Reportage

Das Schwert des Sachbearbeiters

Das Mittelalter boomt: Immer mehr Berliner spielen Ritter. Es geht ihnen um alte Werte. Und beim Kampf können sie sich mal so richtig austoben

Jörg Henschke ist ein ordentlicher Mensch. Sogar das Unvorhergesehene hat auf seinem Schreibtisch ein eigenes Fach: Drei Fragezeichen stehen darauf. Im "???"-Fach liegen momentan allerdings keine Dokumente. Er sitzt seit 23 Jahren jeden Tag an diesem Schreibtisch, Raum 47, Arbeitsplatz B3. Wenn das Telefon klingelt, meldet er sich: "KKH Allianz. Gesetzliche Krankenversicherung. Schönen guten Tag." Das ist der eine Henschke, der Sachbearbeiter - Abteilung Beitragseinzug. Korrekt, beflissen, strebsam. Unauffällig, möchte man sagen.

Der andere Henschke zeigt sich alle zwei Wochen. Dann färbt sich sein Gesicht rot, seine Stirnadern treten hervor, der Schweiß trieft. Dieser Henschke stößt Kriegsgeschrei aus. Zieht - die Metallschienen an seinen Beinen klackern immer schneller aneinander - mit der gepanzerten Hand das Schwert und stürzt sich auf seinen geharnischten Gegner. Henschke kämpft jetzt. Eine Lichtung im Waldpark Schönholzer Heide: Der Sachbearbeiter ist nun Hauptmann und hat die Befehlsmacht über 20 Infanteristen. Er kann noch den Hieb eines Gegners parieren, dann sticht er zu. Der Feind sinkt zu Boden. Freizeitritter Henschke hat noch nicht genug. Er tippt mit der Klinge gegen das Schild eines anderen. Die Aufforderung zum Zweikampf. Zum Schaukampf.

Die fast 60 Ritter, Burgfrauen und Bogenschützen der Berliner Rittergilde treffen sich zweimal im Monat, um sich in mittelalterlicher Kampfkunst zu üben. Sie folgt damit einem steigenden Trend in Deutschland: Das Mittelalter boomt, in der Literatur, im Film, auf Märkten. Gab es 2004 noch rund 350 Mittelaltermärkte, sind es heute mehr als doppelt soviel. Auch Berlin scheint umzingelt von mittelalterlichen Truppen: Bernau feiert bald das Hussiten-Fest (8. Juni), in Brandenburg laden Burgspektakel, historische Mittelaltermärkte und Turniere ein. Dort treffen sich Schmiede, Feuerspucker, Musikanten und eben Schaukämpfer, um dem Mittelalter mit grellen Farben und Fahnen zu huldigen. Doch welcher Reiz geht davon aus, sich kollektiv ein knappes Jahrtausend in die Vergangenheit zurückzuwerfen?

Frank Berliner ist einer der Chefs der Gilde. Er sitzt in einem Wohnzimmer, unweit von der Schönholzer Heide. Durch die alten Seidengardinen fällt nur wenig Licht auf die Tonkelche, die auf dem dunklen Holztisch vor ihm stehen. Zwei einfache Bänke sind mit braunem Kunstfell gepolstert. An der Wand klebt eine Tapete aus Plastik, die Mauerwerk zeigt. Frank Berliner, sonst Student, schreitet vorbei an den Ritterfahnen an der Wand - und schaltet den Fernseher ein. Darauf flimmert, was heute auf dem Lehrplan steht: Militärwesen II. Der Unterricht beginnt: Pünktlich um 11 Uhr schieben sich ein halbes Dutzend Männer in Kettenhemden und Plattenschultern in das kleine Wohnzimmer. Heute pauken sie auch die Königsdisziplin der Gilde: die ritterlichen Tugenden.

Von ihrem Selbstverständnis her bilden die Mitglieder eine "fiktive Söldnertruppe im Dienste der askanischen Herrscher der Mark Brandenburg", sagt Frank Berliner. Als solche, sagt der Gildenchef, vermitteln sie Tugenden wie Aufrichtigkeit, Pflichtbewusstsein, Gerechtigkeit, Solidarität.

Und natürlich Verantwortung. Frank Berliner ergreift vor seinen Alumni das Wort. Es müsse unbedingt mehr auf Verantwortung und Sicherheit geachtet werden. Damit so etwas wie mit Stefan nicht noch einmal passiere. Stefan nickt und starrt auf eine Kerze, die auf dem Tisch steht. Seine Hand war während des Trainings einen Moment nicht gepanzert - es folgte noch ein kurzer Schlagwechsel und ein Trümmerbruch der rechten Hand. "Insbesondere du, Petri, nimm dir das zu Herzen."

Der 15-jährige Petri Lau sitzt am Endes des Tisches und versucht sich neben den breiten Rittern auf der Bank zu halten. Der Neuntklässler trägt einen leichten Flaum über der Oberlippe und will, wie er sagt, unbedingt in die Gilde aufgenommen werden. Weil allein die Idee gut ist, weil es cool gemacht ist, weil es wie ein Fantasy-Spiel, nur in "Real-Life" ist, und natürlich, weil es viel realistischer ist als der Film "Machete" mit Steven Seagal, den er gerade gesehen hat.

Die Faszination am Mittelalter geht davon aus, dass sich die Menschen zusammenfinden und in der Gemeinschaft ihren Wurzeln hinterher spüren. Das sagt Elmar Wohlrath, der zusammen mit Iny Klocke so etwas wie ein Expertenteam für mittelalterliche Welten bildet. "Und davon, dass das Leben jener Zeit in strikten, aber einfachen Regeln verlief", ergänzt Klocke. Die zwei sind besser bekannt unter dem Pseudonym Iny Lorentz. Mit ihren historischen Romanen aus dieser Zeit schreiben sie sich seit Jahren in die Bestseller-Listen.

Jörg Henschke ist zurück in der Gegenwart. Er steht in der Küche der Versicherung. Henschke klappt seine Tupperbox auf und beißt in seine Stulle. Ungarische Salami auf Frischkäse, wie jeden Tag. "Mit der Rittergilde macht man 'ne Zeitreise", sagt der 45-Jährige. "Es ist keine Flucht, aber doch ein Gegengewicht zu den unangenehmeren Seiten im Job." Er mag auch den Applaus und die Kinder, die begeistert sind, wenn sie ihn beim Schwertkampf sehen. Wenn er die Zuschauer glücklich sieht, dann ist er es selbst auch. "Die Gilde ist auch Show, Spaß und ein bisschen Sport." Man komme viel herum. Erst vor kurzem etwa kämpfte er in Storkow, Brandenburg, gegen marodierende Angreifer. Da beschützte Henschke Touristen, die eine Nachtführung gebucht hatten, und mimte den tapferen Verteidiger. "Ich war bei den Guten", sagt er. Vor allem aber gefalle ihm die Gemeinschaft. "Viele tolle Leute."

Unser Bild vom Mittelalter ist stark verklärt, sagt indes der Autor Elmar Wohlrath. "Es gab viele kleine Ritter, die unter Schulden bei Kaufleuten litten." Spätestens als dann die Feuerwaffen aufkamen, seien die Ritter völlig degradiert worden. Und tatsächlich gab es eine Menge Drecksarbeit. Zum Beispiel Sümpfe in der Mark Brandenburg trockenlegen. Ein Schreckenszenario für die Rittergilde. Im Leben von Jörg Henschke ist das Mittelalter lustiger und bunter. Es gibt Tage, da überschneiden sich Vergangenheit und Gegenwart: Dann steht Henschke nach dem Training in der Currywurst-Bude und bestellt Rostbratwurst mit Zigeunersoße - in Ritterrüstung. Seine Frau hat ihm das verboten. Der Kämpfer selbst beschreibt sich als einen "Allrounder". Wenn er Computerspiele spielt, schlüpft er in die Rolle des Avatars, der ein wenig zaubern und ein wenig mit dem Schwert kämpfen kann. Vorm Computer und mit der Gilde sei es ähnlich: Man legt den Schalter um, ist woanders.

Auch Anna Voigt hat die Zeitreise ins Mittelalter angetreten. Allerdings sitzt die 29-Jährige mit einem Arztköfferchen auf dem Schoß in der Schönholzer Heide. Sie trägt ein blaues Leinenkleid und Seidentuch, das sie mit silberner Nadel fixiert. Sie mag die Natur, die Ruhe, die Freiheit hier. Voigts heutige Aufgabe: Pflaster kleben, wenn es zu Verletzungen kommen sollte, keine sonderlich mittelalterliche Beschäftigung, wenn man's genau nimmt. Sonst kümmert sie sich auch um die Versorgung der Truppe. Häufig fahren die Gildemitglieder auf Mittelalterfeste, für eine kleine Gage treten sie dort auf. Voigt schürt dann die Flamme unter dem Dreibein, kocht Erbsensuppe. Und sie ist für die Kinder da, die am Schaukampf teilnehmen wollen. Das ist ihre - mittelalterliche - Rolle als Frau.

In ihrem anderen Leben trägt sie schwarzen Blazer und steht im sieben Meter hohen Raum eines Architekturbüros. Als Architektin hat sie Wettbewerbe gewonnen, hat Theater renoviert, Festungen und Burgen saniert. Zur Mittagspause geht Voigt in ein thailändisches Restaurant. Am Wochenende hingegen rührt sie die Erbsensuppe im Kessel um und bedient. Erst Karrierefrau, dann Erbsensuppe - kein Rückschritt? Nein, warum, es sei ein Kontrast, sagt Voigt. Eine Rolle, die sie temporär einnehme - ein Loslassen, Durchatmen. Vor den Kollegen spricht sie wenig über die Gilde. Das Mittelalter ist Privatsache. Fürs Mittealter spricht auch ihre Beziehung zum Studenten Frank Berliner. Das ist ihr Freund. Und so gehört Voigt zum Tross, den unbewaffneten Versorgern, dem vor allem Frauen angehören. Immerhin rund 20 Burgfrauen, Köchinnen und Mägde hat die Gilde.

Den Männern hingegen ist das Kämpfen vorbehalten, als askanische Söldner. Dass die sich in Wirklichkeit nur selten an ritterliche Tugenden hielten, weiß Dr. Tillmann Lohse. Die Söldner, sagt der Mittelalterforscher von der Humboldt-Universität, fielen bereits vor rund 800 Jahren ein wenig aus der Norm. Denn sie rekrutierten sich aus allen Ständen und befanden sich damit außerhalb der sonst strengen Hierarchien und Familienstrukturen. "Sie hatten nicht den Ruf, ritterlich zu handeln", sagt Dr. Lohse. Quellen künden von brutalen Plünderungen und Überfällen. "Ein Teil des Soldes bezahlten die Fürsten vor dem Kampf, der Rest sollte nachher folgen. Die Auftraggeber spekulierten darauf, dass zumindest einige der Söldner nicht überlebten." Häufig ging diese Kalkulation nicht auf, am Zahltag fehlte das nötige Münzgeld. "Daher plünderten die Söldner."

Plünderungen und Brandschatzung liegen Thomas Berliner, dem Vater von Gilden-Chef Frank, fern. Zumal die Gilde kein ins letzte Detail stimmiges Bild des Mittelalters vermitteln wolle. Hier gehe es um Gemeinschaft, Zusammenhalt und um Verlässlichkeit, sagt Thomas Berliner. Wochentags reist der Immobilien-Manager häufig nach Osteuropa. Für die Deutsche Post sichtet er dort Gebäude, beurteilt sie, schließt Verträge und leitet Käufe ein.

Am Sonntag trägt er manchmal 3-Kilo-Kugeln zu dem Katapult, das so groß wie ein Kleinwagen ist. Als Schützenhilfe sorgt Berliner für neue Munition. Das Kriegsgerät steht außerhalb von Berlin und wird nur zu besonderen Anlässe aufgefahren.

Heute ist ein ganz normaler Tag. Thomas Berliner sitzt im schummrigen Licht des Wohnzimmers, in dem eben noch ritterliche Werte gepaukt wurden. Auf dem Tisch liegt ein kleines Schwert, das von der Gründung der Gilde erzählt: Im Jahr 2005 kaufte es Sohn Volker, kämpfte gegen Bruder Frank. Der Vater fand das erst bekloppt, stieg dann aber selbst ein - den Kindern zur Liebe. Im Jahr 2006 riefen sie sodann die Berliner Rittergilde aus.

Für Thomas Berliner sind Gilde und Familie seither eins. Mit den Zwillingssöhnen und seiner Frau stellt er die offizielle Geschäftsführung. Dabei nimmt sich Thomas Berliner etwas zurück.

Zumindest verglichen mit dem Einsatz, den er noch vor einigen Monaten zeigte. Da stand er dem Burnout nahe, sagt Berliner. Und war als Ritter nur noch platt. Heute sei er zu einem Drittel Schützenhilfe und zu zwei Drittel Privat- und Geschäftsmann. Es gab Zeiten, da war das Verhältnis umgekehrt. Was folgte, das war das Downshifting eines Schützengehilfen. In der Familie ist die Gilde trotzdem nach wie vor allgegenwärtig. So kommen beim Abendbrot die Themen auf den Tisch, die wirklich zählen: Leistet sich Papa bald ein neues Zweihänder-Schwert, wer kämpfte in der Schlacht um Lucka, 1307?

Vielleicht ein wenig der Vergangenheit entkommen wollte Hardy Krause, als er in die Rittergilde eintrat. Da war er gerade in der Midlife Crisis. Die Mitgliedschaft sei eine der besten Entscheidungen gewesen, die der 43 Jahre alte Informatiker in den letzten zehn Jahren getroffen habe. Krause gibt kleinen und mittelständischen Unternehmen Seminare. Er spricht dann - teils in Ritterrüstung - über Mäßigung, Moral und Hoffnung. Bald soll es womöglich auf eine Burg gehen, um dort vor Managern zu dozieren. Krause sagt, dass Firmen und Gesellschaft "von einer tief greifenden Vertrauenskrise" zerrüttet seien. Und ritterliche Werte wie Solidarität und Pflichtbewusstsein die Medizin dagegen seien. Er ist auch so etwas wie ein Zeitreisender: Vor der Rittergilde engagierte er sich in einem anderen Verein. "C-Base" nennt sich die selbstironische Gruppe von Nerds, die daran glaubt, dass unter der Hauptstadt eine Raumstation begraben liegt. Der Berliner Fernsehturm ist in ihrem Weltbild die Antenne der unterirdischen Raumstation.

Wie abwegig, findet Jörg Henschke, der etwas Bodenständiges vorzieht. Der Versicherungs-Angestellte wohnt außerhalb von Berlin in Mahlow, vorletzte Station S-Bahnlinie 2. In den Vorgärten der Reihenhaussiedlung stehen Gießkannen, gelbe Gartenschläuche sind auf Trommeln aufgerollt. Wenn er zum Training fährt, dann öffnet er den Kofferraum seines weißen Renaults und schmeißt, wie andere Menschen ihren Tennisschläger, sein Zweihänder-Schwert auf den Hintersitz. Henschkes Frau schüttelt dann den Kopf. Sie sitzt auf der Terrasse, die an den Wald grenzt, unter der gelben Markise. "Warum geht mein Mann nicht einfach mal kegeln, spielt Minigolf?" - "Weil es ein bisschen darum geht, mal was Verrücktes zu machen", sagt ihr Ehemann. Und außerdem, sagt Jörg Henschke und blickt hinaus in den Wald, weil es ein bisschen darum geht, Held zu sein.