Literatur

Tortenguss, Erkältungsbad und Rätselheft

Sabine Knauf mag lange Schlangen an der Supermarktkasse. Wenn sie dann so dasteht, sich Zentimeter für Zentimeter nach vorne schiebt, fällt ihr Blick schon einmal auf die Papierfetzen, die in ihrem Wagen liegen, ganz unten, zusammengeknüllt. Einkaufszettel.

So fing alles an, vor mittlerweile sechs Jahren. Gleich drei Einkaufszettel fand sie in ihrem Wagen, einen türkischen, einen arabischen, einen deutschen. "Mir war langweilig", sagt Sabine Knauf, sie begann zu lesen. "1 x büyük Lack (weiß), 1 x Lack (braun), 1 x dickes Folie, 1 x Kleister, 1 x Camlara Band, Leisten, 1 x Metre", stand da. Sie hatte ihn sofort vor sich, den türkischen Mann mit den grünen Augen und dem schwarzen Schnauzer, der in seiner Wohnung frisch streichen wollte.

Und so zeichnete sie ihn dann auch, mit schnellen schwarzen Strichen: hoch oben auf einer Leiter, den Pinsel in der Hand, neben ihn klebte sie einen Streifen Malerkrepp. "Seither schaue ich immer in die Wagen, die vor den Supermärkten stehen, da kann man ohne viel Aufhebens Zettel rausfischen." Sabine Knauf machte weiter, gut 100 dieser gezeichneten Ein-Bild-Geschichten kamen dazu. Eine Auswahl davon ist nun unter dem Titel "Badeschaum und Shrimps" erschienen. Das Buch ist mehr als eine Bildersammlung: Es ist ein echtes Kreuzberg-Porträt. Das ist ihr Kiez, seit 30 Jahren wohnt sie schon hier, seit sie damals nach Berlin zog.

Sabine Knauf ist eigentlich Ärztin, aber gezeichnet hat sie schon immer, erfand schon als Kind ganze Bildergeschichten. Daraus einen Beruf zu machen, dieser Gedanke kam ihr damals gar nicht. "Ich wollte etwas Sinnvolles tun", sagt sie. Jetzt ist sie Anästhesistin in einem Krankenhaus in Neukölln, Intensivstation. Sie zeichnet, um dem kräftezehrenden Krankenhausalltag etwas entgegenzusetzen. Knauf zieht ein kleines Notizbuch aus der Tasche, "das habe ich immer dabei", sagt sie, blättert es auf. U-Bahn-Szenen mit Kuli, eine junge Frau lehnt an einer Haltestange, ein Mann sitzt erschöpft im Wagen. "Meistens schaue ich nicht einmal aufs Blatt, es muss immer schnell gehen." Knauf hat ein Faible für Alltagsporträts einer Großstadt.

Was andere mit Nichtbeachtung strafen, knöpft sich Knauf also vor, als sei sie Detektivin. Akribisch sucht sie nach Indizien, wendet die zerknitterten Zettel hin und her. Registriert, ob jemand genaue Stück- und Grammzahlen notiert, die Liste mit Schreibmaschine tippt, erkennt kindliche Einkaufsversuche, erwachsene Kochpremieren. Und so entsteht bei Knauf etwa aus einer Liste mit Dosenobst, Tortenguss, Sprühsahne und drei Packungen Eiscrème eine suggestive Collage: eine Festtagsdecke als Hintergrund, ein belegter Bisquitboden, dazu die akkurate Handschrift einer älteren Dame, das Wort "Büchse" und der Eintrag "1 Dickes Rätselheft große Schrift" - und schon meint man, eine Kreuzberger Oma zu sehen, die sich auf den Besuch ihrer Kinder und Enkel vorbereitet.

Überhaupt: Die Schrift und die Begriffskombinationen sind verräterisch. Ältere Menschen, die acht verschiedene Sorten Aufschnitt kaufen, sonst nichts; einer braucht Erkältungsbad, Eukalyptusbonbond, Hohes C, Suppen und tut einem mit seiner Krankengeschichte sofort leid; wieder jemand anderes notierte "Chicken, Shrimps, Bredes, Carottes, Zwiebeln" - wenig repräsentiert die kulturelle Vielfalt Kreuzbergs besser als diese Auflistung. "Viersprachig!", betont Sabine Knauf. Um das Wort "Bredes" zu knacken, brauchte sie eine Weile. "Es ist kreolisch", sagt sie, "eine Art Spinat".

Was sie nicht verstand, recherchierte sie im Internet, lernte, dass "Bollenpiepen" ein Berliner Ausdruck für Lauchzwiebeln ist, fragte ihre kroatischen und griechisch-stämmigen Kolleginnen, ließ Arabisches übersetzen, unterhielt sich mit den Marktfrauen oder wälzte Wörterbücher in der Buchhandlung. Türkisch kann sie selbst.

Einkaufszettel stehen für die seltenen Momente, in denen man selbstvergessen schreibt, ja hinkritzelt, schmiert - wo ist ein Stück Papier, ach nehmen wir irgendetwas. In der Regel soll er nur als Gedächtnisstütze dienen, ist nicht für andere Augen gedacht, Ausdruck und Schönschrift sind schnuppe. Das ist Sabine Knaufs Glück. Denn derart unzensiert und authentisch wie auf Einkaufszetteln präsentiert man sich selten in der Öffentlichkeit. Gesammelt und in Bilder übersetzt, sind sie ein seltenes Dokument Berliner Ernährungs- und Lebensgewohnheiten von heute. Die einen Ur-Berliner, die anderen mit fremden Muttersprachen. Und das Beste: All diese Menschen leben in einem Kiez.

Diese Einkaufslisten sind immer auch ein Versprechen auf etwas, das noch geschehen wird. So wie sie aufgeschrieben werden, Zeile für Zeile, Wort für Wort, entfalten sie eine erdverbundene Poesie. So auch bei einer lautmalerischen Entdeckungsorgie, "mein Lieblingszettel", sagt Knauf. Gekauft werden muss, so die Notiz: "flajs salat", "fistepèen", "slagsahne". Fürwahr, Einkaufszettel-Lyrik.

Sabine Knauf, "Badeschaum und Shrimps. Einkaufszettel aus Berlin" Berlin Story 2010, 10 Euro