Interview

Meine Herrschaften!

Der beste Ort in Berlin, um den Gentleman-Experten Bernhard Roetzel zu treffen, ist das "Café Einstein" Unter den Linden. Da ist er sozusagen unter seinesgleichen. Gerade ist sein Buch "Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode" in einer aktualisierten Neuausgabe erschienen.

Roetzel sieht wenig gentlemanlike aus: Gelbe Hosenträger, rosa kariertes Hemd, die Anzugjacke lässig über den Stuhl gehängt. Da stellt sich die erste Frage von selbst.

Berliner Illustrirte Zeitung:

Herr Roetzel, wie fein muss ein Gentleman sein? Sie haben gerade gekleckert.

Bernhard Roetzel:

Wo denn? Ach! Der wahre Gentleman ist entspannt. Alles andere ist spießig. Der Anzug hat schon öfter Flecken abgekriegt.

Aber fein ist das nicht gerade.

Feinheit ist für mich nicht Überbesorgtheit. Das ist doch uncool.

Sie tragen gelbe Filzhosenträger, bei denen schon einige Fäden herausgucken. Auf den ersten Blick würde ich sagen, das hat Ihre Tochter für sie ausgeschnitten.

Eine meiner Lieblingssprüche ist ja ein Goethe-Zitat: Man sieht nur, was man weiß. Das sind englische Boxcloth-Hosenträger. Die sind aus Wollfilz und haben weiße handgenähte Kalbslederschlaufen.

Klingt very british.

Die Briten wirken ja sehr reserviert und steif. Man trägt ein Leben lang die Krawatte seines College oder seines Regiments. Um trotzdem noch ein bisschen Exzentrik ausleben zu können, tobt man sich bei den Details aus. Ich trage zum Beispiel, schauen Sie mal, rosafarbene Strümpfe.

Das würde ich mich nie trauen.

Die passen aber zum Futter meines Anzugs. Normalerweise ziehe ich übrigens nicht die Jacke aus. Das mache ich jetzt nur, weil es so warm ist. Und ich will nicht in Ohnmacht fallen, bevor Sie mit dem Interview fertig sind. Aber schauen Sie mal, da vorne geht Cherno Jobatey vorbei.

Denken Sie, der trägt auch rosafarbene Socken?

Weiß ich nicht. Cherno Jobatey bleibt sich treu mit Sneakers und Anzug. Jetzt im Sommer sind es Chucks. Die sind ein bisschen leichter, aber Schweißmauken kriegt man trotzdem.

Ist der jetzt ein Gentleman?

Vom Look her entspricht er nicht dem klassischen Bild eines Gentlemans. Die Deutschen lieben ja eigentlich das Moderne, und der Gentleman-Look ist was Klassisches. Uns fehlt eigentlich, was man neudeutsch "Heritage" nennt.

Das Erbe?

Genau. Das Erbe, die Tradition, die Geschichte. Wofür auch der Gentleman-Look steht. Deutschland ist baulich gesehen ein Disneyland, weil fast alles wieder neu aufgebaut wurde. Uns fehlt die direkte Verbindung zur Vergangenheit wie in London. Wo man sagen kann: Ich gehe zum Hemdenmacher, zu dem schon mein Großvater gegangen ist. Das ist hier kaum möglich. An der Friedrichstraße gab es mal Hunderte von Schneidern.

Und heute?

Heute hat jeder kleidungsmäßig alles. Den Schrank voll, aber nichts wirklich Gutes ist mehr drin. Die Idee, dass man einen einzigen guten Anzug hat, ist heute lachhaft für die Leute. Früher wurden Anzüge ja noch weitergereicht. Mein Vater hatte einen Anzug an den Nachbarn seiner Schwiegermutter weitergegeben. Das wäre heute absurd. Wenn ich jetzt meinem Nachbarn meinen Anzug anbieten würde, dass er ihn aufträgt, das wäre doch ein Witz, das wäre eine Beleidigung.

Wie viel Anzüge haben Sie denn im Schrank?

Sehr viel weniger als man vielleicht denken würde. Zwölf maßgeschneiderte Outfits. Und 20 Anzüge, die mir im Laufe der Jahre zugelaufen sind. Maßgeschneidert oder gleich von der Stange.

Und wo ist der Anzug her, den Sie heute anhaben?

Aus London, von einem kleinen Schneider. John Cogginheißt er. Er arbeitet nur noch für Privatkunden. Doch das ist nichts Elitäres, Abgehobenes. Die Anprobe hat einmal schon im ehemaligen Zimmer seiner Tochter stattgefunden. Das war vollgestopft mit irgendwelchem Kram. Auf dem Bett lag eine rosafarbene Tagesdecke. Ich bin nur wegen des Anzuges nach London geflogen. Für die Tragedauer des Anzuges ist das nicht zu teuer.

Wie viel kostet so ein Anzug?

Das verrate ich nicht. Ich sage mal eine Spanne: Mehr als 300 und weniger als 3000. In so einem Stück stecken 60 Stunden Handarbeit. Sicher, um gut angezogen zu sein, muss man das nicht haben. Es ist die Frage: Ist mir das persönlich wichtig? Finde ich das schön?

Wie kam es dazu, dass Sie sich in so einem Outfit schön finden?

Ich habe mich schon sehr früh sehr merkwürdig gekleidet. In der neunten Klasse lief ich immer mit Sakko rum. Ich fand in den alten Filmen aus den vierziger und sechziger Jahren die Leute im Anzug immer so toll. Anfang der Achtziger war das allerdings eher kurios. Ich hatte die Haare auch so wie jetzt, bloß mit weniger Geheimratsecken und hinten nicht ganz so lang.

Auch gegelt?

Mit Fett, kein Gel. Ich nehme immer Haarpomade.

Haben Ihre Mitschüler Sie nicht verprügelt?

Nein, das wurde als Skurrilität akzeptiert.

Wo gingen Sie zur Schule?

In Schleswig-Holstein in Bad Oldesloe. Auf meine Schule ging auch Michael Michalsky, der Modedesigner. Der war damals ganz anders gestylt. Sehr stark von Popmusik beeinflusst.

Wie war er gekleidet?

Ganz unterschiedlich. Er hat sich immer neu erfunden. Er trug beispielsweise Creepers, die die Teddyboys hatten, mit ganz dicken Kreppsohlen. Ich erinnere mich an eine Baseball-Jacke mit diesen abgesetzten Ärmeln. Er holte sich die Sachen zum Teil aus London, glaube ich.

Wie finden Sie die junge Mode heute?

Wenn ich heute an der Bushaltestelle Schüler sehe, finde ich, die sehen alle aus, als würden sie zur Castingshow fahren. Aus der Sicht eines alten Opas ist mir das zu viel. Der Überfluss und Überdruss ist so stark, dass man gar nicht mehr herausstechen kann. Ich hatte einen Kumpel, der war Punk. Der fuhr nach Hamburg in einen Armyshop, da holte er sich eine portugiesische Armeecamouflage, die hatte er drei Jahre. Ein anderer Freund war teddyboymäßig drauf, der sparte ewig, um sich eine karierte Holzfäller-Jacke zu kaufen. Heute werden die Stile alle naselang gewechselt.

Sie selbst scheinen es ja auf der einen Seite dezent und auf der anderen knallig zu mögen?

Ich mag den Kontrast. Wenn ich die Jacke anhabe, sieht keiner die Hosenträger. Wenn ich sie ausziehe, ist es halt lustig. Humor in der Kleidung finde ich wichtig. Jedes Outfit kann einen Gag haben, sollte aber nie mehr als zwei Gags haben. Die farbigen Strümpfe sind bei mir schon ziemlich viel. Deshalb habe ich aber hier eine Krawatte, die die gleiche Farbe wie der Anzug hat.

Was hatten Sie an, als Sie Ihre Frau kennengelernt haben?

Ein grasgrünes Sakko, ein weißes Hemd und eine knallrote Hose. Als einen Touch von Berlin Prenzlauer Berg hatte ich Sneakers von Onitsuka Tiger, weiß mit grünen Streifen.

Sollten Frauen ihre Männer modemäßig beraten?

Meine Theorie ist ja, dass Frauen ihre Männer oft so komisch anziehen, weil sie nicht wollen, dass andere Frauen ihnen den Mann wegnehmen. Sie machen ihn bewusst unattraktiv. Viele Männer sehen ja mit 50 noch aus, als hätte Mutti sie angezogen. Noch keine meiner Frauen hat mir je gesagt, was ich anziehen soll.

Reden Sie Ihrer Frau bei der Kleidung rein?

Nie. Wenn die mich jetzt noch fragen würde, wie sie sich anziehen soll - wo kämen wir denn da hin? Das muss sie selbst wissen. Sonst wäre sie nicht meine Frau.

Und wenn sie sich ein Piercing in die Nase machen würde?

Ich schätze unabhängige Menschen. Sie muss selber wissen, was sie tut. Ich finde es grauenhaft, wenn Partner sich gegenseitig reinreden.

Kommt Stil nicht auch von innen?

Ja. Das zuallererst. Aber man muss es auch zeigen können, leben. Tür aufhalten, wenn man aus einem Kaufhaus rausgeht. Aufstehen für ältere Leute. Ein bisschen Kenntnis der Tischsitten. Eine entspannte Grundhaltung. Meine Oma unterschied immer: Das ist ein Mann oder ein Herr. Ein Herr regt sich nicht auf. Man diskutiert nicht am Abflugschalter mit dem Menschen, der da seine Arbeit macht. Weil man meint, man würde schlecht behandelt, weil man sein Handgepäck mit an Bord nehmen will. Man bläst sich nicht auf. Man gibt nicht an. Distanz zu sich selbst. Humor. Ganz, ganz wichtig, sonst ist es ja unerträglich mit dieser Kleidung, wenn man nicht lachen kann.

Welcher deutscher Prominente entspricht den dem klassischen Gentleman?

Richard von Weizsäcker. Das Witzige am Gentleman ist, dass er sich gar nicht verändert. Höchstens werden seine Haare grauer.

Günther Jauch?

Rein kleidungstechnisch wohl nicht. Ich kenne ihn nicht persönlich, sicherlich ist er ein netter Mensch. Seine Kleidung sieht immer so aus, als ob das die Stylistin gemacht hat, das ist eher ungentlemanlike.

Günter Netzer?

Der sucht sich seine Kleidung bestimmt selber aus. Er hat einen ganz coolen Style. So ein bisschen Achtziger-Jahre-US-mäßig. Mit den Button-Down-Hemden, der ist mehr ein Gentleman. Und er sieht immer besser aus als Gerhard Delling. Der wird bestimmt von einer Stylistin angezogen. Immer diese braunen Anzüge und diese schönen abgestimmten lachsfarbenen Hemden, Krawatte mit orangefarbenen Streifen - das sucht sich doch kein Mann selbst aus.

Ist die Stylistin eine Sadistin?

Ja. Männer sind ja auch Masochisten. Sie lieben es, sich quälen zu lassen.

Und der Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg?

Der hat diese Aristokraten-Masche. Er versteht es, Smoking zu tragen, daran erkennt man einen Gentleman. Mit einer selbst gebundenen Schleife. Die muss ein bisschen schief sein, wie bei Hugh Grant. Guttenberg erfüllt die Kriterien des Gentlemans. Er weiß, dass er, wenn er die Adels-Masche zu sehr auswalzt, ihn das schon wieder unsympathisch macht. Ich bin sicher, dass er demnächst in Ungnade fallen wird. Dass ihn bisher überhaupt jemand in Deutschland sympathisch findet, wundert mich. Weil: Er hat viel Geld, sieht ganz gut aus und ist adelig. Das prädestiniert ihn eigentlich dafür, dass man ihn unsympathisch findet. Sympathisch vom Styling her sind eigentlich nur solche Leute wie Hans Eichel. Der Gentleman hat es schwer im öffentlichen Leben in Deutschland. Spätestens wenn der Guttenberg in Ungnade fällt, weil er irgendeinen Betrieb nicht rettet, wird man ihm anlasten, dass sein Haar gegelt ist.

Muss ein Gentleman immer gut angezogen sein?

Nein. Wer beispielsweise supercool gekleidet ist, ist Fürst zu Schwarzenberg. Der ehemalige tschechische Außenminister. Seine Anzüge sind immer ziemlich alt und verknittert. Ich habe ihn mal in London in einem Restaurant mit einer Begleiterin getroffen. Der trägt auch immer diese Mäntel mit dem Samtkragen, diese englischen Covert-Coats. Der hat auch Hemden an, wo der Kragen abgestoßen ist. Das ist der wahre Stil: Die reichen Leute sind so reich, weil sie so leben wie die Armen. Und die Armen sind so arm, weil sie so leben, wie sie denken, dass die Reichen leben.

Sie haben 32 Anzüge. Wie viele muss ein Gentleman mindestens haben?

Um ein Gentleman zu sein, kann man auch nur einen Anzug haben. Ich habe einen Gentleman in Irland gesehen, in Castle Leslie. Lord Leslie lebt dort in nur einem Zimmer, Größe: drei mal vier Meter vielleicht. Sein Schrank war ein Gelass, wo ein altes Stück Stoff oben dagegen getackert war. Der hatte eine Tweedjacke an, die sah aus, als wäre sie 40 Jahre alt. Und der ist Lord Leslie! Der hat persönlich fast nichts, kein Geld. Der hat nur den Namen und wohnt in diesem Schloss. Der hat, glaube ich, sein Leben lang keinen Schlag gearbeitet. Sein Betätigungsfeld war die Fledermausforschung, der hat er sein Leben gewidmet. Und sein Bruder ist Ufoforscher und hat lange Haare. Das sind wahre Gentlemen, so höflich und bescheiden, wie man es sich nur vorstellen kann.

Bernhard Roetzel: "Der Gentleman: Handbuch der klassischen Herrenmode", Ullmann/Tandem, 360 Seiten, 19,95 Euro.