Die letzte Frage: Til Schweiger, Schauspieler

Möchten Sie ernster genommen werden, Herr Schweiger?

Til Schweiger? Na ja. So dachte ich lange. "Der bewegte Mann" war der letzte Film, den ich mit ihm gesehen hatte. 1994. Einmal traf ich ihn dann noch bei einer Präsentation seiner Schuh-Kollektion für Birkenstock, fand ihn leicht nölig. Doch dann kam dieser Sommer und Schweiger für eine Woche mit seinen vier Kindern nach Sylt.

Im Sansibar, Kultrestaurant und auch paparazzifreie Wohlfühlzone für Prominente, kamen wir ins Gespräch, mit anderen Freunden verbrachten wir unbeschwerte laue Abende. Melanie Scholz, damals noch Inkognito-Freundin, war dabei. Mir gefiel ihre Souveränität und die Art, wie Schweiger seine Verliebtheit kaum verbergen konnte, die Beziehung gleichwohl zu schützen versuchte. Die Unterhaltungen waren lustig, interessant und gar nicht nölig. Doch vor allem weckte der Vater Til Schweiger Sympathie. Die zärtliche Hilflosigkeit eines Mannes, der getrennt von seiner Familie lebt, aber sie dennoch lebt und liebt, überlagerte all die Geschichten, die man immer so hörte vom Schwerenöter Schweiger, der in Berlin in den vergangenen Jahren jede halbwegs attraktive Kellnerin angebaggert haben soll. Auf Sylt traf ich den Mann, dem seine Töchter vertrauen, der den richtigen Ton im Umgang mit seinem ruhigen Teenagersohn trifft, der dem Charme und der Anhänglichkeit seiner gut erzogenen Kinder erliegt.

Zeit also, Vorurteile zu revidieren, der Einladung zur Vorabvorstellung von "Zweiohrküken" zu folgen. Der Fortsetzung des grandiosen 6-Millionen-Zuschauer-Erfolgs "Keinohrhasen", den ich natürlich ignoriert hatte. Ein Fehler, das wurde mir klar bei den "Zweiohrküken". Eine fein beobachtete Beziehungskomödie, die selbst an den derben Slapstick-Stellen einfach hinreißend komisch und unterhaltsam ist. In der Videothek lieh ich weitere Schweiger-Filme, ich wollte mir vor dem offiziellen Interview ein Bild machen. Kurz reinsehen. Von wegen. Es wurde eine lange Nacht, zumal ich als letztes "Barfuß" mit der faszinierenden Schweiger-Entdeckung Johanna Wokalek einlegte. -

Seine Filmfirma liegt in einer renovierten Backfabrik in Ostberlin. Gutes Fengh Shui, rohe Backsteinwände, moderne Möbel. Im Souterrain steht ein großer Holztisch, Schüsseln voller Süßigkeiten, in der Ecke ein Boxsack, etwas weiter ein Kicker. Hier haben Jungs Spaß. Schweigers Büro ist ein Glaskasten (mit Jalousien) im Erdgeschoss. Ein Sofa über Eck, wieder Gummibären, ein überdimensionaler Keinohrhase in der Ecke, Filmposter an den Wänden. Til hat vor sich auf dem Tisch seinen Apple-Laptop geöffnet, ein Kissen auf dem Schoß und das so typische schiefe Grinsen im Gesicht.

Berliner Illustrirte Zeitung: Ihre Filme haben viel Seele und Humor. Erwartet man gar nicht von einem Womanizer.

Til Schweiger: Ein Image wird von außen draufprojeziert, das lässt sich nicht kontrollieren. Die Therapeutin in der Ehe-Therapie, die ich mit Dana besuchte, kam eines Tages strahlend herein und sagte: "Ich habe gestern Barfuß gesehen, jetzt weiß ich viel mehr über dich."

Berliner Illustrirte Zeitung: Wie viel Til steckt denn in Keinohrhasen und Zweiohrküken?

Til Schweiger: Wenn ich das Drehbuch schreibe, den Film inszeniere, die Musik aussuche und selbst mitspiele, ist natürlich viel von mir drin. Auch von meiner Seele. Als Schauspieler bringt man sich selbst ein.

Berliner Illustrirte Zeitung: Ludo ist sympathisch, aber wer möchte als Nazi wie in Inglourious Basterds wahrgenommen werden?

Til Schweiger: Man hat ja die Wahl abzulehnen. Viele spielen gern böse Rollen, weil sie sich dort mehr ausleben können. Ich habe lieber Spaß, es gibt keine dunkle Seite in mir, die ich ausleben müsste.

Berliner Illustrirte Zeitung: Ludo ist etwas beziehungsträge. Es gibt da die sensationell komische Szene, als Ludo seiner Freundin Anna treuherzig vorgaukelt, er hätte das Leergut weggebracht und sie eine falsche Schranktür öffnet und unter einem Berg von herausfliegenden Plastikflaschen begraben wird. Sind Sie das? Sind es Beobachtungen?

Til Schweiger: Ich wünschte, ich hätte mir alles immer notiert, was ich erlebt und gesehen habe. Schon als Jugendlicher habe ich mit Freunden so viele Ideen entwickelt, so gelacht über Alltagssituationen und gedacht, da müsste man mal was daraus machen. Damals wusste ich noch nicht, dass ich mal in der Filmbranche arbeiten würde und solche Szenen gut gebrauchen kann. Die Kunst liegt ja darin, Szenen aus dem normalen Leben so in einen Film zu integrieren, dass es dann sehr lustig wird.

Berliner Illustrirte Zeitung: Stimmt es, dass Sie das Drehbuch während anderer Dreharbeiten in Los Angeles geschrieben haben?

Til Schweiger: Ja. Anika Decker, mit der ich ja schon Keinohrhasen zusammen entwickelt habe, schrieb entweder am Set oder im Hotel und ich schrieb in den Drehpausen und dann haben wir es abends zusammengefügt. Wir schreiben dann auf einem Laptop. Der eine schreibt, der andere wandert herum, dann ist plötzlich Sendepause, keinem fällt etwas ein, dann "Warte, ich hab's", sie hackt in die Tasten oder ich habe gerade einen Lauf, "Warte, wie findest Du das..."

Berliner Illustrirte Zeitung: Was war denn das für ein Film, dass Sie sich nebenbei auf ein Drehbuch konzentrieren konnten?

Til Schweiger: Ein sehr brutaler. Und ich war ja nur Schauspieler, trug keine Verantwortung. Musste meinen Text lernen und spielen, aber nicht an alles andere denken.

Berliner Illustrirte Zeitung: Wenn man Ihre Filme sieht, fühlt man sich durchaus ertappt. Aber das scheint die Lust am Hingucken nicht zu mindern. Im Gegenteil.

Til Schweiger: Der Streit um die Flaschen zum Beispiel. Ludo hat einfach keine Lust sie wegzubringen, lügt aber seine Freundin eiskalt an, sagt er habe es getan. Für ihn ist es eine Kleinigkeit, für sie ist es aber ein Zeichen, dass er sie nicht respektiert. Dass er etwas für sie Wichtiges als Lappalie abtut. Das kennt jeder. Das ist der Unterschied zwischen Mann und Frau, sie nehmen dasselbe Erlebnis völlig unterschiedlich wahr. Das ist im normalen Leben nicht immer lustig. Aber im Film kann man darüber lachen. Und das Lachen hat etwas Befreiendes.

Berliner Illustrirte Zeitung: Das klingt, als würden Sie durch Ihre Filme zum Frauenversteher?

Til Schweiger: Ich versuch's... Aber ich mache ja keine Filme, um mich zu therapieren, sondern um Menschen zu unterhalten. Bernd Eichinger hat mir einmal gesagt: Wir stellen etwas her, das niemand braucht. Ich dachte, stimmt, eigentlich ein nutzloser Beruf. Gerade als "nur" Schauspieler war, habe ich damit gehadert. Was machst Du hier eigentlich? Das hat doch keine Relevanz für die Gesellschaft. Ich wollte ja eigentlich Lehrer werden: Der kann in kleinem Rahmen etwas Gutes tun. Doch dann habe ich ein paar Filme gedreht, die Menschen verzauberten und stellte fest, was ich tue, ist ja doch etwas Gutes. Seitdem geht es mir besser.

Berliner Illustrirte Zeitung: Anna ist Kindergärtnerin, Ludo hat sie dort kennen- und lieben gelernt. Warum haben Sie ihre eigenen Kinder gecastet?

Til Schweiger: Es macht mir großen Spaß, weil ich gern meine Kinder um mich herum habe. Dieses Mal hat ja nur Emma mitgemacht. Lily hatte keine Lust, Luna und Valentin waren eh nur im ersten Teil als Flashback zu sehen. Wir beschützen sie schon, sie durften ja nicht einmal auf die Premiere. Aber ich will Angst um sie gar nicht erst zulassen.

Berliner Illustrirte Zeitung: Sie leben von Ihrer Frau Dana getrennt, aber es scheint Ihnen zu gelingen, die Kinder unbehelligt von den Differenzen der Eltern aufwachsen zu lassen. Sie gehen alle offen miteinander um.

Til Schweiger: Ich hoffe auch, dass es so bleibt. Mir ist das Wichtigste, dass die Kinder wissen, dass ich immer auf ihrer Seite bin. Dass ich da bin, um sie zu beschützen. Wir haben ein super Verhältnis, abgesehen davon, dass ich wie jeder Vater und jede berufstätige Mutter, das Gefühl habe, nicht genug Zeit für sie zu finden. Der Spagat ist unbefriedigend. Doch ich kann mir gar nicht vorstellen, dass man überhaupt keine Kinder haben möchte.

Berliner Illustrirte Zeitung: Ihre Filme sind extrem erfolgreich, in den USA wären Sie wahrscheinlich ein mächtiger Star. Möchten Sie in Deutschland ernster genommen werden?

Til Schweiger: Nö. Ich bin auch hier ein großer Star. Auch wenn das ein paar Leute nicht wahrhaben wollen.