Die letzte Frage: Meryl Streep, Schauspielerin

Wie funktioniert eine gute Ehe, Meryl Streep?

| Lesedauer: 9 Minuten

Alles an Meryl Streep wirkt leicht und hell. Und das liegt nicht nur Haut- und Haarfarbe. Ein entspanntes Lächeln leuchtet aus ihrem Gesicht - schelmisch, zärtlich und ungläubig, als könne sie alles nicht fassen.

Ihr Tonfall wirkt wie ein entspanntes Plätschern. Man hat das Gefühl, die zweifache Oscargewinnerin könnte gleich davon schweben. Das einzig Dunkle an ihr ist die erd-graufarbene Kombination aus Rock, Bluse und Jacke. Und auch das Ambiente setzt einen Kontrapunkt - ein schmucklos-modernes Studio des Filmfestivals von Rom. Aber dabei bietet die 60jährige keinesfalls oberflächliches Geplauder, sondern hat ihr Leben genau reflektiert.

Berliner Illustrirte Zeitung: Ihr neuer Film, der am 21. Januar bei uns in die Kinos kommt, heißt "Wenn Liebe so einfach wäre..." - Wie kompliziert war eigentlich Ihr eigenes Beziehungsleben?

Meryl Streep: Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich den großartigsten aller Ehemänner gefunden habe, mit dem ich seit 31 Jahren verheiratet bin. Ich gebe zu, das war und ist ein Ausnahmefall - dessen sind wir uns beide bewusst. Und damit so eine Ehe funktioniert, musst du dem anderen zuhören, auf ihn eingehen. So schaffst du eine Balance zwischen deinen und seinen Bedürfnissen. Aber ich fand es nicht kompliziert. Mit gutem Willen schaffst du alles.

Berliner Illustrirte Zeitung: Aber er ist bildender Künstler, Sie eine weltberühmte Schauspielerin. War der Ausgleich zwischen Ihrer beider Interessen wirklich so einfach?

Meryl Streep: Ja, gerade weil mein Mann Künstler ist. Er versteht, wie wichtig es für mich ist, ein Ventil für meine Gefühle zu finden und etwas damit zu schaffen. Und umgekehrt. Abgesehen davon arbeiten wir beide in unseren Berufen sehr sporadisch und haben dem anderen viel Aufmerksamkeit schenken können.

Berliner Illustrirte Zeitung: Ihre vier Kinder sind inzwischen erwachsen, haben das Haus verlassen. Wie gehen Sie damit um?

Meryl Streep: Es ist nicht ganz richtig. Meine beiden älteren Töchter sind wieder zuhause in New York eingezogen, die 18jährige Louisa lebt auch noch bei uns. Aber ich weiß natürlich, dass das kein Dauerzustand ist. Ich habe mich auch immer darauf eingestellt. Ich glaube nicht an den großen Moment des Abschiednehmens, das ganze Erwachsenwerden besteht nur aus Trennungen. Ich habe das am ersten Tag gespürt, als sie in die Schule kamen, als mein Sohn seine erste Freundin hatte - sie werden geboren und dann gehen sie weg. Und dafür musst du bereit sein. Es ist ja auch ein wunderschönes Phänomen, wie sich Menschen weiter entwickeln. Nur manche Mütter haben Schwierigkeiten, sich an diese Vorstellung zu gewöhnen. Denn sie definieren ihren Erfolg allein dadurch, wie gut sie ihre Familie großziehen.

Berliner Illustrirte Zeitung: Bis zu welchem Grad ist das auch Ihre Erfolgsdefinition?

Meryl Streep: Natürlich ist das für mich ungeheuer wichtig, wahrscheinlich wichtiger als alles andere. Aber ich gehöre zu einer Generation von Frauen, die sich auch mit anderen Leistungen beweisen wollte. Ich hätte mir nie vorstellen können, nur Hausfrau und Mutter zu sein. Ich muss mich ausdrücken können - meine ganzen angestauten Frustrationen und Leidenschaften. Meine Mutter dagegen verbrachte ihr Leben noch als Hausfrau. Aber ich fragte sie einmal 'Was hättest du getan, wenn du uns nicht hättest großziehen müssen?' Und sie meinte. 'Dann wäre ich eine Sängerin in einem Club geworden.' Sie sehen, die Showbusiness-Ambitionen sind tief in meiner Familie verankert.

Berliner Illustrirte Zeitung: Hatte Ihre Mutter Verständnis für Ihre Aspirationen?

Meryl Streep: Oh ja, sie ließ mir viele Freiheiten. Als ich 15 war, durfte ich sogar mit meinem damaligen Freund nach New York fahren, wo die Beatles ihr erstes amerikanisches Konzert gaben. Ich kann mich noch gut erinnern, wie sie mit einem Hubschrauber mitten im Baseballstadium landeten - kein Mensch hatte je zuvor so etwas getan. Ich hatte ein Plakat mitgebracht, auf dem stand "Ich liebe dich, Paul". (lacht) Ich glaube auch, er hat es gesehen, denn als er einen Grammy für sein Lebenswerk erhielt, wollte er, dass ich ihm den Preis überreiche. Dabei hatte ich ihn nie persönlich kennengelernt.

Berliner Illustrirte Zeitung: Aber der Besuch eines Rockkonzerts ist nicht ganz so lebensentscheidend wie eine Karriere als Schauspielerin.

Meryl Streep: Natürlich nicht. Ich hatte das nur als Beispiel dafür genannt, welches Verständnis ich von meinem Elternhaus bekam. Ich hatte auch ihre volle Unterstützung, als ich nach dem College mit einer kleinen Schauspielertruppe herumzog - ein wenig wie Hippies. Aber ich lag ihnen nicht auf der Tasche. Nach meiner Wanderzeit ging ich auf die Theaterschule an der Yale University, weil ich die Schauspielerei noch ernsthafter betreiben wollte. Und ich konnte das nur tun, weil ich ein Stipendium bekam - denn ich hatte absolut kein Geld.

Berliner Illustrirte Zeitung: Wann wussten Sie, dass Sie diesen Weg einschlagen wollten?

Meryl Streep: Ich hatte immer das Bedürfnis, mich in andere Leute hineinzuversetzen. Ich verspüre eine wahnsinnige Neugier auf meine Mitmenschen, will wissen, wie sie denken und fühlen. Schon als Kind schminkte und kostümierte ich mich, weil ich wie meine Großmutter sein wollte. Jetzt verstehe ich, dass das Ganze in gewissem Sinne wie Psychotherapie ist. Denn ich lebe in meine Rollen ein ungeheures Spektrum an Emotionen aus. Wenn eine meiner Figuren auf eine bestimmte Weise empfindet, dann imitiere ich nichts, sondern ich fühle genauso wie sie.

Berliner Illustrirte Zeitung: Aber manche Ihrer Figuren erleben tiefe emotionale Abgründe. Sogar in einer Komödie wie "Wenn Liebe so einfach wäre..." verstricken Sie sich im Gefühlschaos einer Dreiecksbeziehung. Ist so etwas nicht aufreibend?

Meryl Streep: Nein, ich fühle mich dadurch nur lebendiger. Selbst in so erschütternden Rollen wie der Mutter Courage, die ich zuletzt in New York am Theater gespielt habe. Ich spüre darin Freiheit und Glück, es ist so, als würde ich mich verlieben.

Berliner Illustrirte Zeitung: Fällt Ihnen Ihre Arbeit nie schwer?

Meryl Streep: Oh doch, wenn ich eine Rolle anpacke, dann schwanke ich immer zwischen Selbstvertrauen und Selbsthass. Ich hinterfrage alles, zerlege mich innerlich. Ich komme mir vor, als hätte ich nie zuvor gespielt und müsste ganz von Anfang anfangen. Aber mein Mann beruhigt mich dann. Er meint, ich würde mich immer so fühlen, denn das gehöre zu meiner Arbeitsweise. Auf diese Weise beruhige ich mich letztlich wieder. Und wenn ich trotzdem noch zu angespannt bin, dann hilft ein gutes Glas Wein.

Berliner Illustrirte Zeitung: Wenn Sie Ihre alten Filme sehen, können Sie dann erkennen, wie gut Ihre Arbeit war?

Meryl Streep: Ich nehme diese Filme ganz anders wahr. Erstmal schaue ich sie normalerweise nicht an - das passiert eher per Zufall, etwa wenn auf einem Festival eine Retrospektive gezeigt wird oder ich beim Herumzappen auf einen stoße. Für mich sind sie eher wie Fotoalben - sie erinnern mich an meine Kollegen und die Drehorte von damals. Und ich erinnere mich, welchen Unsinn ich zu der Zeit über mich dachte.

Berliner Illustrirte Zeitung: Nämlich?

Meryl Streep: Ich war früher total unglücklich über mein Aussehen. Ich dachte, meine Nase sei zu lang und ich zu fett. Als ich "Manhattan" mit Woody Allen drehte, glaubte ich ständig, mein Rock würde zu straff spannen, weil ich zu viele Pfunde auf die Waage brachte. Heute denke ich nur: 'Meine Güte, was hatte sie denn? Sie sah doch wirklich gut aus.' (lacht) Mit diesem Unsinn habe ich so viel Zeit verschwendet. Ich habe mich eben leider von den Schönheitsidealen terrorisieren lassen.

Berliner Illustrirte Zeitung: Hatten Sie je überlegt, dieser Branche den Rücken zuzukehren?

Meryl Streep: Natürlich. Noch bevor ich 40 war, sagte ich zu meinem Mann: "Wir sollten uns langsam aussuchen, wie wir unseren Ruhestand gestalten." Und nach jedem Film dachte ich, das ist der letzte. Keiner will mich mehr sehen.

Berliner Illustrirte Zeitung: Und warum machen Sie trotzdem weiter?

Meryl Streep: Weil es eben Menschen gibt, die Geschichten schreiben, die mich im Innersten bewegen. Ich werde neugierig auf diese Erfahrung, sage spontan zu, und dann kann ich nicht mehr heraus. Und ich bekomme Angst, zu scheitern. Das ist mein größter Motivationsfaktor. Sie sind zu Unglaublichem imstande, wenn Sie sich fürchten. Abgesehen davon, wenn ich aufhöre, dann gehe ich nur meinem Mann und meinen Kindern auf die Nerven. (lacht) Das will ich nun auch wieder nicht.

Das Interview führte Rüdiger Sturm