Kleiner Beziehungsknigge

Die Dame von Welt erwartet nichts ...

Man benimmt sich wieder. Und Uwe Fenner weiß, wie. Ob im Beruf oder in der Beziehung. In seinem neuen Buch "Erfolgreich mit Stil" (Linde, Wien. 344 S., 29 Euro) gibt der Personalberater und Coach, der deutschlandweit in Seminaren gute Umgangsformen lehrt, Ratschläge für jede Lebenssituation.

Berliner Illustrirte Zeitung:

Herr Fenner, was ist ein kultivierter Mensch?

Uwe Fenner:

Das ist ein Mensch, der interessiert ist an Kunst, Musik und Literatur. Das ist aber auch ein Mensch, der nicht nur seinen Verpflichtungen nachgeht, sondern sich auch der Werte der Gemeinschaft bewusst ist und die lebt. Dazu verhält man sich sozial im besten Sinne, das heißt mitmenschlich.

Muss man dafür wissen, wie Besteck auf dem Teller gelegt wird und wie man Hummer isst?

Gute Umgangsformen zu pflegen bedeutet, sich alterozentriert, nicht egozentriert zu verhalten. Zu Deutsch: Höflichkeit ist eine Herzenssache. Die Manieren sind natürlich nur der Rahmen, der mit Handlungen gefüllt sein muss. Die 68er haben alles Äußere verachtet, als Ablenkung vom Inhalt. Aber wie ein wertvoller Rahmen ein Bild erhöhen kann, verbessert sich auch das Verhalten eines Menschen, wenn er höflich und freundlich ist. Stil ist die äußere Form innerer Werte.

Sind höfliche Menschen auch glücklicher?

Ja, weil sie erleben, wie schön es ist, anderen eine Freude zu bereiten. Sie sind bisweilen aber auch enttäuscht, wenn ihre Freundlichkeit nicht erwidert wird.

Wie reagiert man darauf?

Einfach wegstecken.

Darf ein Mann eine Frau auf der Straße ansprechen?

Aber ja. Das gilt natürlich auch umgekehrt, auch eine Frau kann einen Mann ansprechen. Eigentlich ist alles erlaubt. Wir müssen es nur hübsch machen und den Menschen, der unser Interesse geweckt hat, positiv überraschen.

Wie mache ich das am besten?

Die schönste Ansprache ist immer noch ein Kompliment.

Das erste Rendezvous. Was sagt der Händedruck über einen Menschen?

Ein zu leichter Druck ist natürlich ein Zeichen für Schüchternheit. Ein kräftiger Händedruck hat etwas Dynamisches. Er zeigt, dass jemand die Situation beherrscht.

Und was sagen die Augen?

Wichtig ist, bei der Begrüßung und beim Gespräch den Blickkontakt zu halten, Interesse zu signalisieren. Aber bitte nicht stieren! Beim Gespräch sollte der Blick immer mal wieder kurz auf die Stirn oder den Mund gehen und dann wieder in die Augen.

Menschen, die sich zu benehmen wissen, sind natürlich sympathisch. Aber ist es nicht gerade eine Bridget Jones oder Eliza Doolittle, die mit ihrem unkonventionellen Auftreten faszinieren?

Die Dame von Welt und der Gentleman sind lässig. Sie beherrschen die Umgangsformen. Wer die Sitten kennt, kann sie auch durchbrechen, wenn es charmant ist.

Laufmasche, auf die Bluse gekleckert. Wie gehe ich mit Missgeschicken um?

Lässig. "Oh eine Laufmasche. Das passiert mir immer!" Einen Fleck wischt man mit der Serviette ab und reinigt sich dann auf der Toilette.

Wie mache ich andere auf einen Fehler aufmerksam? Zum Beispiel, wenn er eine Nudel im Mundwinkel hat?

Auf keinen Fall wie bei Loriot. Ich gehe kurz mit der Hand über die eigene Wange, deute das Missgeschick an und rede sofort weiter über die letzte Reise oder den Theaterbesuch.

Wer zahlt beim ersten gemeinsamen Essen?

Früher war es selbstverständlich, dass das der Mann tut. Das ist heute im Zuge der Emanzipation nicht mehr so. Die kluge Frau erwartet das nicht. Wenn der Mann zahlt, sagt sie: "Das nächste Mal bin ich dran."

Wenn es ein nächstes Mal gibt. An welchem Etiketten-Verstoß erkennt man beim ersten Treffen gleich, dass man sich mit dem Mann oder Frau besser nicht mehr trifft?

Mit einer Frau, die sich selbstverständlich aushalten lässt, würde ich mich nicht mehr treffen. Unangenehm sind auch herrische Aufforderungen an den Herren: "Sie können ja schon mal den Mantel holen!" Die Dame von Welt erwartet nichts und bekommt alles. Sie sitzt auch nicht wie eine Puppe im Auto und erwartet selbstverständlich, dass der Herr ihr die Tür aufmacht. Nein, sie tut so, als ob sie etwas in der Handtasche sucht, während der Mann um das Auto geht. Es muss ein Spiel sein.

Welches No-no gilt für Männer?

Es ist zum Beispiel unverzeihlich, der Dame immer ins Wort zu fallen oder mehr Interesse für die attraktive Kellnerin zu signalisieren als für die Dame am Tisch. Ein grober Fehler ist auch, sich nicht zu erheben, wenn die Dame aufsteht.

Wie erzieht man Kinder zur Etikette, ohne sie zu verbiegen?

Das Wichtigste ist natürlich die Vorbildfunktion. Entscheidend ist auch, dass man nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Familie gute Umgangsformen pflegt. Mein Vater hat meiner Mutter in der Öffentlichkeit immer diskret einen Handkuss gegeben. Zu Hause herrschten Liebenswürdigkeit und Respekt.

Ich komme allein zu einem Empfang, kenne niemanden. Wie bekomme ich Sicherheit?

Immer mehr Gastgeber machen einen großen Fehler, indem sie eine Event-Agentur mit der Organisation ihres Festes betrauen und sich selbst nicht weiter kümmern. Der Gastgeber persönlich sollte der Regisseur des Events sein. Die Aufgabe des Gastgebers ist es, die Gäste untereinander vorzustellen. Dann entsteht gar nicht das unangenehme Gefühl der Unsicherheit.

Und wenn der Gastgeber seine Gäste nicht untereinander bekannt macht?

Dann muss man es eben selber tun. Wenn wir jemanden entdeckt haben, den wir gerne kennen lernen möchten, gehen wir mit einem nicht übermäßig geladenen Teller an dessen Tisch und fragen höflich: "Entschuldigen Sie, darf ich mich zu Ihnen stellen?" Dann stellen wird uns zunächst allen am Tisch Anwesenden vor. Und zwar mit Namen und mit Handschlag. Sehr höflich ist es, wenn jemand dem Neuankömmling kurz den Gegenstand des laufenden Gesprächs mitteilt und ihn beispielsweise fragt, ob er die eine oder andere Erfahrung selbst gemacht hat. Ansonsten hält sich der Neuankömmling zunächst diskret zurück und wartet auf ein Stichwort, das ihm erlaubt, sich selbst einzubringen.

Kann man Small Talk lernen?

Small Talk ist Quatsch. Er kann nur ein Mittel sein, um so rasch wie möglich in eine echte Konversation zu gelangen. Jeder Mensch hat etwas zu sagen, jeder hat etwas erlebt. Sprechen Sie über Reisen und Sport. Fragen Sie direkt: "Wie hat Ihnen der Vortrag gefallen?" "Aus welcher Branche kommen Sie?" Stellen sie Fragen, die ein anderer gern beantwortet. Wer fragt, der führt, und der andere freut sich, wenn er erzählen kann.

Worauf sollte ich bei meiner Körpersprache achten?

Sie sollten es möglichst vermeiden, die Arme zu verschränken. Bisweilen kann es aber auch lässig wirken. Ein absoluter Faux Pas ist es, bei der Begrüßung die Hände in den Taschen zu haben.

Das weiß doch jeder.

Da täuschen Sie sich. Ein vielleicht etwas zu lässiges Bild gab übrigens der US-amerikanische Präsident Barack Obama, als er, beide Hände in den Hosentaschen, mit Frau Merkel durch Dresden spazierte.

Frau Merkel indes wurde kritisiert, weil sie bei einem Empfang der Queen im Hosenanzug erschien.

Vielleicht war das nicht ganz passend. Aber grundsätzlich stehen Hosenanzüge der Bundeskanzlerin gut. Im Kleid ist sie aber auch eine gute Erscheinung.

Auch wenn Sie mit gewagtem Dekolleté zur Einweihung der Oper ins Oslo erscheint?

Ich fand das wunderbar. Da fehlte nur noch ein dicker Klunker.

Was sind die größten Modesünden?

Oh, die Liste ist lang. Ganz oben steht für mich der Rucksack in der Staatsoper.

Ein Dauerthema: Kurze Hosen bei Männern?

Die sollten sie, abgesehen vom Sport, nie tragen! Das gilt auch für Sandalen. Mit denen dürfen Männer höchstens am Strand spazieren. Grässlich sind natürlich auch Strümpfe, die heller als die Hosen sind. Und braune Schuhe am Abend.

Und womit erregen die Frauen Ihren Unmut?

Mit Leggins. Mit bauchfreien Oberteilen, aus denen der Bauch quillt. Aber auch mit hellen Strümpfen unter dunklen Hosen, aus denen dann ein Scheibchen Knöchel hervorguckt.

Würden Sie denn eine Frau ohne Strümpfe ins Büro lassen?

Da hat sich einiges geändert. In Banken und Rechtsanwaltskanzleien ist es sicher angebracht, nicht mit nackten Beinen zu erscheinen. In Werbeagenturen sind die Bekleidungsvorschriften sicher lockerer.

Wie gut gekleidet sind die Berliner?

Grauenhaft. Mir kommt es so vor, als wollten sie in einem Wettbewerb um die am schlechtesten angezogene Stadt unbedingt den ersten Platz einnehmen. In der Mode und dem Anlass angemessener Kleidung schneiden die Berliner ganz schlecht ab.