Berliner Merkwürdigkeit

Schatz, bist du echt?

Nach langer Renovierung öffnet nun bald das Neue Museum seine Pforten. Dazu legt es Besuchern ganz besondere Exponate ans Herz: acht silberne Gefäße. Sie sind Teil des Schatzes, der einst Tausende Stücke umfasste, damals vor rund 130 Jahren, als Heinrich Schliemann ihn aus Kleinasien über Athen und London nach Berlin holte.

Schliemann nannte ihn "Schatz des Priamos". 4500 Jahre alt soll er sein und in Troja ans Licht gekommen - neben der Nofretete und dem Grab des Tut-ench-Amun der größte Fund aus dem vorklassischen Altertum.

Die Stücke werden glänzen. Für manchen freilich zu stark, verdächtig stark. Sind sie überhaupt echt? Oder hat der betuchte Schliemann sie beim türkischen Juwelier um die Ecke fertigen lassen, um als Ausgräber selbst zu glänzen? Und Troja? Wer sagt uns überhaupt, dass Homer, der als einziger von dieser Stadt berichtete, die Wahrheit schrieb? Gab es Homer und Troja überhaupt? Fragen über Fragen.

Schliemann soll es gegeben haben. Alles andere wird von Erdogan Ercivan, einem Berliner Autor, der gern Streitfragen aus der Antike behandelt, in seinem neuen Buch "Missing Link der Archäologie. Verheimlichte Funde, gefälschte Museumsexponate und als Betrüger entlarvte Archäologen" in Zweifel gezogen. Dabei steht er nicht allein, er hat die Indizien nur gesammelt. Übrigens bezweifelt er die Echtheit auch der anderen Ikone der Berliner Antikenwelt: der Nofretete im Ägyptischen Museum. Auch hier stimmt er überein mit mindestens einem renommierten Altertumsexperten: Henri Stierlin, der sogar meinte, der frühere Chef des Ägyptischen Museums, Dietrich Wildung, habe die Fälschung (vor seinem Amtsantritt) im Gespräch einmal nicht ausgeschlossen.

Den Schatz des Priamos umgeben seit vielen Jahren Zweifel. Das Muster ist wie bei der Nofretete: In beiden Fällen mussten die Ausgräber befürchten, von den Regierungen vor Ort daran gehindert zu werden, ihn mitzunehmen. Deshalb sollten möglichst wenige Menschen im Moment der Entdeckung zugegen sein, und so blieben die Umstände oft nebulös. Oder haben die Ausgräber ihre Angst vor den Behörden nur vorgetäuscht, um ohne Zeugen einen größeren Frevel vertuschen zu können - einen fingierten Fund?

Wenn Schliemann zu Protokoll gab, er habe, nachdem er auf ein erstes Stück gestoßen sei, alle Arbeiter an der Grabungsstelle in Troja am Morgen des 14. Juni in eine außerplanmäßige Pause geschickt, "um den Schatz der Habsucht meiner Arbeiter zu entziehen und ihn für die Wissenschaft zu retten", so weckte dies bei kritischen Geistern starke Zweifel. Zumal jenes berühmte Foto, das Schliemanns Frau mit dem Diadem aus dem Priamos-Schatz zeigt, laut Stempel viele Wochen vor jenem 14. Juni aufgenommen wurde. Apropos Ehefrau: Schliemann schreibt, sie allein habe ihm an jenem Tag geholfen. Doch war sie, dafür meldet Ercivan Beweise an, zu jener Zeit gar nicht in Troja, sondern in Griechenland, weil ihr Vater dort gestorben sei. Schliemann, dies ist unumstritten, war übrigens Monate nach seinem - angeblichen - Fund, als er ihn bereits außer Landes geschafft hatte, in Paris auf der Suche nach einem verschwiegenen Juwelier, der ihm Teile des Schatzes perfekt und auf alt kopieren möge, weil die Türkei die Hälfte zurück forderte, er sich aber von nichts trennen wollte.

Schliemann musste sich bereits zu Lebzeiten als Trickser und Täuscher kritisieren lassen. Die Satirezeitschrift "Kladderadatsch" nahm ihn diesbezüglich mehrmals aufs Korn. Unter anderem soll er einen Zeitungsartikel über seinen Empfang im Weißen Haus und andere spektakuläre Berichte von einer USA-Reise erfunden haben. Die Zeitschrift des angesehenen "Archaeological Institute of America" (gegründet 1879) listete dies erst vor wenigen Jahren in einem längeren Beitrag auf, und deutete an, nicht nur der Schatz des Priamos sei gefälscht, sondern auch Schliemanns anderer großer Fund: die Goldmaske des Agamemnon in Mykene. Frank Calvert, Besitzer des halben Hügels, unter dem Schliemann Troja gefunden haben will, behauptete schon 1873, der Deutsche habe zwar ein paar Schmuckteile gefunden, aber die Becher, Krüge und Schalen aus Gold bei einem Athener Goldschmied in Auftrag gegeben, um sie selbst im trojanischen Erdreich einzubuddeln.

Der große Rest des Schatzes ist heute im Puschkin-Museum in Moskau zu bewundern - als Beutekunst aus dem Weltkrieg. Und viele weitere Teile im Neuen Museum ebenfalls - nur als Nachbildungen. Aber das ist in dem Fall ja fast schon egal.