich selbst helfen können. In Mäders Aktenordnern finden sich Dokumente, die beschreiben, wie der Kauf des sonderbaren Friedhofs 1881 genau vonstatten geht. Die Sechser-Bande von Rauchfangswerder kauft die Fläche von 0,1 Hektar für 25 Mark. Der Verkäufer, also der preußische Staat, baut gleich noch einen Trick zu seinen Gunsten mit ein. Den Käufern wird diktiert, dass sie Leichen aus dem Wald von Schmöckwitz umsonst bei sich auf dem neuen Friedhof beerdigen müssen. So werden die Forstbehörden fortan gleich all die Selbstmörder aus dem Wald und etwaige Wasserleichen vom Ufer, die nicht zu identifizieren sind, los. Eine Leichenhalle zu bauen, wird trotzdem verwehrt. Und nach dem Zweiten Weltkrieg, 1947, gibt es ein entscheidendes behördliches Diktum: Die Stadt will den Friedhof nicht, die Familien sollen ihn für sich weiter betreiben.

Jahrzehnte vergehen. Eine Leichenhalle? Gibt es immer noch nicht. Nur einen Schuppen, der wacklig ist. Da müssten bald mal wieder alle anpacken, sagt Weber. Eine schöne Holzbank gibt es immerhin seit ein paar Jahren, das war eine Spende. Ein uriger Platz ist das, gleich unterm Baum, zum Sinnieren. "Das ist doch sowieso das Beste auf einem Friedhof", sagt Ralf Weber. Er, der Busfahrer, nutzt das, wo er kann. Wenn er etwa auf seinen Schichten eine Pause hat, und ein Friedhof ist nahebei. Dann, sagt er, "sitze ich da. Garantiert".