Gourmetspitzen

So viel Süßes macht sauer

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Heinz Horrmann

Es war eine äußerst wilde Woche für die Berliner Gastronomie. Im Bezirk Pankow wurde eine schwarze Liste von Restaurants erstellt, die mit unhygienischen, schmutzigen Küchen unrühmliches Aufsehen erregen.

Am anderen Ende der Skala wurde versucht, das große Können des Kochs Thomas Neeser im Sterne-Restaurant "Lorenz Adlon" stärker im Bewusstsein der Gourmets zu platzieren. Die "Klassische Küche, von Neeser modern interpretiert" lautet der Slogan im Vorgeplänkel der größten Touristikbörse der Welt (ITB). Gut so.

Wir wählten aber ein Restaurant, exakt in der Mitte zwischen Top und Flop und besuchten das "Oktogon Fusion Restaurant" am Leipziger Platz, der mit seiner achteckigen Form dem hypermodernen Restaurant den Namen gab.

Man legt Wert auf Schick, allzu minimalistisch ist das Ambiente und zu gewollt die Küche. Statt Tischwäsche, die ich so liebe, gibt es hier nur diese unsäglichen schmalen Läufer. Nimmt man ja in Kauf, wenn die Gerichte, die serviert werden, dann wahre Aromaexplosionen sind. Wünschte man sich zumindest, weil das Dinner nach hartem Arbeitstag auch Belohnung sein soll. Doch schon die Vorspeisen gingen vom Ansatz daneben. "Dim Sum" heißen wörtlich übersetzt "kleine Herzwärmer", es sind gedämpfte oder gekochte Köstlichkeiten aus der kantonesischen Küche, die in China zusammen mit Tee genossen werden. Die besten Dim Sum gibt es übrigens in Bastkörbchen serviert in Hongkong. Hier am Leipziger Platz war es frittiertes Irgendwas als Spießchen in Verbindung mit Frühlingsrolle und Asia-Dip.

Beim marinierten Hummer mit Vanille glaubte meine schöne Begleiterin an das bereits vorgezogene Dessert. Die Qualität des Krustentiers war nicht schlecht, das Fleisch leicht bissfest gelassen, aber total falsch gewürzt. Eine Spur von Vanille ist ebenso köstlich wie der Hauch von zuckerfreier Schokolade, den Sternekoch Thomas Kammeier ("Hugos") so gerne bei Wildgerichten verarbeitet. Aber dieses war alles in allem bloß ein zuckersüßes Vanillesüppchen mit Hummereinlage.

Wir setzten also alle Hoffnungen auf den Hauptgang. Das Zanderfilet unter eine würzige Blutwurstkruste zu legen, verspricht Genuss. Auch die Beilagen Schwarzwurzel-Rosenkohl-Gemüse und Kartoffel-Ingwerpüree sind köstliche Ergänzungen. Leider war wie so häufig der schon tote Fisch nochmals tot gebraten. Saftiger Sauerkrautschaum verbesserte aber deutlich das trockene Fischlein.

Was sich die Küchencrew freilich beim Entrecote vom Kalb gedacht hat, ist mir schleierhaft. Meine Bitte, das Fleisch unbedingt Medium zu belassen, wurde komplett in den Wind geschlagen. Stattdessen kam statt eines saftigen, durch ein wenig Fett aromatisierten Fleisch ein geschmacksneutraler grau gebratener Lappen auf den Teller. Ich will es nicht behaupten, aber von der Konsistenz wirkte mein Kalbsentrecote nicht frisch gebraten, sondern wie aufgewärmt. Wenn das nicht traurig ist. Kombiniert wurde das mit 24,50 Euro gewiss nicht niedrigpreisige Gericht mit Himbeer-Schalotten und Selleriepüree auf laufwarmen Salat von zweierlei Kartoffeln an Wacholder-Jus.

Offiziell hat sich die Crew auf die Fahne geschrieben, die unterschiedlichsten Küchen zu kombinieren und zu einer Einheit zu bringen. Doch alles ist viel zu durchgegart und zu süß, was mit dem übermäßigen Einsatz von Trockenfrüchten noch verstärkt wird. Zum Hummer gibt es Chutney von getrockneten Aprikosen, zu geräucherten Gänsebrust Backpflaumen, und beim iberischen Schweinerücken liegen Birnen bei.

Abschreckend zuckerhaltig auch die Desserts mit der wuchtigen Kombination von Schokolade, Erdnussbutter und Rum-Toffeesauce oder die Variationen von Früchte-Cheesecake und Schokopraline. Nun will ich den Verfechtern von möglichst viel Süßigkeiten das Geschmackserlebnis nicht absprechen. Wer's mag, soll damit selig werden. Man kann aber des Guten zuviel tun.

In der Weinpflege hat man sich der Küchenqualität angepasst. In der schon sehr beschränkten Auswahl war der erste gewählte Wein bereits umgeschlagen. Hätte der Kellner den ersten Probeschluck selbst genommen, hätte ich nicht reklamieren müssen. Die zweite Flasche kam, wieder war durch falsche Lagerung Essig entstanden. Schließlich wurden wir mit einem ganz einfachen Gebietswein Bourgone Chardonnay fündig. Diese "quer durch den Garten-Kreszenz" ist mit 39 Euro zusätzlich noch happig kalkuliert. Der Service ist ordentlich, aufmerksam, aber auch nicht geschult, denn die Sache mit dem Wein sollten nicht nur ausgebildete Sommeliers beherrschen.

Oktogon, Leipziger Platz 10, Telefon: 20 64 28 64. Montag bis Freitag von 11.30-24 Uhr, Samstag und Sonntag 18-24 Uhr. Alle gängigen Kreditkarten. Wenn es wärmer wird, schöne Straßenterrasse mit 60 Plätzen www.oktogon-berlin.de