Die letzte Frage: Paul van Dyk, DJ

Fehlt uns die Love Parade, Herr van Dyk?

Berliner Illustrirte Zeitung: Herr van Dyk, was ist an Ihnen typisch Berlin?

Paul van Dyk: Dazu müsste ich erst einmal mein Berlinbild definieren.

Berliner Illustrirte Zeitung: Bitte.

Paul van Dyk: Berlin ermöglicht jedem den Freiraum, sich und seine Individualität auszuleben, solange man respektvoll mit den Mitmenschen umgeht. Berlin macht es einfach niemandem unmöglich, hier zu leben. Wer hier mal aus dem Ruder läuft, fällt nicht gleich aus dem Raster. Die Berliner sind eine im besten Sinne verschworene Gemeinschaft, die aber nicht so abgeschottet ist, dass nicht auch Zugereiste in den Kreis vordringen könnten. Auf der anderen Seite ist das große Problem der Stadt, dass man hier mit dem Mittelmaß zufrieden ist.

Berliner Illustrirte Zeitung: Gilt das für alle Bereiche?

Paul van Dyk: Nein, in der Fotografie zum Beispiel oder im Industriedesign sind wir ganz weit vorn. Aber sonst geht es nach der Maxime: Et läuft doch, is' allet jut. Es gibt keinen Anspruch, neue Inspirationen zu suchen, sich mit anderen Städten auszutauschen. In der Musikbranche ist das ganz schlimm. Wenn ich Berlin nicht so sehr lieben würde, wäre mir das gleichgültig. Aber so nervt mich das massiv.

Berliner Illustrirte Zeitung: Berlin kann also mehr?

Paul van Dyk: Ja! Nehmen Sie den Flughafen Tempelhof. Wie bitte kann es sein, dass es immer noch kein vernünftiges Nutzungskonzept für dieses Areal gibt? Es wird leider immer und überall nur halbherzig rumgewurschtelt. Man mag von Leuten wie Rudolph Giuliani (Ex-Bürgermeister von New York, Anm. d. Red.) ja halten, was man will, aber der hatte wenigstens eine Vision für seine Stadt. Berlin ist ein Schiff auf dem Ozean, das den großen Wellen ausweicht und nicht weiß, wo es hinfahren will. Berlin könnte mit allem viel weiter sein, wir könnten kosmopolitischer sein.

Berliner Illustrirte Zeitung: Sie sind im Osten aufgewachsen, wohnen und arbeiten jetzt im Westen. Gibt es sie noch, diese viel beschworenen zwei Berlins?

Paul van Dyk: Ja, aber das hat weniger mit Ost und West zu tun als vielmehr mit der Frage: Wo ist was gewachsen und wo nicht? Charlottenburg, Wilmersdorf, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain, das sind traditionell gewachsene Bezirke. Mitte aber zum Beispiel ist irgendwie substanzlos, ein total künstlicher Raum, der eigentlich nichts hat. Und der Berliner ist eben ein verwurzelter Typ. Deswegen nehmen die, die hier leben und nicht einfach nur auf der hippen Durchreise sind, eine gewisse Distanz zu Mitte.

Berliner Illustrirte Zeitung: Warum bevorzugen Sie den Westen?

Paul van Dyk: Von hier aus geht es wesentlich schneller zum Flughafen, wesentlich schneller nach Hause. Außerdem ist es hier nicht wie in den typischen Mitte-Großraumbüros, in denen alle zwei Stunden jemand zum Plaudern vorbeikommt. Wir arbeiten hier, und zwar hart.

Berliner Illustrirte Zeitung: Sie verbringen netto einen ganzen Monat pro Jahr in Flugzeugen. Was nehmen Sie mit aus Berlin, wenn Sie auf Reisen gehen?

Paul van Dyk: Heimweh. Ich bin ein totaler Homie. Das hat keinen geografischen Ansatz, sondern eher damit zu tun, wo meine Familie, wo meine Freunde sind, denn da ist mein Zuhause. Das vermisse ich sofort, wenn ich das Haus verlasse. Aber ganz loszulösen von Berlin ist das auch nicht: Wenn ich über Tegel einsegele, dann ist das immer so ein "Hach"-Gefühl. Und das Umland mit den ganzen Seen, die Cafészene, die breiten Straßen und Bürgersteige, das ist etwas Besonders.

Berliner Illustrirte Zeitung: Klingt fast so, als hätten Sie sich den falschen Beruf ausgesucht.

Paul van Dyk: Vielleicht ist mein Job genau der Grund, warum ich sowohl die Besonderheiten besser sehen kann als auch die Sachen, die mich immens stören. Vielleicht würde ich sonst auch ständig sagen: "Boah, wir sind ja so cool" und mir selbst auf die Schulter klopfen.

Berliner Illustrirte Zeitung: In Berlin liegen die Wurzeln der Elektroszene. Dafür kann man sich doch auf die Schulter klopfen.

Paul van Dyk: Als die elektronische Musik eine kleine Subkultur war, hatte sie überall auf der Welt ihre Zellen: im Rheinland und in Frankfurt, in London, Sheffield, Liverpool, Miami, New York und Chicago. In Berlin hat Dimitri Hegemann mit seinem Fischlabor, dem UFO und später dem Tresor die Keimzelle des Technos gebildet. Doch das Besondere, das war der Mauerfall. Durch diesen plötzlichen, immensen Freiraum hat es hier geknallt, das hat unglaublich viel Kreativität in die Stadt gebracht. Aber dann hat die Entwicklung plötzlich stagniert - was das Level des Clubbings angeht, ist Berlin Ende der 90er-Jahre stehen geblieben. Die Szene ist leider nur mittelmäßig.

Berliner Illustrirte Zeitung: Was halten Sie vom angeblich besten Club der Welt, dem Berghain in Friedrichshain?

Paul van Dyk: Das ist im tatsächlichen Sinne ein Hype. Ich schwöre Ihnen, dass die meisten Leute, die bei diesen Umfragen abgestimmt haben, noch niemals im Berghain waren. Das Berghain ist global gesehen guter Durchschnitt.

Berliner Illustrirte Zeitung: Tobias Rapp schreibt in "Lost and Sound", Berlin sei nach wie vor das Zentrum der Bewegung.

Paul van Dyk: Wenn man seine Nase nur in die Berliner Clubs steckt, nimmt man das vielleicht so wahr. Aber wer so etwas behauptet, der hat in keinster Weise verstanden, wie global diese Szene ist. Klar, Berlin hat eine sehr wichtige Rolle gespielt, genauso wie London und New York. Doch in der Sekunde, in der das Internet da war, in der es Blogs und Foren gab, war es total wurscht. Du kannst in Kalkutta wohnen, in London oder Wanne-Eickel, wenn du einen Track machst, den DJs cool finden - dann spielen sie ihn und du hast plötzlich einen Club-Hit. Bang!

Berliner Illustrirte Zeitung: In welche Berliner Clubs gehen Sie noch gern?

Paul van Dyk: Ich finde, dass das Weekend eine sehr coole, besondere Location ist. Und sonst? Hmm. Anfang der 2000er-Jahre war Berlin für viele New Yorker das Ding, aber die sind alle wieder weg. Ein, zwei Monate zum Feiern in ein staubiges Loch zu gehen ist schön und gut, aber dann hast du absolut alles erlebt, was hier abgeht. Und wenn du drei Jahre später wiederkommst, dann ist es immer noch genauso. Das funktioniert in Paris, London oder New York zigmal besser. In Berlin sehe ich die selben drei Namen jeden Abend, und die gab es auch schon vor zehn Jahren.

Berliner Illustrirte Zeitung: Die Clubs sind immer brechend voll, das System scheint aufzugehen.

Paul van Dyk: Wenn es nur darum geht, zu sagen: "Unsere Clubs sind doch voll!" Ja gut, das schon. Aber ich bezweifle, dass Berlin international noch groß kreativ beeinflusst.

Berliner Illustrirte Zeitung: Vermissen Sie die frühen 90er, als alles neu war und Sie im Tresor und im E-Werk auflegten?

Paul van Dyk: Nein, ich bin auch keiner, der zurückguckt. Es gab immer zwei Herangehensweisen an diese Musik: Die einen haben einfach das Zeug geliebt, den Spirit - und die anderen waren nur dabei, weil es gerade total cool und angesagt war. Zweitere haben sich dann mokiert darüber, dass die Bewegung groß wurde. Aber die haben diese Musik nicht verstanden, denn Elektro bringt nun mal Menschen zusammen.

Berliner Illustrirte Zeitung: Wäre dieser Hype, wäre der spätere Mainstream ohne die Drogen jemals entstanden?

Paul van Dyk: Absolut, ja. Was in Berlin zur Explosion geführt hat, waren ja nicht die gemeinsamen Drogenerlebnisse, sondern die Tatsache, dass wir aus dem Osten vor der Wende nie in die Clubs gehen konnten, in denen unsere Lieblingsmusik gespielt wurde. Ich habe nur 500 Meter entfernt vom UFO gewohnt, wusste immer, was passiert und wer auflegt - konnte aber nie hin. Bei mir und vielen anderen hat sich so eine Energie angestaut, die sich in die Club-Szene entladen hat. Das war die Power, die es heranwachsen ließ. Es wäre ja absurd zu vermuten, dass 1,5 Millionen Menschen auf der Love Parade druff waren.

Berliner Illustrirte Zeitung: Fehlt die Love Parade der Stadt?

Paul van Dyk: Nach 1994 wurde die Love Parade durch das mediale Interesse immer größer und letztlich zum Politikum. Auf der ganzen Welt haben sie davon gesprochen. Wie viel Geld müsste das Außenministerium in die Hand nehmen, wie viele Menschen müsste es in die Welt schicken, um so ein tolles Bild von Deutschland zu produzieren? Und das ist, was Berlin fehlt: Dieses positive Bild in der Außendarstellung. Ein kulturell derart wichtiges Happening mit internationaler Strahlkraft würde der Stadt enorm gut stehen. Aber das muss nicht die Love Parade sein.

Berliner Illustrirte Zeitung: Und was ist an Ihnen nun typisch Berlin?

Paul van Dyk: Eines habe ich gelernt durch meine Arbeit: unbedingte Vorurteilsfreiheit gegenüber allem und jedem. Deswegen kann ich nie sagen: so ist ein Berliner, so ist ein Berliner nicht. Ich lasse alles jedes Mal wieder neu auf mich wirken. Was es zum einen interessanter macht, zum anderen aber auch ausschließt zu überlegen, was an mir denn nun typisch Berlin sei. Meine Familie und meine Freunde haben mich geprägt. Die kommen aus der ganzen Welt - und ein Stück von ihnen nehme ich überall mit hin. Daraus bildet sich meine Art und Weise zu sein.