Eine Insel im Wandel

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Thomas Kielinger

Großbritannien ist ganz anders als alle Klischees, die immer noch in vielen Köpfen spuken.

Großbritannien ist ganz anders als alle Klischees, die immer noch in vielen Köpfen spuken. Obwohl Millionen Touristen die Insel bereisen und alle, die ihr Englisch verbessern wollen, das Land wie ihr linguistisches Mekka ansteuern, wollen alte Vorstellungen einfach nicht weichen: Nebel, Bowler Hut, der gerollte Schirm und jede Menge dienstbarer Butler. Deutsche Edgar-Wallace-Verfilmungen und die oft wiederholte britische TV-Serie "Mit Schirm, Charme und Melone" aus den 60er-Jahren lassen grüßen. Und ist da nicht auch noch diese euroskeptische britische Insularität? Wohlwollend betrachtet auf der einen Seite, ärgerlich zurückgewiesen auf der anderen.

"Nebel über dem Kanal - Kontinent abgeschnitten": dieser Witz macht nur noch lachen, weil er so alt und antiquiert ist. Schon seit Mitte der 50er-Jahre hat Großbritannien eine "Clean Air"-Gesetzgebung, die aufräumte mit dem tödlichen Industrieausstoß und dem daraus entstehenden Smog-Wetter. Herbst- und Winternebel machen heute mehr dem Münchner Flughafen zu schaffen als dem von Heathrow. Und dieser Regen! London weist jährlich eine höhere Sonnenscheindauer aus als etwa Berlin. Ehe die Regenfluten dieses Jahres England unter Wasser setzten, hatten zwei Dürresommer hintereinander die Briten geplagt. Aber auch in den Jahren davor war es während des Sommers nicht sehr regenreich zugegangen.

Erst hinter den liebenswürdigen Uraltbildern findet man das wirkliche Großbritannien von heute: Ein "global player" von geradezu beängstigendem Zuschnitt, womit gemeint ist, dass die Insel selber kaum Schritt zu halten vermag mit Tempo und Dynamik ihrer Veränderung und der damit einhergehenden Internationalisierung. Nahezu eine Million Osteuropäer sind allein seit der EU-Erweiterung 2004 nach Großbritannien geströmt und haben hier Arbeit gefunden. Das bringt die sozialen Dienste und Netzwerke an den Rand der Belastbarkeit.

Im schottischen Hochland erscheint inzwischen eine polnische Tageszeitung, auf den Orkney-Inseln hat sich eine tschechische Kolonie angesiedelt, polnische Lebensmittelläden, Arztpraxen und andere Dienstleister haben über Nacht britische Kommunen und bestimmte Londoner Stadtteile sicht- und hörbar verändert; entsprechende Straßenschilder sind inzwischen zweisprachig. Der Zustrom aus Osteuropa ist die erste Einwanderungswelle seit Jahrzehnten, die nichts mit den Ländern des ehemaligen Empire zu tun hat. Die ethnische Mischung der britischen Gesellschaft wird so noch diverser, facettenreicher.

Kein Wunder, dass die Frage nach der britischen Identität sich immer drängender stellt, ohne dass eine befriedigende Antwort in Sicht wäre. Immerhin sorgen neue Auflagen in Bürgerkunde und sprachlicher Kompetenz dafür, dass wenigstens die Neuankömmlinge ein Gefühl für die Gesellschaft und ihren Platz darin bekommen. Doch ist die Integration all dieser unterschiedlichen Gruppen zuletzt überschattet worden durch die Radikalisierung in Randzonen der Gesellschaft, aus denen es in den vergangenen Jahren zu mehreren versuchten und ausgeübten Terror-Anschlägen kam. Es ist ein Kompliment an die Gesamtbevölkerung und ihren tradierten Stoizismus, dass sie darüber bisher nicht ihren Gleichmut verloren hat. Auch haben die Sicherheitskräfte dazugelernt; der Grad der Gefährdung wird durch die gestiegene Qualität der Früherkennung in Schach gehalten.

Wenn vom "global player" die Rede ist, denkt man als Erstes an die Londoner City, die goldene Quadratmeile, das Finanzzentrum der Stadt, wo der Kreislauf des Kapitals rund um die Uhr in Schwung gehalten wird. Das ist gut für den Finanzsäckel des Schatzamtes und die britische Wirtschaft insgesamt, hat aber auch seine Nachteile für die "eingeborenen" Londoner, die etwa auf dem Immobilienmarkt der Hauptstadt nichts mehr zu bestellen haben - dank ins Utopische gestiegener Preise. Unter diesem Boom leiden vor allem die dienenden Berufe, die auch mit dem Hauptstadtzuschlag die Lebenshaltungskosten kaum mehr bewältigen können. Schleichende Abwanderung ist die Folge - was den Bedarf an Arbeitskräften von außen neu ansteigen lässt. Eine Aufgabe, die dringend einer Lösung bedarf.

Derweil hält die weltweite Attraktivität der "Marke" Großbritannien an. Einer der größten britischen "global players" ist die BBC, auf deren Website die Nachrichten in 33 Sprachen angeschaut und ausgedruckt werden können - auf dem indischen Subkontinent allein in sechs Nationalidiomen. Kein anderes EU-Land bedient ein derart weltweites Publikum in dessen Muttersprachen. Und wer wüsste nicht, welchen globalen Bedarf nach Abenteuer und "Fantasy" die britische literarische Muse stillt. Zehn Jahre lang hat uns Joanne K. Rowling mit Harry Potter in Atem gehalten. Großbritannien, eine kleine Insel, dem Saum des europäischen Kontinents vorgelagert - und doch ein Magnet für die unterschiedlichsten Interessen des globalen Dorfes. Dieses moderne Großbritannien den Deutschen näherzubringen, ist eine der Aufgaben, die sich Sir Michael Arthur, seit dem 1. Oktober der neue britische Botschafter in Deutschland, gestellt hat.