Fleisch oder Gemüse?

Vegetarier werden ist nicht schwer, es durchzuziehen dagegen sehr

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Anne Klesse

Das Essen kommt. Thailändisch, Gemüse und Tofu in Kokossoße. Wie immer hatte ich mich vorher versichert: Ist das wirklich vegetarisch? Ja, ja, vegetarisch, natürlich, stehe ja schließlich in der Karte. Der Kellner war genervt abgedampft. Nun aber riecht es: fischig. Sehr fischig. Ich probiere.

Fischsoße. Mein Gegenüber kringelt sich vor Lachen. Der Kellner trabt an. Austernsoße? Ja, stimmt, ein bisschen was ist drin. Aber das ist doch kein Fisch, also nicht so richtig...

Es könnte alles so einfach sein. Wenn genau gekennzeichnet wäre, was wo drin ist. Die meisten Menschen interessiert aber offenbar nicht, was in ihrem Essen ist. Hauptsache, es schmeckt. Mich schon. Seit ungefähr meinem fünften Lebensjahr bin ich Vegetarierin. Manchmal behaupte ich in Restaurants einfach, ich sei allergisch gegen alles Tierische. Das wird ernst genommen. Etwas nicht essen zu wollen , das zählt oft nicht, da wird weggehört.

Damals, 1982, war es eine große Sache, Vegetarier zu sein. Die Grundregel hieß: Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Oder: "Iss wenigstens das Fleisch!" Und so hatte ich, wenn es mal wieder Hähnchenschenkel oder Leberkäse gab, ein Problem. Seit ich kapiert hatte, dass diese quadratische Scheibe Fleischkäse aus Schweinen gemacht ist, den niedlichen kleinen Dingern vom Ferienhof, war mein Appetit darauf verflogen. Und alles, was nach richtigem Tier aussah, kriegte ich ohnehin nicht runter. Egal, wo wir waren, ob auf einer großen Familienfeier (Kasseler! Fleischplatte! Hühnerfrikassee!) oder beim Grillen mit den Nachbarn (Steak! Wurst! Frikadellen!) - lieber ging ich hungrig ins Bett, als mit einem Stück Tier im Magen. In Restaurants blieb meist nur der kleine gemischte Salat, hinter der Vorspeisenkarte musste man gar nicht erst gucken. Gemüse galt damals, in den Achtzigern, als Beilage. Vegetarier waren Körnerfresser, Ökos, Spinner. Niemand hatte Ahnung, aber jeder eine Warnung: Das sei schlecht für die Zähne, die Knochen, das Wachstum, die Blutbildung. Fleischlose Ernährung, so viel war sicher, führe zwangsweise zu Mangelerscheinungen. Die Horrorszenarien waren zahlreich.

Das hat sich geändert. Die Speisekarten der meisten Restaurants sind jetzt variantenreicher, gerade in Berlin ist die Auswahl ja groß, es gibt eigentlich überall einen Absatz "Vegetarische Gerichte". Man muss ja nicht ins Steakhaus gehen. Vegetarier sein ist jetzt Mode. Viele, die sich so bezeichnen, essen aber seltsamerweise Fisch und Meeresfrüchte. Als ob eine Garnele kein Tier wäre. Und der älteren Generation ist es bis heute schwierig zu vermitteln, worum es eigentlich geht. Auch nicht nur einen kleinen Happen, das Spanferkel ist doch so lecker. Nein, danke. Aber der Speck ist doch nur für den Geschmack. Für mich nicht, danke.

Obwohl es immer mehr Vegetarier gibt, scheinen wir eine Art moralische Instanz zu sein, vor der man sich rechtfertigen muss. Die häufigste Reaktion von Fleischessern, die mit am Tisch sitzen, ist: Ach, ich esse ja auch nur ganz selten, und dann nur Bio. Die Frage nach dem Warum kommt fast immer. Aus moralischen Gründen? (Etwa?) Oder weil es dir nicht schmeckt? Letzteres kommt besser an, das merkt man schnell. Wer mit Fleischessern über Massentierhaltung oder Tiertransporte spricht, macht sich unbeliebt. Eigentlich will niemand die ehrliche, unappetitliche Antwort hören.

Man muss schon einiges aushalten als Vegetarier. Manchmal isst man aus Versehen doch Fleisch. Einmal habe ich erst nach der Hälfte eines belegten Brötchens gemerkt, dass sich unter der Scheibe Käse eine Scheibe Kochschinken versteckte. Ich habe versucht, vegan zu leben. Es hat sich als schwierig herausgestellt. Veganer dürfen auch keinen Milchkaffee, keinen Ziegenkäse, keine Erdbeertorte zu sich nehmen. Da bin ich doch lieber inkonsequent. Was mir übrigens, wenn überhaupt, nur Fleischesser vorwerfen.