Berlin

Die wilden Tiere kommen

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Ulli Kulke

In Prenzlauer Berg haben Krähen wehrlose Passanten angegriffen. Am Wannsee nagen Krabben munter an der Uferböschung. Spielt die Berliner Tierwelt verrückt?

Machen wir uns auf einiges gefasst in den nächsten Tagen. Keine Sirenen werden uns warnen, keine Durchsagen im Radio uns darauf vorbereiten, aber Ende Mai, Anfang Juni ist wieder die Zeit der Luftangriffe in Berlin. Die ersten Berichte liegen bereits vor, aus Prenzlauer Berg, Metzer Straße. Ein junger Familienvater wurde attackiert, unversehens, von zwei stattlichen Krähen. Am Hinterkopf, mit kräftigen Flügelschlägen und Schnabelhieben. Als der Geprügelte sich umsah, glotzten ihn die Täter auch noch bohrend an, aus dem Geäst eines nahen Straßenbaumes. Und als er später davon erzählte, hörte er in der Nachbarschaft gleich von einer ganzen Reihe ähnlicher Vorfälle aus den letzten Tagen. Was der Angegriffene wohl gar nicht mitbekam: Irgendwo in seiner Nähe dürfte sich am Boden ein kleines, erst vor wenigen Tagen geschlüpftes Rabenkind befunden haben, das scheinbar unbeobachtet von seinen Eltern dort umherstakste - in Wahrheit aber stets bestens beaufsichtigt war von den Alttieren, allzeit bereit zur Attacke auf denjenigen, der dem Nachwuchs zu nahe kommt - auch wenn er dies selbst gar nicht merkt. Vor zwei Jahren mussten in Berlin mehrere Areale wegen allzu häufiger Krähenangriffe gesperrt werden. Mitten in der Stadt. Mit rotweißen Bändern, die die Polizei sonst zur Sicherung eines Tatortes verwendet.

Es ist Spätfrühling und damit auch die Zeit der Unterwasserangriffe in Berliner Gewässern. Schlachtensee, Krumme Lanke, Grunewaldsee, überall dort kann sich ab und zu auch mal ein wenig Weißer Hai abspielen. Wenn schon nicht lebensgefährlich und auch eher selten, aber wenn es passiert, dann ist es immer gut für einen anständigen Schreck: Welse, Zander, pralle Fische der oberen Gewichtsklasse nähern sich mit ihren Zähnen oder anderweitigen Kauapparaten bisweilen nichtsahnenden Schwimmern, die ihrem Laichgebiet allzu nahe kommen. Zehn, zwanzig Zentimeter lange Bissspuren sind da schon mal die Folge. "Das Monster vom Schlachtensee" titelte eine Berliner Zeitung. In jenem See befindet sich in der Mitte ein größeres, flaches Areal, in dem sich das Wasser aufheizt und die Welsdamen deshalb gern ihre Eier legen. Aber auch in Ufernähe, zwischen den Wasserpflanzen und dem Schilf kann dies passieren, dort wo ja im Übrigen auch der Schwan sein Gelege ausbrütet, jener nicht minder gefürchtete Kämpfer zu Land, zu Wasser und in der Luft.

Wer es aus dem See ans Land schaffte, sollte sich indes auch noch nicht allzu sicher fühlen. Seit einigen Jahren ist in den Berliner Seen auch demjenigen Vorsicht anzuraten, der als Streckenschwimmer aus dem Wasser steigt, und sich am Ufer vor dem Abtrocknen gleich noch im Stemmen schwerer Steine üben will. Unter den kleinen Findlingen, vielleicht ein wenig eingegraben, könnte er nämlich lauern, einer jener aggressiven Einwanderer mit ihren überscharfen Klingen, die mühelos tief ins Fleisch allzu vorwitziger Zeitgenossen einzudringen vermögen: Die Wollhandkrabbe, zugezogen aus China, über alle Extremitäten bis zu 30 Zentimeter groß und ausgestattet mit Scheren, die der einheimische Tierwelt seit etwa 100 Jahren ein wenig zusetzt. Ein Angriff auf den Menschen ist kaum zu befürchten, es sei denn, man scheucht die nachtaktiven Tiere aus ihren Schlafhöhlen auf.

Die Wollhandkrabbe gehört zu den Neozoen, jenen Tieren, die aus fernen Ländern einwandern, oft im Ballastwasser von Übersee-Frachtschiffen, und von denen viele den Artenschützern Kopfzerbrechen bereiten, weil sie sich gegenüber den einheimischen Tieren durchsetzen, sie verdrängen und im Extremfall in manchen Regionen zum Aussterben bringen.

In ihren "Umweltblättern" hat das Umweltbüro Weißensee vor einiger Zeit schon eine Aufstellung vorgelegt mit allen "Neozoen" in Berlin und Brandenburg. Mit dieser Bezeichnung wollen die Naturschützer den Kreaturen zwar den ihrer Ansicht nach nötigen Respekt entgegen bringen: ",Neozoen' sollte die ursprünglich gebrauchten Begriffe wie Invasoren, Eindringlinge, Einwanderer, Fremdlinge, Exoten oder Eingeschleppte von ihrer negativen und aggressiven Schärfe befreien", heißt es in den "Umweltblättern". An der Aggressivität mancher Neozoen selbst ändert dies allerdings wenig. Auch die Wollhandkrabbe hat da mit einem einschlägigen Ruf zu kämpfen. Wegen ihrer außerordentlich scharfen und ebenso kräftigen Scheren? Weil sechsbeinige Tiere immer unheimlich sind? Weil sie aus China kommt? Tatsache ist, dass gerade die Wollhandkrabbe, im Unterschied zu vielen anderen Neozoen, ihrer Umwelt nicht allzu viel zusetzt. Immerhin: Die Fischer im Havelland sind nicht gut auf sie zu sprechen, klagen über verletzte oder vollends zerbissene Fische, zerstörte Uferböschungen durch Tunnelsysteme, die sich die Krustentiere gegraben haben. Gern laben sie sich an Fischen, die in den Reusen gefangen werden. Finden sie sich selbst in diesen Fallen wieder, knabbern sie sich ohne Weiteres nach draußen durch und hinterlassen klaffende Löcher. Gern foppen sie Angler, wenn sie kunstvoll die Köder abknabbern, ohne selbst an den Haken zu gehen. Laut einer Studie sollen die Wollhandkrabben seit ihrem ersten Auftauchen in Deutschland einen Gesamtschaden von 80 Millionen Euro verursacht haben, pro Jahr also etwa eine Million. Eine Summe, die in diesen bewegten Tagen Europas verschmerzbar scheint. Und gegen die man auch aufrechnen muss, dass die Krabben in Chinarestaurants als Delikatesse gelten und inzwischen der Export von Wollhandkrabben - genau genommen ja ein Re-Export - auch bereits in die Millionen geht. Susanne Jürgensen, Leiterin des Berliner Fischereiamtes, rät dennoch, die Tiere auf ihrem Weg zu den Laichplätzen und zurück an den Schleusen abzugreifen, "sonst werden sie mit der Zeit zu dominant". Die meisten werden dann zu Dünger verarbeitet, die größeren Prachtexemplare wandern in die Woks.

Berlin ist zunehmend attraktiv für Tiere von außerhalb, die Zuwanderung erfolgt aus nah und fern. Der Biber etwa, einst fast völlig aus der Stadt verschwunden, erfreut sich seit Jahren bereits wieder einer recht stabilen Population. Seine rastlose Arbeit an Bäumen und Sträuchern in Tateinheit mit ausgedehnten Wasserwanderungen durch die ganze Stadt bereitete anfangs den Bewohnern von Fluss- und Seegrundstücken erheblichen Ärger. Inzwischen konnte die Situation nach gutem Zureden und Beratung durch den Wildtierbeauftragten des Senats, Derk Ehlert, entschärft werden. Zur Belohnung für weitgehendes Wohlverhalten erhielten die Biber für ihre lange Wanderstrecke einen eigenen Rastplatz an der Spree in Kreuzberg. Kostenpunkt: 58.000 Euro.

Den meisten Ärger bereiten wohl nach wie vor die Wildschweine. Sie lebten zwar schon seit Begründung von Großberlin im Jahr 1920 vielköpfig auf Berliner Territorium, doch ihr Zuzug ist ungebremst, nicht zuletzt durch die Fütterorgien, die ihnen durch unverbesserliche Bewohner in den Außenbezirken zuteil werden. Die neu aus Brandenburg hinzukommenden Rotten, so scheint es, drängen die alteingesessenen weiter hinein ins Stadtinnere, wo sie die Grünanlagen umgraben und die Sauen ihre Frischlinge auch schon mal durch die Einkaufszonen ausführen - alles längst ein Fall für die Stadtjäger. Die Füchse, die womöglich kopfstärker noch als die Wildschweine und vor allem flächendeckend die Stadt besiedelt haben, verhalten sich einfach klüger, richten nicht so viel Unheil an und hinterlassen bei ihren nächtlichen Streifzügen weniger Spuren, ernähren sich von Ratten und nur hier und da von einem Huhn in den Gartensiedlungen. Und so bleiben sie weitgehend unbehelligt durch den Magistrat. Einer von ihnen durfte bis zuletzt im Palast der Republik wohnen.

Noch weniger spektakulär und auch von geringerer Zerstörungskraft sind die Waschbären, lange Zeit Inbegriff der Fremdorganismen in Deutschland, nachdem ein gutmeinender Forstmann sie 1934 aus Amerika, ihrer einst ausschließlichen Heimat, herübergeholt und im Hessischen ausgewildert hatte. Ohne ernsthafte Feinde im Tierreich vermehrten sich die Allesfresser trefflich und halten sich mit wachsender Begeisterung an Mülltonnen schadlos, dringen auch schon mal in Wohnzimmer ein, räumen nur auf Druck durch die Polizei das Feld. Auch im Berliner Umland tauchen sie vermehrt auf. Allerdings handelt es sich dabei um Nachfahren einer Horde, der 1945 in den letzten Kriegstagen die Flucht aus einer Pelztierfarm in der Uckermark gelungen war.

Die stattlichen Zuwanderer, die größeren Neozoen, machen - abgesehen von einzelnen Übergriffen - der Lebensgemeinschaft von Mensch und Tier in der Stadt dabei noch am wenigsten Probleme. Mal sehen, ob jene Wölfe, die seit Jahrzehnten schon in mehreren Rudeln in Brandenburg wohnen, auch dereinst den Sprung über die Stadtgrenzen wagen, wofür heute noch nichts spricht. Ungemach bringen eher die kleineren Tierchen, wie etwa die Miniermotte, die seit mehreren Jahren den Rosskastanien in der Stadt erheblich zusetzt, oder der Kartoffelkäfer, der wohl folgenreichste Zuzug aus Amerika nach Berlin seit der Überfahrt von Kolumbus. Unterm Strich bleibt dennoch festzuhalten, dass auch die kleineren, gemeineren Immigranten Berlin und das Umland nicht zugrunde richten werden. Die Kastanien blühen dieser Tage wieder, und unter ihren mächtigen Kronen, unten in den Biergärten, schmecken auch die Bratkartoffeln wie eh und je.