Apostolische Nuntiatur

Der Papst schläft an der Hasenheide

Natürlich wird der Heilige Vater den einzigen Lehnstuhl im Raum bekommen. Morgens um sieben, an der Hasenheide. Wenn Benedikt aufgestanden ist und im Haus zur Frühmesse gerufen wird. Nur ganz enge Vertraute sind dann dabei. Ein paar päpstliche Sekretäre, sein Berliner Botschafter, zwei Schweizer Gardisten. Und selbst der Vorgänger, Johannes Paul II., wird dieser Szene auf seine typische Art beiwohnen.

gütig lächelnd und betend. So zeigt ihn nämlich ein Bildnis auf einer großen Kerze, die momentan neben dem Altar steht. Hier, in der Kapelle der Apostolischen Nuntiatur in Berlin. So sieht es dann also aus, wenn oberste Hirten unter sich sind. Wenn es zum möglicherweise privatesten Augenblick kommt, den Papst Benedikt in der Stadt erlebt.

In der firmeneigenen Herberge wird das Oberhaupt der Katholiken in knapp vier Wochen übernachten, könnte man sagen. Oder besser, der Deutschland-Zentrale seiner Kirche. Ein Papst auf Reisen wohnt nie im Hotel, egal wo auf der Welt. Immer wählt er ein kirchliches Bett, am besten freilich im ranghöchsten Haus am Platze, möglichst einem Bischofssitz. Und ausgerechnet das weltliche Berlin, das noch dazu ohnehin katholische Diaspora ist, hat sogar eine ganz besondere Adresse zu bieten. Die Nuntiatur ist die diplomatische Vertretung der römischen Weltkirche in Deutschland. Mehr Nähe zur Kurie geht nicht, jeder Gedanke des Papstes aus Rom landet zuerst hier. Seit zehn Jahren residiert diese spezielle Botschaft in der Lilienthalstraße, direkt an der Grenze von Kreuzberg und Neukölln. Genau da, wo der Volkspark beginnt. In fast klösterlicher Stille liegt der Neubau hinter seinem hohen Botschaftszaun aus Metall, nur selten öffnet sich eine Tür im Haus. Draußen auf der Straße nimmt kaum jemand Notiz von dem Anwesen. Üblicherweise. Für die 24 Stunden vom 22. und 23. September aber, wenn Benedikt XVI. in der Stadt sein wird, ist der Ausnahmezustand auf der ruhigen Nebenstraße vom Südstern so sicher vorauszusagen wie das Amen in der Kirche.

"Wir bieten dem Papst und zehn seiner Mitarbeiter ein Zimmer an", sagt der Nuntius. "Bote" bedeutet dieser Amtstitel, den derzeit Jean-Claude Périsset trägt. Seit vier Jahren ist er auf dem Posten. Périsset, 72 Jahre alt, ist ein freundlicher, älterer Herr, der aus der Westschweiz stammt. Bald dient er 40 Jahre lang in der päpstlichen Diplomatie. Bis zum Erzbischof ist der Gesandte auf der Karriereleiter der Kirche aufgestiegen. Im Moment wird er überrannt von Anfragen zum bevorstehenden Papstbesuch, alle Fragen, die man sich vorstellen kann, werden Périsset gestellt. Und der Mann im schlichten schwarzen Dienstanzug versucht, alles wie beiläufig zu nehmen. Das sei doch ein normales Prozedere, wenn Gäste da sind, sagt der Erzbischof und schaut dabei selbst etwas fragend aus seinem zarten Gesicht und hinter der Hornbrille hervor - einem sehr modischen Exemplar, fast könnte man sagen, typisch Kreuzberg und Neukölln.

In einem schlichten, eleganten Empfangssaal der Nuntiatur erläutert der Diplomat seinen Gästen nun also das stabsmäßige Vorgehen: Die Hecken draußen würden noch einmal geschnitten, drinnen alles tiptop herausgeputzt. Man fragt sich dabei unwillkürlich, ob überhaupt jemals in dieser Umgebung irgendeine Ecke oder ein Zimmer nicht perfekt herausgeputzt sein könnte. Alles glänzt um die Wette: Die weißen, blitzblanken Marmorböden genauso wie die bunten, gut schamponierten Teppiche. Die altmodischen Sessel, die überall stehen, haben goldbemalte Lehnen, die Bilderrahmen mit Porträts alter Päpste glänzen ebenso goldig. Im schönen Kontrast stehen all diese Stücke aus den vatikanischen Magazinen zur schlichten, sehr modernen Architektur des Gebäudes. Es gibt die großzügigen Säle, und darüber liegen die Dienstwohnungen der päpstlichen Berliner Mission. "Wir leben hier in einer religiösen Gemeinschaft", sagt Périsset. Jeden Morgen um sieben feiern die Bewohner eine Messe in der kleinen, schlichten Kapelle, die in einem Seitenflügel liegt. Genauso abends um sechs. Neben dem Nuntius leben und arbeiten zwei weitere Diplomaten aus Rom im Haus, außerdem gibt es zwei deutsche Priester für Verwaltungsaufgaben. In einem anderen Seitenflügel ist schließlich noch ein Schwesternkonvent, vier Frauen leben da. Sie kümmern sich um die gesamte Hauswirtschaft. Alles so wie immer also - für den Papst, wenn er kurz einzieht. Eine kleine Welt für sich findet er vor.

Dafür ziehen allerdings einige der Mitarbeiter des Hauses kurz aus für den Besuchstag, damit auch wirklich Platz ist. Am Nachmittag, ein paar Stunden nach der Ankunft in Tegel, wird Benedikt einmal da sein, zu einem Kurzstopp zwischen all seinen Terminen beim Bundespräsidenten, der Kanzlerin, der Jüdischen Gemeinde und im Deutschen Bundestag. Abends geht es schließlich ins Olympiastadion zur Messe mit 70 000 Gläubigen, danach ist sein erster Besuchstag beendet. Größer könnte der Gegensatz wohl nicht sein von dieser Mega-Messe des Abends zum privaten Früh-Ritus am nächsten Morgen. Nur begleitet von einem Dutzend, also quasi allein in der nüchternen, fast kargen Kapelle. Rechts vorn im Chor steht der Bischofssitz, der eine hohe Lehne hat und für den jeweils höchsten anwesenden Katholiken reserviert ist. Streng gefasst ist das Inventar, alles ist eckig. Ein warmes Licht fällt aber durch die bunt bemalten Fenster in den Raum. Keiner, der die Kapelle besucht, kann sich der Wirkung dieser Kunstwerke entziehen. "Die obere Reihe zeigt Szenen aus dem Alten Testament", erzählt der Nuntius beim Rundgang durch das Haus. "Die Bildmotive darunter entstammen dem Neuen Testament." Sie sind anmutig und fröhlich zugleich, ein Höhepunkt zeitgenössischer sakraler Kunst. Allein ihretwegen meldeten sich oft Gäste für einen Besichtigungstermin in der Nuntiatur an, sagt ein Mitarbeiter des Hauses. Viele Gruppen kämen her, nur derzeit nicht. Sobald nun auch der höchste Christ seine Privatmesse in der Kapelle gefeiert hat, soll das wieder der Fall sein. Dann dürfen wieder Besucher am Tor klingeln. Da, wo an der Hausmauer das päpstliche Wappen im Sonnenlicht funkelt.

Zu verfehlen ist das katholische Zentrum am Südstern ohnehin nicht. Gleich neben der Gesandtschaft steht die mächtige Sankt Johannes Basilika. Sie ist sogar die größte Kirche der Katholiken in Berlin, gebaut wurde sie einst im Kaiserreich als Garnisonkirche für die Soldaten auf dem nahe gelegenen Tempelhofer Feld. Wichtig für das Heer war das, daher durfte sie auch als katholisches Haus ebenso groß sein wie die evangelische, sozusagen "echt" preußische Kirche nebenan am Südstern. Auch heute ist Sankt Johannes ein wichtiger katholischer Pfeiler: Sie ist das Haus der polnischen Gemeinde, also der stärksten Berliner Fraktion der römischen Kirche. Dieser Migrationshintergrund fügt sich gut in den Stadtteil - wirklich alles ist heterogen und liegt dicht beieinander. Eine der größten Moscheen Berlins liegt ebenfalls am Volkspark, der seit langem geplante Neubau eines Hindutempels auch. Dazwischen tummelt sich die Kreuzberger Szene, ein buntes Familienleben auf den Wiesen und, auf dem Fußweg gleich neben dem Zaun der päpstlichen Nuntiatur, eben auch die jedermann bekannte Meile von Drogendealern, die im Gebüsch stehen. "Geht das an dieser Stelle überhaupt mit einer Botschaft?", werden die päpstlichen Mitarbeiter daher ständig gefragt, schon von Anfang an, seit ihr Haus gebaut wurde. Die Praxis sagt ja. Einige von ihnen gehen hinaus und genießen das bunte Leben vor der Tür, andere weniger. Auch das gehöre zur Normalität, sagt man unter den Mitarbeitern. Bloß kein Aufhebens machen im Kiez.

Dafür fahren im Alltag allerdings regelmäßig die Dienstkarossen vieler anderer Botschafter bei ihnen vor in Neukölln. Protokollarisch ist der Erzbischof Périsset nämlich die Nummer eins im Diplomatischen Corps, daher müssen ihm die Vertreter anderer Staaten die Aufwartung machen. So will es die Tradition. In Deutschland ist der Apostolische Nuntius der Doyen aller hier akkreditierten Diplomaten. Er ist zum Beispiel der, der beim jährlichen Empfang des Bundespräsidenten ganz vorn in der Reihe vor allen anderen Botschaftern steht, dann freilich nicht nur im Dienstanzug mit weißem Stehkragen, sondern im lilafarbenen Ornat. Die Gepflogenheiten sehen außerdem vor, dass jeder Botschafter, der seinen Dienst in Berlin aufnimmt, sich beim Doyen in Neukölln vorstellt, ebenso wenn er geht. Im Gegenzug versucht der Nuntius, andere Botschaften zu besuchen, etwa zu Feiern ihrer Nationalfeiertage. Nur mit einigen Staaten herrscht auch für ihn in Berlin Funkstille, darunter China, Nordkorea und Saudi-Arabien. Dorthin hat der Heilige Stuhl keine diplomatischen Beziehungen, also kommt von dort auch niemand nach Neukölln.

Doch selbst diese Botschaften können Post von ihm bekommen. Zuweilen muss der Doyen Rundbriefe an alle verfassen, davon wird dann keine in Berlin ansässige Vertretung ausgenommen. Ermahnungen können diese Sammelbriefe enthalten, wenn es etwa wieder einmal Beschwerden der Berliner Polizei gab, dass Angehörige des Diplomatischen Corps sich wenig oder gar nicht um die Straßenverkehrsregeln kümmern würden. Den Umgang mit solch säkularen Dingen ist Périsset also gewohnt. Das sind die Mühen der Ebene für einen Ranghöchsten, er ist sozusagen der ehrenamtliche Vertrauensmann. In seinem Hauptamt geht es dagegen um die Verbindungen des Papstes zur deutschen Bundesregierung, den Bundesländern und den Bistümern. Genauso ist er durch seinen Posten in Deutschland zu einem wichtigen Bindeglied zu muslimischen Organisationen geworden. Fragen des Zusammenlebens der Religionen stellen sich hier, dem deutschen Papst ist das nahe. So findet denn auch im Hause von Périssets Nuntiatur am zweiten Besuchstag von Benedikt eine Art Islam-Konferenz statt, ein Treffen mit in Deutschland tätigen islamischen Organisationen. Hohe Politik ist das, ein sensibles Terrain, auch religionsphilosophisch. Ganz nach Périssets Geschmack.

Doch davor stehen für den Nuntius endlos viele weltliche Pflichten, die er als Gastgeber zu bedenken hat. So sieht das diplomatische Reglement auch folgendes vor, erzählt er: "Wenn das Flugzeug mit dem Heiligen Vater in Tegel gelandet ist, werden der Protokollchef des Außenministeriums und ich die Gangway hinauf gehen und den Papst einladen, auszusteigen und Deutschland zu besuchen." So ist es üblich, so machen Botschafter das. Erst dann wird Benedikt den Berliner Boden küssen.