Die letzte Frage: Ivy Quainoo, Sängerin

Sind Sie eine Rampensau, Frau Quainoo?

Ivy Quainoo ist 19 Jahre alt. Als sie 2011 ihr Abitur bestanden hatte, meldete sie sich zum Vorsingen für "Voice Of Germany", eine der Castingshows im Fernsehen.

Im Februar 2012 wurde sie von der Jury und den Anrufern zur Siegerin erklärt. Die Tochter eines ghanaischen Einwanderers aus Berlin-Neukölln stand plötzlich da als Stimme Deutschlands. Ivy Quainoo nahm ihr erstes Album auf unter dem Titel "Ivy". Im Mai beginnt sie ihre erste Konzertreise durch deutsche Mehrzweckhallen, am 18. Mai tritt sie im Berliner Tempodrom auf. Bis dahin wird sie behütet und betreut. Zum Interview sitzt sie im Konferenzraum ihrer Plattenfirma in Berlin, und eine Mitarbeiterin passt auf, dass sie nichts Unpassendes sagt oder gefragt wird. Schüchtern spielt die Sängerin mit ihrem Telefon. Aber sie weiß allein, was für sie gut sein könnte und was nicht.

Berliner Illustrirte Zeitung:

Sie sind in Berlin geboren und aufgewachsen, in Neukölln. Unter welchen Verhältnissen?

Ivy Quainoo:

Ach, ganz normal. Nicht so wie man es sich von außen gerne vorstellt oder wie es in Neukölln zu sein hat. Neukölln ist kein Problembezirk wie es ihn vielleicht in anderen Großstädten gibt. Neukölln ist ein harmloses Pflaster. Jedenfalls da, wo ich herkomme und immer noch wohne, an der Sonnenallee ziemlich weit unten, nahe der ehemaligen Grenze und weit weg vom Hermannplatz. Klar: Da leben Migranten. Da gibt es auch Zwischenfälle, aber ich war nie davon betroffen.

Trotzdem haben Sie ihr Abitur in Charlottenburg abgelegt, einer bürgerlicheren Gegend.

Bis zur siebten Klasse war ich auf einer Neuköllner Schule. Dann habe ich die Schule gewechselt, weil es einfach nicht voran ging mit dem Stoff. Aber lernen muss man in Neukölln genauso wie in Charlottenburg am Schiller-Gymnasium.

Ihr Vater stammt aus Ghana, Sie kennen ihn nicht. Was wäre, wenn er sich plötzlich meldet, jetzt, wo sie nicht nur seine Tochter sind, sondern auch bekannt vom Fernsehen?

Das ist mir jetzt zu privat, zu persönlich.

Waren Sie schon mal in Ghana?

Ja, war ich schon. Ich fühle mich in Ghana auch ziemlich heimisch. Ich beherrsche die Sprache nicht so gut wie Deutsch, verstehe sie aber und kann mich verständlich machen. Mir ist das Leben dort nicht fremd. Wenn ich da bin, fühle ich mich auch, als käme ich irgendwie nach Hause.

Vor Jahren kam der Begriff afrodeutsch auf. Hat der für Sie eine Bedeutung?

Das beschreibt es ganz gut: Ich bin Deutsche mit ghanaischen Wurzeln, also bin ich Afrodeutsche.

Gibt es in Neukölln eine feste afrodeutsche Community?

Nicht in Neukölln, sondern in Berlin, und ich gehöre da dazu, jedenfalls zu den Ghanaern.

Empfinden Sie es als rassistische Äußerung, wenn jemand sagt, die Schwarzen hätten Musik im Blut?

Es gibt ja negativen und positiven Rassismus. Der positive stört mich persönlich nicht. Das Negative finde ich schon weniger lustig. Und ob das stimmt mit der Musik im Blut, das lasse ich jetzt mal offen.

Ein junger Fußballprofi, ausgerechnet aus Zwickau, hat sich im Internet öffentlich beschwert, dass eine Schwarze zur "Voice Of Germany" gekürt wurde. Dabei ist die Nationalmannschaft seit zehn Jahren auch afrodeutsch.

Es geht bei dieser Geschichte um mehr als um einen einzelnen Idioten, aber es steht auch nicht für die Stimmung in Deutschland. Der Betreffende würde es sich von mir nicht erklären lassen, er würde es nicht verstehen wollen. Ich kann es nicht ändern. Und deshalb ist es für mich weniger schlimm als man denken könnte. Für einen Fußballer wirkt es in der Tat ziemlich schräg und ignorant.

Sind Kinder von Einwanderern ehrgeiziger und zielstrebiger?

Ich hatte nie das Gefühl, mir oder irgendwem etwas beweisen zu müssen. Ich bin zur Schule gegangen, bis zum Abi, alles lief ganz gut. Ich habe nie vor dem Migrationshintergrund gesehen, was ich schaffen kann, soll oder muss.

Als Sie zur "Voice Of Germany" ernannt worden waren, starb Whitney Houston. Sie saßen bei Thomas Gottschalk, der Sie umgehend vor den Tücken des Popgeschäfts warnte. War Ihnen Whitney Houston ein Begriff?

Als ich ein Kind war, war sie es schon, später nicht mehr so. Aber ich habe auch lange keine Charts mehr gehört, erst jetzt wieder, weil ich selbst drin bin. Vieles hört sich sehr gleich an, weil sich die Musik immer mehr vermischt. Die Gefahr eines One-Hit-Wunders nimmt zu. Und ich frage mich lange schon, ob Popmusik noch das ist, was man unter Popularmusik versteht. Popularmusik war eine meiner Prüfungskomponenten beim Abitur. Da ging es auch um Theorie und Instrumentierung.

Warum wollten Sie ins Fernsehen?

Weil ich Sängerin werden wollte, und weil es bei "Voice Of Germany" um die Stimme ging. Bevor die Juroren die Kandidaten sehen durften, sollten sie ihnen zuhören, mit dem Rücken zur Bühne. In wäre in keine andere Castingshow gegangen. Ich wollte mit Respekt behandelt werden, auf Augenhöhe, auch wenn ich vorzeitig ausgeschieden wäre und nicht gewonnen hätte.

Die Kandidaten mussten auch gegeneinander antreten, in sogenannten Battles. Ist das respektvoll den Künstlern gegenüber?

Eine solche Show ist nichts anderes als ein einziger Wettbewerb, und im Battle wird diese Situation noch mal verschärft. Für mich war das nie ein Problem. Man hat sich im Gesang gemessen, nie persönlich. Wir haben uns auch im Battle immer gut verstanden untereinander. Der Druck war da. Aber hätte ich danach gehen müssen, wäre für mich die Welt nicht untergegangen.

Sie mussten sich auch mit gestandenen Musikern messen, einer war fast 40 und hatte bereits mit einer Band am Bundesvision Song Contest teilgenommen. Sie waren die Jüngste mit der geringsten Erfahrung. Gewonnen haben sie trotzdem. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Irgendwann ging es auch hier nur noch darum, wer wem am besten gefiel, und nicht darum, wer am besten war. Und wieso ich das am Ende war, weiß ich wirklich nicht.

Daher die Frage: Reicht es, singen zu können? Sie sind am Ende durch die Telefonstimmen der Zuschauer gewählt worden.

Es hieß, ich sei sehr sympathisch rübergekommen. Vielleicht war es das. Und dann singe ich ja auch gar nicht so schlecht. Aber die Stimme allein ist es nie. Wer sich im Musikgeschäft umschaut, weiß, dass es nicht auf den Gesang ankommt. Es geht um Aussehen und Ausstrahlung, und um damit weit zu kommen, sollte man sich nicht unverschämt und herablassend verhalten. Das ist in der kommerziellen Musik nicht üblich.

In der Show wurde unentwegt die Entwicklung ihrer Persönlichkeit gelobt. Was war da passiert?

Für mich persönlich gar nicht so viel. Am Anfang war ich natürlich schüchterner als am Schluss. Ich hatte zwar keine Bühnenangst. Aber Scheu vor der Kamera. Bühnen kannte ich schon, Kameras noch nicht.

Als persönliche Betreuer haben Sie sich aus der Jury ausgerechnet Boss Hoss ausgesucht, gestandene Rampensäue.

Das will ich auch werden.

Nena oder Xavier Naidoo hätten besser zu ihnen gepasst.

Nena nicht, nein. Und Xavier Naidoo hatte sich nicht zu mir umgedreht, als Einziger.

Sie sind 19 und haben Ihr Abitur in der Tasche. Wie sieht Ihr Plan B aus?

Der liegt nicht in der Schublade. Aber es liefe wohl auf ein Studium hinaus, Geologie vielleicht. Alles ist offen.

Haben Sie verfolgt, wie sich die Gewinner anderer Castinshows entwickelt haben?

Irgendwann nicht mehr. Aber einige haben sich ja auch behauptet. Stefanie Heinzmann zum Beispiel.

Die Schweizer Rocksängerin mit der Brille. Die stammt aus einer solchen Show?

Sie war bei Stefan Raab. Das ist es ja: Irgendwann erinnern sich die Leute nicht mehr daran, dass man seine Karriere einer solchen Show zu verdanken hat. Dann hat man es geschafft. Casting ist ja auch keine Erfindung des 21. Jahrhunderts.

Die Wählerstimmen bei "Voice Of Germany" wurden ermittelt durch SMS und Downloads. So unromantisch sieht das Musikgeschäft heute aus. Macht Ihnen das Angst?

Darüber mache ich mir schon länger Sorgen. Musikmachen wird kommerzieller und schneller. In den Charts tauchen auf Platz eins Songs und Künstlern auf, die hinterher wieder verschwinden. Man vergisst sie schon, wenn sie noch oben sind.

Musiker müssen sich immer mehr um andere Dinge kümmern, um Aufmerksamkeit.

Was soll man machen? Man denkt ja immer, als Gewinnerin einer Castingshow muss man nicht mehr so viel arbeiten für den Erfolg. Das Gegenteil ist der Fall: Danach fängt erst die Arbeit an. Man hält die Aufmerksamkeit wach, chillen ist nicht. Aber ich habe mich dazu entschieden, ich bin bereit. Ich will Sängerin sein.