August-J. Herbst

Der unbekannte Poet

Zwischen Herrn Lehmanns Wirtschaftsbüro und dem Subkulturen-Treff "Abgefuckt liebt Dich" klebt ein Stück Poesie. Der Zettel ist weiß und unscheinbar, doch er hebt sich deutlich von der Papier-Patina aus Stickern und Annoncen ab, mit der die Fußgängerampel am Rosenthaler Platz tapeziert ist.

Durch die anbrechende Dämmerung rauscht der Feierabendverkehr, die Leute hasten durch den Nieselregen und achten nicht auf die zugekleisterten Ampelmasten. Bis eine Rotphase die Fußgänger zum Stehenbleiben zwingt. Und ihr Blick auf das schon leicht durchfeuchtete Blatt fällt.

Über die Zeit

Zeit ist ein Artefakt

Für den Menschen je erfunden...

Aufmerksame Passanten stutzen. Treten näher. Lesen. Dann gehen sie weiter, manche ungerührt, manche aber auch lächelnd. Und manche verpassen sogar ihre Grünphase.

Der Zettel an der U-Bahnstation Rosenthaler Platz ist kein Einzelstück. Wer aufmerksam durch die Straßen läuft und auch mal einen Blick in etwas versteckte Winkel wirft, wird auch anderswo fündig: im Mauerpark, in der Schönhauser Allee, an der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz.

Manche berührt diese Straßenpoesie, manche gehen gleichgültig daran vorbei. Lyrikexperten mögen die Werke eher nüchtern betrachten, sie hinsichtlich Metrum oder Reimschema analysieren und bewerten. Aber die Notizen sollen ja gar nicht nüchtern betrachtet, sondern entdeckt werden. Dort, wo man sie am wenigsten vermutet: An einer schmutzigen Straßenkreuzung, an einem überlaufenen Touristen-Treffpunkt oder mitten im Park. Dort hängen die weißen Blätter, mit Tesafilm angeklebt oder mit Reißzwecken in Baumrinde gepinnt: Gedichte, Gedanken oder Momentaufnahmen, signiert von "August-J. Herbst". Ein Berliner Streetartist, der in bestimmten Kiezen immer wieder seine Spuren hinterlässt.

Um sich an seine Fährte zu heften, gibt es zwei Möglichkeiten. Nummer Eins: Durch die Straßen laufen und nach verdächtigen Gestalten Ausschau halten, die, mit Kleberoller und Papierstapeln bewaffnet, verstohlen um Laternenpfähle schleichen. Und den Dichter dann in flagranti ertappen. Das wäre zwar reizvoll, aber schwer umzusetzen, denn sein Revier ist groß: Vor allem in Friedrichshain und Mitte ist er unterwegs, aber auch in Prenzlauer Berg.

Also bleibt Möglichkeit Nummer Zwei: die Spurensuche via Internet. Dort führt August-J. Herbst unter dem Blognamen "Statpoet" eine eigene Website, eine Art digitales Archiv für seine gesammelten Werke. Dort lässt sich auch zumindest ein erstes kleines Rätsel lösen - nämlich, wieso der "Statpoet" das D aus seinem Namen gestrichen hat. Der Schlüssel liegt im Logo der Signatur, die unter jedem seiner Gedichte prangt: Ein langgestrecktes S in eckigen Klammern - Lautschrift. Und in Lautschrift geschrieben, wird aus dem Stadtpoet eben ein ['*tatpoe:t].

Ob er zu einem Treffen bereit wäre? August-J. Herbst lässt sich mit seiner Antwort ein bisschen Zeit, aber dann kommt die Zusage. Es sei, schreibt er, "natürlich immer ein angenehmes, manchmal seltsames Gefühl, wenn man eine Mail von jemandem bekommt oder auf der Straße beim Pinnen und Plakatieren 'erwischt' und angesprochen wird." Das klingt zwar ein bisschen scheu, aber zu einem Treffen ist der Statpoet bereit, am besten in einem seiner Lieblingscafés: "Dort kann man sich in Ruhe zurücklehnen, durchs Fenster beobachten, dem lauten Klingen der Stadt vor der Türe lauschen."

Spätestens nach diesem Satz ist man neugierig auf diesen Großstadtlyriker, der sich nicht nur "August" nennt, sondern auch noch so schöne, altmodische Wörter wie "lauschen" verwendet - selbst in einer E-Mail. Und es macht neugierig auf die Café-Begegnung. Vielleicht wartet dort ein Deutschlehrer, der einen Ausgleich zum ewigen Rotanstreichen sucht? Oder ein Beamter, der insgeheim immer träumte, Schriftsteller zu werden?

Das mit dem Schriftsteller-Wunsch stimmt. Abgesehen davon aber ist der Poet, der in dem Friedrichshainer Café wartet, ein schmaler, junger Mann, sehr freundlich, sehr ruhig. Fast ein bisschen schüchtern sitzt er wie vereinbart auf der Eckbank, vor ihm steht ein Milchkaffee, neben ihm liegt sein Erkennungszeichen: ein schwarzes Notizbuch, das an den Rändern von Klebstreifen zusammengehalten wird. Pro Monat, sagt August-J. Herbst, fülle er mit seinen Notizen im Schnitt eines dieser Schreibhefte - die Aufzeichnungen, die er auf der Schreibmaschine tippt und dann in der Stadt aufhängt, nicht mitgerechnet. Aber wozu eigentlich das Ganze? "Um die Stadt künstlerisch anzuhauchen", sagt er. "Neugierige Menschen mit ein wenig Poesie zu überraschen, ihnen ein Lächeln ins Gesicht oder ein Runzeln auf die Stirn zu zaubern. Dem aufgedrehten Großstädter ein wenig Zerstreuung zu bereiten."

Über das Schreiben redet der Statpoet gerne. Über sich selbst eher weniger. Zwanzig Jahre ist er alt, in Berlin geboren, im Umland aufgewachsen und jetzt wieder in der Stadt heimisch, als Student. Was und wo er studiert, darüber schweigt August-J. Herbst, ebenso wie über seinen richtigen Namen. Als Zwölfjähriger notierte er seine ersten Gedanken, auf Buchrücken und Mathehefte; irgendwann fing er dann an, zu dichten. "Dabei habe ich aber immer nur für mich geschrieben, oder meine Texte höchstens mal den besten Freunden geschenkt oder gewidmet." Die Leserschaft bleibt dabei überschaubar, die Rückmeldung auch - und Schreiber wollen nun mal gelesen werden. "Ich wollte Leute erreichen, die sonst kaum Zugang zu Lyrik haben", sagt August. "Mit einem Freund habe ich deshalb vor zwei Jahren großflächig ein paar schöne Sachen plakatiert, aber das verlief nicht so befriedigend."

Im Juni vergangenen Jahres ging August deshalb wieder mit seiner Poesie auf die Straße - diesmal sollte es aber "nicht zu aufdringlich" werden. Der Student packte eines Abends also einen Stapel kopierter Texte und eine Dose Kleister ein, stülpte sich eine Kapuze über und ging zum Volkspark Friedrichshain - wo er vor lauter Aufregung jedes Mal umkehrte, sobald ihm Menschen entgegenkamen. "Ich wollte ja bloß kein Aufsehen erregen." Mit der Zeit merkte er allerdings, dass sich niemand für seine Kleberei interessiert und er inzwischen ganz ungeniert mitten am Tag seine Zettel in der Stadt verteilen kann - selbst am Brandenburger Tor. Oft kommt er noch mal zu den Plätzen zurück, wie der Täter an den Tatort, um die Passanten zu beobachten. Und manchmal sieht er Leute, die stehen bleiben und sich seine Texte durchlesen: "Das sind schöne Momente."

Weil August-J. Herbst nicht ständig neben den Ampeln stehen und auf Reaktionen warten kann, gründete er im Herbst 2010 sein Blog statpoet.de. Seine Leser schreiben ihm dort öfters, manchmal "fiese Kommentare", manchmal aber auch ein einfaches Dankeschön, weil ihr Tag wegen der Minutenlektüre gut begonnen habe. Sie alle kennen den Statpoeten allerdings nur unter seinem Pseudonym. "Das verschafft mir Distanz zu meinem privaten Leben", sagt er. "Über mein Blog können die Leute mich erreichen, aber ich offenbare mich nicht komplett."

Vielleicht muss man diese Anonymität wahren, wenn man seine Gefühle in Versform gießt und an Berlins Laternenmasten klebt - immerhin sind Gedichte etwas sehr Privates, Persönliches. Auch wenn August klarstellt, dass "nicht alles eins zu eins aus meinem Leben" sei. Vielleicht ist es aber auch ein Teil des Konzepts "Statpoet", oder das, was es so geheimnisvoll und ein bisschen romantisch macht: Dieses Gefühl, die Gedanken eines Unbekannten zu lesen - ein bisschen, als stöbere man in einem fremden Tagebuch. Aber je länger August-J. Herbst in dem Café in Friedrichshain sitzt und erzählt, desto spürbarer wird, dass der Statpoet kein schnödes Konzept, sondern ein Herzensprojekt ist. Etwa dann, wenn der 20-Jährige berichtet, dass er jetzt eine "Gemeinschaft junger Dichter" gründen will, um weitere, unbekannte Berliner Schriftsteller an Bord zu holen. Oder wenn er erklärt, wieso er auf einer Schreibmaschine schreibt: "Wegen des Gefühls. Ich mag es ungemein, Worte mechanisch zu schreiben und sie nicht mehr löschen zu können. Am Computer löscht man viele Sachen zu schnell, obwohl sie wertvoll sind."

Die Schreibmaschine ist übrigens ein Liebhaberstück, eine Mercedes-Koffermaschine aus den 30er-Jahren, die August auf Ebay ersteigert hat. Im Sommer nimmt er sie manchmal mit nach draußen in die Parks, obwohl das knapp fünf Kilogramm schwere Gerät "unglaublich laut hämmert", sagt der Statpoet und grinst. Ins Café nimmt er die Schreibmaschine deshalb nur sehr selten mit, auch wenn hier die meisten Texte entstehen, denn dort schreibt er am liebsten, oder in der Bahn. Jedenfalls nicht zuhause, dort werde er zu schnell abgelenkt. Mal sei es ein Gedanke, mal ein Gedicht, oft auch nur ein einzelner Satz, "der bleibt dann erst mal so stehen, wie er da steht." Für einige Gedichte habe er schon seit Jahren Ideen im Kopf, aber noch keine passende Form. "Dann widme ich mich lieber anderen Texten, statt ewig davor zu sitzen."

Oder geht er auf eine seiner Klebetouren, zum Beispiel in den Weinbergspark am Rosenthaler Platz. Ein Ort, den der Statpoet sehr mag - nicht nur wegen der Heine-Statue an der Veteranenstraße. Den berühmten Dichter findet August-J. Herbst "äußerst sympathisch", sagt er auf dem Weg durch den winterleeren Park. "Er hat eine Form der Dichtung, die bis heute gültig ist." Unter dem Blick seines schmunzelnden Vorbilds beginnt der Statpoet mit dem Plakatieren. Mit Klebestreifen, denn angekleisterte Texte lassen sich schwerer ablösen, und genau das will der Statpoet: "Die Leute sollen die Texte einsammeln, wenn sie sich davon angesprochen oder berührt fühlen." So wird aus der Straßenkunst Poesie-to-go.

Das funktioniert allerdings nur in Mitte und den jungen Szene-Bezirken. Weiter westlich als Charlottenburg, sagt August, gehe er selten. Das Publikum nehme seine Texte dort nicht so an, vielleicht, weil es keine zugeklebten Straßenzüge gewohnt oder einfach "ein bisschen spießig" sei. Seine Kunst ist aber nicht Kiez-abhängig, sondern immer eine Mischung aus kurzen und langen Texten, Gedichten und Prosastücken, meist "eher melancholisch als fröhlich". Und oft von Berlin inspiriert, denn mit seiner Heimat verbindet der Statpoet sehr viel. "Es gibt hier so viele Orte, die mir Erinnerungen ins Gedächtnis rufen", sagt er, zögert, lächelt. "Meine Gedichte sind eigentlich auch für die Stadt als solche".

Dann verschwindet August-J. Herbst in Richtung U-Bahnstation. Er hinterlässt ein Stückchen Poesie an Heinrich Heines Wade.