Gastronomie

Essen auf Rädern

| Lesedauer: 10 Minuten
Heike Vowinkel

Die Amerikanerin Layne Mosler hat zwei Leidenschaften: Gut zu essen und neue Menschen kennenzulernen. Beides hat sie miteinander verbunden. Sie testet Restaurants, die ihr von Taxifahrern empfohlen werden. Nun fährt sie durch Berlin

Das Ziel nennen, sich auf der Rückbank zurücklehnen und aus dem Fenster schauen. Draußen zieht die Stadt an einem vorbei, während aus dem Radio irgendein Lied dudelt. Einfach nur im Taxi fahren, so wie die meisten Menschen im Taxi fahren, das macht Layne Mosler schon lange nicht mehr. Lässt sie sich fahren - und das tut sie fast jeden Tag, seit sie in Berlin ist - ist der Ablauf zwar auch immer gleich, aber doch immer anders.

Layne Mosler öffnet die Beifahrertür und fragt: "Sprechen Sie Englisch?" Verneint der Fahrer, hält sie ihm einen Block hin, auf dem steht: "Könnten Sie mich bitte in Ihr Lieblingsrestaurant fahren?" Ein deutscher Freund hat den Satz für Layne Mosler aufgeschrieben, denn noch spricht sie kein Deutsch, will es aber unbedingt lernen.

Layne Mosler aus Südkalifornien, 36 Jahre alt, von zierlicher Gestalt, mit langen braunen Haaren und großen braunen Augen, führt im Internet einen Stadtführer der besonderen Art: Sie testet die Lieblingsrestaurants ihrer Taxifahrer. Taxi-Gourmet heißt ihr Blog, in dem sie Orte vorstellt, an denen es sich günstig und häufig überraschend gut essen lässt. In einem Reiseführer findet man diese Restaurants eher nicht. Sie sind nicht angesagt, nicht schick oder legendär. Und doch verraten sie oft sehr viel über die Stadt und ihre Menschen.

Heute hat Layne Mosler im vierten Anlauf Glück. Die ersten drei Fahrer, die sie am Taxistand an der Helsingforser Straße in Friedrichshain fragt, sprechen kein Englisch und sind entweder Restaurantmuffel ("Ick ess nur, wat meine Frau kocht") oder unwillig ("für so wat hab' ick keene Zeit").

Im vierten Taxi sitzt Fazil Köker, 39 Jahre alt, gemütlicher Bauchansatz, Deutsch-Türke und Vater von vier Töchtern. Englisch hat er in der Schule gelernt und gutes Essen wurde in seiner Familie schon immer geschätzt. Gefragt nach seinem Lieblingsrestaurant, muss er nicht lange überlegen. "Das ist in Neukölln, Öz Samsun in der Erkstraße." Fast jeden Abend esse er dort nach seiner Schicht, meist mit vielen Kollegen und immer eine Suppe. Aber Öz Samsun habe auch das beste Adnan Kebap der Stadt.

"Kebap!", ruft Layne Mosler begeistert und setzt sich auf den Beifahrersitz, "Kebap fehlt mir noch." Döner hat sie natürlich schon getestet, Lahmacun auch, aber gutes Kebap eben noch nicht.

Taxifahrer in Berlin sind Deutsch-Türken. Das denken jedenfalls die meisten Menschen außerhalb der Stadt. Man könnte daher meinen, dass Layne Mosler in den vergangenen zehn Wochen, die sie nun schon in Berlin Taxi fährt und Restaurants testet, vor allem türkisch gegessen hat. Zumal sie türkisches Essen liebt: "Besseres als in Berlin habe ich bislang nirgends bekommen."

Aber unter den etwa 15 000 Taxifahrern dieser Stadt sind tatsächlich knapp 5000 türkischer Abstammung. Layne Mosler hat daher bislang einen bunten Mix an kulinarischen Geheimtipps verschiedenster Nationalitäten entdeckt. Ein Steakhaus in Weißensee ist darunter, internationale Küche wie die im Restaurant Soley's in Wilmersdorf, dessen Besitzer Perser ist, die Bedienung Venezolanerin und das Essen eine Mischung aus spanisch-mexikanischer und orientalischer Küche. Vietnamesische Küche, wie sie im "Sen Viet" in Kreuzberg serviert wird. Die beste Currywurst der Stadt ("Curry 36") und das "Käse König" am Alexanderplatz, das Gerichte wie "Tote Oma" anbietet (ein Mix aus Blut- und Leberwurst, dazu Sauerkraut und Kartoffelpüree). Bislang sei noch kein kulinarischer Flop dabei gewesen, sagt Layne Mosler. Was sie selbst ein wenig wundert.

Die Idee für die ungewöhnliche Kombination aus Restauranttipps und Taxifahren kam Layne Mosler vor drei Jahren und in gewisser Weise verband sie damit ihre beiden großen Leidenschaften: Essen und Menschen. Eine Feinschmeckerin ist sie seit ihrer Kindheit. "In meiner Familie wurde das Leben immer schon um die Mahlzeiten herum organisiert." Einer ihrer Großväter war Metzger, der Vater liebte es zu backen und sie selbst lernte bereits mit elf Jahren kochen. Weil sie neben Essen nichts spannender als Menschen und ihre Kulturen findet, studierte sie Anthropologie. 2006 ging sie als freie Reisejournalistin und Restaurantkritikerin nach Buenos Aires.

Eines Abends kam sie hungrig aus einem Tangoclub und bat den Taxifahrer, sie in sein Lieblingslokal zu fahren. Nachdem sie dort eines der besten Steaks ihres Lebens gegessen hatte, kam ihr die Idee zu"Taxi-Gourmet". Von da an erschloss sie sich die 13-Millionenstadt Buenos Aires mit Hilfe der Taxifahrer und ihrer Lieblingslokale. Ein Jahr später ging sie nach New York, lernte auch dort die ungewöhnlichsten Restaurants kennen, darunter ein ghanaisches in der Bronx und ein russisches in Brighton Beach.

Doch Layne Mosler geht es nicht nur ums Essen - sie interessiert die Geschichte der Taxifahrer. Erst beides zusammen sei für sie der Schlüssel zu einer Stadt. "Niemand kennt eine Stadt besser als ein Taxifahrer. Und niemand hat mehr und bessere Geschichten über die Menschen dieser Stadt zu erzählen."

Irgendwann reichte es ihr nicht mehr, nur auf dem Beifahrersitz zu sitzen - und schließlich musste sie ihre Gourmetfahrten auch finanzieren. Daher legte sie die Taxifahrer-Prüfung ab und begann, selbst zu fahren. Ein netter Nebeneffekt: Kollegin zu sein, schafft Vertrauen, sozusagen von Taxifahrer zu Taxifahrer.

Wie das denn mit den Prüfungen dort in New York sei, will jetzt auch Fazil Köker wissen. "Einfacher. Wir mussten nur schriftliche Fragen beantworten und nicht wie hier mündlich einen Weg erklären mit allen Straßen, die auf der Strecke liegen", sagt Layne Mosler. Davor habe sie großen Respekt.

Fazil Köker fährt seit 15 Jahren Taxi in Berlin. Nach der Schule hatte er eigentlich eine Schweißerlehre gemacht. Doch sein Metallbetrieb machte dicht. Die Branche habe keine Zukunft in der Stadt, dachte sich Fazil Köker und begann, in einer Bäckerei zu arbeiten. Freunde rieten ihm, als Taxifahrer anzufangen. Es gefiel ihm. "Man lernt so viele unterschiedliche Menschen kennen."

Layne Mosler versteht das. Auch sie liebt am Taxifahren die überraschenden Gespräche. "Manche Menschen vertrauen einem Taxifahrer Dinge an, die würden sie keinem anderen erzählen." Damals, als sie also in New York selbst Taxi fuhr, kam ihr die Idee, aus ihrem Blog ein Buch zu machen. Drei Städte, ihre Küchen und ihre Taxifahrer wird sie darin vorstellen: Buenos Aires, New York und Berlin.

Auf Berlin kam sie, weil sie die Stadt interessierte, die Wandlungen, die vielen Gesichter - und die Küchen, über die sie so wenig wusste. Die Stadt hat sie nicht enttäuscht ebenso wenig wie ihre Taxifahrer. Lebenskünstler seien sie hier, viel mehr als in New York und Buenos Aires. "Die Freiheit, ohne Chef und festen Tagesablauf zu arbeiten, das schätzen fast alle Taxifahrer weltweit. Aber in Berlin gibt es unglaublich viele, die fahren, um nebenher anderes zu machen, die talentiert und kreativ sind", sagt Layne Mosler.

TaxiBerlin zum Beispiel. So nennt sich einer von ihnen, der nicht nur Taxi fährt, einen Blog schreibt ("Autofiktion. Unwahre Geschichten aus dem wahren Leben eines Taxifahrers "), fotografiert und seine selbst geschossenen Bilder am Mauerpark verkauft. Er schreibt zudem an einem Buch über die Abenteuer eines Taxifahrers, der von Berlin nach Istanbul fährt und liest alles, was er an Literatur großer europäischer Autoren bekommen kann. Oder Yüko, ein Maler aus der Türkei. Seit einigen Jahren ist er Teilzeit-Taxifahrer. Denn von seiner Kunst kann er nicht leben. Wenn er gerade keinen Fahrgast hat, zeichnet er. Im Winter flieht er nach Brasilien, früher nach Asien, wo er auch kochen lernte.

Anders als in New York und Buenos Aires fahren die Berliner Taxifahrer sie zudem nicht nur zu ihren Lieblingslokalen, sondern gehen häufig dort sogar mit ihr gemeinsam essen.

Fazil Köker ist nun in der Erkstraße in Neukölln angekommen. Auch er lässt es sich nicht nehmen, zusammen mit Layne Mosler seine Lieblingsgerichte im Öz Samsun zu essen: Linsensuppe und Adnan Kebap. Als die Gerichte serviert werden, schießt Layne Mosler erst einmal für ihren Blog ein Foto und lässt sich von Fazil Köker alle Zutaten genau erklären. Beim ersten Bissen verdreht sie die Augen: "Mmmh, der ist wirklich, wirklich gut." Sie strahlt. Gutes Essen macht sie glücklich.

Anfang Oktober geht Layne Mosler zurück nach New York. Ein paar Monate lang wird sie dann selbst wieder Taxi fahren und Geld verdienen, um im Frühjahr für ein paar weitere Monate nach Berlin zurückzukehren. "Um eine Stadt wirklich kennenzulernen, muss man lange genug da sein und auch die Sprache lernen", sagt sie. Beides hat sie sich für ihren zweiten Besuch vorgenommen.

Und danach? Danach will sie weiterreisen, in Taxis Städte erkunden und die Lieblings-Restaurants ihrer Fahrer testen: Istanbul, Beirut und Aleppo in Syrien sind die nächsten Gourmet-Ziele. Dort soll man gut essen und spannende (Taxifahrer)-Geschichten erfahren können, hat sie gehört.

Alle Restaurant-Tipps und noch viel mehr finden sich unter: www.taxi-gourmet.com