Berliner Merkwürdigkeiten

Die Bank summt und brummt

Sie gehen über eine Wiese und werden angebrummt. Das kann schon mal passieren in Berlin und wäre nichts Außergewöhnliches, wenn es in diesem Fall nicht eine Holzbank wäre, die Fußgänger und Hauptstadt-Besucher von der Seite anbrummt und ansummt.

Diese Stadt hat sich ja schon so manches gegönnt. Aber eine summende Bank? Auf dem Rollrasen des Schlossplatzes führen Holzwege die Touristen und die Berliner von der Karl-Liebknecht-Straße über das Grün zur Rathausstraße und zurück. Am Kopf der Wiese steht über die gesamte Breite der Fläche eine Holzbank. Geht man zur richtigen Zeit dort entlang, erlebt man die Beschallung zwischen dem Rauschen des Straßenverkehrs und dem Baustellenlärm: Eine vielleicht 60-jährige Männerstimme summt "Weißt du wie viel Sternlein stehen", eine vielleicht 30 Jahre alte Frauenstimme piepst "Es ist für uns eine Zeit angekommen". Und so geht es eine Viertelstunde mit etlichen anderen Liedern und Stimmen weiter.

Es ist Kunst! Klangkunst. Wie an dezenten Schildern in der Mitte der Weges zu lesen ist, handelt es sich hier um die Installation "Tonspur in Berlin" des österreichischen Künstlers Georg Weckwerth: "Was der White Cube für die Bildende Kunst, ist für die Klangkunst der urbane, öffentliche Raum", erklärt der Künstler. Weckwerth vermischt Medienkunst und Musik. Und der Schlossplatz sei ein öffentlicher Raum mit besonderer Bedeutung, wo man die Klangkunst einem breiten Publikum nahe bringen kann. Schließlich kreuzt jeder die Wiese auf seinem Erkundungszug durch die Hauptstadt zwischen Museumsinsel, Lustgarten, Spreeinsel und Alexanderplatz. Eigens für diesen Ort wechselvoller deutscher wie europäischer Geschichte lässt Weckwerth verschiedene Künstler verschiedene Tonspuren erschaffen.

Etwa alle drei Monate wird das Band getauscht. Aktuell wird gesummt. Es ist das Werk des Südkoreaners Suk-Jun Kim, der derzeit Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD ist. Er findet den Platz seltsam. Wo vorher der Palast der Republik stand, ist nun die grüne, saftige Wiese, die eine gewisse Ruhe ausstrahle. Als sie im Juni ausgerollt wurde, entstand ein Ort der Erholung. Relaxen in der Mittagspause, den Museumsbesuch sacken lassen.

"Da liege ich nun, mitten im Gras, und mit einem Mal stelle ich mit vor, ich würde Leute summen hören", sinniert Kim. "Perfekt. Na klar, an so einem Ort summen die Leute vor sich hin. Aber was summen sie wohl?" Er bat 60 Berliner, für ihn zu summen. Alle alt genug, um die Trennung der Stadt, die Wende, die historischen Ereignisse rund um den Palast der Republik bis zu seinem Abriss miterlebt zu haben. "Gibt es ein Lied, das Sie an Ihre Kindheit erinnert? Würden Sie es für mich summen?" So kam es zu "Der Mond ist aufgegangen" und "Guten Abend, gute Nacht".

Die Reduktion aufs Wesentliche sollte in das Konzept der Landschaftsarchitekten der "Übergangsnutzung Schlossareal Berlin" passen. Nur das Nötigste. Gras und Holz. Und hier kommen ein paar Töne. Manche setzen sich auf die Bank und lauschen der Kunst. "Die Leute beobachten, mit Freude und Erstaunen", sagt Weckwerth. "Gerade für die Touristen ist es etwas Schönes. Touristen wollen in einer Stadt wie Berlin das Neue, das Überraschende finden."

Seit Juli gibt es das Projekt "Tonspur". Vorm Summen wurde geklatscht. Der Berliner Künstler und Absolvent der Hochschule der Künste Via Lewandowsky nahm sich und seine Nachbarin beim Klatschen auf. Am Computer mischte er das so zusammen, dass es Assoziationen auslöste. Mal Märsche, mal Freude. Im Januar kommt eine neue Arbeit, die mit Infra- und Ultraschall spielt. Nur spürbar, nicht hörbar. Zumindest für den Menschen. Weckwerth: "Wir sind gespannt, wie die Hunde reagieren werden".

Die armen Tiere. Erstmal sind wir noch bei "Lustig ist das Zigeunerleben", "Yellow Submarine" von den Beatles und auch "Smoke On The Water". Und wem die "Auseinandersetzung mit Klang als plastisches und formbares Material der zeitgenössischen Kunst" ein wenig zu hochtrabend und sperrig klingt, der kann es sich auch einfacher machen. Und 15 Minuten lang munter Lieder raten.