Streetart

Wenn die Straße zur Kunst wird

Eine intime Badezimmer-Szene mitten in Berlin-Kreuzberg: Wattestäbchen kullern neben einer einsamen Zahnbürste auf der Wandablage, ein rotes Lippenstift-Herz prangt auf dem Spiegel. Fast erwartet man daneben ein eilig gekrakeltes "Danke für die tolle Nacht" - wären da nicht die gelben BVG-Bahnen, die eine Armlänge entfernt im Fünf-Minuten-Takt vorbeirauschen.

Denn der vermeintliche Badezimmer- ist eigentlich ein aufgehübschter U-Bahnhof-Spiegel. Hunderte Menschen laufen täglich an dem inszenierten Stückchen Privatsphäre in der Station Gneisenaustraße vorbei. Stutzen, schütteln den Kopf, gehen weiter. Und grinsen. Willkommen in der Welt von Mentalgassi.

Mentalgassi: So nennt sich eine in Berlin heimische Gruppe aus drei jungen Männern. Sie gehen auf die Dreißig zu, leben in verschiedenen Städten, haben Jobs im gestalterisch-grafischen Gewerbe. Und wenn es sie packt, setzen sie sich ins nächste Flugzeug, treffen sich in einer Stadt - Berlin, Hamburg, Bern - und bekleben dort Altglascontainer mit skurrilen Gesichtern. Oder schaffen überdimensionale Wackelbilder auf Gitterzäunen. Oder verwandeln eine Telefonzelle in eine Duschkabine - samt Vorhang und Seifenhalter. Motto: Erlaubt ist, was unterhält.

"Urban Entertainment" ist deshalb vielleicht der Begriff, mit dem Mentalgassi ihre Arbeiten am ehesten umschreiben würden. Das Label "Streetart" gefällt ihnen nicht sonderlich, und als "Künstler" möchten sie sich schon gar nicht bezeichnen. So wenig sich die Gruppe auf einen Nenner festlegen lässt, so öffentlichkeitsscheu tritt sie auch auf; ein persönliches Treffen lässt sich nur mit Geduld und über Umwege einfädeln. Mentalgassi sprechen immer als Kollektiv - und: Sie wollen anonym bleiben.

Das liegt nicht etwa daran, dass ihre Arbeiten illegal sind; auch solche Allüren wie die des Straßenkünstlers Banksy, dessen Identität zu den bestgehütetsten Geheimnissen Großbritanniens zählt, sind ihnen fremd. "Wir wollen uns einfach nicht in den Vordergrund drängen", sagen die drei. Denn da stehen bereits ihre Werke. Und die sollen für sich sprechen: "Natürlich hat jeder von uns seine Assoziationen mit einer Arbeit. Aber deshalb wollen wir dem Betrachter nicht unsere Interpretation aufdrücken. Es ist doch schön, wenn sich jeder selbst etwas dazu denkt."

Die Wege der jungen Männer kreuzten sich vor rund zwölf Jahren, als die Teenager in der Graffiti-Szene mit Sprühdosen hantierten. Das Sprayen wurde irgendwann langweilig - obwohl die Drei mehrfach erwischt wurden. Für die Jungs lag der Reiz aber nicht im Adrenalin-Kick des Verbotenen, sondern in der ständigen Veränderung. "Ort und Umgebung wurden wichtiger, die Ideen dreidimensionaler. Wir wollten mit Vorhandenem spielen", erinnert sich ein Mitglied. Erst klebten sie nur Sticker auf Wände, dann wurden die Ideen größer - und mit ihnen die Klebeflächen.

Eines Nachts um halb zwei zog die kreative Truppe in ihrem Kreuzberger Kiez dann das erste Mal los. Bewaffnet mit Kleister, bedruckten Papierrollen und einem polnischen Mischling an der Leine - als Tarnung. "Das sah so aus, als wollten wir nur mit dem Hund Gassi gehen." Ihr Künstlername rührt übrigens woanders her: "Wir haben ständig Mist gemacht, rumgesponnen. Den Gedanken lange Leine gelassen." Mentales Gassi gehen, eben. Gehirngulasch, sagen die Streetartists, wäre eigentlich auch ein passender Name gewesen. "Aber jetzt sind wir doch ganz froh, dass wir uns anders entschieden haben."

An ihren Methoden hat sich bis heute wenig geändert; allerdings sind Mentalgassi wesentlich routinierter. Einen Container zu bekleben, dauerte früher eine Dreiviertelstunde, jetzt zehn Minuten. In der Familie oder im Freundeskreis gehen sie dafür zuerst auf Motivfang, suchen "markante Gesichter, in denen viel passiert". Oder animieren ihre Fotomodels zum Schreien und Grimassenschneiden, bevor sie auf den Auslöser drücken. Bevor dann die Papierbahnen bedruckt werden, muss noch Maß genommen werden, damit später alles passt. "Man kommt sich total belämmert vor, wenn man den Umfang eines Containers ausmisst. Aber in Berlin interessiert das keine Sau."

Dank dieser laxen Einstellung können Mentalgassi inzwischen auch tagsüber relativ ungeniert zu Werke gehen. Die großen Papierrollen klemmen sie unter den Arm. "Wir sehen so aus, als seien wir Architekten, die mit ihren Plänen aus dem Büro kommen." Negative Reaktionen gebe es bei den Klebeaktionen ohnehin nie. Vor allem in Kreuzberg sei es "echt entspannt", erzählen die Drei: "Wenn wir was machen, stört uns keiner. Im Gegenteil: Die Leute kommen und freuen sich, dass ihr Container endlich wieder ein Gesicht bekommt."

Unbekannt sind Mentalgassi mittlerweile nicht mehr. Die Lifestyle-Schuhmarke Converse drehte vergangenen Sommer mit den Jungs einen Clip, der jetzt als Kinowerbung über die Leinwand flimmert. Siegt da etwa der Kommerz über die Untergrund-Kunst? "Wir hatten starke und lange Auseinandersetzungen deswegen", sagen sie. Letztlich entschieden sie sich aber für das Angebot: "Unser Auftraggeber ermöglicht uns viel - nicht nur finanziell." Zu Promotion-Events und Kunstveranstaltungen jetten die Streetartists kreuz und quer über den Globus, nach Paris, London, Miami.

Dennoch: Reine Auftragskünstler wollen Mentalgassi nicht werden, sie halten ein Auge darauf, dass sich bestellte und nonkommerzielle Arbeiten die Waage halten. "Aufträge machen auch Spaß, aber es fehlt etwas, wenn es nicht illegal ist. Als wir gemerkt haben, dass wir etwas ins Trudeln kommen, haben wir uns gesagt: OK, zurück auf den Spielplatz, und haben wieder etwas Eigenes gemacht." Weil ihnen niemand dabei reinredet. Und weil es ihr "Ventil ist, um alles andere abzuschalten und auszublenden."

Sobald eine Arbeit fertig ist, knipsen Mentalgassi das Ergebnis und stellen die Fotos in ihr Blog; auch ein paar Videos haben sie gedreht. Ihre Anhänger freuen sich über die Online-Dokumentation - denn die Streetart ist extrem vergänglich. "Wenn alles nach einer halben Stunde noch hängt, ist das schon viel", sagen die Macher. Manchmal werden ihre Papierbahnen schon wieder abgezogen, noch bevor der Kleber getrocknet ist. Mentalgassi hat sich an die kurze Halbwertszeit ihrer Werke gewöhnt. Sie arbeiten ohnehin für den Moment, "in dem man sieht, dass es wirklich so aussieht, wie man es sich vorgestellt hat." Und wenn das einmal nicht der Fall sein sollte? "Dann denken wir uns: Besser, wir hauen schnell ab."