Berliner Merkwürdigkeiten

Fräulein Wilds Kindheitstraum im Blog

| Lesedauer: 3 Minuten
Valeria Nabatova

In einem Straßenwinkel in Kreuzberg liegt das kleine Kiezcafé "Fräulein Wild", ein bisschen versteckt und nicht gleich zu sehen zwischen skurrilen Bars und trashigen Läden.

Mitten im Großstadtgeschehen der Dresdner Straße steht "Fräulein Wild" wie eine Oase. Das Café ist ein lang ersehnter Wunsch, den sich seine Besitzerin nun endlich erfüllt hat. Wie, das kann man seit Monaten sehr detailliert in einem Internet-Blog verfolgen.

Bereits in der Grundschule wusste Anna-Maria Wild auf die Frage "Was willst du denn mal werden?" nur eine Antwort: Cafébesitzerin. Im Dezember konnte sich die junge Berlinerin diesen Kindheitstraum endlich erfüllen und zusammen mit ihrem Freund Sascha Kricke das "Fräulein Wild" eröffnen. Absolute Gastronomie-Neulinge waren die beiden, als sie anfingen und eigentlich gar nicht so genau wussten, was nun zu tun sei.

Sie fragten sich bei anderen Restaurant- und Cafébesitzern durch, bei Freunden und Bekannten und dokumentierten jeden einzelnen Schritt in dem Blog fraeuleinwild.wordpress.com. Wild und Kricke erzählen darin, wie sie zu den Besitzern eines Cafés wurden. Eine Fundgrube für Menschen, die einen ähnlichen Traum haben. Drei Monate vor der Eröffnung konnte man in den ersten Blogeinträgen nachlesen, wie sie Visitenkarten drucken ließen, auf die Zusage des Vermieters warteten und sich durch anstrengende Vertragsverhandlungen quälten. Dann endlich der Abschluss des Mietvertrags, die ersehnte Zusage des Bauamtes und die schwierige Frage nach dem Design der Espressolöffel.

"Durch den Blog wollten wir unseren Freunden und Bekannten die Möglichkeit geben, mit uns 'mitzuwachsen'", sagt Anna-Maria Wild. Und natürlich half es auch schon früh Kunden anzulocken. Es scheint, als habe genau das funktioniert. Ein wenig waren Anna-Maria Wild und Sascha Kricke selbst erstaunt, wie groß das Interesse an ihrem Blog schon nach kurzer Zeit war. "Dass er so viel Aufmerksamkeit erregt, das hatten wir nicht erwartet", sagt Sascha Kricke. Auf die Blogbeiträge antworten die Leser mit Gratulationen und Glückwünschen.

Das Café ist nun zwar längst eröffnet, doch der Blog geht weiter - sozusagen als virtuelles Caféleben. Anna-Maria Wild zeigt nun Fotos von Schokobrownies, Zimtschnecken, Vanille-Cupcakes und anderen selbstgemachten Kuchen, Neuerungen werden angekündigt und darüber hinaus wird berichtet, wie es so weiter geht mit "Fräulein Wild".

Die Idee, wie das Café aussehen soll, hatten beide schon seit Jahren. Gemeinsam sammelten sie Möbel von Trödelmärkten, die sie auf dem Dachboden von Sascha Krickes Mutter zwischenlagerten. Jedes neue Detail der Einrichtung wurde fotografiert und ebenfalls im Internet veröffentlicht. Stühle mit bunten Sitzkissen, altmodische Landschaftsbilder, Omas Tapete und ein Klavier finden sich hier. Der Trödel-Schick inspiriert auch die Kunden, die, obwohl das Café voll eingerichtet ist, den jungen Betreibern immer noch Möbel aus den eigenen Vorräten mitbringen oder anbieten.

So bunt wie die Einrichtung ist auch die Kundschaft von "Fräulein Wild". Neben türkischen Geschäftsleuten sitzen Punks, Rentner, Touristen. Dabei hatte Anna-Maria Wild anfangs auch ein bisschen Angst, dass ihr Kindheitstraum ganz schnell ausgeträumt sein könnte: "Am Ende ist aber alles besser geworden, als ich dachte", sagt die 24-Jährige. Nicht zuletzt dank der vielen Anregungen und Reaktionen, die sie auf ihren Blog hin bekommen hat.

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