Interview

"Liebe ist nicht nötig"

| Lesedauer: 12 Minuten

Der Schriftsteller und Publizist Richard David Precht (44) gilt seit "Wer bin ich - und wenn ja wie viele?" als Spezialist für eine philosophische Leichtigkeit des Alltags. Durch einen Tipp von Elke Heidenreich in ihrer Sendung "Lesen!" wurde das Buch zum Bestseller, der inzwischen in 18 Sprachen übersetzt und zum erfolgreichsten Hardcover-Sachbuch in Deutschland wurde.

Precht lebt mit seiner Frau und vier Kindern in einer Patchwork-Familie in Köln. In seinem neuen Buch "Liebe. Ein unordentliches Gefühl" vertritt er die These, dass die Liebe entwicklungsgeschichtlich unnötig gewesen sei. Und dass die Menschheit nicht etwa dank, sondern trotz der Liebe das wurde, was sie ist. Kai Luehrs-Kaiser traf den Autor am Rande der Buchmesse in Leipzig.

Berliner Illustrirte Zeitung :

Herr Precht, Ihr neues Buch erscheint pünktlich zum Ausbruch der Frühlingsgefühle. Ein Zufall ist das nicht!

Richard David Precht:

Doch, das war mir nicht klar. Ich bin nicht einmal so sicher, ob mein Buch romantische Gefühle allzu sehr in Wallung bringt. Es ist keine Anleitung zur Romantik. Ich versuche zu motivieren, intelligenter über eigene Gefühle nachzudenken.

Was sind romantische Gefühle?

Romantik in diesem Zusammenhang bedeutet, die Gefühle von Leidenschaft und Geborgenheit zusammenzubringen, und sie auf einen einzigen Partner zu projizieren. Nach Möglichkeit bis ans Ende des Lebens. Romantische Gefühle gibt es schon bei Ovid. Allerdings glaube ich, dass die Vorstellungswelt, die wir mit Romantik verbinden, ihren Ursprung eher in den Herzschmerz-Romanen des 18. Jahrhunderts findet. Bei Samuel Richardson und danach in Frankreich. Der Einfluss der deutschen Frühromantik wird überschätzt. Wir lieben nicht nach dem Vorbild von Novalis.

Sie dürften der erste Philosoph der Philosophiegeschichte sein, mit dem Frauen ins Bett wollen.

Meinen Sie? Ich glaube, bei Jean-Paul Sartre war das auch so. Ich bin im Gegenteil der Erste, der Wert darauf legt, von meinen Verführungsmöglichkeiten keinen Gebrauch zu machen. Ich liebe meine Frau.

Haben Philosophen mehr Glück bei Frauen?

Wenn der Intelligenzabstand zu groß wird, kann Klugheit schaden. Es gibt viele Frauen und Männer, die den anderen nach materiellen Statusgesichtspunkten bewerten. Das lässt sich mit Philosophie nicht aushebeln. In Köln könnte ich Ihnen Läden zeigen, wo Sie bei zu viel Intelligenz rausgeschmissen werden. Da gehen beautiful people hin, bei denen ein schickes Auto mehr zählt.

Leute also, mit denen Sie seit Ihrem Erfolg mit "Wer bin ich" mehr Umgang haben als früher.

Mein Leben hat sich wenig geändert. Ich bekomme mehr Einladungen, das stimmt. Und ich sollte lernen, bei Interviews vorsichtiger zu sein. Aber grundsätzlich stimmt, was Daniel Kehlmann kürzlich gesagt hat: "Wenn man bei RTL das Wetter ansagt, ist man bekannter, als wenn man einen Bestseller schreibt." Ich würde hinzufügen: Gott sei Dank! Wenn ich im Zug ausnahmsweise mal 1. Klasse fahre - falls es mir bezahlt wurde -, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich angesprochen werde, relativ hoch. Anders, wenn ich mit der S-Bahn von Gelsenkirchen nach Bottrop fahre. Deshalb fahre ich lieber nach Bottrop.

Liebe ist nicht evolutionswichtig, sagen Sie. Warum gibt es die Liebe trotzdem?

Die geschlechtliche Liebe ist eine Umleitung der Natur. Ihre biologische Funktion liegt eigentlich in einer Bindung von Eltern und Kindern. Erst in der Pubertät löst sich das intuitive Band zu den Eltern, und ein Defizit tritt ein. Das kompensieren wir dadurch, dass wir unsere beiden Hauptsehnsüchte, diejenige nach Aufregung und die nach Geborgenheit, auf jemand anderen umleiten. Der Vorteil dieser Theorie ist, dass sich auch Homosexualität so relativ leicht erklären lässt.

Können Sie sich selber an den Augenblick dieser Umleitung erinnern?

Ja, meine ersten Verliebtheitsgefühle hatte ich mit sechs Jahren. Im ersten Schuljahr gab es ein ungarisches Mädchen, das ich toll fand und mit dem ich immer Fangen spielen wollte. Sie trug den erotischen Namen Gisela, der seit damals niemandem mehr als erotisch aufgefallen ist.

Liebe ist Luxus. Ist die Liebe, sofern sie biologisch nicht notwendig ist, ein Hinweis darauf, dass es in der Natur die Idee des Luxus gibt?

Ja, genau. Trotzdem ist Liebe irrsinnig wichtig. Das teilt sie mit Kunst, Philosophie und Religion. Ich schmunzle immer, wenn wieder ein Wissenschaftler versucht, uns die biologische Notwendigkeit von Religion und Kunst nahe zu bringen. Es wird nicht begriffen, dass kulturelle Evolution eine eigenständige Größe ist. In der Kunst und Literatur gibt es keinen wichtigeren Gegenstand als die Liebe. Übrigens, je anspruchsvoller die Literatur, desto wichtiger das Scheitern.

Woher wissen Sie, dass das unzertrennliche Papageienpaar auf der Stange zuhause nicht verliebt ineinander ist?

Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Aber ich könnte mir vorstellen, da die Papageien, weil sie keine romantische Propagandaliteratur lesen, unsere Vorstellungswelt und die Liebesphantasien, die darin eine Rolle spielen, nicht teilen. Was ich romantische Propagandaliteratur nenne, halte ich für enorm wichtig. Filme und Liebesromane sorgen dafür, dass wir ähnliche Vorstellungen von der Liebe erwerben. Der amerikanische Psychologe Robert Sternberg glaubt sogar, dass wir in unserem Liebesleben Drehbüchern folgen, die wir aus bekannten Filmen entlehnt haben. Im Übrigen gibt es Untersuchungen, die nachgewiesen haben, dass es besonders in ganz monogamen Vogel-Beziehungen eine ausgeprägte Neigung gibt, den Partner zu betrügen.

Im Grunde würde es ausreichen, zu sagen: Liebe war der Evolution nicht im Wege. Sie ist nicht evolutionswidrig?

Ja, genau das. Liebe ist nicht nötig. Aber sie schadet der Evolution auch nicht. Die Menschen sind trotz der Liebe noch nicht ausgestorben.

Warum erobern nicht immer "die stärksten Männchen die besten Weibchen"?

Weil es zwar einen Mechanismus gibt, nach dem man einen attraktiven Partner haben möchte. Aber auch einen passenden! Von Charles Darwin stammt die Beobachtung: "Wenn der Mensch seine Pferde, Rinder und Hunde zusammenstellt, achtet er immer darauf, dass die besten Paare zusammen kommen; bei der Auswahl des Partners unterzieht man sich dieser Mühe selten." Es sind nicht immer die stärksten und schönsten Menschen, die eine Beziehung miteinander eingehen. Aber das zeigt nur, dass Kultur, Moralität und Liebe eigenständige Größen sind.

Bestätigt Ihre eigene Partnerwahl das?

Ja. Ich finde meine Frau sehr schön. Aber habe sie, wenn ich so sagen darf: nicht nach dem Prinzip der geschlechtlichen Zuchtwahl ausgewählt. Ich habe sozusagen nicht nach einem optimal fruchtbaren Weibchen Ausschau gehalten.

Das würde Ihre Frau nicht gerne hören.

Ich frage mich häufig, ob die Sucht nach schönen Partnern nicht vielmehr etwas mit dem Erhöhen des eigenen Wertes zu tun hat. Kein Zufall auch, dass Männer sehr viel Wert darauf legen, nicht viele Kinder zu zeugen. Der Grund, warum sie Frauen verführen, hängt weniger mit Genetik oder Fortpflanzung als mit Selbstbestätigung zusammen. Je begehrter der andere ist, desto mehr werden wir aufgewertet.

Warum ist die Betrugsquote von Männern am höchsten, wenn Frauen schwanger sind oder kleine Kinder haben?

Es ist ein Indiz dafür, dass unsere Sexualität und unser Paarverhalten nicht Hand in Hand marschieren. Wahrscheinlich leidet der Mann darunter, dass durch das neue Kind weniger Selbstbestätigung für ihn abfällt. Damit werden viele Männer nicht so leicht fertig. Wenn man Papa ist, kann man sich nicht mehr so sehr als Raubtier fühlen.

Hatten Sie eigentlich eine schwere Kindheit?

Ja, insofern, als ich in der Pubertät wenig Erfolg hatte. Aber wer hatte schon viel Erfolg in der Pubertät?! Ich war sehr lange sehr klein. Ich hatte eine dicke Brille. Heute trage ich Kontaktlinsen. Und ich wurde von meinen Eltern grundsätzlich mit Flohmarktklamotten eingekleidet. Darauf sind sie heute am wenigsten stolz. Ich trug immer genau diejenige Mode, die frisch vorbei war.

In der Vogelwelt haben Aufschneider wie der "Graue Würger" den größten Erfolg. Ist die Natur frauenfeindlich?

Nein, in der Natur ist die Aufplusterung nicht unbedingt ein Erfolgsrezept. Und es gibt Gegenbeispiele. Bei den Seepferdchen betreiben die Männer die Brutpflege. Bei den Seenadeln auch. Ich unternehme mit meinem Sohn jedes Jahr eine Reise nach Berlin, um ins Aquarium zu gehen. Mein Sohn teilt meine Passion.

Waren Sie selber ein guter, folgsamer Sohn?

Ich habe nicht rebelliert. Wenn man kritisch gegenüber der Umwelt erzogen wird, ist das auch nicht so einfach. Meine Eltern haben mir mein Lebensthema hinterlassen: Der linke Utopismus wird der Psychologie des Menschen nicht gerecht. Genau deshalb dreht sich mein Denken um Gefühle. Meine Eltern standen links, waren allerdings keine Parteimitglieder. Und sie haben sich geändert. Allerdings haben sie nie für die DDR geschwärmt. Das habe nur ich getan. Amerika war absolut negativ besetzt. Wenn alle für amerikanische Astronauten schwärmten, musste ich mir jemanden aus Russland suchen. Auch Franz Beckenbauer galt als Idiot. Also wurde ich Fan der sowjetischen Fußball-Legende Oleg Blochin. Man nannte ihn den menschlichen Torpedo.

Sind Sie ein Philosoph oder ein gescheiterter Philosoph?

Ein gescheiterter wäre einer, der seinen Lehrstuhl verloren hat. Als ich Ende 20 war, wäre mir die akademische Anerkennung das Wichtigste gewesen. Jetzt nicht mehr. Freilich, Bestseller sind unter Philosophen nicht vorgesehen. Deswegen errege ich Verdacht. Meinen Maßstab habe ich von Robert Musil: Stil ist die exakte Herausarbeitung eines Gedankens in der schönst möglichen Form.

Bei Philosophen ist die dumme Frage nach dem Lieblingsphilosophen meist nicht dumm. Haben Sie einen?

Ich habe keinen. Die meisten Philosophen, glaube ich, waren keine sympathischen Menschen. Schriftsteller übrigens auch nicht. Die beiden für mich bedeutendsten lebenden Autoren, Don De Lillo und Antonio Lobos Antunes, habe ich innerhalb von drei Wochen persönlich kennen gelernt. De Lillo wirkte farblos. Antunes gefiel sich in der Rolle eines Rüpels, der sein Publikum schikaniert. Ich brauchte einige Monate, um mich davon zu erholen.

Sie haben zuhause keinen Fernsehanschluss. Sind Sie weltfremd?

Ich habe einen, aber empfange nur wenige Programme. Zu meiner Weltkenntnis tragen am meisten meine Kinder bei. Sie sind 5, 14, 16 und 18 Jahre alt. Ich werde überschüttet mit Anregungen, denen ich mich freiwillig nie aussetzen würde. Pop-Musik zum Beispiel erzählt viel über den Stand unserer Gesellschaft. Ich bin eigentlich ziemlich unmusikalisch und höre meistens nicht richtig hin. Durch meine Kinder habe ich Amy Macdonald kennen gelernt. Das ist Musik, die ich mag.

In Ihrem Buch heißt ein Kapitel "Liebe kaufen". Aber um Prostitution geht darin trotzdem nicht. Warum?

Weil ich davon zu wenig verstehe. Ich habe auch kein Kapitel über Eifersucht geschrieben und keines über das Leiden an der Liebe. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Aber gebe ich zu: Ich neige nicht sehr zum Liebesleid.