Frau Leinemann schiebt durch die Stadt

Warum schweigen wir, wenn Väter morden?

Amoklauf. Vermutlich denken Sie jetzt an Winnenden. Mir fällt allerdings auf, dass ein anderer Typ Amok in den letzten Wochen gehäuft auftritt. Nicht der von durchgeknallten Pubertierenden in der Schule, die sich Papas Beretta schnappen.

Sondern der Amoklauf der Papas selbst. Was ist mit unseren Familienvätern los? Ich meine das weder witzig noch ironisch noch sonst wie komisch. Ich meine es völlig ernst.

Gerade hat ein 37jähriger Förster in Hornsen seine Lebensgefährtin und seinen achtjährigen Sohn erschossen, drei andere Kinder wurden angeschossen und kämpfen teilweise um ihr Leben. Nur die kleine Tochter und eine Nachbarin entkamen unverletzt. Als ich die Meldung in der Zeitung las, stutzte ich. Schon wieder? Daraufhin habe ich im Netz recherchiert. Ich beanspruche keine Vollständigkeit, aber hier ist die Papa-Amokliste des Jahres 2009. Ein Jahr, das ja gerade erst angefangen hat.

Im Januar erschlug ein 47-jähriger Ehemann in Saarlouis seine Frau mit der Axt und tötete danach zwei seiner Kinder. Am nächsten Morgen wachte er volltrunken auf dem Sofa auf und konnte sich an nichts erinnern.

Im Februar - Sie erinnern sich vielleicht - wurde ein schwer verletzter Familienvater (übrigens auch 37) in einem Charlottenburger Hotel aufgefunden. Er hatte einige Tage vorher seine Frau und seine Tochter, eine Siebenjährige, in Harrislee umgebracht. Das liegt bei Flensburg.

Im selben Monat, nur wenige Tage später, tötete ein 38jähriger Vater aus Bad Bramstedt seine Frau und die beiden elf und zwölf Jahre alten Kinder. Es heißt, er habe Geldprobleme gehabt. Sich selbst brachte er am Ende auch um. Auch im Februar ermordete ein 51jähriger Vater in Hattingen seine Frau und seine zehnjährige Tochter, danach tötete er sich selbst. Die ältere Tochter fand die Leichen im Haus.

Um den Monat komplett zu machen, stach in Castrop-Rauxel ein 42jähriger Vater auf seine Familie ein. Der vierjährige Sohn und die Mutter konnten leicht verletzt aus der Wohnung entkommen, der siebenjährige Sohn überlebte nur dank einer Notoperation. Der Vater stürzte sich nach dem Drama vom Balkon und verstarb. Die Polizei sagte später, das Ehepaar sei nach Mitternacht in einen Streit geraten.

Die Motive dieser Tragödien, in denen ein Vater seine Familie und oft danach sich selbst auslöscht, ähneln sich: Geldprobleme oder Trennungsankündigung der Frau. Und wer glaubt, es hinge mit einer spießigen Einfamilienhausidylle zusammen (denn meist gleichen sich die Bilder der Tatorte: hübsches Häuschen, gutes Auto, gepflegter Garten) und der wahre Familienterror wachse nur in der Provinz, dem raube ich jetzt diese Illusion. Letztes Jahr schüttete ein Familienvater in Berlin (Pankestraße) Benzin vor eine Zimmertür, hinter der sich Mutter und Tochter verschanzt hatten. Dann steckte er das Benzin an. Die beiden Frauen konnten sich nur durch einen Sprung vom Balkon retten. Zeitgleich dasselbe Szenario in Hamburg-Harburg.

Wissen Sie, was mich irritiert - neben der Tatsache, dass diese Amokläufe überhaupt stattfinden? Ich erfahre fast nichts über die Täter. Löscht ein Mann seine Familie aus, dann heißt es lapidar: Geld, Eifersucht, Trennung. Als ob das ein hinlänglicher Grund sei, seine Familie umzubringen. Wo sind die großen Porträts dieser Männer? Warum sind sie so geworden? Wo bleibt die Diskussion, wie man die zunehmenden familiären Amokläufe besser verhindern kann? Warnzeichen erkennen. Deeskalation ermöglichen.

Diese mordenden Männer sind alle etwa in meinem Alter. Ich ahne, wie sie aufgewachsen sind. Wer in den 70ern und 80ern seine Kindheit und Jugend verbracht hat, hat viele ähnliche Sachen erlebt. Damals war die Welt noch ziemlich überschaubar. Und es redete noch keiner von der Krise der Jungen, der Krise der Männlichkeit. Aber offensichtlich gibt es eine massive Krise der Männlichkeit. Und die findet man nicht nur in der heutigen Schule vor.

Die bisherige Bilanz von 2009: Zwölf tote Ehefrauen und Kinder. Mehrere schwer verletzte Familienmitglieder. Drei Väter, die sich selbst umgebracht haben. Alle Experten sagen, 2009 wird ein schweres Jahr. Die Wirtschaftskrise wird sich ausweiten, die Arbeitslosigkeit steigen, die Schulden werden für viele Privathaushalte erdrückend werden. Der Druck in den Familien wird zunehmen - und damit die Explosionsgefahr der Zeitbombe Familienvater. Interessiert das eigentlich jemanden?