Tiere

Von wegen dummes Schaf

Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt", heißt es im dritten Gottesknechtslied Jesajas (Jes. 52, 13 ff.). Damit beschrieb der alttestamentarische Prophet, was Schafe von alters her zum idealen Opfertier werden ließ

: Sie machen den Mund nicht auf. Selbst wenn man vor ihren Augen Artgenossen die Kehle durchschneidet, bleiben sie stehen und warten, bis sie dran sind.

Deshalb wird Jesus Christus, der sich foltern und ans Kreuz nageln ließ, als das Lamm Gottes bezeichnet. "Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt" (Joh. 1,29). Die Kreuzigung, so ist es überliefert, fand statt, als zum Passah die Lämmer geschlachtet wurden. Seither ist der Sohn Gottes mit den reinen, sündlosen Schäfchen symbolisch verknüpft. Er selbst nahm beim letzten Abendmahl auf das Passahlamm Bezug. Deshalb rufen Christen beim Verteilen der Hostien bis heute das Agnus Dei, das Lamm Gottes an. "Christe, Du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd' der Welt, erbarm' dich unser."

In den fast 500 Bibelstellen, in denen Schafe vorkommen, geht es nicht immer ums Opfern. Spötter behaupten, das Alte Testament handle hauptsächlich vom Streit um Schafe. Das stimmt nicht, doch ist in der Bibel von Schafen häufiger die Rede als von jedem anderen Tier. Im Neuen Testament bezeichnet sich Jesus selbst als guten Hirten, der sich um die schwachen Tiere kümmert. Bischöfe und auch der Papst tragen bis heute den Hirtenstab. "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln", heißt es in Psalm 23. Sein "Stecken und Stab trösten mich". Der Hirtenberuf entstand mit den Schafen, die lange vor Rindern und Pferden gezähmt wurden. Judentum, Christentum und Islam wurden in Schafhirtenkulturen gegründet. Das Schaf war für sie der Inbegriff von Wohlstand und gottgefälligem Leben.

Die meisten Christen opfern heute zu Ostern keine Lämmer mehr. In deutschen Landen begnügen sie sich mit dem Backen von lammförmigen Kuchen, und auch bei den Juden steht mittlerweile das Matzenbrot im Mittelpunkt des Passahfestes. Nur bei den Muslimen geht es den Lämmern noch an den Kragen, allerdings beim Opferfest, das nichts mit Ostern zu tun hat. Es findet an wechselnden Daten statt, die sich nach dem islamischen Mondkalender richten, dieses Jahr im November.

Das Opferfest erinnert an eine Begebenheit aus dem Alten Testament, auf die sich Juden, Christen und Muslime gleichermaßen berufen. Gott prüfte Abrahams Glauben, indem er ihm befahl, seinen Sohn Isaak zu opfern. Abraham gehorchte und bestand die Prüfung. Doch Gott brach im letzten Augenblick die Opferung des Kindes ab. Als Ersatz schickte er ein Schaf. Religionswissenschaftler deuten diese Szene als Symbol für einen großen Fortschritt der menschlichen Zivilisation: Die Abkehr vom Menschenopfer - wie es in früheren Kulturen üblich war - und seinen Ersatz durch das Tieropfer. Heute wird das Fleisch nicht mehr als Opfergabe verbrannt, damit der Rauch zu Gott aufsteigt. Die Gläubigen essen es selbst. Viele Muslime beauftragen einen Metzger, der das Tier tötet und zerteilt, und holen das Fleisch bei ihm ab. Andere betrachten das Schächten eines Schafes nach wie vor als bedeutenden Ritus, der vom männlichen Familienoberhaupt ausgeführt werden muss. So wird am Tag des Opferfestes in den Straßen der muslimischen Welt Millionen Schafen die Kehle von Schlachtamateuren durchgeschnitten. Gehwege und Gossen färben sich rot.

Und weil in den islamischen Ländern nicht genügend Schafe gezüchtet werden, um den Bedarf beim Opferfest zu decken, wird ein Großteil aus Australien und Neuseeland importiert. Die meisten zerteilt und tief gefroren, viele aber auch lebend - damit sichergestellt ist, dass sie nach islamischem Brauch geschächtet werden. Deshalb stinkt es in der westaustralischen Stadt Fremantle an manchen Tagen zum Himmel, so, als habe jemand einen gewaltigen Misthaufen mitten in den Hafen gesetzt. An solchen Tagen ankern an den Kaimauern tankergroße Viehfrachter. Im schnellen Takt entladen Lastwagen ganze Schafsherden in provisorisch errichtete Pferche. Eine Woche müssen die Tiere am Kai verbringen, um sich an das Trockenfutter zu gewöhnen, mit dem sie auf hoher See verpflegt werden. Danach treiben die Matrosen sie über die Rampen ans Deck. Es dauert zuweilen mehrere Tage, bis alle Tiere an Bord sind, denn die größten Viehfrachter können über 100 000 Schafe aufnehmen. Sie werden auf acht übereinander liegenden Decks in winzige Verschläge gezwängt. Während der Reise regnen die Exkremente aus den oberen Decks auf die unteren herab. Millionen Schafe reisen jedes Jahr auf diese Weise in die arabischen Länder. Der gesamte Transport von den Farmen im Hinterland bis zum Ausladen am Zielhafen kann bis zu acht Wochen dauern. Durchschnittlich zwei Prozent der Tiere verenden auf den Schiffen.

Woran liegt es, dass die Lämmer so genügsam sind und "wie die Lämmer" zur Schlachtbank gehen? Alfred Brehms Antwort darauf fiel ziemlich eindeutig aus: "Das Schaf ist ein sanftmütiges, ruhiges, geduldiges, einfältiges, knechtisches, willenloses, furchtsames und feiges, mit einem Wort höchst langweiliges Geschöpf. Einen Charakter besitzt es gar nicht. Es bekundet geistige Beschränktheit, wie sie bei keinem Haustier weiter vorkommt. Das Schaf lernt nie etwas und weiß sich deshalb allein nicht zu helfen."

Heutige Verhaltensforscher sehen das anders. Das vermeintlich dumpfe Erdulden ist vermutlich eine ziemlich schlaue Überlebensstrategie, die sich evolutionär bewährt hat. Allerdings hilft sie nur gegen Wölfe, nicht gegen Menschen. Wölfe und andere Raubtiere fassen und schütteln ihre Beute, bis der Tod eintritt. Wenn sich ein Tier tot stellt, lassen sie häufig ab. Ganz besonders dann, wenn andere Beutetiere greifbar sind, sie sich bewegen oder durch Flucht ihren Jagdtrieb reizen. Folglich erhöht ein Schaf, das stillhält, seine Überlebenschance. Der Wolf lässt es liegen und wendet sich anderen in der Herde zu. Diesen Moment kann es nutzen und abhauen. Von wegen dummes Schaf.

Dass sie gar nicht so beschränkt sind, wie Brehm einst glaubte, kam vor ein paar Jahren heraus. Wissenschaftler stellten fest, dass Schafe etwas können, was die meisten Menschen geistig überfordert: Schafe individuell unterscheiden. Keith Kendrick und sein Team vom Babraham Institute in Cambridge fanden dies heraus, indem sie 20 Versuchsschafen jeweils 25 Fotos zeigten, auf denen zwei Schafsköpfe abgebildet waren. Die Tiere mussten sich für einen der abgebildeten Köpfe entscheiden, um eine Belohnung zu bekommen. Nach einer Weile konnten sie die richtigen Porträts auch herausfinden, wenn die Fotos anders sortiert wurden oder die Köpfe aus anderen Perspektiven fotografiert waren. Auch zwei Jahre später hatten sie die 50 Gesichter ihrer Artgenossen im Gedächtnis behalten und konnten sie wieder erkennen. Ein bisschen mehr Respekt vor diesen unterschätzten Tieren wäre also durchaus angebracht.

Zumal sie von allen Haustieren den Menschen am meisten bieten: Fleisch, Milch, Leder, Pelz, Knochen (früher wichtig zur Leimherstellung), Därme, Dung und natürlich Wolle. Im Laufe einer zehntausendjährigen Zuchtgeschichte entstanden 1198 Schafsrassen. Bei den meisten davon wurde das natürliche Haarkleid der Tiere völlig verändert. Im Gegensatz zum Wildtier überwuchern beim Hausschaf die wolligen Unterhaare das glatte Oberhaar. Nur aus ihnen kann Wolle gesponnen werden. Die eine Milliarde Schafe auf der Welt liefern heute weitaus mehr Wolle, als die Textilindustrie braucht. Deswegen wurde dieser einstmals kostbare Rohstoff so billig, dass man ihn sogar zur Dämmung von Hauswänden einsetzt.

Früher war das anders. In Spanien gehörten Schafzüchter einst zu einem sehr wohlhabenden und angesehenen Stand. Spanien besaß das Monopol auf die edelste Rasse: das Merinoschaf, dessen Vlies die feinste Wolle ergab. Im 16.Jahrhundert, auf dem Höhepunkt der Wollwirtschaft, wurden alljährlich fünf Millionen Tiere durch Spanien getrieben. Die Cañadas, die alten Hirtenwege, standen unter dem Schutz des Königs. Kein Grundherr oder Fürst durfte sie umleiten oder unterbrechen. An den breitesten Stellen messen diese königlichen Wege für Schafe über 75 Meter. Insgesamt bilden die Cañadas ein 120 000 Kilometer langes Netz durch Spanien. Es existiert in Teilen noch immer, gehört nun der Republik und erinnert daran, welch große Rolle das älteste Nutztier der Menschheit in Spaniens Geschichte spielte. Und nicht nur in Spanien: Schafe prägten Landschaften und formten Kulturen und brachten den Menschen Wohlstand.

In Deutschland und vielen anderen Industrieländern besitzen die Schafe nur noch eine geringe ökonomische Bedeutung. Sie werden hauptsächlich als subventionierte Landschaftspfleger eingesetzt. An der Nordseeküste trampeln sie die Deiche fest, mähen das Gras, das den Boden befestigt, und sorgen dafür, dass keine Baumwurzeln die Erdwälle schwächen. Auch auf der Schwäbischen Alb, in der Lüneburger Heide und anderen offenen Landschaften sorgen sie dafür, dass Bäume und Büsche kurz gehalten werden. Denn ohne grasende Tiere würde in unseren Breiten jede Landschaft früher oder später zum Wald. Das ist zwar der natürliche Prozess, aber die Menschen mögen nicht nur Bäume, sondern auch Heidekraut, Wacholderbüsche und bunte Blumen, die in Wäldern nicht existieren können. Deswegen sind Schafe in der Landschaftspflege so beliebt. Das ist jedoch nicht überall so. Schafe - besonders in großen Massen - können Landschaften auch kaputtgrasen, zertrampeln und völlig ruinieren. In England und Island, in Australien, Argentinien kann man die Folgen solcher Überweidung betrachten.

Ob als Landschaftspfleger oder Lammbraten, die Geschichte zwischen Mensch und Schaf ist noch lange nicht zu Ende. In der EU sinkt die Zahl der Lämmer stetig, andererseits breitet sich der Appetit auf Schafskäse vom Mittelmeer nach Norden aus. Auch wenn die Wolle nicht mehr viel wert ist, so bleibt das Schaf dem Menschen doch nützlich und stets zu Diensten. Schottische Forscher der Firma PPL Therapeutics versuchten in den 90er-Jahren mit einer Kombination aus Gentechnik und Klonen, Schafe zu erschaffen, deren Milch medizinische Wirkstoffe enthält. Die Investoren sind ausgestiegen, die Hoffnungen auf Pharmaschafe haben sich abgekühlt. Die Forschungen fanden in dem Ort Roslin statt, wo 1996 auch Schaf Dolly erschaffen wurde - das erste im Labor geklonte Säugetier. Dolly steht heute lebensecht präpariert im Royal Museum of Scotland. Die deutsche Bischofskonferenz brach damals den Stab über das Schaf: Das Klonen sei ein "unzulässiger Eingriff in die Schöpfung". Die Lämmer lassen die Kirche nicht los - und umgekehrt.