Porträt

"Einfach das sinnvollste Hobby der Welt"

Martin Rulsch ist mit 400 000 Aktivitäten Berlins fleißigstes Mitglied der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Ein Besuch am Rechner

Exakt 693 Wikipedia-Mitglieder kennt er persönlich. Das weiß Martin Rulsch genau. Er hat es in die "Vertrauen-Liste" in seinem Online-Account eingetragen. Mit Zeitpunkt und Ort der Begegnung. Treffen sind ihm wichtig. Sie sollen schließlich den "Hexer" kennenlernen. So nennt er sich bei Wikipedia.

Martin Rulsch ist das aktivste Wikipedia-Mitglied Berlins. Er hat insgesamt 400 000 Änderungen ins deutschsprachige Online-Lexikon geklickt. Er ist auch einer der Administratoren der digitalen Enzyklopädie, ein "Benutzer in Computersystemen mit erweiterten Rechten". So definiert das Wikipedia selbst. Er darf Artikel anderer Autoren löschen oder verändern, er hat das Recht Beiträge von Benutzern zu sperren. Oder sie gleich komplett aus dem System zu schmeißen. Vom Schüler zum Professor, vom Arbeiter zum Aufsichtsrat - bei Wikipedia darf jeder schreiben. Aber nicht alles bleibt stehen. Und was stehen bleibt, bestimmt auch Martin Rulsch.

Martin Rulsch, 23 Jahre alt, wohnhaft in Berlin-Kaulsdorf, ist daher sehr mächtig. Denn Wikipedia ist eines der erfolgreichsten und größten Wissensprojekte unserer Zeit. Allein in der deutschsprachigen Version schreiben regelmäßig 7000 Hobby-Lexikalisten. 1,2 Millionen Artikel stehen online und 400 Millionen Besucher surfen pro Monat über die Seiten. Das macht Wikipedia zur fünft beliebtesten Website weltweit, eine digitale Enzyklopädie, die gestern ihr zehnjähriges Jubiläum feierte und längst die Konkurrenz wie den Brockhaus oder die Encyclopaedia Britannica hinter sich gelassen hat. Die haben den digitalen Anschluss nämlich verpasst. Wikipedia hingegen ist zu einem hochkomplexen Apparat von Unterorganisationen und Verwaltungsstrukturen herangereift, seit Jimmy Wales das Portal im Jahr 2001 gründete. Mittlerweile wachen weltweit 282 Administratoren über das System.

In dieser Welt ist Martin Rulsch, alias "der Hexer", ganz oben angekommen. Das Wikipedia-Universum hat genaue Regeln: Es gibt den nicht angemeldeten Benutzer, der gar keine Rechte hat. Dann den angemeldeten Benutzer, der sich über andere Mitglieder anschreiben kann. Weiter geht es vom bestätigten zum stimmberechtigten Benutzer, der Administratoren wählen darf. Darüber steht der Sichter, der geänderte Artikel sehen kann, und letztlich der Administrator. Und darüber gibt es dann noch ein paar Sonderstufen. Die fünf Bürokraten, die Administratoren Rechte erteilen dürfen. Die zehn Schiedsrichter, die bei Konfliktfällen eingreifen. Die drei CheckUser, die in besonders schweren Fällen von Vandalismus im Netz die IP-Adresse des Autoren ermitteln und der Polizei übergeben können. Die fünf Oversights, die so löschen dürfen, dass man dies nicht nachverfolgen kann. Und über allem thront der Steward, der nicht nur allen Nutzern und Projekten Rechte geben darf, sondern auch wegnehmen. Der Über-Admin, der sogar in der englischsprachigen Wikipedia Aufgaben und Funktionen verteilt.

Und Martin Rulsch ist so ein Steward, der Administrator mit allen Rechten. Davon gibt es nur zwei in Deutschland. "Thogo" alias Thomas Goldammer aus Leipzig und Martin Rulsch aus Berlin. Seine Bilanz: 85 000 "Edits" in der englischsprachigen Wikipedia, 102 000 in der deutschsprachigen, 15 000 in Projekten und weitere 200 000 Administrator-Aktionen wie Formatieren und Löschen. "Edits", das sind "Eingaben, Änderungen oder Löschungen von Daten am Terminal einer Datenverarbeitungsanlage".

Wundersame Wiki-Welt

Und da sitzt er nun. Der Häuptling der Hauptstadt-Wikipedianer. Im PC-Raum der Freien Universität in Dahlem. Martin Rulsch wohnt noch bei seinen Eltern in Kaulsdorf. Ein scheinbar unscheinbarer Typ mit aschblondem Haar und Brille, der in Jeans und Holzfällerhemd steckt. An der FU studiert er klassische Philologie. Wikipedia nennt er sein Hobby. Und über Privates mag er nicht reden. Denn auf ihre Privatsphäre würden die Wikipedianer, wie sie sich nennen, sehr achten, sagt er.

Das tut er dann auch. Nein, es habe bislang keinen Bruch in seinem Leben gegeben. Ja, er sei sehr behütet aufgewachsen, hätte mit den Eltern, einer Germanistin und einem Maschinenbauingenieur, viele Reisen unternommen. Nein, er wolle noch nicht von zu Hause ausziehen, er sei sehr familiär. Und nein, er habe mit seinem Nutzernamen "Hexer" niemandem Angst machen wollen, den habe er noch aus der Homepage-AG in der Schulzeit. Weil er im Urlaub zur Lektüre des Vaters gegriffen hatte: unter anderen zum namensstiftenden Krimi von Edgar Wallace. Wenn er heute noch mal wählen könnte, würde er sich auch einen anderen Namen geben. Aber dann sei er ja nicht mehr der "Hexer", als der er bekannt sei, sagt Martin. Und lächelt gequält. Das müsse jetzt reichen, es wäre ihm sehr recht, wenn wir seine Eltern oder Freunde möglichst herauslassen könnten. Wer virtuell Fehler ausmerzt, bügelt wohl auch gern im realen Leben glatt, was zu glätten ist.

Konzentriert starrt Martin wieder auf den Monitor und tippt. Hier ist jemand ganz in seiner Welt, auf dem Planeten Wikipedia. "Der Hexer" weiß, was er tut. Er zaubert Halunken-User mit regelwidrigen Beiträgen ins Online-Nirwana. Seine Mission: "Die Wikipedia säubern!" Und der "Hexer" hat gerade jemanden erwischt. Mit seinem Kontrollsystem "Vandal Fighter", das ihm fortlaufend alle Änderungen der letzten Sekunden im System anzeigt. Ein nicht angemeldeter Nutzer hat im Artikel "Steinlaus" gepfuscht. Um 11:51:56 Uhr hat der Störer aus "in einem 1976 in der ARD ausgestrahlten Sketch" ein "in einem 1976 in der ARD ausgestrahlten Hund" gemacht. "Das ist natürlich Quatsch", sagt Martin. Gerade will er als "der Hexer" auf "Zurücksetzen" klicken - da hat es schon ein anderer Administrator getan.

Martins Leben, so wie er es erzählen mag, sieht so aus: Von Montags bis Donnerstags geht er von 10 bis 18 Uhr zur Uni und besucht zusätzlich zum Master-Pflichtprogramm freiwillig Seminare und Vorlesungen. Dazu engagiert er sich im Institutsrat und kümmert sich um Erstsemester in der Fachschafts-Initiative. Bis vor kurzem arbeitete er als studentische Hilfskraft. Ein Nerd? Laut Wikipedia ist das ein "Langweiler, Sonderling, Streber, Außenseiter, Fachidiot, der für besonders in Computer oder andere Bereiche aus Wissenschaft und Technik vertiefte Menschen steht". Martin sieht sich nicht als Nerd.

Für Wikipedia sei unter der Woche wenig Platz, sagt er, es blieben am Tag "nur" ein bis zwei Stunden dafür. Erreichbar für die virtuellen Freunde sei er aber fast immer, sein PC laufe ständig nebenbei. Freitags bis sonntags hat Martin frei. Da übersetzt er für die Uni oder besucht Wikipedia-Freunde in Deutschland. Zum Gespräch, zum Städte sehen, zum Fotos machen. Martin Rulsch trinkt nicht. Martin Rulsch raucht nicht. Keine Laster. Auf der Benutzerseite vom "Hexer" können Mitglieder seine Arbeit beurteilen. "Immer hilfsbereit und engagiert", schrieb "NeonZero" im März 2008. "Nicht nur Held der Wikipedia, sondern in meinen Augen sogar Gott der Wikipedia", schrieb "XenonX3" im April 2009. Und vor elf Tagen fügte "Niracca" hinzu: "So lange bin ich noch nicht dabei, aber lange genug, um zu erkennen, dass die Wikipedia nur dank Vollblutwikipedianern wie dem ,Hexer' funktioniert. Immer wieder erstaunt, was er alles macht."

Tatsächlich. Auch in der Uni hält es Martin Rulsch ja nach diesem Prinzip. Sonst, das könne er ja sagen, spiele er nebenbei noch Gitarre oder schaue Fernsehserien wie die "Simpsons" oder "Scrubs". Früher habe er gern Death Metal gehört, aber dazu habe er jetzt keine Zeit mehr. So säubert Martin nicht nur das Image der Online-Enzyklopädie, sein eigenes hat auch keine sichtbaren Kratzer. "Helfen ist doch was Tolles", sagt der 23-Jährige. Ob es ihm nicht auch ein Gefühl von Macht gebe, andere User zu verbannen, ihre Artikel zu löschen? Nein, er schätze einfach Respekt, sagt Martin Rulsch. Aber nicht, dass man jetzt denke, er würde den sonst nicht bekommen. In der Schule sei er ganz normal gewesen und er habe auch heute noch Kontakt zu Mitschülern. Zweien, es sind Zwillinge.

Wenn Martin so redet, wird er plötzlich ganz enthusiastisch. Der ganze Körper geht mit. Die Hände schießen parallel von rechts nach links, als würde er seine Worte in Bahnen vom Körper lenken.

Dann beruhigt er sich wieder, schnappt sich die Maus. "Der Hexer" meldet sich zurück im System. Da: Nutzer "Ziegelbrenner" hat dem "von Goeben" noch ein "August Karl" vorangestellt. Geht natürlich nicht. Und da: Da ist das neue Vandalismus-Bekämpfungssystem "Huggle", das "der Hexer" nutzen will, momentan aber nicht funktioniert. Und hier, bei einem anderen Artikel macht der Wunder-Wikipedianer schnell aus "1990er Jahren" ein "90er-Jahren", muss ja alles ganz genau sein. Noch zwei Klicks, dann muss er aber wirklich los. Um 12 Uhr beginnt sein Kurs "Griechische Rhetorik". Dafür muss er raus aus der virtuellen und hinein in die reale Welt einer deutschen Universität tauchen.

Es begann mit Metal

Seit September 2005 wirkt "der Hexer" im digitalen Lexikon mit. Mit seinem ersten Klick kopierte er Tracklisten der damaligen Lieblings-Metal-Band "System of a Down" in ihren Artikel. Im September 2006 stieg Martin dann richtig in die Wikipedia-Welt ein. Da habe er gemerkt, dass es "einfach das sinnvollste Hobby der Welt" sei, sein Wissen zu teilen und allen zur Verfügung zu stellen. Philosophie verstanden: Er wurde zum Administrator gewählt, ein gutes Jahr später zum Steward. "Ziemlich steiler Karriereweg", sagt Martin Rulsch. Und grinst. "Als 'Botschafter' der Wikipedia ist er bei seinen Professoren, Dozenten und Mitstudenten wohl bekannt, anerkannt und manchmal auch etwas berüchtigt", sagt sein Wikipedia-Freund Marcus Cyron. Denn Martin verwaltet nicht nur, schreibt Artikel wie "Humanistisches Latein" oder die "Ilias" - er lehrt auch. Neulingen steht er als Mentor zur Verfügung, beantwortet Fragen im Support-Team. Im Nachwuchsprojekt des Fördervereins Wikimedia Deutschland engagiert sich Martin als Referent, geht in Schulen und erklärt das Projekt, "das schon irgendwie süchtig macht", wie er sagt. Ach ja, er organisiert auch noch. Wikipedianer-Treffen, Workshops und Academies, bei denen jedes Jahr in Zusammenarbeit mit Hochschulen zwei bis drei Tage Seminare und Vorträge zur Online-Enzyklopädie gehalten werden. Am 10. Juni soll es eine weitere Academy geben, in Göttingen, die "Wikipedia trifft Altertum"-Konferenz.

"Aber ich bin nicht dieser Computer-Nerd-Hacker, der PC ist nur mein Hobby, die Uni mein Job", sagt er. Martin steht vor dem Vorlesungssaal, gleich startet sein Kurs. Viele würden ihn und die anderen Mitglieder nur allzu gern in dieses Nerd-Schema quetschen, sagt er noch. "Aber: Mein Zimmer ist hell, mit natürlichem Licht, und ich habe eine ganz normale PC-Ausstattung", sagt Martin. "Klar schaffen wir uns unser eigenes Universum - aber den Bezug zur Realität haben wir damit nicht verloren." Mit Marcus Cyron feierte er schon mehrmals Silvester, unternahm letztes Jahr eine Bustour durch Griechenland mit ihm. Und heute Abend treffe er Ina, seine Kommilitonin und beste Freundin, die mit Wikipedia nichts zu tun habe. Ina studiert Französisch und Latein, sie kennen sich seit dem ersten Semester und wollen heute ihr gemeinsames Weihnachten nachholen. Er hat ihr "Sherlock Holmes" auf DVD besorgt, weil ihr der Film im vorigen Jahr im Kino mit ihm so gefallen habe. Nächsten Freitag gehen sie dann gemeinsam in ein Konzert in der Philharmonie. "Ina erzähle ich auch private Sorgen", sagt er. Aber das hat mit dem "Hexer" nichts zu tun. Und mit der Presse schon gar nicht. Sondern nur mit Martin Rulsch.

Als der "Hexer" besucht er regelmäßig die Wikipedia-Stammtische. Einmal im Monat finden sich Mitglieder in verschiedenen Städten Deutschlands zusammen, beim zentralen Stammtisch Berlins das nächste Mal am 4. Februar in Schöneberg. "Da kann man dann sehen, wie die ganzen 'Verrückten' aussehen", sagt Martin. Und grinst wieder. Diese Selbstironie macht ihn sympathisch. "Ich hatte sogar schon einen Groupie", sagt er. Nur ernst nehmen konnte er den neuen Nutzer nicht, der ihn zwar anschrieb mit "habe deine Karriere auf Wikipedia schon lange verfolgt und nun hab ich mich auch unter neuem Namen registriert dir zu Ehre", doch dann als "Der Hexer junior" plötzlich Beiträge des "Hexers" änderte - und rausflog. Störer wie der gehören auf die "Liste der Schurken im Wikipedia-Universum", sagt Martin. Ob ihn das nicht gekränkt habe, dass ihn jemand so offensichtlich verkaspert? Nein, so schnell könne man ihn nicht aus der Wikipedia "herausfrusten", sagt Martin. Vielleicht gibt er es auch nur nicht zu. Im April 2007 zeigt die Online-Statistik an, dass sich "der Hexer" für eine Weile mit "Edits" zurückgehalten hat. Das sei ein Streit mit einem anderen User gewesen, sagt Martin. Mehr mag er dazu auch nicht erzählen. Er erinnere sich schon gar nicht mehr daran, sagt er. Oder er will es nicht. Fehler im Text, die gehen halt einfach nicht.