Berliner Merkwürdigkeiten

Hunde bleiben draußen!

Stellen Sie sich vor, Sie sind eine Katze. Sie haben sich gerade eine Pfote verstaucht oder Magenschmerzen, es geht Ihnen eh schon schlecht und Frauchen macht einen Arzttermin. Stress! Und dann sitzen Sie im Wartezimmer neben so einem Kläffer. Horror!

Zur Genesung trägt das jedenfalls nicht bei. Die Hoffnung kommt nun in Gestalt zweier freundlicher, kompetenter Ärztinnen: Catharina Stopik und Susanne Hupka haben "Vets for cats" ("Tierärzte für Katzen") gegründet, eine hundefreie Oase, in der man sich auf miauende Patienten spezialisiert hat. Eine Marktlücke. In der Praxis am Bayerischen Platz in Schöneberg werden seit einem Jahr ausschließlich Katzen behandelt. "Wir haben aber auch schon einen Boxerhund gerettet, der vor der Tür zusammengebrochen ist", sagt Catharina Stopik und lächelt.

Ihr Herz jedoch gehört den Katzen, jenen unbeugsamen Tieren, die die Menschen mit ihrem Eigensinn, ihrer Wildheit und ihrer Liebe zum Einzelgängertum betören. Der Hund ist domestiziert worden, willig geben die meisten Pfötchen und üben in Hundeschulen kuriose Dinge. Nur um ihre Besitzer zu erfreuen. Katzenschulen gibt es nicht. Es wäre ein sinnloses Unterfangen, eine Katze dazu bringen zu wollen, über eine schmale Holzwippe zu laufen. Wozu auch. Gleichgewichtssinn haben sie sowieso von Geburt an. Außerdem sieben Leben. Und wenn am anderen Ende eine Belohnung wartet - sei's drum. Eine Katze braucht solchen Tand nicht. Katzen machen, genau das, was sie wollen - vielleicht bewundern wir sie deshalb; weil wir uns nicht immer trauen, das zu tun, was wir eigentlich wollen.

Eine Katze in der Tierarztpraxis kann ziemlich problemlos ein halbes Dutzend Personal-Menschen in Atem halten. Eine Katze in Angst und mit Schmerzen hat nämlich 16 wütende Pfoten, tausende angsteinflößende Krallen und die Wenigkeit eines Schlangenmenschen. Dann ist nichts mehr mit Schmusekatze, dann ist der Ernstfall eingetreten.

Der viel gerühmte Charakter fasziniert die beiden Ärztinnen (beide haben selbstverständlich eine Katze) an ihren Patienten: "Jede Katze hat ihre eigene Persönlichkeit", sagt Susanne Hupka. Sind Katzen sauer, dann für längere Zeit. Sie sind keine Umfaller, die beim ersten Leckerli dem Menschen die Pfote zur Versöhnung reichen. Das macht sie schwierig, aber zugleich auch zur Herausforderung. Wer möchte schon mit einem Langeweiler zusammenwohnen. Bei Katzen ist Abwechslung garantiert. Für die anderen Tierfreunde gibt es Plüschtiere. "Außerdem sind sie das ideale Haustier, weil sie meistens in der Wohnung bleiben. Mit einem Hund ist der Aufwand viel größer", sagt die Ärztin.

Im Rahmen ihrer Tätigkeit in verschiedenen Tierarztpraxen in Deutschland, Portugal und Kanada haben die beiden allerdings eine Lücke in der Liebe festgestellt: "Die Lobby für Hunde ist anders als die von Katzen." Nicht unbedingt besser, aber vielleicht ein wenig stärker. Weil das Verhältnis Mensch-Hund ein anderes ist. Herrchen und Frauchen identifizieren sich eher mit einem Hund als mit einer Katze. Engagierte Katzenhalter werden das natürlich anders sehen, aber die beiden Ärztinnen haben diese Beobachtung gemacht. "Ein Hund ist dabei, wenn man aus dem Haus geht, verglichen damit führt die Katze ein Schattendasein", sagt Susanne Hupka, "in Nordamerika gibt es Katzenpraxen schon seit langem." Von dort hat sie auch die Idee nach Deutschland gebracht und Deutschlands erste Katzen-Tierpraxis eröffnet (laut Statistik gibt es bundesweit 7,9 Millionen Katzen und 5,3 Millionen Hunde).

Die größten Probleme Berliner Stubentiger sind Haushaltsunfälle, Nierenfunktionsstörungen und Diabetes. Eine Zivilisationskrankheit, sagen die Ärztinnen. Katzen, die acht, neun oder mehr Kilo wiegen, haben ein Problem. Eigentlich haben ja eher ihre Besitzer eines, aber das Tier muss es ausbaden. Die moderne Wissenschaft hat für diese Problemgruppe diverse Spezialnahrungsmittel entwickelt.

Bei "Vets for cats" gibt es sogar einen Erste-Hilfe-Kurs für Katzenbesitzer (der kostet 12 Euro). Klingt komisch, aber zu Hause passieren nun mal nicht nur die meisten Menschen-Unfälle. Katzen passieren Unfälle, die man sich gar nicht ausmalen möchte: Zu den Klassikern gehören Atemnot oder die Berührung mit Putzmitteln, auf die sich die Katze aus Neugierde stürzt. Dann muss sie ganz schnell unter die Dusche - um zu verhindern, dass sie das Gift vom Fell leckt. Das ist für Besitzer und Tier eine Mutprobe, weil viele Katzen das Wasser meiden, wie der Teufel das Weihwasser. Die meisten Katzen sehen sowieso nie einen See oder das Meer, in Berlin sind 95 Prozent reine Stubentiger. Als Fotomodell für die BIZ konnten wir Miko gewinnen. Ihm ging es gar nicht gut, der 16jährige Kater war trotzdem tapfer. Leider kann er nicht erzählen, was ihm passiert ist, die Experten glauben, dass der "Freigänger" im Garten in etwas getreten ist, danach hat sich die Pfote entzündet. Das ist der Preis der Freiheit. Miko hat sich im Behandlungsraum tapfer gewehrt. Weniger gegen die Entzündung als gegen die beiden Ärztinnen. Aber so ist es eben mit Katzen.