Nach jeder Niederlage Sekt

Die Fußballexperten des Fernsehens sind die wahren Feuilletonisten unserer Zeit. Sie haben uns den "Stockfehler", das "Kopfballungeheuer", die "hängende Spitze", die "Bananenflanke", den "Staubsauger" und den "Manndecker" geschenkt (gibt es eigentlich beim Damenfußball eine "Fraudeckerin"?).

Besondere Aufmerksamkeit widmet die Zunft des verbalen Flachpasses den Torhütern. Ihnen sagt man nach, daß sie alle irgendwie durchgeknallt sein müssen - ein Klischee, das durch Deutschlands Nummer eins von Zeit zu Zeit bestätigt wird.

Aber hier geht es ja nicht um Oliver Kahn. Hier geht es um Klaus Basikow. Er ist eine Berliner Fußball-Legende. 67 Jahre alt, agiler Rentner mit einer bedrohlich kaputten Wirbelsäule. "Ich darf keinen Sport machen", erzählt er, "sonst könnte ich schnell im Rollstuhl landen. Ich darf auch nichts stemmen und nichts heben, sieht man mal von einem Bierchen ab."

Klaus Basikow steht eigentlich auch in der Tradition verrückter Torhüter. Vor knapp zehn Wochen hat der 1. Vorsitzende des Fünft-Ligisten "BFC Alemannia 90 - Wacker" ehrenamtlich den Trainerjob übernommen. Als er antrat, stand die Mannschaft auf einem Abstiegsplatz, aber davon ist nun beim Reinickendorfer Klub keine Rede mehr. Mit Basikow, dessen Spieler noch gar nicht lebten, als er seine große Zeit hatte, gelang dem Verein fast ein Berliner-Fußball-Wunder: Vor zehn Tagen führte er den Verbandsligisten ins Oddset-Pokal-Finale gegen den Oberligisten Tennis Borussia. Nach 90 Minuten stand es 1:1. Ein sensationeller Erfolg für den krassen Außenseiter. Aber dann kam das Elfmeterschießen - und die wackeren Alemannen hatten das Nachsehen, obwohl ihr Torwart den ersten Elfer des Gegners hielt. "Hat halt nicht gereicht", sagt der Trainer, "zwei unserer Schützen zeigten Nerven. Kommt ja auch bei Profis vor." Endergebnis: 4:3 für Tennis Borussia. Das "Drama vom Jahn-Sportpark"!

Mit Niederlagen leben - das ist und das war nie ein Problem für Basikow. Pleiten, Pech und Pannen sind ihm vertraut.

Seine traurigste Phase hatte der Torwart vor 40 Jahren in der Bundesliga-Saison 1965/66. Sein Team, Tasmania 1900 aus Neukölln (1973 aufgelöst und als "Tasmania 1973" neu gegründet), sollte zum "schlechtesten Bundesliga-Absteiger aller Zeiten" werden. "Ein Titel, den uns bis heute keiner genommen hat und wohl auch nie nehmen wird", sagt Basikow mit einem Lächeln und fügt hinzu: "Wir waren fröhliche Absteiger, konnten uns ja lange genug darauf vorbereiten. Und auch nach schlimmen Niederlagen haben wir in der Kabine ein Gläschen Sekt getrunken." Neuköllner Lebensart.

Nach 34 Spieltagen hatten die Tasmanen, die bei den Qualifikationsspielen für die 1. Liga Bayern München den Aufstieg vermasselten, gerade mal 8 Punkte auf dem Konto (damals gab es für einen Sieg nur 2 Punkte). Bittere Bilanz nach 34 Spieltagen: zwei Siege, vier Unentschieden, 28 Niederlagen. Torverhältnis: 15:105. Deutscher Meister damals: TSV 1860 München.

Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen: Im ersten Saisonspiel gegen den Karlsruher SC kamen 80 000 Zuschauer ins Olympiastadion. Tasmania gewann 2:0 durch zwei Tore von Ingo Usbeck. Ein fulminanter Start, aber dann . . .

Blick zurück: Im Mai 1965 hatte das Sportgericht des DFB Hertha BSC aus der Bundesliga ausgeschlossen. Hertha hatte beim Aufnahmeverfahren für die neue Liga Schulden in Höhe von 192 000 DM verschwiegen. Nachgewiesen wurden auch unerlaubte Zahlungen für Spielerablösungen. Opfer der Finanzmanipulation war Tasmania 1900, die Mannschaft, die im Gründungsjahr der Bundesliga 1962 Berliner Mitkonkurrent um den gesetzten Bundesliga-Platz war.

"Das war damals Betrug an Tasmania", meint Klaus Basikow noch heute, der DFB hatte eine Punktwertung für alle Mannschaften beschlossen, die die Erfolge der letzten Jahre berücksichtigen sollte. Demnach hätte eindeutig Tasmania statt Hertha gesetzt werden müssen. Aber Hertha erweckte eben den Eindruck, finanziell viel besser dazustehen."

Eine eklatante Fehleinschätzung durch den DFB, der den Blau-Weißen auf den Leim gegangen war und nun plötzlich Tasmania 1900 als Nachrücker für die neue Saison bestimmte.

"Es war verrückt", erinnert sich Basikow, "wir waren ja alle schon im Urlaub, als wir von der Entscheidung erfuhren. Ich war gerade mal ein paar Tage mit meiner Familie auf einem Campingplatz am Gardasee, da kam ein Berliner zu mir und sagte: ,Hab' gerade im Radio 'n deutschen Sender rinjekricht. Hertha is rausjeflogen aus der ersten Bundesliga, Tasmania rückt nach. Alle Spieler sollen sofort zurückkommen.'"

Ja, dann ging es gleich nach Hause. Basikow: "War eine blöde Situation. Die Saison startete nur wenige Wochen später. Wir wurden ins kalte Wasser geschmissen. Für die erste Liga waren wir ja nicht vorbereitet. Gute Spieler hatten uns verlassen. Der Markt war leergefegt. Horst Szymaniak, der Nationalspieler, wurde fürs Mittelfeld eingekauft. Aber da waren wir eigentlich gut besetzt. Wir hätten eher einen Stürmer gebraucht. So kam es, wie es kommen mußte."

Eigentlich wurde Tasmania zum zweiten Mal ein Hertha-Opfer. "Wenn ich behaupten würde, daß ich ein Hertha-Fan bin", so Klaus Basikow heute, "müßte ich lügen. Aber das hat natürlich nichts mit den heutigen Herthanern zu tun. Ich freue mich, daß sie oben mitspielen, und die können ja auch nichts dafür, was damals war."

Als Grundgehalt bezog Basikow in der ersten und einzigen Bundesliga-Saison 1200 Mark im Monat. "Fand ich sehr großzügig", so der Ex-Keeper, "zumal ja noch gute Siegprämien in Aussicht gestellt wurden. Aber damit war es ja bei uns nicht so dolle, wie wir bald merkten . . ."

Diese Erfahrung mußten auch die anderen Tas-Größen Usbeck, Peschke, Bäsler, Neumann (beide inzwischen verstorben), Talaszus, Rosenfeldt, Wähling, Zeh, Koniezka, Engler oder Fiebach machen.

Für Klaus Basikow, der am Kottbusser Tor geboren wurde und jahrelang in den Schüler- und Jugendmannschaften des BFC Südring spielte und eine Saison im Tor der 1. Herrenmannschaft stand, bedeutete der Bundesliga-Ausflug mit Tasmania auch das Ende seiner Spielerkarriere. Bereits am zweiten Spieltag gegen Gladbach merkte der gelernte Dreher zehn Minuten vorm Warmmachen, daß er sich nicht mehr bewegen konnte. Der Rücken. "Jumbo" Roloff, der zweite Torwart, mußte einspringen. Der war noch gar nicht umgezogen. Das Spiel wurde 20 Minuten später angepfiffen. War die Begegnung erst einmal angepfiffen, durften damals Spieler nicht ausgewechselt werden, auch nicht die verletzten. Beinbruch? Pech gehabt!

Ganz schlimm war es für Basikow beim letzten Bundesliga-Spiel gegen den Meidericher SV (heute MSV Duisburg, gerade wieder aufgestiegen). Das Spiel endete äußerst knapp mit 9:0 für den MSV. Basikow: "Wir konnten nur mit einer Versehrtentruppe antreten. Ich hatte so schlimme Rückenschmerzen, daß ich eigentlich nicht hätte spielen dürfen. Ich bekam reichlich Spritzen. Dadurch hatte ich keine Schmerzen mehr, aber auch kein Reaktionsvermögen. Ich konnte kaum was sehen. Den Ball sah ich erst, wenn ich ihn aus dem Tor holte . . ."

Ende der aktiven Fußballerkarriere, in der immerhin auch zwei Einsätze in der Fußball-Nationalmannschaft der Amateure zu Buche schlagen. 1976 machte Basikow an der Sporthochschule Köln sein Diplom als Fußball-Lehrer, trainierte Wacker 04, Meppen, Tennis Borussia und den Traber FC. Könnte theoretisch jede Bundesliga-Mannschaft trainieren. Oder Klinsmann ablösen.

"Ich finde es gut, daß der neue Wege geht", sagt Basikow, "was mir zu denken gibt, ist der aufgeblähte Personalapparat. Das ist für mich eine reine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Ex-Profis. Jeder Verantwortliche hat drei Stellvertreter, jeder Manager braucht fünf Berater, dann gibt es für die Spieler noch Physiotherapeuten, Konditions- und Mentaltrainer, vom Torwarttrainer ganz zu schweigen . . ."

So einen hätte Klaus Basikow, die "Katze von Neukölln", nicht gebraucht. Er war übrigens von Hause aus Mittelstürmer. Als Spieler des BFC Südring nahm er in den 50er Jahren teil an einem Sichtungslehrgang für die Jugendnationalmannschaft in Wannsee (unter Leitung von Sepp Herberger, Fritz Walter und Dettmar Cramer). Alle Torhüter waren verletzt und konnten nicht spielen. Da ließ sich Klaus breitschlagen und ging ins Tor. Ein "Verrückter" (siehe oben) auf dem Weg zur Fußball-Legende. * Anmerkung: Heute in einer Woche spielt Basikows Alemannia 90 - Wacker um 14 Uhr am Wackerweg in Reinickendorf gegen Lichterfelde. Die Legende ist anwesend.