Berliner Merkwürdigkeit

Hase und Igel in Adlershof

| Lesedauer: 4 Minuten
Jörg Niendorf

Was Studenten derzeit in ihren Protesten lauthals monieren, ist für "Hase" und "Igel", zwei Weggefährten vieler Berliner Nachwuchsakademiker, längst Realität. Sie ziehen mulihaft ihre Bahnen, Tag für Tag. Umgeben zwar von einem äußerst ambitionierten Wissenschaftsbetrieb, aber dennoch mit Scheuklappen, im Hamsterrad.

Ganz ähnlich der Lage, in der sich heutige Studierende sehen. Nur mit einem Unterschied: Hase und Igel sind wirklich Automaten. Bibliotheksroboter.

FTS nennt sich das Duo, das Kürzel steht für "Fahrerloses Transportsystem". Im Erwin-Schrödinger-Zentrum in Adlershof, die Bibliothek der Naturwissenschaftler der Humboldt-Universität, arbeiten die beiden batteriebetriebenen Lesesaal-Gleiter, rastlos und klaglos, immer solange, bis sie zurück an ihre Ladestation müssen. Meistens halten sie bis fünf, sechs Uhr am Nachmittag durch. So lange fahren sie Bücherkisten hin und her. Rein funktional ist auch ihr Äußeres, sie haben nichts Verspieltes an sich wie etwa der Mechaniker-Droide "R2-D2" aus dem Krieg der Sterne. Hase und Igel ähneln da eher einem schnöden Rollcontainer oder einer Kohlelore von einst. Sie sollen ja ohnehin nichts weiter als Bücher buckeln.

Bis zu 25 Kilogramm schwere Kisten bringen sie von der Informationstheke vorn am Eingang in den Lesesaal oder sogar in die oberen Etagen. Sie können nämlich selbsthändig Fahrstuhl fahren. In Fabriken sind solche Transportroboter allgegenwärtig. Hier jedoch arbeiten sie vor Publikum und sogar mitten darin. Das ist einzigartig.

Denn eigentlich drohen unter Menschen doch Störungen. Leute, die im Weg stehen, die die Geräte anfassen, womöglich versuchen mitzufahren. Keine Spur davon aber in dieser Bibliothek. "Erstsemester wundern sich manchmal noch darüber, beobachten sie und freuen sich. Aller höchstens probieren sie aber aus, ob der Roboter wirklich anhält, wenn man den Weg blockiert", sagt Jessica Bach, die seit fünf Jahren in der Bibliothek arbeitet. Die Maschinenreflexe funktionieren gut, Hase und Igel hupen in solchen Fällen. Dann geht es auch schon weiter. "Und alle anderen Besucher nehmen die beiden sowieso gelassen hin", sagt genauso Eckart Schulz, der die Roboter seit der Bibliothekseröffnung im Jahr 2003 persönlich betreut. Die Ehrfurcht des technikaffinen Publikums ist groß. Das ist schließlich kein Zoo hier, sondern ein Think Tank.

Ein Knopfdruck genügt, dann kommt einer. Mehrmals am Tag löst auch Jessica Bach diese Anforderung vorn am Eingang aus. Kurz danach surrt Hase oder Igel, je nachdem, wer gerade näher dran war, zu ihr an die Informationstheke. Ganz langsam, ganz bedächtig. Beide sehen identisch aus: Schwarzer, gedrungener Körper, darauf ein hoher Mast. Daran baumelt hier ein kleiner Stoffigel, dort ein Spielzeughase, gleich neben den Blinkern und dem weißen Rückwärts-Fahrlicht. Sonst dreht sich oben auf der Mastspitze pausenlos ein roter pilzartiger Metalldeckel. Der Navigator ist das, ein Scanner. Er erkennt die kleinen Reflektoren, die überall Pfeiler und Wänden der Bibliothek montiert sind. So wird der Roboter angeleitet.

Ist er bei Jessica Bach angekommen, fährt er passgenau an eine Ladestation heran und zieht sich allein die bereitstehende Bücherkiste auf seine Ladefläche. Ein Lesegerät liest an dieser Kiste einen Barcode ab, den die Mitarbeiter vorher anbringen. So bestimmen sie, wohin die Reise gehen soll. Auf dem Linoleumboden der Bibliothek ist auch zu verfolgen, wo die Wege entlang führen. Der jahrelange Betrieb auf einer immer zentimetergleichen Route hat seine Spuren hinterlassen. Dauert es einmal zu lange, bis die Helfer auftauchen, kann man sie auf einem Kontrollbildschirm suchen. Dort blinken ihre jeweiligen Positionen auf. Das ist hilfreich, wenn Hase oder Igel zum Beispiel einmal im Treppenhaus verloren gehen.

Eckart Schulz ist zufrieden mit seinem treuen Gespann von Elektromulis. Die Idee dazu entstand aus einer Not heraus. Weil es keinen Keller gibt, ließ sich kein bibliotheksübliches unterirdisches Fördersystem einrichten. Und im Lesesaal wären solche Transportschienen viel zu laut. Also entlasten die leisen Roboter die Mitarbeiter, damit diese nicht immer die weiten Wege mit den Bücherwagen machen müssen. Die Arbeit teilen sich Hase und Igel wirklich gerecht, erläutert Schulz, der ihnen auch die Namen gab. "Es ist eben nicht so wie in Grimms Märchen", sagt Schulz. "Hier gibt es kein hämisches 'Ich bin schon da'."