Berliner Merkwürdigkeit

Berüchtigter Brunnen

Es fing alles so vielversprechend an. Damals, im Jahr 1998. Ein Brunnen als Symbol für die deutsch-türkische Freundschaft sollte gebaut werden. Pompös sollte er werden, den berühmten türkischen Kalksteinterrassen bei Pamukkale nachempfunden.

So entstand nicht nur ein schlichter Brunnen, sondern eine ganze Landschaft - mit Tempel, Rutschen und Säulen mitten im Görlitzer Park in Kreuzberg. Am Anfang war das auch alles sehr schön anzusehen.

Jetzt schreiben wir das Jahr 2009, und mittlerweile ist so gut wie nichts mehr vom damaligen Kunstwerk zu erkennen. Ein einziges Trümmerfeld aus Steinen, besprüht, verdreckt und seit einiger Zeit eingezäunt. Schließlich ist es gefährlich, auf dem brüchigen Bauwerk herumzuklettern. "Ich wusste lange nicht, dass das ein Brunnen sein soll. Ich kenne ihn auch gar nicht funktionierend. Das ist ein gutes Beispiel für eine richtige Fehlinvestition der Stadt", sagt die 22-jährige Lena Müller. Die Studentin hatte auch nicht viel Zeit, den Pamukkale-Brunnen in Betrieb zu erleben. Nur ganze sechs Wochen sprudelte er. Dann wurden Schäden festgestellt, und das Wasser musste abgedreht werden. Seitdem verwittert die Anlage.

Anita Köhne aus Bonn blickt nachdenklich durch den Bauzaun, der den Pamukkale-Brunnen umgibt. Sie kommt eigentlich aus Bonn und besucht gerade ihren Sohn in Berlin-Kreuzberg. "Wir dachten, das hier wäre ein Trümmergrundstück. Früher sah das vielleicht toll aus, aber jetzt wirkt es wie ausgebuddelt", sagt sie. Tatsächlich erinnert er in seinem jetzigen Zustand ein bisschen an eine Palastruine. Ihr Mann Herbert interessiert sich mehr für die Fakten: "Das ist doch kein geeignetes Material für einen Brunnen, oder? Ist das nicht Kalkstein? Der ist zwar leicht zu bearbeiten aber doch nicht für einen Brunnen zu gebrauchen". Tatsächlich ist das Material das Problem. Der helle Stein sah zwar zu Beginn schön aus, zerbröselte aber unter dem Einfluss von Wasser und Frost in kürzester Zeit. Verantwortlich dafür ist der Künstler, Bildhauer Wigand Witting. So urteilte zumindest das Gericht im November. Er soll nun 1,1 Millionen Euro Schadensersatz an den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zahlen. Weil er den ungeeigneten Stein gewählt hat. Über Jahre hatte sich der Rechtsstreit hingezogen, deswegen konnte der Brunnen nicht wieder aufgebaut werden. Das Urheberrecht liegt nämlich beim Künstler. Solange er immer wieder die Gutachten infrage stellte, musste die Stadt sie in unangetastetem Zustand lassen. So sagt das zumindest Frank Schulz, Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg.

Warum nicht endlich etwas unternommen wird, verstehen viele Anwohner nicht. Wenigstens den Schutt könnte man langsam mal wegräumen, meint Rainer Voss, Sprecher der Initiative Pamukkale, die sich seit Jahren mit dem Brunnen und seiner Geschichte beschäftigt. Lachen kann Voss trotz des jahrelangen Ärgers über den Verfall des Bauwerks aber doch noch. "Ich bin ja froh, dass die deutsch-türkische Freundschaft hier besser funktioniert als ihr Symbol, der Brunnen", sagt er. Zum zehnjährigen Bestehen des Kunstwerks hat er im letzten August eine Feier veranstaltet, die auf die Situation aufmerksam machen sollte. Er wohnt seit 22 Jahren in unmittelbarer Nähe des Pamukkale-Brunnens in der Wiener Straße und hat den Verfall der Anlage ganz genau beobachten können. Er hofft, dass es bald eine Lösung geben wird. Sehr zuversichtlich ist er allerdings nicht. Denn um etwas unternehmen zu können, muss das Bezirksamt nicht nur mit den Bürgern sprechen, deren Wünschen entgegenkommen, sondern auch mit Bildhauer Wigand Witting. Dass die sich einig werden, ist nicht sehr wahrscheinlich. "Das Verhältnis zwischen dem Künstler und dem Bezirk gleicht einer zerrütteten Ehe. Da ist es nicht mehr so leicht zu reden", sagt Voss. Und auch nur der kleinsten Veränderung müsste Witting wegen des Urheberrechts zustimmen.

Das Verfahren ist seit dem Urteil im November beendet, die Frist, in der der Künstler beim Bundesgerichtshof hätte Widerspruch einlegen können, verstrichen. Man munkelt, es wäre dem Bezirk ganz recht, wenn der Brunnen nicht benutzt würde, weil der Betrieb sehr teuer wäre. Noch teurer als der Bau, für den umgerechnet 1,9 Millionen Euro investiert wurden. Teuer wird es auf jeden Fall auch, den Brunnen wieder aufzubauen. Wie das alles finanziert werden soll, weiß auch Bürgermeister Frank Schulz nicht. Darum müsse sich jetzt das Finanzamt kümmern. "Wir wollen aber auf jeden Fall noch im ersten Halbjahr 2009 mit dem Künstler sprechen und außerdem klären, was die Bürger wollen", sagt er. Dann kann es weitergehen.

Wie lange es dauern soll bis tatsächlich etwas passiert, mag zurzeit niemand genau sagen.

Rainer Voss will sich auf jeden Fall weiterhin dafür einsetzen, dass es schnell eine Lösung für den Aufbau, Abriss oder wenigstens das Aufräumen des Brunnens gibt. "Wenn das hier so weitergeht, muss ich zum elfjährigen Bestehen im August wohl wieder eine Feier organisieren, damit niemand vergisst, was hier los ist", sagt er. Vielleicht sollte er mit den Planungen schon mal anfangen.