Berliner Merkwürdigkeit

Die kleinen Anti-Stress-Typen

Josef Foos ist Yogalehrer, seit knapp 25 Jahren. Er lebt relativ enthaltsam. Er raucht nicht, er trinkt nicht und er sieht auch kein Fernsehen mehr. Schon seit zwei Jahren schwört er den Verführungen der Gesellschaft ab. Um sich die Zeit zu vertreiben, hat der 55-Jährige vor ebenso langer Zeit begonnen, Street Yogis zu basteln und sie anschließend auf Straßenschilder zu kleben. Street Yogis, das sind kleine Figuren aus Korken und Schaschlikspießen. Jeder der etwa fünf Zentimeter großen Street Yogis ist in einer bestimmte Yoga-Übung, einer sogenannten Asana, zu sehen. Die Asanas sind traditionelle Körperhaltungen im Yoga, die vor allem stehend oder sitzend praktiziert werden. Als Inspiration dienten Foos die "Small People"-Installationen des Londoner Street-Art-Künstlers Slinkachu. Der britische Student, dessen richtiger Name ein Geheimnis ist, bastelt seit 2006 verblüffend detaillierte Menschen aus Plastik in Miniaturformat, fotografiert und verteilt diese in der gesamten Stadt.

"Ich bin leider künstlerisch nicht so begabt wie Slinkachu und ich habe auch nicht das Geld, so aufwendige Figuren zu machen. Aber die Sache an sich fand ich toll und da kam mir die Idee, etwas Ähnliches mit Korken zu machen", sagt Foos. Als Yogalehrer sei es naheliegend gewesen, die Figürchen in Asana-Positionen darzustellen. Außerdem wollte er in seinem Neuköllner Kiez etwas von der positiven Energie des Yoga vermitteln. "Ich finde wir brauchen auch mal was Aufbauendes. In den Zeitungen liest man so viel Negatives. Gerade hier in Neukölln." Mittlerweile verzieren die Street-Yogis nicht nur den Bezirk im Süden Berlins. Auch in Schöneberg, Tempelhof, Wedding, Kreuzberg und Pankow wachen die kleinen Spirituellen über die Straßenkreuzungen.

Etwa 300 Yogis, wie ihr Macher sie fast schon liebevoll nennt, hat Josef Foos bis heute gebastelt und auf die Kanten von Straßenschildern geklebt. Nicht jeder Kiez-Korken nimmt allerdings eine andere Yogastellung ein. Es gibt zwar mehr als 1000 Asanas, doch alle nachzubilden, das funktioniere nicht: "Ich kann den Figuren höchstens ein Gelenk pro Körperteil verpassen. Damit ist die Auswahl natürlich begrenzt", erklärt Foos. Und da er seinen Materialien treu geblieben ist, wird man eher einen auf dem Kopf stehenden, als einen verbrezelten Yogi finden. Anfangs platzierte Foos die ausschließlich in Eigenproduktion hergestellten Figuren auch auf Telefonzellen und Fensterbänken. "Da verschwinden die Yogis zu schnell. Diese Orte sind einfach leicht zugänglich und Yogis werden dann gerne mitgenommen." Die Straßenschilder hingegen seien schlichtweg aufgrund ihrer Höhe schwerer zu erreichen. Der Street-Yogi auf dem Straßenschild an der Karl-Kunger-Straße Ecke Bouchéstraße steht zum Beispiel schon seit über einem Jahr dort. "Bei dem musste ich zwar schon den Fuß erneuern, aber es freut mich, dass es dieses Exemplar immer noch gibt", so Foos.

Im Schnitt klebt der Yogalehrer fünf Street Yogis in der Woche auf die Straßenschilder Berlins. "Nur in den Wintermonaten muss ich eine Pause einlegen. Nässe und Kälte erschweren die Bedingungen ungemein", verrät Foos. Je nach Komplexität der Asana braucht er eine bis anderthalb Stunden, um eine Figur zu produzieren. Zwei Weinkorken, ein Schaschlikspieß aus Holz, ein Holz-Handbohrer sowie ein Messer und wasserfesten Leim. Manchmal noch ein Pflaster, um die Gelenke zu stabilisieren. Mehr braucht es nicht, um einen Street Yogi zu basteln.

Das Aufkleben der Street Yogis sei im Gegensatz zum Herstellen schon etwas anspruchsvoller. "Ich klebe nur tagsüber, ich will die Figuren ja auch noch fotografieren. Und da bekomme ich schon Herzklopfen, kurz bevor es losgeht", erklärt der Yogi-Erfinder. Früher hat sich Foos noch auf den Sattel seines Fahrrads gestellt, um an die Straßenschilder heranzukommen. Heute habe er eine spezielle Klettertechnik entwickelt, um an noch höhere Schilder zu gelangen. Wie diese Technik allerdings aussieht, das verschweigt er. Wer als Street-Art-Künstler etwas auf sich hält, hat auch ein Geheimnis.