Wernher von Braun

Raketen in der Tiergartenstraße

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Wernher von Braun wurde am 23. März 1912 in Wirsitz in der damaligen Provinz Posen geboren und zog 1920 mit den Eltern nach Berlin. Als Konstrukteur der US-amerikanischen "Saturn V"-Raketen ermöglichte er den USA 1969 den Sieg gegen die Sowjets nach einem langjährigen Wettrennen zum Mond. Es war das spannendste Abenteuer der Technikgeschichte. Zu seinem 100. Geburtstag erscheint das Buch "Weltraumstürmer" (siehe unten) über seine Jugend und seine späteren Triumphe in Amerika.

Im Internat wie bei seinen Besuchen zu Hause hantierte Wernher mit Feuerwerkskörpern, experimentierte hier und da mit Ingredienzien aus dem Chemielabor. Für die Nachbarn der Familie entwickelte sich die Tiergartenstraße deshalb zum unsicheren Pflaster; immer dann jedenfalls, wenn der junge Wernher aus der Hausnummer 20 mit selbst gebastelten Feststoffraketen Versuche anstellte und damit klapprige Bollerwagen ins Rollen brachte. Oder auch sein altes Tretauto aus Kinderzeiten: Pedale und Lenkrad nahm er heraus, arretierte die Steuerung, kaufte sich sechs Feuerwerksraketen, die größten, die er auftreiben konnte, befestigte sie an den Seiten des Fahrzeugs und zündete sie. "Ich war ganz außer mir. Der Wagen lief, gefolgt von einem riesigen Kometenschweif, nach etwa hundert Metern geradem Lauf gegen die Bordschwelle, machte eine wilde Drehung, lief gegen die gegenüberliegende Schwelle und folgte weitere vier Sekunden einem erratischen Kurs." So zitiert Erik Bergaust, ein Freund, die späteren Erinnerungen des Raketeningenieurs: "Das Nächste, das ich sah, war ein Polizist, der mich in Gewahrsam nahm. Da niemand verletzt worden war, wurde ich auf Fürsprache des Ernährungsministers entlassen, und das war ja mein Vater."

Auch andere, Beteiligte wie Beobachter, erinnern sich später mit amüsiertem Schaudern. Bruder Sigismund zum Beispiel, dem ein Raketeneinschlag in die Bäckerei ein paar Häuser weiter im Gedächtnis geblieben war. Oder ein von Raketen demoliertes Treibhaus im Nachbargarten, mit von Glassplittern übersätem Blumenkohl. "Es war das erste Mal", so Wernher später, "dass mein Vater für die Raketenentwicklung eine Rechnung bezahlen musste." Zwei Tage Hausarrest waren die Folge. Auch Neufelds Biografie über die Jugendjahre von Brauns nennt Zeugen seiner haarsträubenden Experimente. Sein Lehrer berichtete, wie drei von Wernhers Mitschülern auf dem Schulhof eine Rakete um die Ohren flog, "genau in dem Moment, als oben im Lehrerzimmer der Erfinder, Wernher von Braun, bei mir Starterlaubnis einholen wollte".

Jugendliche Skrupellosigkeit? Sicher eine gehörige Portion Draufgängertum und die lebenslang währende Gabe, nach vorn, nach oben zu schauen - und nicht allzu viel nach rechts und links.

Dabei waren Raketen zu dieser Zeit längst keine Spielerei mehr allein für vorwitzige Jugendliche oder träumerische Spinner. Gerade Deutschlands Tüftler hatten die solide Technik weit vorangebracht. Schwäbische Feuerwerksfabriken trieben ihre Erzeugnisse - lange noch nicht genormt und gedrosselt wie in unseren Tagen - auf 1500 Meter Höhe. Der sächsische Ingenieur Alfred Maul, "Vater der Luftaufklärung" genannt, hatte sich bereits 1903 seine Fotorakete patentieren lassen: eine Kamera, die von Feststofftreibsätzen auf 600 bis 800 Meter Höhe geschossen und oben mit Selbstauslöser zum Knipsen gebracht wurde, um anschließend am Fallschirm sanft niederzugehen. Es war die große Zeit der Forscher und Feuerköpfe, die alle nur ein Ziel kannten: schneller, höher, weiter.

Sie öffneten Tegels Luftraum

Noch während Wernhers Schulzeit, im Jahr 1927, gründete Johannes Winkler, ein technikbegeisterter Theologe, gemeinsam mit dem späteren Raumfahrtjournalisten Willy Ley in Breslau den Verein für Raumschifffahrt (VfR), mitsamt der Vereinszeitschrift "Die Rakete". Auch Hermann Oberth wurde Mitglied, zum Stolz aller: Kaum jemand, der damals die Raketenidee in Deutschland vorantreiben wollte, hatte seine Initialzündung nicht durch Oberths Buch dafür erhalten: "Die Reise zu den Planetenräumen". Nach dem Umzug 1929 nach Berlin zog der Verein weitere Kreise. Auch der Raketenenthusiast Max Valier trat bei, ein Freund von Fritz von Opel. Gemeinsam mit dem Spross der Automobilfamilie hatte er da schon einige Zeit lang die Entwicklung von Raketenautos betrieben, stellte serienweise Geschwindigkeitsrekorde auf, zuletzt mit über 200 Stundenkilometern auf der Berliner Automobil-Verkehrs- und Übungs-Straße (Avus). Man sprach inzwischen vom "Raketenrummel", der auch die Kulturschaffenden erfasste. 1929 brachte Fritz Lang seinen Stummfilm "Die Frau im Mond" über eine fiktive Mondmission heraus. Der scheue Hermann Oberth, der dem Trubel an sich reserviert gegenüberstand, bildete mit Willy Ley das wissenschaftliche Beraterteam. Raketen waren Ende der 20er-Jahre der "letzte Schrei".

Weil er inzwischen in den entscheidenden Fächern Mathe und Physik zu Bestleistungen abhob, gestattete die Schulleitung Wernher, sich während des Unterrichts zurückzuziehen, um raumfahrttechnische Berechnungen anzustellen. Sein Papier "Zur Theorie der Fernrakete" entstand zu der Zeit - eine Sammlung von Gleichungen für die Flugbahn. Darin machte er sich bereits Gedanken über die Rentabilität von Raketenflügen, auch zur Beförderung von Post und Passagieren; damals eine verbreitete Vision all jener, die den Raketenrummel wirtschaftlich unterfüttern wollten.

Wernher durfte sein Abitur wegen "ungewöhnlicher Leistungen" ein Jahr vorzeitig ablegen und bestand es mit "gut". Seine Laufbahn war unterdessen längst aufs Gleis gesetzt. Nach Kräften arbeitete er daran, seine jugendlichen Schwärmereien zum Beruf zu machen. Schon mit 17 war er beim Verein für Raumschifffahrt als zahlendes Mitglied registriert und suchte den Kontakt zum Raumfahrt-Gott Oberth. Endlich, im Frühjahr 1930, kam die Nachricht: "Kommen Sie nur!" Oberth bereitete gerade eine Ausstellung im Berliner Kaufhaus des Westens vor, über Raketen, Raumfahrt, den Mond, den Kosmos, alles, was von Brauns Herz höherschlagen ließ. Von Braun half Hermann Oberth beim Aufbau, betreute die Ausstellung, stand dem Publikum im Kaufhaus wortreich Rede und Antwort. "Von Braun fühlte sich bereits als Weltraumexperte", schreibt Erik Bergaust, so wie er es in diesem Fall von Wernher von Braun wohl etwas selbstironisch persönlich gehört hatte. Den Hausfrauen, die im KaDeWe einkauften, eher zufällig durch die Ausstellung schlenderten und neugierig bei den Raketen stehen blieben, versicherte er damals überlegen wie kühn: Der erste Mensch, der den Mond betreten würde, sei bereits auf der Welt. Das war einfach dahingesagt, aber so falsch lag von Braun damit nicht: Buzz Aldrin, der zweite Mann, der nur wenige Minuten nach Armstrong jenen "großen Sprung für die Menschheit" auf den Mond tat, war tatsächlich bereits im vorangegangenen Januar geboren worden. Wernher von Brauns etwas gewagte Behauptung ist 39 Jahre später wahr geworden, letztlich durch seine Tat.

Zu Beginn der 30er Jahre fand von Braun Anschluss an den "Verein für Raumschifffahrt", der das Gelände des Flughafens Tegel quasi für den Luftraum öffnete. Die Raketen, die die jungen Mitglieder - unter denen von Braun bald in eine Führungsposition avancierte - von Tegel aus in die Luft jagten, machten die Rüstungsexperten der Reichswehr aufmerksam. Von Braun wurde bei der Heeresversuchsanstalt Kummersdorf im Süden von Berlin angestellt, wenige Monate vor der Machtübernahme der Nazis, die die Entwicklung der Raketen beschleunigten. Noch heute sind die Ruinen der Teststände und die verlassenen Verwaltungsgebäude von Kummersdorf, in denen von Braun wirkte, zu besichtigen.

Die herrschaftlichen Zeiten, die der Ort sichtlich einmal erleben durfte, sind Jahrzehnte vorbei. Noch nimmt das stolze Backsteingebäude in der Heidelandschaft etwa 40 Kilometer südlich von

Berlin seinen vollen Raum ein, aber die Natur holt sich das Areal zurück, Stein für Stein. Das Laub, das an diesem goldenen Spätherbsttag auf die acht Stufen aus rotem Ziegel herabrieselt, die zwischen gemauerten Brüstungen zur Vorterrasse führen, kommt vom Dach herunter. Es löst sich von den Zweigen der hohen Birken, die dort schon vor vielen Jahren Wurzeln schlugen. Von oben fallen die Blätter zwischen den Zinnen herunter, mit denen die wilhelminischen Baumeister das Dach einst schmückten. Unter den schlanken Kiefern in der menschenfernen Heide herrscht Stille. Das Gekrächze der Wildgänse, die am klaren Himmel ihrem Winterquartier entgegenziehen, ist der einzige Laut. Eine Szene ganz zur Wonne romantischer Gemüter. Niemand hat hier heute noch etwas zu suchen, auf den acht Treppenstufen, die hinaufführen zur Terrasse und gleich dahinter hinein in die Ruinen eines einstigen Ballsaales.

Es gibt ein Schwarz-Weiß-Foto, das an derselben Stelle vor gut einem dreiviertel Jahrhundert aufgenommen wurde. Wer die Abbildung zu diesem Ort mitnimmt, kann die Verlassenheit heute überblenden mit einer bizarren Gesellschaft, die an jenem Frühjahrstag 1934 die Backsteintreppe bevölkerte; 40 Männer, die meisten in Uniform und mit ernster Miene. Vorne, noch vor der ersten Stufe und genau in der Mitte: Adolf Hitler, die Offiziersmütze so tief ins Gesicht gezogen, dass er kaum geradeaus schauen konnte, die Hände in den Taschen seines Ledermantels versenkt. Auf der ersten Stufe, unmittelbar hinter Hitler, sein Stellvertreter Rudolf Heß und dessen rechte Hand Martin Bormann. Ganz oben, unscheinbar unmittelbar vor dem Eingang in den Salon, als einer der ganz wenigen Anwesenden ohne Uniform, der wohl Jüngste auf der Treppe: Wernher von Braun.

Von Brauns Bunker stehen noch

Der rote Ziegelbau ist das Offizierskasino auf dem weitläufigen Heeresversuchsgelände Kummersdorf - heute eine Ruine, damals Schauplatz jenes hohen Besuchs. Rundum im Wald stehen über viele Quadratkilometer verstreut und halb zugewachsen massive, meterdicke Überreste von Betonbunkern als stumme Zeugen dafür, dass man hier einst mit großen Kalibern experimentierte. Das Foto auf der Treppe des Offizierskasinos - aufgenommen wohl nach dem Mittagessen - ist eines der Bilder, welches die Diskussion der Historiker in der Streitfrage untermalen, inwieweit Wernher von Braun seit den Anfangsjahren in den Nationalsozialismus verstrickt war.

Eineinhalb Jahre waren da vergangen, seit sich Wernher von Braun in die Hände der Reichswehr begeben hatte. Am 1.November 1932 hatte er offiziell seinen Dienst im Heereswaffenamt angetreten, als Raketeningenieur, drei Monate vor Hitlers Machtergreifung. Sein Monatslohn: etwa 350 Reichsmark. Gewiss, Becker, Dornberger und andere Herren des Heereswaffenamtes waren auf den Verein für Raumschifffahrt zugegangen, hatten bei Wernher von Braun und den anderen Enthusiasten des Raketenschießplatzes in Berlin-Tegel um eine Zusammenarbeit geworben. Doch nach dem monatelangen Hin und Her, nach allem Abtasten, nach all den Diskussionen war es Wernher von Braun gewesen, der bei Becker vorstellig wurde, um die Zusammenarbeit auszuloten - letztlich bewarb er sich selbst. Hat sich der 20-Jährige damit auf moralische Abwege begeben?

Man müsste sich wohl auf den Standpunkt eines konsequenten Pazifisten begeben, um moralische Vorwürfe erheben zu können. Allein die rigorose Ablehnung alles Militärischen könnte diese Haltung rechtfertigen. Rückblickend erfolgte der Eintritt in den militärischen Dienst am Vorabend des Faschismus, der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte, in der später die zur Wehrmacht umbenannte Reichswehr zum entscheidenden Instrument von Hitlers Politik werden sollte. Doch was Deutschland und Europa in den nächsten zwölf Jahren blühen sollte, davon ahnte Ende 1932 noch niemand etwas. Und drei Monate später, bei der Machtergreifung, wohl ebenfalls nicht.

Der Spross der deutschnational eingestellten Junkerfamilie jedenfalls sah in der Zusammenarbeit mit dem deutschen Militär - gedemütigt durch den Vertrag von Versailles - nichts Verwerfliches. Der frisch diplomierte Flugzeugingenieur dürfte die Schlüsselrolle erkannt haben, welche die Rüstung in der Entwicklung der Luftfahrt spielte. Ohne die Forschung im Dienste der Kriegsministerien in vielen Ländern würden jetzt, 1932, wohl noch immer stoffbespannte Holzgestelle durch die Lüfte schweben wie zu Zeiten der Brüder Wright.

Mit Enthusiasmus allein kommt niemand zum Mond. Das war Wernher von Braun nach zwei Jahren im Verein für Raumschifffahrt klar.

Die Tatsache, dass von Braun Raketen für den Krieg entwickelte, ist denn auch nicht der Punkt, der ihn in den Augen vieler Historiker zur umstrittenen Person machte. Weitaus schärfere Kritik betrifft den Umstand, dass er beide Augen zumachte, als später in Peenemünde und besonders in den letzten Kriegsmonaten in alten Bergwerksstollen im Harz beim Bau der Rakete "V2" Zwangsarbeiter und KZ-Insassen unter so unmenschlichen Bedingungen eingesetzt wurden, dass etwa 15.000 von ihnen umkamen - doppelt so viele wie bei den Treffern der Waffe in den Städten des Gegners selbst.

Seinen eigentlichen Traum, die Raumfahrt, hatte von Braun nie aufgegeben, auch nicht in den finstersten Zeiten des Krieges, deshalb saß er sogar in Gestapo-Haft. Nach Kriegsende ging er mit gut 100 seiner Mitarbeiter in die USA, wo sie weitgehend unbehelligt von ihrer Vergangenheit die Grundlagen zur Raumfahrt legten - und den Wettlauf zum Mond gewannen. Von Braun wurde zum Star dieses Rennens, in Amerika wie auch in Deutschland, seiner Heimat. Er starb 1977.

Ulli Kulke: Weltraumstürmer. Wernher von Braun und der Wettlauf zum Mond. 288 S., Quadriga, 19,99 Euro